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Bändern in der Mensa: Warum manche Studierende essen, was andere übrig lassen

Etwa 40 Studierende essen in der Mensa der Uni Freiburg die Essensreste ihrer Kommilitonen. Kostenlos, ohne langes Schlangestehen, direkt vom Geschirrband. Das Studierendenwerk weiß nicht, wie es mit ihnen umgehen soll. Eklig? Unterwegs mit einem Bänderer.



Die Beute kommt auf einem soßenverschmierten Teller, ein Prachtexemplar. Der Jäger hat sich angepirscht, vorsichtig ist er von seinem Tisch in der Freiburger Mensa aufgestanden, jetzt steht er ganz vorne am Förderband, das die leer gegessenen Teller in den Bauch der Mensa schleppt. Eine junge Studentin tritt ans Band, behutsam stellt sie ihren Teller ab, dreht sich um.

Darauf hat der Jäger gelauert.  Er stürzt vorwärts, seine Augen fixieren die Beute, die gerade in den Schlund am Ende des Förderbands fährt. Der Jäger wirft seine Arme hinein, er packt den Teller, zieht ihn hinaus. Er lächelt zufrieden. Er hat eine gigantische Portion Nudeln ergattert.

In der Freiburger Mensa geht an diesem Donnerstagmittag alles seinen gewohnten Gang. Hungrige Studenten drängen sich in langen Schlangen vor den Essensausgaben. Essen 1: Nudeln mit Fleisch. Essen 2: Linseneintopf mit Reis. Preis: jeweils 2,65 Euro. Wer leer gegessen oder keinen Hunger mehr hat, räumt seinen Teller aufs Förderband. Dann wird wieder studiert.

Jonathan F. stellt sich in keine Schlange. Jonathan F. wählt auch kein Essen aus, genauso wenig wie er einen Preis bezahlt. Jonathan F. jagt Essensreste. Er sagt das so: „Ich fühle mich manchmal wie ein Jäger.“

Bis zu 40 Studierende "bändern" täglich in der Mensa

Menschen wie Jonathan gab es in der Freiburger Mensa wohl schon immer. Einzelne Studierende, die die Essensreste ihrer Kommilitonen aßen. Sie fielen kaum auf. Im letzten Jahr wurden sie ein paar mehr, wer einmal dabei war, erzählte es seinen Freunden. Inzwischen sind sie 40 Leute, die jeden Mittag das essen, was ihre Kommilitonen nicht mehr wollen. Ein bisschen Nudeln, ein bisschen Linsen, ein bisschen Milchreis. Die Hälfte der Mensaabfälle vertilgen sie bestimmt, glaubt Jonathan. Er und seine Kollegen nennen sich Bänderer, weil sie das Essen vom Band holen. Es klingt wie Wilderer.

Jonathan hat sich seinen Teller inzwischen auf seinen Tisch gestellt. Er sitzt immer im selben Eck, ganz vorne am Band. Um ihn herum lungern die anderen. Tineke, Martin, Lea. Viele studieren Umweltnaturwissenschaften, ein paar wenige auch Politik. Jonathan macht seinen Master in Mathe. Man kennt und mag sich, weil Bändern eh nur für bestimmte Leute was ist, glaubt Tineke. „Jeder will aber auch satt werden“, sagt Jonathan.

Die Nudeln sind jetzt etwas kalt geworden, aber sie schmecken noch. Etwas Fleisch liegt auch dabei. Jonathan ist eigentlich Vegetarier, aber beim Bändern macht er eine Ausnahme, er will nicht zu wählerisch sein. Während er isst, schielt er ständig zum Band. Es könnte sein, dass er die nächste Beute verpasst.

Das Studierendenwerk errichtet eine Mauer

Das Studierendenwerk Freiburg, das die Mensa betreibt, berät derzeit intern über die Bänderer. “Wir sind hier in Diskussionen über das Thema, ich kann aber leider keine abschließende Stellungnahme bieten”, sagt Renate Heyberger, die stellvertretende Geschäftsführerin. Laut Lebensmittelhygiene-Verordnung darf die Mensa bereits ausgegebenes Essen nicht nochmal ausgeben.

Anfang Februar haben Mitarbeiter deshalb einseitig große Trennwände vor die Bänder gestellt. Am nächsten Tag hingen daran Papierzettel, auf die jemand Botschaften gekritzelt hat. „Die Mauer muss weg!“ zum Beispiel. Oder: „Hallo Wegwerfgesellschaft.“ Die Schilder waren nach einem Tag verschwunden, die Wände blieben. Seitdem kommen Jonathan und seine Kollegen nur noch von einer Seite ans Band.

Probleme gibt es auch juristischer Art: Wem gehört das weggeworfene Essen? “Mit der Rückgabe am Band geht das Eigentum am Essen vom Studenten zurück an die Mensa”, sagt Rechtanwalt Norbert Müller aus Freiburg. Bänderer verletzten damit das Eigentumsrecht der Mensa.

Jonathan versteht, dass nicht alle gut finden, was er tut. „Wir essen, ohne zu bezahlen. Aber wäre es besser, das Essen fliegt in den Müll?“

"Bändern ist effizient"

Rund 41.000 Tonnen Lebensmittel werfen deutsche Hochschulmensen pro Jahr in den Müll. Das fanden Forscher der Universitäten Stuttgart und Wien 2009 mittels einer Studie heraus, bei der sie über ein Jahr sechs Mensen untersuchten und die Ergebnisse hochrechneten. „Wenn wir Bändern, passiert das öffentlich“, sagt Jonathan. „Das schafft Bewusstsein.“ Nicht für alle ist die Lebensmittelverschwendung aber das Hauptmotiv. „Wenn ich ehrlich bin, mache ich es, weil ich nicht anstehe und kein Geld bezahle. Bändern ist effizient“, sagt ein Student der Umweltnaturwissenschaften, der anonym bleiben möchte.

Einmal gab es deswegen Ärger, sagt Jonathan. Er habe beobachtet, wie ein Student einen nahezu unberührten Teller extra ganz vorne aufs Band gestellt habe, damit kein Bänderer ihn kriegt. Er sei dann gesprintet und habe den Teller noch erwischt. Der Student fand das gar nicht toll. Sie stritten sich lautstark darüber, wem das Essen denn nun gehöre. „Das war bestimmt ein Jurist“, vermutet Jonathan.

Er ist mittlerweile beim dritten Teller angelangt. Ein Student im Hoodie hat Frühlingsrollen übrig gelassen, dazu gibt es Chilisoße. Während des Essens spricht man vor allem übers Bändern und über andere Bänderer. Kennt ihr den, der immer nur mit der Gabel am Band lauert, und sich die leckersten Sachen direkt vom fremden Teller pickt? Oder die alte Dame, die jede Woche kommt, die aber doch sicher nicht mehr studiere?

Auf dem Tisch zwischen ihnen stapeln sich Salatschüsselchen, Teller und Tablette. Sie sind blitzblank, nur aus manchen tropft noch etwas Soße. Manchmal esse er Suppe, Vor- und Hauptspeise, sagt Jonathan. Am besten seien aber die Tage, an denen es Kaiserschmarrn oder Milchreis gebe, da habe er sogar ein Dessert. In der Freiburger Mensa isst kaum jemand ausgewogener als er.

Pfeiffersches Drüsenfieber und Noro-Durchfall drohen

Dr. Ernst Tabori hat vom Bändern noch nie gehört. Er leitet das Deutsche Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg. Als er studierte, sagt er, habe man die Teller noch leer gegessen. Die Gesundheitsrisiken beim Bändern findet Tabori überschaubar. "Ein Ansteckungsrisiko herrscht vor allem dann, wenn kein frisches Besteck verwendet wird. Daran kleben die meisten Erreger.” 

Generell sei die Ansteckung via Tröpfcheninfektion noch am gefährlichsten: Pfeiffersches Drüsenfieber, Noro-Viren, Scharlach und Ebola könnten so beispielsweise übertragen werden. Die Gefahr sei allerdings gering, denn: "Welcher Ebola-Patient geht zum Essen in die Mensa?”

Jonathan sieht das ähnlich. "Wenn jemand in der Mensaschlange niest, kann ich mich genauso anstecken“, sagt er. Er esse daher fast alles, was ihm auch schmecke. Nur wenn Servietten im Essen lägen, lasse er den Teller aus.

Jonathans Kollegin Tineke muss sich manchmal überwinden, vor allem seit sie die Geschichte einer Freundin gehört hat. Die habe sich vom Band mal eine Portion Reispfanne geholt. Als es arg süß und klebrig wurde, habe sie ausgespuckt. Ihr Voresser hatte seinen Kaugummi in die Reisreste gedrückt. "Eklig", sagt Tineke. Es bleibt das einzige Mal, dass ein Bänderer an diesem normalen Donnerstagnachmittag dieses Wort in den Mund nimmt.


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[Foto: Florian Kech]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 16
Freitag, 11.03.16 18:29
 

„Wir essen, ohne zu bezahlen."

Richtig. Aber das Essen IST ja bereits bezahlt worden.

Genau so, wie die Restparkzeit an der Parkuhr, die ich ja auch nutzen darf. Sonst läge die ... Unanständigkeit ja darin sich etwas zwei Mal bezahlen zu lassen ...

Und gibt die Mensa (juristisch) tatsächlich etwas "zwei mal aus" wenn sich jemand bei der Rückgabe (!) bedient ?

Nur meine Meinung (ich selbst würde es allerdings nicht machen ein unbekanntes Essen zu vertilgen...)

Freitag, 11.03.16 19:21
 

....und wie wäre es wenn die Menschen die Essen übrig haben den Teller auf einen gesonderten Platz stellen. Und dann können sich die Menschen frei bedienen die gerade kein Geld haben oder aus anderen Gründen nicht bezahlen wollen/können?

Wäre doch eine bessere Lösung wie die aktuelle Situation.

Freitag, 11.03.16 19:53
 

Die "Bänderer" können ansonsten auch einfach Leute, die offenbar fertig mit dem Essen sind und noch etwas übrig haben, fragen, ob sie die Reste haben können. Ist schon mal praktisch, wenn man sein Tablett nicht selbst abgeben muss. Dann steht das Essen auch nicht vorher auf dem Geschirrband und gehört juristisch gesehen wieder der Mensa. Die Bänderer essen dann nur Essen, das bezahlt und ihnen geschenkt wurde.

Freitag, 11.03.16 20:05
 

Außerdem könnten sie dann vielleicht noch abschätzen ob derjenige von dem das Essen kommt Pfeiffersches Drüsenfieber, Noro-Durchfall oder schlimmeres haben könnte

Freitag, 11.03.16 21:13
 

Versuch der Beantwortung der eingangs gestellten Frage in nur wenigen Worten:

Warum manche Studierende essen, was andere übrig lassen?

Weil sie Hunger haben. Warum auch sonst. Essen ist zum essen da und nicht zum wegwerfen.

Freitag, 11.03.16 21:22
 

wenn an der uni ebola ausbricht ist das geschrei wieder groß

Samstag, 12.03.16 07:00
 

Vor einigen Jahren war ich mal in Frankfurt am HBF und habe im dortigen BK gesessen. Auf einmal kam ein älterer Mann rein und bedient sich dort an den Reste-Tabletts. Hungrig hat er sich die Pommes reingestopft, die jemand anders übrig gelassen hat.
Diese Episode hat mich wesentlich mehr berührt als die Story vom studentischen Bänderer....

Samstag, 12.03.16 09:29
 

Schwarzkommando,
ich glaube wenn an der Uni Ebola oder Fußpilz oder ungewollte Schwangerschaft oder sonstwas ausbricht würde das auch ohne diese Art der Resteverwertung nicht zu verhindern sein

Samstag, 12.03.16 09:47
 

Na ja - ihr tut ja so als ob jeder Student ein potentieller Krankheitsträger wäre... Kranke Menschen gehen in der Regel nicht in die Mensa zum fuddern - die bleiben zuhause und kurieren ihren Zustand aus.

Das Essen in der Mensa ist bei Abgabe einwandfrei - jemand isst einen Teil davon - ein weiterer Mensch ist den verbliebenen Rest vom Erstesser.
Ich sehe da nur eine geringe Ansteckungsgefahr.

Optisch nicht einwandfreie Essensreste wird eh niemand freiwillig verzehren - und die paar übrig gebliebenen Sachen dürften in der Hinsicht unbedenklich sein.

Und @Biber, ungewollte Schwangerschaften sind an der Uni nur durch die beteiligten Personen verursachbar - mit Essen hat das rein GAR NIX zu tun ;-)

Samstag, 12.03.16 12:49
 

mir verursacht die Vorstellung ein eher mulmiges Gefühl im Magen, und etwas Unverständnis, da das Motiv eher "sportlich" motiviert ist und weniger mit Bedürftigkeit zu tun hat.
Aber ganz grundsätzlich, wer das machen will, sollte es machen können....

Sonntag, 13.03.16 13:43
 

@ vdp

ach !
Aber mit einem (guten!) Essen fängt es ja oft an !
(Ich habe meine Liebste am Anfang bekocht was wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. :-)
(Allerdings in der Tat zumindest nachwuchsmässig folgenlos)

Sonntag, 13.03.16 15:15
 

@Biber,

ein schönes gemeinsames Essen steht oft am Beginn einer langen Freundschaft :-)

Sonntag, 13.03.16 15:39
 

dinge sportlich sehen ist sich willkürlich ein ziel setzen und sich mühe geben es zu erreichen, damit sehe ich kein problem. auch ausgaben minimieren ist mmn unabhängig von bedürftigkeit ne gute sache. dem kacksystem den stinkefinger zeigen indem man kein geld ausgibt ist cool und gut.

Montag, 14.03.16 08:53
 

@ Schwarzkommando

Tja, unabhängig von allen Beteuerungen seitens der Politik und Wirtschaft bezüglich Nachhaltigkeit und Umweltschutz sieht die Wirklichkeit völlig anders aus - ich kann es nur als Heuchelei bezeichnen:

Supermärkte versuchen es ja zunehmend zu verhindern, dass sich jemand Aussortiertes aneignet.
Auf dem Receyclinghof (wo ich früher so manches Schätzchen vor der Verschrottung rettete bzw. als Teilespender für sonst nicht mehr zu bekommende Ersatzteile für Radio- und andere Oldtimer nutzte) darf man nichts mehr mitnehmen - angeblich aus Haftungsgründen.
Ich habe es auch aufgegeben in den Matratzen- und Elektronikketten nachzufragen ob man nicht mal das Hirn ein- und die völlig sinnlose Schaufensterbeleuchtung bei strahlendem Sonnenschein/die 144 laufenden TV ausschalten könne...

Und komme zu dem resignativen Ergebnis: Sch...egal, mitmachen! Das Leben genießen! Nicht mehr drüber nachdenken, sonst macht man sich nur fertig ...

Einstein hatte durchaus recht mit seinem Spruch zur Unendlichkeit des Alls und der menschlichen Dummheit ...

Mittwoch, 13.04.16 11:17
 

Spiegel ONLINE hat unser Thema aufgegriffen:

http://bit.ly/1SMhgAW

Sonntag, 24.04.16 13:52
 

jetzt auch beim SWR http://bit.ly/1NIMRSt

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