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House of Cards: Interview mit dem US-Experten Christoph Haas

Sind Macht und Moral miteinander vereinbar? Diese Frage steht mit im Zentrum der Netflix-Serie "House of Cards", die die Karriere des Kongressabgeordneten Frank Underwood darstellt. Zusammen mit dem Carl-Schurz-Haus und Sky Atlantic HD strahlt die Landeszentrale für politische Bildung am Donnerstag in Freiburg zwei Folgen der zweiten Staffel aus. Wir haben vorab den Politikwissenschaftler Christoph Haas gefragt, ob Demokratie heutzutage überbewertet wird:



Herr Haas, Politik hat den Ruf, trocken bis langweilig zu sein. Wie erklären Sie sich die große Beliebtheit neuester Politserien wie "Veep", "Borgen", "House of Cards" und "Alpha House"?


Christoph Haas: Diese Frage müsste man natürlich eigentlich den Zuschauern stellen. Ich glaube, sie sind deshalb so beliebt, weil sie versuchen, einen realistischen Blick auf die Politik zu werfen. Und das wird dann mit Elementen verknüpft, bei denen es nicht um rein Politisches geht, sondern um Funktionslogik oder Macht – Elemente, die man aus dem Privaten oder aus dem Krimi-Milieu kennt.

Was fasziniert Sie persönlich an "House of Cards"?


Zu prüfen, wie nah die Serie an der Wirklichkeit dran ist.

Und? [SPOILER-ALARM!]


Kevin Spacey, der den Kongressabgeordneten Frank Underwood spielt, den Protagonisten der Serie, hat im Februar in einem FAZ-Interview gesagt, dass ein Hauptstadtkenner ihm attestiert habe, dass 99 Prozent der Serie realistisch sei und ein Prozent unrealistisch. Ob das genau so hinkommt, weiß ich nicht. Dramaturgische Spitzen wie Underwoods Mord an einem Abgeordneten finde ich schon arg übertrieben. Aber wie versucht wird, die Strippen zu ziehen, wie man andere Abgeordnete gewinnt, wie man Interessengruppen steuert, oder andersherum: wie Interessengruppen versuchen, Politiker zu steuern, was in der Politik geschieht, welche Teilaspekte in bestimmten Gesetzen berücksichtigt werden müssen, wie man Kompromisse macht beziehungsweise wie man es so aussehen lässt, als ob’s ein Kompromiss sei, obwohl es dann doch das ist, was man selbst wollte – all das ist schon sehr wirklichkeitsgetreu.

Frank Underwood sagt: "Democracy is so overrated." Hat er recht?


Es entspricht auf jeden Fall seinem Charakter. Er instrumentalisiert die Demokratie, wie sie in den USA praktiziert wird, um seine eigenen Machtvorstellungen umzusetzen. Was er damit meint, ist, dass nicht das Volk etwas zu sagen hat, sondern die Leute, die vom Volk gewählt werden. Dass es also nicht ständig irgendwelche Plebiszite und Rückkoppelungen an die Wähler gibt.

Und das in Zeiten, in denen der Ruf nach mehr direkter Demokratie immer lauter wird!


Na ja. Wenn Underwood ein Plebiszit für seine Zwecke nutzen kann, hat er sicher nichts dagegen. Wir reden hier ja nicht über eine gänzlich neue Entwicklung. Über den Machtbegriff hat sich Max Weber schon vor über hundert Jahren ausgelassen. Wer in die Politik geht und keine Macht anstrebt, der wird nie etwas erreichen können. Das ist in Demokratien nicht anders als in anderen politischen Systemen wie Autokratien oder Diktaturen. Max Weber hat dieses Eigeninteresse ja abgelehnt. Man strebt nach Macht, um der Sache zu dienen oder den Ideen, die man hat. Es ist heuchlerisch zu glauben, dass es im politischen Spiel ohne Macht zugeht. Auf der anderen Seite ist Demokratie immer so konstruiert, dass die Souveränität letztlich beim Volk liegt. Wer seine Macht in einer Weise instrumentalisiert, die das Volk nicht mehr trägt, der wird bei der nächsten Wahl verschwinden.



Ist "House of Cards" auch deshalb so beliebt, weil die Serie uns bestätigt, was wir meinen, schon immer gewusst zu haben?


Da steckt ein Körnchen Wahrheit drinnen. Die Serie spielt damit, wie seine Zuschauer Demokratie erleben, dass immer wieder Skandale aufgedeckt werden, dass Macht korrumpiert, dass Interessen durchgesetzt werden, die gegen das fiktive Gemeinwohl stehen. In den jüngeren TV-Serien tauchen ja auch Hauptdarsteller auf, die nicht mehr die Heile Welt repräsentieren, sondern negative Stärken haben, so wie Walter White oder Tony Soprano. Da ertappt man sich beim Zuschauen dabei, gewisse Sympathien für Charaktere zu zeigen, die man eigentlich total ablehnen würde.

Serienjunkies.de hat behauptet, dass sich Frank Underwood von Antihelden wie Tony Soprano darin unterscheiden würde, dass er das personifizierte Böse sei und es keine Hoffnung gebe.


Underwood würde das von sich selbst nicht sagen. Das ist eine Frage der Perspektive. Ich weiß nicht, ob man so eine Kategorie bei so einer Figur überhaupt aufmachen kann. Ob es noch Hoffnung für ihn gibt, ist da die falsche Frage. Underwoods Hoffnung ist es, Präsident zu werden. Und das ist keine Frage der Moral, sondern des Strebens nach Macht und der Umsetzung desselbigen, keine des Ethischen oder Religiösen, sondern eine des Politischen. In letzter Form hat sie einen macchiavellistischen Charakter. Das heißt, manchmal muss der Politiker nicht fragen, was gut oder schlecht ist, sondern, was der Sache dient und ob der Zweck die Mittel heiligt.

Würde das in einer deutschen Version von "House of Cards" genau so aussehen?


Keine Ahnung. Aber wenn man etwas bewegen will, ist es immer wichtig, ein Netzwerk zu haben, Ideen, Taktik und Strategien. Selbst Jürgen Trittin hat ja gesagt: "Es ist immer gut, wie Frank Underwood mehrere Eisen im Feuer zu haben." Die Elemente, die man in der Serie zu sehen kriegt, sind auf alle politischen Systeme und Demokratien übertragbar. Und wenn man sich den parlamentarischen Betrieb anguckt, um den es in der ersten Staffel ja geht, ist es in Deutschland nicht anders: Die Fraktionsführer versuchen, ihre Truppen zusammenzukriegen und die Mehrheiten zu gewinnen, und die Regierung, die dann eben die Mehrheit im Parlament stellt, will ein möglichst einheitliches Abstimmungsverhalten. Wer sich daran nicht hält, wird abgestraft – das sind normale Prozesse, und jeder Politiker weiß, dass so etwas passieren kann. Bei der CDU haben die Abweichler, die gegen den Euro-Rettungskurs gestimmt hatten, teils ihre Posten im Haushaltsausschuss verloren. Underwood würde sagen: Diese Leute respektiere ich nicht, weil sie mehr dem Gewissen gehorchen als der Machtsache.

War Karl-Theodor zu Guttenberg der deutsche Frank Underwood?


Insofern nicht, als er etwas hatte, was bei Underwood nicht so wichtig ist. Letzterer wird in einem kleinen Wahlkreis in South Carolina gewählt und ist keine populistische Figur. Als Majority Whip wird er nicht durch die Begeisterung des Volkes und seine charismatische Ausstrahlung getragen, die ihn in Max Webers Worten zu einem Demagogen machen würde. Er zieht eher im Hintergrund die Strippen – im Gegensatz zu Guttenberg, jenem Rising Star, der den Zuspruch der Öffentlichkeit erhielt und Boulevard-Elemente in die Politik einbrachte. Das hatte man bei Christian Wulff ja auch – jenem Boulevard-Präsidenten, der sein Privatleben offen legte. So etwas würde ein Underwood nie machen.



Wie könnte eine deutsche Version von "House of Cards" denn aussehen?


Das ist schwierig. Der Präsidentialismus des US-amerikanischen Regierungssystems macht "House of Cards" grundsätzlich spannend. In Deutschland haben wir vom Typus des Regierungssystems her einfach eine andere Konstellation. Ein Fraktionsvorsitzender des Bundestags würde als Gegenspieler der Kanzlerin nicht wirklich funktionieren. In den USA kann ein Kongressführer die Regierung viel stärker vor sich her treiben. Andererseits haben England und Dänemark ein ähnliches System wie Deutschland und dort waren Politserien wie "The Thick Of It" und "Borgen" sehr erfolgreich. Vor neun Jahren hat das ZDF so etwas ja mal mit seiner Produktion "Das Kanzleramt" versucht, die aber nicht so gut ankam und nach der ersten Staffel abgesetzt wurde. Ich glaube, letztlich kommt es auf ein gutes Drehbuch an. Vom Plot her ist es möglich. Aber man muss sowohl das eigene politische System verstanden haben als auch den Zeitgeist treffen.

Was gefällt Ihnen an "House of Cards" bisher am besten?


Washington ist meine zweite Heimat. Ich hab’ da Praktika gemacht, ich kenn’ das Repräsentantenhaus aus der Innenperspektive. Und wenn man sich die Serie anguckt, merkt man, wie mächtig dieses Land ist und was für wichtige Dinge dort entschieden werden. Man spürt: Hier passiert was. Hier werden die Strippen der gesamten Nation gezogen. Und das bringt die Serie extrem gut rüber. Auch dass Underwood Dossiers über andere Abgeordnete anlegt, wie er sie in Schwierigkeiten bringen kann, wie er ihre Zustimmung gewinnt – das sind schon Dinge, die manche einfach auch so machen. Und das funktioniert, solange man nicht eine Gruppe anderer gegen sich hat, die das Machtspiel genau so verstehen und betreiben. Von der zweiten Staffel verspreche ich mir, dass Underwood merkt, dass er die Macht anderer an manchen Punkten nicht so einfach steuern und durchbrechen kann.

Was hat Ihnen missfallen? [SPOILER-ALARM!]


Zum Beispiel, dass Underwood einen anderen Kongressabgeordneten in dessen Garage ermordet. Das halte ich für völlig daneben. Politische Gegner erledigt man anders. Andererseits sind solche dramaturgischen Zuspitzungen auch zulässig, weil diese dem Erfolg der Serie zuträglich sind und damit bestimmte Inhalte stärker transportiert werden können.

Zur Person

Christoph Haas, 45, ist Akademischer Rat am Seminar für wissenschaftliche Politik und US-Experte der Uni Freiburg. Promoviert wurde er 2001 mit einer Arbeit über Haushaltsverfahren in den Einzelstaaten der USA. Als Student absolvierte er zuerst ein Praktikum im Repräsentantenhaus bei einer Abgeordneten aus Maryland, dann eines im Finanzministerium von Maryland. Später kehrte er mehrfach ins Repräsentantenhaus zurück, um für seine wissenschaftlichen Arbeiten zu recherchieren.





Die zweite Staffel der Netflix-Serie "House of Cards" läuft kommender Woche immer montags, 21 Uhr auf Sky Atlantic HD. Die erste Staffel gibt es bereits als DVD-Box oder im iTunes-Store.

Was: "House of Cards" exklusiv; zwei Folgen der zweiten Staffel mit anschließender Diskussion mit Christoph Haas
Wann: Donnerstag, 20. März 2014, 16 Uhr
Wo: Landeszentrale für politische Bildung, Außenstelle Freiburg, Seminarraum, Bertoldstraße 55



[Bilder 1 bis 3: Sky Atlantic HD; Bild 4: Privat]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Mittwoch, 19.03.14 13:57
 

HBO macht großartige Serien, aber House of Cards hat nix mit HBO zu tun. Das ist eine Netflix Serie

Mittwoch, 19.03.14 14:01
 

gutes interview, aber der HBO-fauxpas - puh ...
die 2. staffel haut insgesamt noch mehr auf die kacke wie die erste. lohnt sich.

Mittwoch, 19.03.14 14:33
 

@lissie & popo:

absoluter fauxpas, danke für den hinweis und dickes sorry. freudscher verschreiber, weil ich beim feinschliff gerade noch die sky-website aufhatte, die auf der hoc-seite "home of hbo" stehen hat.

als hbo-serien- und house-of-cards-stammschauer, weiß ich natürlich, dass hoc 'ne netflix-serie ist - und was das für den serienkonsum bedeutet (stichwort: binge watching).

witzigerweise bringt amazon seine serie "alpha house" ja oldschoolig im wochenrhythmus heraus.


supermanuel hat den Kommentar am 19.03.2014 um 14:43 bearbeitet
Mittwoch, 19.03.14 15:05
 

Hier kommt der nächste Fauxpas:
serienjunkies.org und serienjunkies.de sind nicht die gleiche Seite. Ihr solltet den Text anpassen!

Mittwoch, 19.03.14 15:06
 

lol. quasi fehler in serie. noch was? ich lass' das editierfenster mal offen. gerade noch mal nachgeschaut: FAZ stimmt auf jeden fall, und mein gesprächspartner hieß glaub ich tatsächlich christoph haas ;)


supermanuel hat den Kommentar am 19.03.2014 um 15:10 bearbeitet
Mittwoch, 19.03.14 15:14
 

serienjunkies.org ist wohl macht der Gewohnheit, was ;)

Mittwoch, 19.03.14 15:22
 

supermanuel: kann passieren. kann man auch drüber hinweg sehen.
dennoch guter artikel. mehr davon!

Mittwoch, 19.03.14 19:45
 

Die Süddeutsche Zeitung zum Thema Netflix vs. illegale Streamingdienste:

http://tinyurl.com/njctkun


supermanuel hat den Kommentar am 19.03.2014 um 19:46 bearbeitet
Donnerstag, 20.03.14 01:39
 

Danke für den Spoiler mitten im Interview ohne Vorwarnung, gibt auch Leute die sowas lesen und die Serie noch nicht komplett gesehen haben.

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