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Nightlife-Guru: Auf einen letzten Drink in der Nachtschicht

Pimmelparade, 3-Euro-Cocktails und Abi-Mäuschen in Abendkleidern vom C&A gab's zur Closing-Party der Nachtschicht im Bermuda-Dreieck. Klar, dass unser Nightlife-Guru auf einen letzten Drink vorbeischaute - und sogar ein bisschen melancholisch wurde:


Die Jungs an der Tür
 
Ich komme gegen Mitternacht an und sehe eine ordentliche Zahl junger Menschen auf dem Platz zwischen Schlappen, Burger-King und Nachtschicht stehen. Wollen die etwa alle auch zur "Schicht-im-Schacht-Closing-Party"? Antwort: Nein, alles nur Kneipenraucher, die ihre Glimmstängel in die milde Nacht halten oder "frische Luft" brauchen.

Am Einlass ist wenig los, ich muss nicht anstehen. Auf mein locker-fluffiges "Guten Abend" bekomme ich keine Antwort vom düster dreinblickenden Türpersonal. Stattdessen werde ich von oben bis unten gemustert; meine Kleiderwahl - ausgelatschte Sneakers, Umhängetasche, blauer Hoodie - scheint nicht allzu Nachtschichtreif zu sein. Kopfschütteln.

An der Kasse bekomme ich von einem unmotivierten Mädel mit Fluppe im Mund gegen 5 Euro unsanft einen dicken Stempel auf mein rechtes Handgelenk gedrückt. Ein fettes "Danke" steht von da an auf meiner Haut. Während ich mich wundere, wofür überhaupt, stehe ich auch schon im Keller an der Garderobe.  

Inneneinrichtung & Deko

Der letzte Besuch in der Nachtschicht ist schon eine Weile her. Viel geändert hat sich aber nicht. Es wäre euphemistisch, den Zustand der Räume als heruntergekommen zu bezeichnen. Deutlich zu sehen ist: Hier wurde schon sehr, sehr lange nicht mehr renoviert oder repariert - warum auch, wenn man weiß, dass sowieso bald Schicht im Schacht sein wird.

Billiges Parfum und Zigarettenrauch liegen in der Luft. Immerhin funktioniert der Spielomat neben der 3-Euro-Theke und wird den ganzen Abend über fleißig mit Euro-Münzen gefüttert.



Anders sieht es im zweiten großen Raum - dem "Vibes-Club" - aus. Zwar entspricht die Inneneinrichtung mit Tribal-Tapete und viel Schwarzlicht nicht zwingend meinem Idealbild von Party-Deko, aber dafür sieht es hier deutlich gepflegter aus als im Nebenraum.

Doch: Ich darf an diesem Abend nicht in den Vibes-Club rein, denn an ihrem großen Closing-Abend hat die Nachtschicht seinen Sub-Club einer After-Abi-Ball-Meute untervermietet - ganz schön frech beziehungsweise scheiße!  

Wer war da?

Nach einem Ausflug in eine Kneipe meines Vertrauens habe ich mir genügend Mut angetrunken, und so kehre ich gegen 3 Uhr in die Nachtschicht zurück. Unten angekommen muss ich erstaunt feststellen, dass die Tanzfläche und auch der Rest des Disko sehr gut besucht ist. Männer aller Alterklassen prägen das Bild.

"Was isch den des hier wieder für eine Pimmelparade heut'", höre ich - sehr treffend - einen jungen Mann mit La-Martina-Hemd zu seinem stämmigen Kumpels sagen, als ich mich weiter mit Alkohol eindecken will, um das alles - das, was um mich herum geschieht - besser ertragen zu können.



Dass ein Club wie die Nachtschicht - trotz Renovierbedürftigkeit und ausgelutschter Mucke - eine Daseinsberechtigung hat, wird mir deutlich, als ich am Rande der Tanzfläche die Feiermeute genauer beobachte. Hier scheinen die Leute richtig Spaß zu haben. Trotz Männerüberschuss und obwohl viele der Kerle so aussehen, als hätten sie zu oft am Testosteron-Lollie gelutscht, ist die Stimmung ausgelassen und in keinster Weise aggressiv.

Wohin werden die Nachtschichtler ausweichen, wenn dieser Laden in der Früh endgültig seine Lichter ausmacht?  

Partyatmo & Klangwaren-TÜV

Auch die Musikanlage hat ihre besten Zeiten hinter sich - falls sie jemals welche hatte. Was aus den Boxen kommt, klingt blechern und schmerzt in den Ohren. Das bunten Ensemble aus DJs scheint das nicht zu stören, und so werden die Lautstärkenregler am Mischpult knarrend bis zum Anschlag hochgeschoben. Ein Glück, dass ich daran gedacht habe, Oropax einzustecken.



Die Playlist: Von Los del Rios "Macarena" über Michel Teló, "Coco Jumbo", Bushido und Sean Paul ist alles dabei. Die Dancefloor-Charts der frühen Nullerjahre stehen hoch im Kurs. Textsicher mitsingen kann auf Grund der oft fehlenden Englisch-Kenntnisse niemand - was kaum jemanden daran hindert, es trotzdem lauthals zu versuchen.  

Catering & Getränke

An der 3-Euro-Theke gibt es allerlei Longdrinks. Jedoch kosten nur die kleinen Gläser mit 0,2 Litern Inhalt besagte 3 Euro. Wer einen größeren Drink will, muss auch mehr zahlen. Mein Gin Tonic schmeckt passabel, und an Gin wurde nicht gespart - leider aber an Eiswürfeln, die an dieser Bar Mangelware zu sein scheinen.

 
Aufheiterle

Amüsant ist die Mixtur aus Nachtschicht-Stammpublikum und Abendkleid- und Anzugträgerinnen und -trägern, die das bestehen ihrer Reifeprüfung feiern. Der Lonsdale-Pulli-Träger mit Gesichtstatoo und Baseballcap versucht bei einer Gruppe von U20-Mädels in Abendkleidern zu punkten - eine wohl typische Nachtschicht-Szene, die wir leider nie, nie wieder sehen werden. Irgendwie auch schade, ein bisschen ...  

Aufregerle

Weder am Einlass noch an der Kasse werde ich darauf hingewiesen, dass die eine - vielleicht sogar bessere - Hälfte der Nachtschicht für mich gesperrt sein wird. Diese Zweiklassengesellschaft ist einer "Schicht-im-Schacht-Closing-Party" nicht würdig. Oder vielleicht gerade doch? Ein "In den Drecksladen geh' ich nie wieder!" erübrigt sich.  

Auf dem Klo um halb drei

Hier, wo schon so manch ein Schlagerfan sein Innerstes nach Außen gekehrt hat und das Pissoir nicht nur einmal verfehlt wurde, ist es heute enttäuschend unspektakulär. Während sich einige Jungs im Anzug die Haare am Spiegel stylen, ist auf dem restlichen Klo tote Hose. Kein Pissen, kein Kotzen, kein besoffener Sex. Laaangweilig.

 
Fazit und Rückblick

Ein Hauch von Melancholie befällt mich unweigerlich, als ich bei meinem letzten Drink noch mal alle Eindrücke auf mich wirken lassen.

Als die Nachtschicht 2007 dem "Glämmer" nachfolgte, dachten nur die Wenigsten, dass sich diese Art von Feiertempel im Epizentrum der studentischen Innenstadt halten würde. Doch es kam anders. Die Disse wurde zur festen Größe im Bermuda-Dreieck.



In Erinnerung werden bestimmt die Rosenmontagssausen bleiben, die grade für viele jugendliche Närrinnen und Narren aus Freiburg das Highlight der fünften Jahreszeit bedeuteten.

Aber auch der Montagabend, die "Schlagerschicht und DJ Steve XLS" verliefen oft legendär und brachten Ballermann-Feeling in die Freiburger Altstadt. Meine persönlichen Highlights aus sechs Jahren Nachtschicht: das Gastspiel von Micky Krause, der Besuch der RTL-Autoverkäufer Jörg und Dragan und der Auftritt des Schlagerbarden Tim Toupet.

Nachtschicht, du warst scheiße, aber geil. Und irgendwie wirst du mir fehlen.

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Fotogalerie: Nightlife-Guru

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Montag, 01.07.13 11:44
 

schon n paar jährchen her, aber dieser völlige kontrast zu den (gelangweilten)studenten-partys und locations fand ich immer sehr reizvoll. was das abschiessen angeht geben sich beide gruppierungen nix, eine gruppierung macht das halt auch gerne unter der woche. aber die energie die seitens der (arbeitenden) jungen freiburger bevölkerung da komprimiert rausgejagt wurde war schon beeindruckend. hirn draussen lassen und dann ging das auch mit der mucke. unvergessen auch all die großen und kleinen beziehungsdramen, die pünktlich freitag oder samstag nacht nach longdrink nummer3 ausbrachen weil der partner ijemand hinterhergeschaut hat, das egogewichse und die tür, die jede aggression ohne rücksicht auf differenzierung im keim erstickte.

daseinsberechtigung +1.


ass+c hat den Kommentar am 01.07.2013 um 11:46 bearbeitet
Montag, 01.07.13 11:45
 

Ich muss - zu meiner Schande? - gestehen, dass ich nicht ein einziges Mal in der Nachtschicht war. Nach diesem Text bereue ich das ein bisschen - anscheinend hab' ich was verpasst.

Montag, 01.07.13 14:20
 

Whatever. Wers braucht, geht jetzt eben ins Tacheles, da ist es doch mindestens genauso beschissen. Und wem das nicht reicht, der findet in jeder Provinz"disse" weitere Variationen des Themas.

Montag, 01.07.13 14:29
 

Die Nachtschicht war schon immer recht lustig, und da man wen kennt, der kennt wen. Kam ich auch meistens für Lau rein. ansonsten wären meine Besuche wohl eindeutig weniger gewesen.

Das beste war eh, wenn man einfach nur beobachtet. Mädels mit viel zu viel Schminke, Kerle welche einen ständigen Wettbewerb hatten "Wer hat die dicksten Eier, und die schärfsten Rasierklingen unter den Armen". Und ich erinner mich noch an eine Tussi, welche so eine abartige Hochsteckföhnwelle hatte, im viel zu engen und viel zu kurzen Kleid so getanzt hat, als müsste sie etwas ganz dringend aufs Klo, ein Kind gebären, oder es war ein Paarungsritual einer mir unbekannten Kultur. Ich habe mir das mit meinen Freunden sicherlich eine halbe Stunde immer mal wieder angesehen.

Mein letzter Besuch endete sturz betrunken, mit reichlich viel Beziehungsdrama. Und der Gewissheit, dass es doch nicht so übel ist Single zu sein.

Montag, 01.07.13 16:39
 

longdrinks mit wenig eiswürfeln sind ganz einfach nur ehrliche getränke, dagegen kann man doch nix sagen! wobei ich in die nachtschicht auch nie nüchtern reingegangen bin, meistens gabs kein bedarf mehr für mehr alkohol. und melancholie ist da wohl fehl am platz, denn der nächste laden wird sicher kein stück anders sein, zumindest nicht vom publikum.

hauptsache der pizzastand vom exit kommt endlich wieder!

Mittwoch, 03.07.13 08:40
 

Also ich selbst war glaube ich knapp 3x im Nachtschicht- über den Club mag man ja denken was man will, aber das süffisante Gehabe des Autors lässt einen noch mehr kotzen, als man vielleicht nach einer Woche Dauertnachtschicht möchte.

Menschen werden wegen ihrer - für den Autor wohl zu preiswerten - Kleidung, die auch noch - Schreck lass nach - aus dem C&A gekauft (bestimmt geklaut!) wurden in Schubladen gesteckt - aha typischer Nachtschichtgänger.

["Was isch den des hier wieder für eine Pimmelparade heut'", höre ich - sehr treffend - einen jungen Mann mit La-Martina-Hemd zu seinem stämmigen Kumpels sagen, als ich mich weiter mit Alkohol eindecken will, um das alles - das, was um mich herum geschieht - besser ertragen zu können.]

Glückwunsch, gelungener Absatz. Auch hier wird wohl die geistige Reife anhand der Kleidung, des Dialekts und des Gewichts festgemacht; während sich der Autor selbst den Alkohol-Gnadensschuss versetzt. Offensichtlich auch beim Schreiben des Artikels.

Tut mir Leid, aber euer Nachtschicht-Abschieds-Special ging gründlich in die Hose. Keine Ahnung ob Artikel hier überhaupt geprüft werden, aber das ist einfach Mist.

Mittwoch, 03.07.13 08:44
 

Hm, da gehen die Meinungen wohl wieder gewaltig auseinander.

Ich glaube fast, hier wurde etwas zu viel hinein interpretiert von Para. Aber das ist nur meine Meinung.

Auch dieser Artikel ist einfach mal wieder witzig geschrieben. Ich finde auch, es wird überhaupt niemand angegriffen.

Mittwoch, 03.07.13 09:27
 

Da wäre ich auch zum Rauchen auf die Straße gegangen, wenn drinnen die Aschenbecher voll sind...^^

Mittwoch, 03.07.13 10:13
 

@para:

"Offensichtlich auch beim Schreiben des Artikels."

hoffentlich! vom nightlife-guru erwarten wir das eigentlich.

und: natürlich haben wir den text vor seiner veröffentlichung. waren beim redigieren aber nicht ganz so streng wie sonst (du hast keine ahnung, was wir unserem nightlife-guru alles rausstreichen müssen), weil wir dachten, ein ehrlicher laden hat einen ehrlichen abschied verdient.

und: das fazit ist doch recht versöhnlich, oder?


supermanuel hat den Kommentar am 03.07.2013 um 10:14 bearbeitet
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