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Tanzreihe "Rip it! am Theater Freiburg: Nacktheit jenseits von Konventionen

Wie blicken wir auf den menschlichen Körper? Welche Körperbilder haben wir? Diese und andere Fragen behandelt die Tanzreihe Rip It am Theater Freiburg. Noch bis zum 15. Februar finden verschiedene Tanzperformances statt. fudder-Autorin Sophie Aschenbrenner hat hinter die Kulissen geschaut:




Rip it! – Der Blick auf Nacktheit jenseits von Konventionen

Zwei Menschen stehen mit dem Rücken zum Publikum, bekleidet nur mit hautengen Shorties. Ihre Muskeln zucken, ziehen sich zusammen, formen Gestalten und Gesichter auf der Haut. Männer, Frauen? Man würde es nicht auf den ersten Blick erkennen, wüsste der Zuschauer nicht: Die Akteurinnen des Stücks "Tuning" von Su-Mi Jang und Sung-Im Her sind Frauen. Sie treiben die Sehgewohnheiten des Zuschauers nah an ihre Grenzen. Wie blicken wir auf den menschlichen Körper, nackt und muskulös, aber nicht glattgebügelt, keine zwei Meter von uns entfernt, wenn er Dinge tut, die wir so noch nie gesehen, geschweige denn selbst erfahren haben?

Wir sind den menschlichen Körper gewohnt – in Filmen, in der Werbung, im Sport, auf dem Laufsteg: Überall perfektionierte, gephotoshopte Ideale, die die wenigsten von uns jemals erreichen können. Wie schauen wir auf diese Darstellungen? Mit Begehren, mit Neid, mit Ablehnung? Welche Konventionen prägen unseren Blick – und in welchen Normen denken wir selbst?


Kooperation zwischen Tanz und bildender Kunst

Die Reihe "Rip it! – Tanz, Performance & Bildende Kunst zwischen Feminismus und Gender Hacking", eine Kooperation zwischen dem Theater Freiburg und dem Museum für Neue Kunst, widmet sich genau diesen Fragen. "Wir möchten für die Problematik sensibilisieren", sagt Anne Kersting, Kuratorin und Dramaturgin für Tanz und Performance am Theater Freiburg. Gemeinsam mit Inga Wagner, Dramaturgin und Produktionsleiterin für Tanz und Performance am Theater, hat sie die Tanz-Reihe organisiert.

Die Idee einer Kooperation zwischen Tanz und bildender Kunst entstand, als das Museum für Neue Kunst die Ausstellung "Performing Change" mit Mathilde ter Heijne plante. Die niederländische Künstlerin untersucht genderbezogene Phänomene verschiedener Kulturen und fragt sich, was Geschlechtsidentität und Gesellschaft prägt und wie diese Konventionen verändert werden können. "Schließlich kamen wir auf die Idee, mit dem zu arbeiten, mit dem Tänzer täglich arbeiten, also mit Körpern und Körperbildern", sagt Kersting. "Wir wollten auf etwas sehr Ursächliches zurückgehen, nämlich Körperpolitiken."


Können wir vorbehaltlos auf nackte Körper blicken?

Ist es uns in einer Welt, in der selbst für Rasierschaum und Telefonanbieter mit makelloser Haut geworben wird, überhaupt möglich, Nacktheit ohne bestimmte Stereotypen im Hinterkopf betrachten? Schwierig, sagt Kersting. "Selbst nach vierzig Jahren Beschäftigung mit Tanz erwische ich mich immer noch dabei, wieder in Muster zu verfallen." Konventionelle Machtstrukturen wie jene zwischen Männern und Frauen schleichen sich immer wieder ins Denken zurück. Kersting erzählt, wie sie vor ein paar Tagen mit ihrem Sohn ein Musikvideo gesehen hat, in dem Frauen auf High-Heels in Schaukästen präsentiert werden. "Ich konnte das nicht ansehen. Das ist der letzte Müll. Es langweilte mich richtig", sagt sie, eine schöne Frau, sorgfältig geschminkt und gekleidet.

Ihr Ziel ist es, möglichst viele Menschen zu sensibilisieren für die Art und Weise, in der wir Körper betrachten und beurteilen – im Rahmen der Gender-Thematik, in die sich manche Stücke einreihen, aber auch außerhalb dieses Diskurses. Die Auswahl an Performances – weit entfernt von dem, was man klassischerweise als Tanz bezeichnet – soll unseren alltäglichen Blick schärfen.


Vom queeren Experiment bis zur Performance des Hetero-Geschlechtsakts

"Supernatural": von Simone Aughterlony und Antonija Livingstone steigt direkt ein als Konstruktion einer anderen Realität, auf die sich der Betrachter einstellen muss. "Außer des menschlichen Körpers, den wir alle haben, existiert erst einmal kein gemeinsamer Nenner zwischen Betrachter und Dargestelltem", sagt Kersting. Und obwohl wir alle diesen Körper haben, kann er uns doch so fremd und unbequem werden. Das Stück ist sehr weit entfernt von dem, was wir als Mainstream empfinden. "Supernatural" geht aus von der Annahme, dass sich menschliche wie auch nicht-menschliche Akteure für eine Nacht versammeln – das Stück will eingefahrene Identitätsmuster aufbrechen und in Frage stellen.

"Rosas Danst Rosas": von Anne Theresa De Keersmaeker markierte 1983 den Beginn einer neuen Ära des zeitgenössischen Tanzes. Es tourt bis heute. Die Choreographin sieht das Stück nicht in einem Genderdiskurs, das Stück sei keine Ode an die Weiblichkeit oder an den Feminismus. "Da kann man drüber streiten", sagt Kersting. Fakt ist: Je länger man das Stück sieht, desto mehr setzen sich die Tänzerinnen über die begehrlichen Blicke hinweg und man beginnt, sich Fragen zu stellen: Worin unterscheiden sich die Tänzerinnen? Und wäre das Stück auch von Männern in dieser Art tanzbar?

Doch auch ganz andere, in der Vergangenheit höchst skandalöse Beiträge, stehen auf dem Programm, wie "Libido Sciendi" von Pascal Rambert. Mann und Frau, nackt, stehen sich gegenüber und performen "die Choreographie einer Paarung".

"Pourt Ethan": von Mikaël Phelippeau zeigt das Portrait eines Jugendlichen, nicht mehr Kind, noch nicht Mann, mitten im Stimmbruch, eine einzige Mutation. Der Blick verändert sich, sagt Kersting. Vom mütterlichen Blick bis hin zu einem sexuellen Begehren kann alles in diesen Körper projiziert werden. Jeder soll sich hier fragen: Wie schaue ich, und warum tue ich das?

"Rip it", das bedeutet: Sich freimachen, sich trennen von etwas, das immer als gegeben schien, von einem Pool von Stereotypen, die uns heute doch längst überholt vorkommen sollten. Alle Performances der Reihe stellen die Frage nach dem Wechselspiel zwischen Körper und Gesellschaft. Sie bieten alternative und neue Sichtweisen auf Geschlechtlichkeit, Normen und den ewigen Dualismus zwischen Männlich und Weiblich. "Rip it!" stellt keinen Anspruch auf eine vollständige Abbildung des Genderdiskurses, doch die Reihe stößt einen Dialog an. Um herauszufinden, wie man selbst auf Körper blickt, die Dinge tun, die man nicht gewohnt ist: Unbedingt hingehen. Am Wochenende findet der Höhepunkt der Reihe statt.




Was: RIP IT! Themenreihe zwischen Feminismus und Gender-Hacking
Wann: Themenreihe vom 22. Januar 2015 bis zum 15. Februar 2015
Wo: Theater Freiburg, Bertoldstraße 46, 79098 Freiburg


[Foto: M. Korbel]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Sonntag, 08.02.15 14:22
 

Sehr schöner Artikel, der gut die Idee hinter dem beschreibt, was auf der Bühne auch konkret zu sehen ist! Das Festival läuft ja noch bis zum kommenden Wochenende: Ich würde mir aus Zuschauer-Perspektive einen fudder-Artikel zu einer konkreten Aufführung wünschen, denn gerade das, was zwischen Publikum und Performern passiert, ist sehr spannend! Ist einer in Planung?

Montag, 09.02.15 10:09
 

Hallo badener1979, vielen Dank für Deinen Kommentar und die Anregung. Das nehmen wir einmal mit in die Themensitzung. Schöne Grüße,
Bernhard.

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