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Der Freiburger Maurice Hübner hat für das ZDF die Webserie "Familie Braun" gedreht

Zwei Nazi-YouTuber und ein schwarzes Mädchen, das bei ihnen einzieht: Der Freiburger Regisseur Maurice Hübner hat für das ZDF eine Webserie gedreht, die nun bei YouTube zu sehen ist. fudder-Redakteur Daniel Laufer hat mit ihm gesprochen:



Schon vor 15 Jahren hast Du Deine Filme beim Freiburger Schülerfilmforum gezeigt. Wann hast Du begonnen, eigene zu machen?


Maurice Hübner: Mit 12. Ich habe mit Freunden Filme nachgedreht, die ich als Kind mochte oder nicht schauen durfte. Horror-Filme zum Beispiel. Die wurden dann immer ausgefeilter. Ich habe sie bei Schüler-Festivals eingereicht wie dem Schülerfilmforum.

Das waren Zeiten, als es noch VHS- oder Hi8-Kassetten gab. Irgendwann war klar war: Wenn ich von der Schule gehe, will ich Filme machen.

Heute kann fast jeder Jugendlicher mit seinem Smartphone Videos drehen und sie am Computer schneiden.


Ich finde die Entwicklung gut. Letztendlich macht aber nicht nur die technische Finesse einen Film aus, sondern auch die Idee dahinter. Vor kurzem war ich wieder beim Jugendfilmpreis in Stuttgart. Da sieht man, was Jugendliche heute machen.

Die kommen mit 4K und allen technischen Finessen daher. Trotzdem hatte ich das Gefühl, die Ideen sind immer noch gut. Das hat mich beeindruckt. Weil man so einfach an die Technik rankommt und sie so leicht erlernen kann, wird es für junge Leute durchschaubarer, wie so etwas funktioniert. Letztendlich bestechen dann dann gerade die Sachen, hinter denen eine gute Idee und Leidenschaft stehen.

Braucht man Film und Fernsehen mit YouTube eigentlich noch?


YouTube wird ja größtenteils von einer sehr jungen Zielgruppe geschaut - so von 12- bis 18-Jährigen. Das sind aber andere Inhalte, viel schnelllebiger. Die Macher sind meistens Autodidakten, die ihre Videos mit sehr wenig Technik drehen.

Sobald man einen komplexeren, szenischeren Ezählweg gehen will, braucht man wieder mehr Zeit und ein größeres Team. Das sind zwei verschiedene Spielformen von Medien. Bei "Familie Braun" haben wir versucht, die relativ klassische Herangehensweise einer szenischen Produktion in die Konsumierbarkeit eines YouTube-Videos zu integrieren.

Produziert ein Fernsehsender junge Inhalte, heißt es oft, das Ergebnis wirke zu "gewollt". Dem ZDF-Nachrichtenmagazin "heuteplus" ist das passiert. Was habt Ihr gemacht, um das zu verhindern?


Zunächst sollte man ein junges Team haben. Ich fand es toll, dass die Produktionsfirma Polyphon und das ZDF auf mich zugekommen sind. Ich bin erst zwei Jahre von der Filmschule weg und durfte mit meinen eigenen Leuten arbeiten.

Bei der Umsetzung hat man uns praktisch freie Hand gelassen. Klar war: Wir wollten ein neues Format und versuchen, eine jüngere Zielgruppe zu erreichen. Dieses "Gewollte" kann man ja so ziemlich jedem Format nachsagen, das versucht, eine andere Zielgruppe zu erreichen.

In unserem Fall fand ich den Mut gut, ein Thema auf diese Weise zu erzählen. Unabhängig von YouTube. Ich finde es schwierig, zu sehr auf die Auswertung zu schauen, bevor man den Inhalt produziert hat.

Die einzelnen Folgen dauern nur ein paar Minuten. Worauf kommt es da an?


Man muss schnell auf den Punkt kommen und in einem Satz erzählen können, worum es geht. Jede Folge braucht ein Thema, eine Situation. Wir haben versucht, die Tonalität trotzdem offen zu lassen, damit man sich auch überraschen lassen kann: Wird diese Folge jetzt dramatischer oder lustiger als die vorherige?

Wichtig ist, dass man eine Geschichte hat, die sich durch die ganzen Episoden zieht und einen die Serie auch am Stück angucken lässt.

Wie schwierig ist es da, Tiefe in die Geschichte zu bringen?


In der kurzen Zeit konnten wir keine Geschichte mit besonders ausgefeilten Charakteren erzählen. Würde man das versuchen, wäre es sehr frustrierend. Der Zuschauer könnte die Figuren nicht verstehen und würde sich denken: Ich weiß gar nicht, wo ich hier bin.

Das meiste wollte ich deshalb absichtlich überspitzen. Das führt natürlich dazu, dass man sich mit Klischees auseinandersetzen muss. Schaut man alle Folgen am Stück, ergibt die Serie aber eine Art mittellangen Film. Dann entsteht schon eine Tiefe. Wir erzeugen Empathie für diese beiden im Grunde nicht empathischen Charaktere - die beiden Nazis - und erzählen, wie eine Freundschaft zerbricht.

In der Serie spielen auch verschiedene YouTuber mit - zum Beispiel LeFloid. Wie ist das so, wenn die dann am Set auftauchen?


Bis zu dieser Serie hatte ich wenig Kontakt zu deren Welt. Also war ich tiefenentspannt und bin mit ihnen umgegangen wie mit meinem Team. Das sind natürlich keine Schauspieler, aber Leute, die wirklich Lust haben, was zu machen und sich darauf freuen, weil es für sie etwas Neues ist. Bei einer Filmproduktion wird viel Aufwand betrieben.

Ich kann mich erinnern, dass LeFloid es ganz toll fand, als wir die Lampen aufgestellt haben. Er sagte: "Wir haben nie so viele Scheinwerfer!" Ich glaube, sie konnten auch was davon mitnehmen. Die Integration der YouTuber geht in der Serie so weit, dass Marti Fischer extra einen Song geschrieben hat.

Gerade wurde der YouTuber Julien wegen Volksverhetzung verurteilt. Ihr erzählt die Geschichte von zwei Nazi-YouTubern. Was die machen, ist ja auch nicht gerade unproblematisch.


Das soziale Miteinander, das wir in der digitalen Welt haben, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Es gehört genauso zum Leben wie der Alltag. Deswegen muss sich auch jeder YouTuber Gedanken machen, wenn er seine Meinung verkündet - und Verantwortung zeigen, wenn er etwas falsch macht.

Teilweise bin ich entsetzt, wie auf Facebook oder YouTube kommentiert wird. Was da für ein Umgangston miteinander herrscht. Ich frage mich, wo das eigentlich herkommt. Warum nehmen sich Leute das Recht raus, andere digital so krass zu beleidigen oder zu diffamieren? Würden sie das im echten Leben auch tun?

Wie haben die Zuschauer bisher auf Eure Serie reagiert?


Auf YouTube gibt es einerseits Leute, die das toll finden und gerne gucken. Es gibt aber auch die "besorgten Bürger", die extrem reagieren. Sie schimpfen auf das "Staatsfernsehen" und die "Lügenpresse", Merkel habe die Serie editiert, um uns alle umzupolen. "Scheiß GEZ!"

Wenn man sich die Leute anguckt, die das posten, merkt man natürlich auch, was für Profile sie haben und was in ihren Hirnen so passiert. Dann wundert mich das nicht mehr.

Es gibt aber auch viele Diskussionen, die angeregt und gut sind. Das ist das Tolle bei dieser Art von Video: Man hat auf YouTube unmittelbares Feedback und kann jeden Kommentar mitlesen. Das hat man bei einer normalen TV-Produktion eigentlich nicht.

ARD und ZDF planen einen gemeinsamen Jugendkanal, bei dem sie wohl auch LeFloid beraten soll. Könnte man "Familie Braun" als einen Vorläufer betrachten?


Ich finde, die Serie war eine gelungene Zusammenarbeit - auch mit den YouTubern. Der Schritt, die Inhalte mit den Leuten zu erarbeiten, ist schon mal ganz gut. Eine komplette Verschmelzung muss man aber anders erreichen.

Ich bin mir nicht sicher, ob sich diese Welten wirklich zu hundert Prozent vereinen lassen. Das ist eine andere Form des Schauens, eine andere Form von Kanal. Man will dieses Junge und Frische ins Fernsehen bringen. Das finde ich gut.

Dabei muss man aber aufpassen, dass man nicht versucht, etwas zu kopieren und dann auf einen anderen Kanal zu legen. Dabei muss dann schon ein ganz neuer Inhalt entstehen.




Video-Playlist: Familie Braun (alle Folgen)





Zur Person



Der gebürtige Freiburger Maurice Hübner ist 29 Jahre alt und lebt in Ludwigsburg. Nach seinem Abitur am Faust-Gymnasium in Staufen arbeitete er mehrere Jahre lang als Regie-Assistent am Theater Freiburg. An der Filmakademie Baden-Württemberg hat er Regie studiert (szenischer Film).




[Foto 1: dpa Picture Alliance, Foto 2: privat]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Montag, 22.02.16 00:39
 

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Coudenhove-Kalergi hat den Kommentar am 22.02.2016 um 00:41 bearbeitet
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