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Wie vier Studenten mit einem Obdachlosen-Video in der Freiburger Innenstadt eine Internetsensation schufen

16 Millionen Klicks! Das Video, in dem vier Studenten in der Freiburger Innenstadt scheinbar einem Obdachlosen helfen, ging um die Welt. US-Amerikanische Sender, die BILD und heftig.co berichteten darüber. Doch wer steckt eigentlich hinter dem viralen Hit?



„Das ist eine wundervolle Geste“, sagt die TV-Moderatorin aus Phoenix, Arizona, als sie ihren drei Kollegen das Video vorstellt. Studenten leihen sich darin den Eimer eines Obdachlosen aus, der eine benutzt ihn als Trommel, der andere spielt dazu Gitarre. Sie stimmen ein Lied an: „Jeden Abend schaust du fern, siehst das Elend, für dich nur Bilder und Zahlen – weil es dich nicht interessiert.“ Passanten bleiben stehen. Sie legen Geld in den Hut. Dann enthüllt die Moderatorin: „Das Video ist gestellt!“

Ihre Kollegen reagieren empört. „Warum haben sie das gemacht?“, fragt einer. Die Erklärung: „Es ist Werbung! Sie haben einen wohltätigen Verein.“ In der Sendung „RightThisMinute“ werden Clips vorgestellt, die „viral gehen“, das heißt im Internet in kurzer Zeit von sehr vielen Menschen angeschaut werden – wie das Video mit dem Obdachlosen. Es spielt in Freiburg. Produziert haben es Offenburger Studenten.

Die Macher

Andreas Zimmermann und Peter Wilhelm haben mit ihren Kommilitonen Julian Wagner und Yannick Grewe den Verein „be japy“ gegründet. Der Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der vier zusammen. Sie alle sind Mitte Zwanzig, entstanden sind ihre Pläne ursprünglich als Projektarbeit an der Hochschule. Dort studieren sie Medien- und Informationswesen. Was ihre Fähigkeiten angeht, haben die Gründer großes Glück, denn sie ergänzen sich perfekt: Es gibt den Filmer, den Musiker, den Tontechniker und den Internetexperten. Mehr braucht es anscheinend nicht für die Sensation.





Die Idee

Sie wollen die Welt ein bisschen besser machen, schreiben sie auf Facebook. „Wir haben uns überlegt, was die sozialen Netze eigentlich sozial macht“, sagt Zimmermann. „Dann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass sie eigentlich überhaupt nicht sozial sind!“ Schuld sind die Inhalte, findet Wilhelm.

„Man muss sich ja nur mal auf Facebook umschauen: Man sieht Katzenvideos, wie jemand den Berg runterbrettert oder wie er hinfällt.“ Ihre Überzeugung: Die sozialen Netzwerke können mehr. Mit ihren Aktionen wollen die Studenten zeigen, was auch kleine Gesten schon bewegen können und andere Menschen ermuntern, es ihnen gleichzutun. „Wir helfen durch Inspiration“, sagt Wilhelm.



Außerdem arbeiten sie mit anderen Organisationen zusammen und versuchen, sie bekannter zu machen – wie neulich in einem Video für den Freiburger Verein „Kinderherzen retten“. Wilhelm findet: „Helfen kann etwas so Schönes sein. Es macht viel mehr Spaß etwas zu geben, als etwas zu bekommen.“

Die Sensation

Mehr als 16 Millionen mal wurde das Video mit dem Obdachlosen mittlerweile auf YouTube angesehen. Die Macher können das noch gar nicht fassen – 10000 Klicks hatten sie sich anfangs noch erhofft. Förmlich über Nacht verselbstständigte sich das Video. Fast minütlich erhielten sie Facebook-Nachrichten, auf einmal meldete sich die BILD. Die vier Studenten waren überfordert. „Wir sind im Chaos versunken“, sagt Wilhelm. „Man lädt 20 Leute zu seinem Geburtstag ein und auf einmal kommen 2000 – damit kann man die Situation vergleichen.“

Das Video ging um die Welt, landete auf koreanischen Blogs, nachts klingelte ein US-Fernsehsender an. Auch die deutsche Webseite Heftig lud den Clip hoch. Wegen der konsequenten Missachtung von Urheberrechten ist sie umstritten. Wer sich das Video dort anschaut, bekommt erstmal Werbung zu sehen, zum Beispiel für Aftershave.



Gut finden die be japy-Gründer das nicht. Sie selbst hätten auf YouTube viel Geld verdienen können, haben sich aber dagegen entschieden. Jetzt verdienen eben andere – ohne ihr Einverständnis. Tun können die Studenten dagegen wenig: Die Verbreitung hat längst Ausmaße angenommen, die sie nicht mehr kontrollieren können. Auch ein Dutzend anderer YouTube-Benutzer haben das Video erneut hochgeladen. „Letztendlich ist es auch egal, wo es auftaucht“, findet Wilhelm. „Was zählt, ist schließlich der Inhalt.“

Die Kritik

Doch über den Inhalt wurde gerade am Anfang viel diskutiert. Als erstes Medium überhaupt hatte fudder das Video am 10. Juli verbreitet. Für sein Vorgehen wurde "be japy" stark kritisiert. „Wer uneigennützig Gutes tun will, braucht keine Egoselbstbefriedigung auf YouTube“, schimpfte ein fudder-Kommentator. Der Ärger schwappte auch auf Facebook über, die Macher kamen ins Grübeln. Sie nahmen die Vorwürfe ernst und erwogen gar, das Projekt einzustellen. In einem zweiten Video stellten sie dann klar: Auch wenn "be japy" solche Aktionen schon mehrfach veranstaltet hat, war die Szene im Video nur gespielt und der Protagonist ein Schauspieler.

"Aber die Kommentare wurden schnell persönlich beleidigend", berichtet Wilhelm. Die Kritik machte ihm zu schaffen. "Teilweise bin ich morgens aufgewacht und dachte: Scheiße, was ist hier eigentlich los?!" Knapp 5000 Menschen haben das Video schon auf YouTube kommentiert. Mittlerweile lesen die vier gar nicht mehr alles, was geschrieben wird – aus Selbstschutz.

Wilhelm versucht die Hintergründe zu erklären: "Es war nicht unser Ziel, die neuen Social Heroes zu sein. Wir wollten in die sozialen Netzwerke. Durch das Video ist das Publikum unserer Aktion viel größer – wenn man den Leuten nur davon erzählt, wird das schwieriger." Dann ergänzt er: "Wir sind das Gesicht von be japy, aber am liebsten würde ich einen schwarzen Sack überziehen, weil das alles nicht so wichtig ist."

Die Zukunftspläne

125000 Fans hat der Verein derzeit auf Facebook. "Ihr seid Stars" schreibt dort jemand. Be japy hat jetzt eine Plattform, um auch in Zukunft viele Menschen zu erreichen. Doch wie es weitergehen wird, das wissen die vier Studenten noch nicht so recht. Die ersten Management-Angebote liegen schon vor. „Wir haben aber nicht vor, professionelle YouTuber zu werden – wie Y-Titty zum Beispiel", stellt Wilhelm klar. „Es ist nicht unser Ziel, dass wir jetzt als Boyband vermarktet werden.“

Nur ein Fünftel der Anhänger kommt überhaupt aus Deutschland. Deshalb will sich be jappy in Zukunft auch ein Stückweit neuerfinden – um die ganze Welt zu erreichen. Am 30. August soll es den "japy day" geben, überall sollen Menschen an diesem Tag Gutes tun. Währenddessen wollen die Vereinsgründer erstmal stabilere Strukturen schaffen.



"Weiter als zwei bis drei Wochen können wir zurzeit nicht planen", sagt Zimmermann. Weitermachen wollen sie aber auf alle Fälle. Auf YouTube ist bereits die nächste Aktion zu sehen. Peter Wilhelm steht vor dem Freiburger Hauptbahnhof und sammelt High Fives – für jeden Handschlag gibt es einen Euro. 130 Euro kommen so zusammen – den Großteil davon spenden die vier Studenten selbst.

   




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 4
Donnerstag, 14.08.14 09:17
 

"Am 30. August soll es den "japy day" geben, überall sollen Menschen an diesem Tag Gutes tun"

Aber bitte auch nur an diesem Tag was gutes tun, an den restlichen Tagen bitte wieder normal verhalten.

An deren Stelle hätte ich jedoch Kohle bei Youtube geholt, diese Kohle hätten sie spenden können und anderen Menschen helfen. Zusätzlich sagt man den user noch sie sollen auf die Werbung klicken, damit man noch extra spenden kann. WIN WIN für alle.

Davon ab, halte ich nicht viel von solchen Aktionen wie "pro High Five ein Euro", einfach spenden und gut ist.

Donnerstag, 14.08.14 10:30
 

Dass man das Geld sofort hätte spenden können, war auch mein erster Gedanke.

„Wir helfen durch Inspiration“

Das reicht mir persönlich nicht aus.

Sonntag, 17.08.14 15:05
 

Mal wieder typisch Selbstdarsteller... Mir als Obdachlosem wärs total unangenehm. Hab vom Zuschauen schon fast Krämpfe bekommen. Warum nicht einfach das ganze Jahr über ohne viel Tamtam nett und hilfsbereit? Ganz einfach: Hier geht es mal wieder nicht darum, Menschen wirklich zu helfen oder sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sondern nur um den Erfolg des eigenen Projekts - schlicht: Angeberei.

kus
Mittwoch, 20.08.14 20:31
 

Wird bei den Videos auf YouTube eigentlich Werbung eingespielt?

Laut Socialblade (das ist ein YouTube-Statistik-Dienst) käme da ein ziemlich hünsches Sümmchen zusammen:
http://socialblade.com/youtube/user/bejapyev

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