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"Rassismus ist überall vorhanden": Interview mit #SchauHin-Mitbegründerin Jamie Schearer

Seit zwei Wochen gibt es den Hashtag #SchauHin, unter dem Twitter-User ihre Erfahrungen mit Rassismus teilen können. Was #SchauHin für Betroffene tun kann und wie es zur Idee kam, beantwortet Mitbegründerin Jamie Schearer.


„Alltagsrassismus ist eigentlich oft das, was man nicht in Worte fassen kann. Erlebnisse, die in keinen Tweet passen“, schrieb Kübra Gümüşay in einem Tweet mit dem Hashtag #SchauHin. Warum ist Twitter trotzdem ein geeignetes Medium für dieses Thema?


Jamie Schearer:
Durch dieses Statement wird die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dass nicht alles artikuliert werden kann, es aber dennoch da ist. Deshalb ist es wichtig, verschiedene Perspektiven in unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Viele Leute haben nicht immer Lust, einen langen Artikel zu lesen. Auf 140 Zeichen kann man einen Ausschnitt oder ein kurzes Statement zusammenfassen, das nicht so viel Aufmerksamkeit erfordert.


Schauen wir zu oft weg?


Die neuen Medien machen viel für uns Menschen, die sich aktiv gegen Alltagsrassismus oder Rassismus generell einsetzen. Sie schaffen Räume, damit wir diese Dinge artikulieren können. Ich glaube, das macht es schwerer, wegzuschauen. In Zeiten, wo es nur Bücher gab, war das anders. Da musste man erst mal in die Position kommen, von einem Verlag ausgewählt zu werden und ein Buch schreiben zu können. Dann musste dieses Buch auch noch gut laufen. Heute lässt es sich nicht mehr so leicht kaschieren. Blogs, Tweets und Facebook spielen eine ganze wichtige Rolle, um Gegenbewegungen und Gegennarrativen zu Fremdzuschreibungen durch Mainstream-Medien zu schaffen.

Gab es für #SchauHin einen konkreten Auslöser? Zum Beispiel der NSU oder Thilo Sarrazins Thesen?


Ereignisse um den NSU und Sarrazin machen deutlich, dass wir diese Debatte ganz dringend brauchen und der Mainstream so etwas verharmlost, obwohl Alltagsrassismus ziemlich präsent ist in unserer Gesellschaft. Es gibt zwar nicht einen Auslöser wie bei #Aufschrei, aber ich glaube, dass #SchauHin zeigt, was neue Medien machen können, um auf solche Probleme hinzuweisen. Denn Alltagsrassismus betrifft uns seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten. Für Schwarze Menschen oder generell für People of Color ist das Alltag.


Für wen soll #SchauHin ein Sprachrohr sein?


Alle können sich äußern. Das ist wichtig, um ein Gespür dafür zu entwickeln, dass es jeden angeht. Alltagsrassismus wird häufig so dargestellt, als ob nur Betroffene, die direkt Rassismus erfahren, über dieses Problem sprechen dürfen. Aber es ist eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. Rassismus ist in der Gesellschaft überall vorhanden.


Was sind Beispiele für Rassismus im Alltag?


Was in den Tweets zu #SchauHin häufiger vorkam, waren Erfahrungen mit der Frage: „Woher kommst du?“. Lautet die Antwort zum Beispiel „Ich komme aus Berlin“ wird automatisch insistiert, dass das nicht sein könne und nach der Herkunft der Eltern gefragt. Aber auch Dinge wie Racial Profiling sind Beispiele für Rassismus, der im Alltag stattfindet. Das lässt sich nicht klar von institutionellem Rassismus trennen. Alltagsrassismus kann auch institutioneller Rassismus sein, weil wir den in Behörden erfahren.


Du bis im Beirat der Initiative für schwarze Menschen. Hast du selbst schon Erfahrungen mit Rassismus gemacht?


Ich weiß gar nicht, ob man das bündeln kann. Oft sind es die gleichen Narrativen oder die gleichen Fragen, die man gestellt bekommt, die gleichen Anfeindungen, die man erlebt. Etwa der Hinweis, wie gut man doch Deutsch spricht oder die Frage, wann man wieder zurück nach Afrika geht oder die Beschimpfung mit dem N-Wort. Es hat ganz viele Facetten und lässt sich nicht runterbrechen auf eine Erfahrung oder mich als Individuum.


Welche Auswirkungen hat Alltagsrassismus auf dich und dein Leben?


Es macht einen großen Teil meines Lebens aus, weil ich mich bewusst entschieden habe, aktiv zu sein und mich dagegen zu positionieren.

Da Rassismus ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft ist, hat er direkte Auswirkungen. Zum Beispiel durch Racial Profiling. Viele Vorfälle haben unweigerlich mit Rassismus zu tun und damit, wie das System auf Schwarze Menschen reagiert. Ich möchte oder kann mich zum Beispiel nicht in gleicher Art und Weise auf die Polizei verlassen wie das ein weißer deutscher Bänker kann. Da spielen natürlich auch andere Faktoren rein, die Gewicht haben, wenn wir in unserem System miteinander umgehen, wie Gender oder Class.

Auch in der Schule hat Rassismus Auswirkungen, wenn Kindern mit Zuwanderungsgeschichte gewisse Dinge nicht zugetraut werden. Es gibt Studien, die das bestätigen.


Wie kann #SchauHin Betroffenen helfen?


Wenn wir es schaffen, dass bei Menschen mit gewissen Privilegien in unserer Gesellschaft ein Bewusstseinswandel stattfindet. Dann erreichen wir hoffentlich, dass die Leute Rassismus nicht fortschreiben, sondern ein bewussterer, respektvollerer Umgang miteinander entsteht. Daran glauben wir.

Es werden immer wieder auch rassistische Tweets unter #SchauHin gepostet. Nimmt euch das den Wind aus den Segeln oder bekräftigt das das Konzept von #SchauHin?


Es ist natürlich nicht schön, aber es ist Teil der Realität. Es zeigt, dass es das Problem gibt und in der Sphäre ganz klar Rassismen fortgeschrieben werden. Es wäre erstaunlich gewesen, wenn nicht irgendwer aufgetaucht wäre, um zu stänkern.

Zur Person

Jamie Schearer ist 28 Jahre alt und hat Politikwissenschaft, Amerikanistik und Ethnologie studiert. Momentan schreibt sie an einem Exposé für ihre Doktorarbeit. Sie ist im Beirat der Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V.

Bei einer Blogger-Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin, bei der es um Rassismus und Sexismus im Internet ging, hielt sie den Input-Vortrag zur N-Wort-Debatte. Die Idee zu #SchauHin entstand in der anschließenden Diskussion unter der Fragestellung, wie Twitter genutzt werden kann, um auf das Thema Alltagsrassismus hinzuweisen. Hauptinitiatorin war Bloggerin und Journalistin Kübra Gümüşay.

Im Rahmen von #SchauHin wurde mittlerweile ein Medienteam gegründet, dem auch Jamie angehört. Damit wollen die Initiatorinnen die Breite der Betroffenen abzeichnen und zeigen, dass es viele Organisationen gibt, die zum Thema Alltagsrassismus arbeiten. Menschen aus verschiedenen Organisationen, aber auch Aktivistinnen wurden an Bord geholt, um das Projekt nicht nur auf Kübra Gümüşay zu begrenzen.

Zu #SchauHin

Unter dem Hashtag #SchauHin werden seit Freitag, den 6. September 2013, Erfahrungen mit Rassismus im Alltag auf Twitter geteilt. In den letzten Wochen wurden zahlreiche Tweets mit #SchauHin getaggt, wodurch sich ein Twitter-Protest formiert hat, der dem Ausmaß von #Aufschrei, dem Hashtag gegen Sexismus, nahekommt.





[Foto: Privat]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Mittwoch, 18.09.13 16:37
 

Coole Sache :-)

Ob das "Jammern" bzw. das gemeinsame "Jammern"auf Twitter etwas bewirkt, mag ich bezweifeln :-(

Mittwoch, 18.09.13 20:33
 

"Was in den Tweets zu #SchauHin häufiger vorkam, waren Erfahrungen mit der Frage: „Woher kommst du?“. Lautet die Antwort zum Beispiel „Ich komme aus Berlin“ wird automatisch insistiert, dass das nicht sein könne und nach der Herkunft der Eltern gefragt."

Naja, ne?
"Rassismus ist eine Ideologie, die „Rasse“ in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlichen bestimmenden Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften deutet."
(http://de.wikipedia.org/wiki/Rassismus)

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