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Warum Freiburger Musikwissenschaftler ein Instagram für Geräusche bauen wollen

Der Freiburger Musikwissenschaftler Prof. Dr. Rainer Bayreuther hat mit seinem Team 10.000 Euro bei einem Hochschulwettbewerb gewonnen. Die Idee: "Soundcaching", eine Website, auf der man Geräusche hochladen, verorten, sortieren und mischen kann. Wie "Soundcaching" funktionieren soll:

mic vor bagger

Jetzt geht es allmählich an die Realisierung: Eine der 15 Siegerideen beim Hochschulwettbewerb "Mehr als Bits und Bytes – Nachwuchswissenschaftler kommunizieren ihre Arbeit" kommt von der Uni Freiburg. Der Wettbewerb findet im Wissenschaftsjahr 2014 "Die digitale Gesellschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung statt.

Was das Team um Prof. Dr. Rainer Bayreuther vor hat, hat zumindest die Anlagen, um eine Art Instagram für Geräusche zu werden. Soundcaching, so der Projektname, wird ein Tool, um auf einer Karte Geräusche abzulegen und wieder anzuhören. Wenn das neue Social-Media-Tool von den Nutzern angenommen wird, könnte eine neue Datenschicht über Stadt und Land entstehen.

Was soll Soundcaching einmal sein?

Rainer Bayreuther: Soundcaching hat einen spielerischen und einen wissenschaftlichen Aspekt. Der spielerische hat mit Social Media zu tun. Die Idee ist, ein Geocaching mit Sounds aufzubauen. Das heißt, dort, wo man gerade ist, kann man Sounds mit anderen teilen.

Es wird einen elaborierten Player geben, der die Sounds nicht nur abspielen, sondern auch filtern kann. Man kann sich zum Beispiel alle Sounds, die gestern in Tokio hochgeladen wurden, anhören. Oder Sounds einer Kategorie: Vogelstimmen, Windgeräusche, Baustellengeräusche, oder was auch immer.

Man soll die Sounds aber auch in beliebiger Weise hintereinander oder übereinander legen können, so dass man sich individuelle Soundscapes – virtuelle Soundräume – aufbaut. Etwa den Sound einer Stadt, kombiniert aus Tokio und Chicago, oder die Vogelstimmen aus dem Schwarzwald, dem Pfälzer Wald und dem Bayerischen Wald zusammen.


portrait bayreuther

Das ist alles sehr spielerisch. Und worin genau besteht der wissenschaftliche Aspekt?

Wenn wir Geräusche beschreiben, dann benennen wir meistens nicht die Qualität des Sounds selbst, sondern seine Quelle. Wir sagen “Baustellenlärm” oder “Vogelstimme”, die Baumaschinen und die Vögel sind die Soundquelle. Wir machen aber überhaupt keine Aussage darüber, welcher Art der Sound für sich selber genommen ist.

Das ist ähnlich wie bei Gerüchen. Wir sagen, wonach etwas riecht, aber wie der Geruch selbst, unabhängig von der Quelle, beschaffen ist, dafür hat unsere Sprache keine Worte.

Interessanterweise hat auch die ganze Musiktheorie in den Jahrtausenden, die sie existiert, dafür überhaupt keine Adjektive, keine Kategorien erfunden. Erst im 20. Jahrhundert hat man versucht, sogenannte Soundphänomenalitäten aufzustellen, aber auch eher auf einer metaphorischen Ebene: klingt ein Sound eher rau oder glatt, hoch oder tief?

Das kriegen wir noch hin mit unserer Alltagssprache. Ist er eher dünn oder dick, schlank oder voluminös - all das sind schon schwierigere Eigenschaften, Dimensionen von Sounds, die unser Hirn offenbar irgendwie versteht und verarbeitet, und daran Identifizierungen vornimmt: “Es ist eine Drossel und keine Amsel”.

Unser Gehirn hat offenbar eine Art Phänomenalität von Sounds, aber in die Sprache ist sie nicht gedrungen. Und genau den Weg dazu wollen wir gehen, in dem wir das Material ausnutzen, das sich beim Soundcaching allmählich ansammelt.

Was kann Soundcaching dazu beitragen?



Es wird spannend sein, wie sich das Kategoriensystem entwickelt. Wir werden keine festen Kategorien vorgeben. Man muss sich also nicht für vorgegebene Schubladen entscheiden, sondern es wird so ähnlich funktionieren wie bei Google-Suchbegriffen. Über die eingegebenen Suchbegriffe wird sich ein Raster von Kategorien für Sounds entwickeln. Man soll in unserer Suchmaske, wo man zum Beispiel nach ‘Freiburg’ suchen kann, auch mit abstrakteren Suchbegriffen weiterkommen, zum Beispiel ‘rauh’. Dann wird sich im Userverhalten herauskristallisieren, was als rauh empfunden wird. Die Quellen der Geräusche können dann so unterschiedlich sein, dass sie fast keine Rolle mehr spielen.



Im Projekt haben sie eine Website vorgeschlagen. Wird es auch eine App geben?



Wir haben uns inzwischen dazu entschlossen, auch eine App zu machen, obwohl es ursprünglich nicht im Antrag stand. Die vereinfacht das Handling und das Uploading von Sounds. Das ist der entscheidende Faktor: Es muss so einfach und so schnell wie möglich gehen, Sounds hochzuladen, und das geht nur mit einer App, vor allem dort, vor Ort, wo der Sound passiert.



Wie geht es jetzt mit der Realisierung weiter? Reichen die 10.000 Euro?



Wir mussten einen glaubhaften Finanzplan mit einreichen, von daher müssten die 10.000 Euro nach unserer bisherigen Planung ausreichen. Gut die Hälfte des Geldes werden wir für professionelle Programmieraufträge ausgeben müssen. Wir sind eben Musikwissenschaftler und keine Programmierer. Der Rest des Geldes wird zur Durchführung des Projektes verwendet, beispielsweise für eine HiWi-Stelle für die vielen laufenden Arbeiten.

Wir sind praktisch dazu verdonnert, bis Ende November etwas Präsentables zu haben. Denn Anfang Dezember ist die große, öffentliche Präsentation der Ergebnisse in Berlin, wo die Jury die drei besten Projektumsetzungen auszeichnet. Aber auch darüber hinaus soll das Projekt ja funktionieren, die Website laufen, und dafür nehmen wir den Rest vom Geld, zumindest die ersten paar Monate.



In ihren Forschungsfeldern finden sich Begriffe wie Mittelalter und Heidegger - und jetzt machen Sie plötzlich ein Social-Media-Projekt. Ist das die krasse Umstellung, nach der es aussieht, oder gibt’s bei Ihnen da eine besondere Affinität?



Jein. Einige Leute in unserem Team sind sehr medienaffin. Eine Musikwissenschaft-Nebenfächlerin ist dabei, die promoviert demnächst in Kommunikationswissenschaften. Wir sind aber alle auf irgendeine Weise Computer- und Technikaffin.

Wenn Sie sich ein wenig mit Kunstphilosophie und mit Heidegger beschäftigen, dann ist völlig klar, daß Sie irgendeinen durchdachten Medienbegriff brauchen. Auch mein eigener Werdegang geht immer weiter weg vom klassischen Musikhistoriker hin zu einem Medientheoretiker der Musik. Was ist Musik, als Medium aufgefasst? Und da sind wir ganz schnell bei technischen Implementierungen. Sound als eine mediale Schicht von Filmen, von Theater, und so. Und dann haben wir einen erweiterten Musikbegriff, der eben nicht nur die komponierte Musik einschließt, sondern alle Soundereignisse, egal was. Und im Hintergrund dafür steht halt ein von Heidegger kommender Medienbegriff.



Soundcaching erinnert an Instagram oder Flickr - nur für Sounds. Glauben Sie, daß es genutzt werden wird?



Sowas gibt es noch nicht. Vor ein paar Jahren entstand in Australien aporee.com, wo man das auch machen konnte. Die konnte aber ein paar entscheidende Dinge nicht, die wir machen wollen, nämlich Sounds filtern und Sounds neu kombinieren. Dort war man stärker an die Soundquelle gebunden, und genau davon wollen wir ja wegkommen. Insofern sind wir da schon innovativ, das stimmt, aber die Idee liegt in der Luft, und wir müssen schnell sein, denn andere werden da auch drauf kommen.

soundcaching team






[Gruppenfoto: Jana Wendler, Portrait: privat]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Dienstag, 01.07.14 11:26
 

da bin ich ja mal sehr gespannt

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