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"Tanzen ist irgendwie hemmungslos": Beim BrainDance tauschen sich Menschen mit Parkinson und Tänzer im Theater Freiburg aus

Menschen mit Parkinson können bestimmte Bewegungen nicht mehr richtig machen, Tänzer hingegen gelten als Bewegungsexperten. Das Projekt BrainDance des Uni-Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools bringt beide Gruppen im Theater Freiburg zusammen und lässt sie miteinander sprechen. Wie das aussieht, konnte fudder-Autorin Alicja Schindler bei einer offenen Probe am Donnerstag erleben:



„Das hat mich sehr beeindruckt." Gespannt drehen die zwei Männer mit Hemdkragen und die beiden Frauen mit Socken und Trainingshose die Köpfe. Ihre Blicke sind erwartungsvoll, sie heben die Augenbrauen, lächeln aufmunternd von der Bühne ins Publikum und warten. Nichts weiter. Die Frau in der ersten Reihe bleibt regungslos sitzen, während die Augen der vier auf der Bühne unruhig nach einem neuen Anknüpfungspunkt suchen.

„BrainDance“ ist der Titel des Gemeinschaftsprojekts von Theater Freiburg und Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools der Uni Freiburg. Bei der Open Practice am Donnerstag, 27. Februar ist die Kammerbühne voll mit Menschen aus allen Altersstufen, die mehr über das Zusammenspiel von Tanz, Wissenschaft und Parkinson erfahren möchten. Oliver Müller ist Philosoph, Gunnar Grah ist Pressesprecher bei BrainLinks-BrainTools und damit zuständig für die Verbindung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Monica Gillette und Mia Haugland Habib sind Tänzerinnen.

Während Gunnar Grah erklärt, dass sie als Wissenschaftler in ihrem Turm sitzen und Ansätze erforschen, neurologische Krankheiten zu behandeln, sitzt Mia Haugland Habib auf einem weißen Stuhl am Rand und dehnt ihre Tänzerinnenfüße. Ziel von BrainLinks-BrainTools ist es, nicht erst zur Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse an die Öffentlichkeit zu gehen, sondern schon vorher raus aus dem Elfenbeinturm und rein in den Dialog mit der Gesellschaft zu treten.

Tanzstunden für Menschen mit Parkinson

Parkinson ist eine neurologische Krankheit, deren Symptome als Bewegungsstörungen zu beschreiben sind. Deshalb befassen sich die Neurowissenschaftler grob gesagt mit dem Thema Bewegung. „Und Tänzer sind Bewegungsexperten.“, leitet Oliver Müller über. So kommt man also von Brain zu Dance. Zwei Ansätze treffen hier aufeinander, der wissenschaftliche und der künstlerische. In der Wissenschaft ist Tanzen bei Parkinson schon länger eine anerkannte Möglichkeit, das Wohlbefinden zu steigern. Für die Tänzerinnen ist BrainDance ein Projekt der künstlerischen Forschung. Sie gehen damit über das Repertoire der bisher erlernten Fähigkeiten hinaus.

Zwei Wochen lang haben sie zu Beginn des Projekts in verschiedenen Büros der Uni gesessen, um dort mit Wissenschaftlern zu sprechen und Parkinson kennenzulernen. Entstanden sind nun vier unterschiedliche „Tracks“, als Teile des Projektes: Monica Gillette und Mia Haugland Habib geben zweimal in der Woche Tanzstunden für Menschen mit Parkinson. Ihre „studio diaries of physical thinking“ entstehen zu zweit im Tanzstudio. Für diese Studiotagebücher stellen sich die Tänzerinnen selbst Aufgaben, die jeweils auf bestimmte Symptome von Parkinson zugeschnitten sind.



Der dritte Teil umfasst die wöchentlichen Treffen zwischen Kunst und Wissenschaft. Aktuelles wird dort diskutiert, und die Tänzerinnen werfen Fragen aus der tänzerischen Praxis in den Raum  – was laut Gunnar Grah durchaus schon einige auf einen bestimmten Ansatz festgelegte Wissenschaftler kurz mal aus der Bahn und dann auf einen neuen Experimentieransatz geworfen hat. Der vierte Teil sind die Open Practices im Theater, zu denen jeder eingeladen ist. Sie sollen einen unverstellten Einblick in die Zusammenarbeit von Tanz und Wissenschaft bieten.

Bei der ersten von insgesamt drei Open Practices geht es um die Einführung in das Projekt. Zur Lockerung gibt es ein Übungsschmankerl aus den Tanzstunden, das das Publikum im Sitzen mitmachen kann. Um zu zeigen, was innerhalb der „Studiotagebücher" zu zweit im Tanzstudio passiert, zeigen Monica Gillette und Mia Haugland Habib eine Übung, die sie selbst aus einem Parkinsonschen Syndrom entwickelt haben. Normalerweise dauert sie 40 Minuten, für den Abend der Open Practice genügen erst mal acht.

Die Stimmung ist angespannt

Mia Haugland Habib stellt den Wecker. Sie setzt sich auf den weißen Linoleumboden und starrt zu Boden. Monica Gillette steht aufrecht und ihr zugewandt. Einzelne Köpfe aus dem Publikum recken sich nach oben. Nichts passiert. Irgendwann scheint sich die Hand von Monica Gillette ein Stück bewegt zu haben. Die Stimmung ist angespannt – die Körper der Tänzerinnen ruhen, und trotzdem scheint ihre Aufmerksamkeit jeden einzelnen Muskel in Spannung zu versetzen.

Langsam, sehr langsam schiebt sich der Oberkörper der stehenden Tänzerin Richtung Boden. Die Sitzende lässt ihren Körper seitlich zu Boden wandern. Ein Ziel – die beiden scheinen ein Ziel zu fokussieren. Irgendwohin muss die Bewegung doch führen. Wird die Stehende fallen? Man möchte aufspringen und zu Hilfe eilen. Langsam aber zuverlässig winden sich die Tänzerinnen in ihrer Bewegung. Als nach acht Minuten der Wecker klingelt, atmet das Publikum auf. Man fängt an, sich wieder zu bewegen, die Nackenstarre lockert sich. Langsamkeit der Bewegung ist ein Symptom von Parkinson.

An dieser Stelle beginnt man zu verstehen, warum Brain auch Dance braucht. Warum Wissenschaftler ins Theater kommen, um mit Tänzerinnen zu sprechen. Aus der körperlichen Arbeit lassen sich Eindrücke von Bewegung gewinnen, die man nicht bekommt, wenn man ausschließlich theoretisch darüber nachdenkt. Was passiert, wenn ein unkontrollierbares Symptom wie bei Parkinson auf den eigentlich kontrollierbaren und flexiblen Körper eines Tänzers trifft? 40 Minuten lang jede Bewegungsabsicht visualisieren und kleinste Bewegungsabschnitte analysieren, bevor sie durchgeführt werden. Das dreimal am Tag.



Das hört sich hart an für Tänzerinnen – Menschen mit Parkinson leben damit. Nicht nur 40 Minuten. „Es wäre doch schön, wenn alles nur Gehirn wäre“ sagt Oliver Müller schmunzelnd. Und meint damit, dass das angehängte Dance an Brain dem steten Messen und Analysieren der Wissenschaftler eine ganz neue Art der Reflektion von Bewegung ermöglicht.

Zwei Wochen lang geben Monica Gillette und Mia Haugland Habib nun Tanzstunden für Menschen mit Parkinson. In einem kurzen Trailer gibt ein Teilnehmer etwas verlegen zu: „Tanzen ist irgendwie hemmungslos. Man gibt innerlich etwas frei. Große, ausschweifende Bewegungen – das mache ich sonst nie. Aber ich merke, dass es mir eigentlich ganz gut tut.“

Zwei Teilnehmerinnen sitzen im Publikum. In der ersten Reihe. Eine davon sagt nach der Acht-Minuten-Übung – bei der die Tänzerinnen innerhalb der wissenschaftlichen Erklärungen und Fachwörter für eine kurze Weile die Langsamkeit zeigen, mit der die Frau täglich zu kämpfen hat – „Das hat mich sehr beeindruckt." Nichts weiter.



Zwei weitere Open Practices finden statt am 11. März und am 3. April 2014 im Theater Freiburg, Kammerbühne, 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Mai findet die offizielle Premiere der Ergebnisse der Zusammenarbeit statt.


Die Teilnahme an der Tanz-Reihe für Menschen mit Parkinson von Monica Gillette und Mia Haugland Habib ist kostenlos. Anmeldung per E-Mail unter braindance@theater.freiburg.de.





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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Dienstag, 04.03.14 11:35
 

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