Asadjohn im Interview: Warum Rapper mehr Pop wagen sollten

Bernhard Amelung

Er ist die Macht im Hintergrund. Asadjohn produziert für die Dirty-South-Rapperin Haiyti genauso wie für Juicy Gay. Am Freitag tritt er bei Airwaves als Discjockey ins Rampenlicht. Warum er Rap nur mit Humor erträgt, erzählt er im Interview.

Asadjon Ozotov, der sich als Produzent schlicht Asadjohn nennt, ist im deutschen HipHop der Gegenwart der wichtige Mann im Hintergrund. Ein künstlerisch visionärer Impresario, der eine klare Vorstellung hat, wie ein Rap-Song klingen muss. Schon als Schüler hat der 1993 geborene Produzent aus Berlin-Moabit an Beats gearbeitet. Mit der Musiksoftware FL Studio, die einst unter dem Namen Fruity Loops so bekannt und auf Grund limitierter Möglichkeiten verpönt war. Das Handwerkszeug eines klassischen Schlafzimmerproduzenten, was in diesem Fall keine negative Konnotation haben soll. Im Gegenteil.


Die Beats, also das Fundament eines jeden Songs, entstanden bei Asadjohn in bester Do-it-yourself-Manier. Sie hatten und haben auch heute noch eine unverfälschte Vitalität, die ihresgleichen sucht. Wie er arbeitet und mit wem er gerne einmal zusammen arbeiten würde.

Asadjohn, wie sieht die erste Stunde deines Tages aus?

Asadjohn: Ich stehe auf, mache mir einen Kaffee und rauche eine Zigarette. Ich stehe aber nicht so früh auf. Ich bin ein Nachtmensch.

Das klingt gemütlich. Viele Rap- und Trap-Songs handeln von Codein. Manche Rapper trinken das auch. Was würdest du in einer Bar servieren?

Asadjohn: Servieren? Puh. Ich trinke eigentlich kaum Alkohol. Auch wenn ich auflege, trinke ich fast nichts.

Du darfst auch ein alkoholfreies Getränk wählen.

Asadjohn: Ich würde wahrscheinlich einen bunten, fruchtigen Cocktail mixen. Eine Mischung aus … Ach, nee, lassen wir das. Ich bin kein Barkeeper. [lacht].

Was bringt dich in einen Flow beim Arbeiten?

Asadjohn: Erfolgserlebnisse. Das Gehirn braucht ja immer fünfzehn, zwanzig Minuten, um warm zu werden. In dieser Phase kommt bei mir selten etwas Gutes zustande. Wenn ich dann aber eine geile Melodie habe, eine geile Hookline, bringt mich das total in den Flow. Dann muss ich das Stück unbedingt zu Ende schreiben. Das kann dann auch bis in den Morgen gehen. Manchmal funktioniert das aber nicht.

Was machst du dann?

Asadjohn: Ich lösche alles. Ich lösche auch die mittelguten Skizzen. Viele Produzenten speichern jeden Zwischenschritt ab. Ich bin da aber anders.

Was ist der beste Song, den du bisher produziert hast?

Asadjohn: "Money Rain" von Haiyti. Darf ich noch einen zweiten nennen?



Ja.

Asadjohn: "Grün", den ich für die Lady Lizzard Gang geschrieben habe. Er baut auf einem usbekischen Sample auf, über das ich noch Gitarre gelegt habe. Ich habe das Stück sehr schnell, sehr spontan produziert. Ich finde ihn heute noch super.

Worauf achtest du, wenn du für andere Leute produzierst?

Asadjohn: Es gibt zwei Arten von Produzenten. Die einen verschicken Beatpacks und der Rapper sucht sich dann aus, was ihm gefällt. Ich aber möchte mich mit den Künstlern hinsetzen, gemeinsam brainstormen und mich austauschen. Ich will wissen, was den Künstlern gefällt und mich sofort hinsetzen. Ich arbeite dann an Skizzen, bis ein Gerüst steht. Das klappt auch ganz gut. Ich habe schon lange keine Beatpacks mehr verschickt. Für jemand ganz Großes würde das aber sicher noch machen.



Welche Persönlichkeit würdest du gerne treffen?

Asadjohn: Muss das ein Deutscher sein oder kann es auch ein Ami sein?

Das ist egal.

Asadjohn: Ich würde gerne einmal mit Young Herc zusammenarbeiten. Sein Engineer arbeitet ziemlich schnell. Wenn ihm ein Beat gefällt, geht er sofort ins Studio, in die Gesangskabine und fängt an, zu freestylen. Das mag ich, wenn alles schnell geht und schnell klappt. Wenn die Rhymes und Refrains intuitiv kommen, ohne dass man viel nachdenken muss. Zu viel nachdenken schadet den Tracks, finde ich.

Mit der New Yorker Rapperin Young M.A. würde ich auch gerne einmal zusammenarbeiten. Das ist ja so eine Realkeeperin. Ich denke, die schreibt ihre Texte erst einmal nieder. Beiden würde ich auch Beatpacks und Skizzen schicken. Keine Frage.

Zu viel nachdenken schadet den Tracks. Asadjohn

Du nennst den Produzenten Timbaland als Vorbild. Mit seinen Arbeiten für Nelly Furtado und Justin Timberlake hat er sich auch dem Pop geöffnet. Wieviel Pop darf im Rap und Trap sein?

Asadjohn: Ganz viel. Auf meiner Soundcloud-Seite veröffentliche ich Edits und Remixe, die sehr poppig sind. Fast schon ein wenig EDM, ohne cheesy zu sein. Ich finde, das macht den HipHop einfach interessanter. Rapper sollten auch mehr Pop-Elemente in ihre Musik reinnehmen, wobei die Message darunter nicht leiden sollte.

Also je mehr Pop desto besser?

Asadjohn: Rapper sollten sich trauen, mehr Pop zu machen. Aber halt guten Pop. Und man sollte das Ganze auch nicht künstlich vorantreiben. Außerdem bin ich auch ein Wort-Fetischist. Wenn ein Rapper auf einem Standard-Beat drei Minuten geile Sachen rappt, mit geilen Reimschemen kommt, feiere ich das übertrieben.

Welchen Song hättest du gerne selbst geschrieben?

Asadjohn: Kann ich nicht sagen.

Ohne dich würden Haiyti und Juicy Gay nicht so klingen, wie sie klingen. Sie stehen im Rampenlicht, du bist die Macht im Hintergrund. Wie fühlst du dich dabei?

Asadjohn: Ich fühle mich gesegnet. Ich habe das Glück, dass ich diese Menschen kennen gelernt habe und mich gut mit ihnen verstehe. Ich habe das Glück, dass ich Songs mit ihnen produziere, die die Leute auch mögen. Für dieses Glück muss man aber auch arbeiten. Das ist wie Russisches Roulette. Man muss abdrücken, damit überhaupt mal ein Schuss fällt.

Was hörst du eigentlich privat?

Asadjohn: Schade. Das ist so ein Typ, der House-Musik mit HipHop-Einflüssen macht. Der hat zwei Songs, die ich übertrieben abfeiere. Ich weiß aber gerade nicht, wie sie heißen. Dann mag ich auch alte russische Folklore. Lieder mit eingängigen Melodien, Hooks, kurzen Versen, in denen nichts Wichtiges gesagt wird.



Welche Musik würde beim Einzug zu deinem eigenen Boxkampf laufen?

Asadjohn: "I’m a Boss" von Meek Mill und Rick Ross. Der Song hat so viel Energie. Produziert hat ihn Jahil Beats, ein irre guter Produzent. Den spiele ich auch manchmal im Club, wenn alle so richtig geladen sind. Der zieht immer. Ich würde ihn immer spielen, wenn man etwas Geiles geschafft hat, eine Prüfung bestanden hat, und so weiter.



Deine Stücke haben auch sehr viele überdrehte, fröhliche Elemente. Woher kommt das?

Asadjohn: Wenn ich mich hinsetze und intuitiv etwas einspiele, kommt das halt so im Durchschnitt raus. Ich bin ja kein gelernter klassischer Musiker. Meine Mutter ist zwar Klavierlehrerin. Sie hat es aber nie geschafft, mir das richtig beizubringen. Ich mag aber Akkorde, Tonfolgen, die happy klingen. Man könnte aber auch energiereich sagen.

Was kannst du selbst nur mit Humor ertragen?

Asadjohn: Rap. Rapper nehmen sich einfach zu ernst. Früher habe ich noch viel Kollegah gehört. Der alte Kollegah hatte lustige Texte. Heute ist mir das zu viel Straßenrap. Humor muss ja nicht lächerlich oder flach sein. Es würde dem Genre gut tun, wenn sich die Leute nicht so wichtig nähmen und auch mal intelligente Wortwitze machen. Rap, bei dem man heraushört, dass die Rapper Spaß haben, den Song zu schreiben.

Haben sich deine Eltern eigentlich deine Laufbahn so vorgestellt?

Asadjohn: Auf keinen Fall. Ich denke, sie hätten gerne gehabt, dass ich weiter mache, wo ich mal angefangen habe. Studieren und so. Aber ich finde es sehr cool, was ich gerade mache. Ich werde das auch weiterführen. Rapper haben ja so eine Halbwertszeit von fünf, zehn Jahren. Als Produzent hat man es leichter. Ich mache das, so lange es geht. Ich habe ja nebenher noch Zeit für andere Dinge.

Young Hurn schreibt seine Texte ins Handy. Wie hältst du deine Ideen fest?

Asadjohn: Ich zeichne die Melodien als Memo auf oder speichere einen Song ab, der mir übertrieben gefällt. Ich lasse mich ja von vielen Dingen inspirieren. Keiner erfindet das Rad neu. Es gab schon immer alles. Als Beatmaker habe ich halt wenig Möglichkeiten, unterwegs meine Ideen festzuhalten. Wenn ich unterwegs bin und für Haiyti und LGoony auflege, komme ich auch kaum zum Beats machen. Ich habe zwar meinen Laptop dabei, aber ich setze mich gerne an einen Schreibtisch. Da habe ich dann auch die fünfzehn, zwanzig Minuten Warm-up, und dann bin ich im Flow.
Was: Air Waves mit Asad John, Urte, John Ferrari
Wann: Freitag, 21. September 2018, 23 Uhr
Wo: Freizeichen



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