zur Startseite
Passwort vergessen?

Hundestreicheln im Selbstversuch am Freiburger Institut für tiergestützte Therapie

"Männliche Hundeliebhaber für Studie gesucht" - da biss fudder-Autor Benedikt Nabben sofort an. Er hat für uns den Selbstversuch gemacht und es mit Speichelproben, eintönigen Streichelsessions und knallharten Rechenaufgaben zu tun bekommen:



Das rote Lämpchen an der Filmkamera rechts von mir blinkt, auch von links werde ich aufgenommen, ein Mikrofon klemmt an meinem T-Shirt. Mir gegenüber sitzen zwei streng blickende Frauen in langen, weißen Kitteln und machen sich eifrig Notizen. Vor meinen Füßen liegt ein Hund mit schwarz-weißem Fell.

„Zählen Sie bitte in 17er-Schritten von 2023 nach unten“, befiehlt eine der Frauen. „Wenn Sie einen Fehler machen, fangen Sie wieder bei 2023 an.“ 2023 – 2006 – und schon wird es kompliziert. Ich spüre, wie mich die Blicke der Frauen durchbohren und meine Konzentration schwindet. Ich reiße mich zusammen: 1991.

„Fangen Sie wieder bei 2023 an“, schallt es mir entgegen. Verdammt, ich denke an die Speichelproben, die ich alle paar Minuten abgeben muss und die meinen Stresshormonspiegel anzeigen sollen. Da wird's jetzt abgehen. Ich kämpfe mich durch. Langsam und konzentriert schaffe ich es nun stetig weiter nach unten. Was soll das eigentlich alles?

„Wir wollen herausfinden, ob die Anwesenheit  eines Hundes stressmindernd wirkt“, erklärt Louisa Volmer, die das Projekt für ihre Masterarbeit im Fach Psychologie durchführt. „Wir gehen davon aus, dass Hunde in der Therapie eine positive Wirkung haben und deswegen stärker eingesetzt werden sollten.“ Nur ist die positive Wirkung bisher kaum bewiesen. Das soll nun in Freiburg geändert werden.

Drei Tage vorher


Drei Tage vorher: Ich betrete eine kleine, hinter dem Ikea versteckte Baracke - das Freiburger Institut für tiergestützte Therapie. Aber noch ist kein Tier zu sehen. Stattdessen muss ich kreativ werden.

Bettina Mutschler, die Institutsleiterin, hält mir eine Schwarz-Weiß-Zeichnung nach der anderen vor die Nase. Ich soll erkennen, was die Personen auf den Bildern fühlen, was passiert ist. Dabei misst ein Gurt um meine Brust die Herzfrequenz. Vom einsamen kleinen Mädchen bis zum Berufskiller am Grab des Mafiabosses fantasiere ich abstruse Geschichten herbei. Die Institutsleiterin grinst. Sie scheint sich zu amüsieren.

Dabei hat dieser Test eigentlich ein ernstes Ziel. "Die stressminderende Wirkung von Hunden ist nur bei verschlossenen Menschen belegt", erklärt Louisa Volmer. Ob ich verschlossen bin oder nicht, das soll mit dem Test herausgefunden werden. Wie das genau funktioniert, verstehe ich nicht, aber es scheint viel Arbeit zu sein. Denn sagen kann es mir auch anschließend auch niemand, zuerst müssen alle Daten ausgewertet werden. Und das dauert.

Teil zwei des Experiments


Drei Tage sind vergangen, Teil zwei des Experiments steht an. Dieses Mal darf ich nicht mit dem Fahrrad kommen, vor dem Test weder Kaffe trinken noch meine Zähne putzen. Und dieses Mal wartet im Institut für tiergestützte Therapie auch wirklich ein Tier auf mich. Die Hündin Ida schmeißt sich vor mir auf den Rücken und möchte gekrault werden.

Ida ist ein Border-Collie, ein ganz besonders braver und kuschelbedürftiger. "Border-Collies sind eigentlich Arbeitshunde, häufig Schäferhunde“, sagt Hundefrauchen Stefanie Fischer, die zusammen mit Ida eine Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam gemacht hat. Hundestreicheln ist während der nächsten zwei Stunden eine meiner Hauptbeschäftigungen. Seltsam nur, dabei direkt von mehreren aufmerksamen Beobachterinnen angestarrt zu werden. Ich schlafe fast ein und bin mir sicher, dass meine augezeichnete Herzfrequenz später genau das anzeigen wird.

Eine halbe Stunde später: Ich habe mich bereits durch einen Berg komplizierter Fragebögen gekämpft, da steht der angekündigte Belastungstest an. Ich denke dabei an ein bisschen Sport, vielleicht Fahrradfahren oder Liegestütze. Aber weit gefehlt: Die beiden Frauen, die mich später mit Matheaufgaben quälen werden, kommen in den Raum. Ich soll das Bewerbungsgespräch meines Lebens führen. Fünf Minuten soll ich über mich erzählen und sagen, warum ich der beste Kandidat für den Job sei. Aber welchen Job überhaupt?

Schnell denke ich mir etwas aus. Werde ich einfach mal Fernsehjournalist bei ARTE, warum auch immer. Ich sauge mir gute Argumente aus den Fingern, doch die Frauen sind kritisch, und ich spüre, wie mein Puls ansteigt. Nach fünf Minuten bedankt sich eine der Prüferinnen lächelnd. Puh ... endlich, denke ich.

Wieder Ida streicheln


Nachdem ich auch den Mathetest überstanden habe, muss ich wieder Ida streicheln. Und wer schon einmal eine halbe Stunde am Stück einen fremden Hund gestreichelt hat, kann sich vielleicht vorstellen, wie eintönig diese Aufgabe ist. Aber entspannend allemal. Ich denke daran, dass ich gerade an einem Stessexperiment teilnehme. Von Stress ist in dieser Situation nicht viel zu spüren. Aber ob das an der Hündin liegt, bezweifle ich stark. Wäre der Hund nur ein Stofftier oder dürfte ich mich einfach hinlegen und schlafen, ich glaube, mein Stresspegel wäre nicht höher.

Das eine ist mein Gefühl, aber ich bin ja nur einer von 48 Probanden und helfe dabei, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Dazu werden in den nächsten Monaten die gesammelten Datenberge ausgewertet. Ergebnis offen.






Artikel auf Facebook weiterempfehlen Artikel twittern Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diesen Artikel bei del.icio.us bookmarken
 



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 3
Dienstag, 28.05.13 20:10
 

I love to be a psychologist, nice report : ))

Mittwoch, 29.05.13 08:09
 

Hatte gut Spaß beim Lesen :)

Samstag, 01.06.13 15:38
 

Without double-blinding the experimenter will be blind.

Um einen Kommentar zu verfassen, benötigst du ein fudder-Profil. Registriere dich kostenlos oben rechts auf fudder.






Diese Funktion steht nur für eingeloggte fudder-User zur Verfügung.

» fudder-Netiquette





» Dilir

re: Sänger/ -in gesucht
Hallo halali, Was ste...

» Zitronenfalter

roter Ledergeldbeutel verloren!
Hallo ihr! Ich habe in...

» Necronomicon

re: Unbekannte schlagen junge Frau vor dem Konzerthaus nieder
Und? Wo ist der Unterschi...

» Halali

Sänger/ -in gesucht
Hey, wir sind für unsere...

» Halali

Sänger/ -in gesucht
Hey, wir sind für unsere...

» Halali

Sänger/ -in gesucht
Hey, wir sind für unsere...

» Necronomicon

re: Unbekannte schlagen junge Frau vor dem Konzerthaus nieder
Glaube dem Opfer ist das ...