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Der coolste Liveticker der Republik: Interview mit Dirk Gieselmann von "11 Freunde"

Subjektiv, witzig, feuilletonistisch: Mit einer Handvoll Kollegen vom Fußballmagazin „11 Freunde“ schreibt Dirk Gieselmann den unterhaltsamsten Liveticker der Republik. Am Samstag tickert er das Champions-League-Finale Bayern gegen Dortmund. Fudder-Redakteur Manuel Lorenz hat ihn gefragt, wie er sich auf das Spiel vorbereitet und welchen Fußballsong er am liebsten hört:

Dirk Gieselmann

Dirk, das Champions-League-Halbfinale Madrid gegen Dortmund hast du gemeinsam mit deinem Kollegen Johannes Ehrmann protokolliert. Rund 60000 Leute haben euch dabei online auf die Finger geschaut. Wie groß ist da die Angst, sich zu vertickern?


Dirk Gieselmann: Sobald das Spiel losgeht, ist das, als stünde man auf dem Zehn-Meter-Turm: Wenn man nicht springt, macht man sich zum Gespött des ganzen Freibads. Es muss einfach die Arschbombe kommen.

Und wie sieht so eine Arschbombe dann aus?


Von außen betrachtet: erzlangweilig. Wir trinken kein Bier, rauchen keine Joints, lachen nicht mehr über die Einträge des anderen. Wir sitzen da wie zwei Rainmen – total konzentriert. Wir müssen nur darauf achten, dass wir in der Chronologie bleiben. Deshalb rufen wir uns zu: „Ich mach’ die 57. Minute!“ – „Okay, dann mach’ ich die 58.!“

Von wo aus macht ihr das eigentlich immer?


Wenn das Spiel nur auf Sky läuft, in der Redaktion. Wenn’s im Free-TV übertragen wird, bei mir oder einem Kumpel – je nachdem, ob meine Kinder schon im Bett sind oder nicht. Solange es still ist und nicht zu viele Leute da sind, ist es egal, wo wir sitzen. Ich brauch’ auch keinen großen Service: Kaffee und Zigaretten – das war’s.

Champions-League-Halbfinale Dortmund gegen Malaga, Nachspielzeit: Wie schwer ist es, mit zitternden Händen zu tickern?


Das schöne ist, dass wir solche Herzinfarktphasen auch reflektieren können. Was macht das mit uns? Das können wir aufschreiben. Nach dem Champions-League-Finale letztes Jahr, das ins Elfmeterschießen ging und wo sich die Ereignisse überschlugen, stand ich gegen Mitternacht da und war absolut leer. Zu dem Zeitpunkt hatte ich ungefähr zehn Stunden am Stück getickert. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, hab immer nur an Schweini gedacht, – der arme Junge. Mir schwirrte der Kopf.

Der Fußballkommentator Wolff Christoph Fuss gilt als akribischer Vorbereiter, arbeitet vor jedem Spiel dicke Dossiers durch und pflastert seinen Arbeitsplatz mit gelben Post-its. Wie bereitest du dich auf ein Spiel vor?


Gar nicht. Ich arbeite in einer Fußballredaktion und muss sowieso über die groben Entwicklungen in der Bundesliga informiert sein. Wenn mir jetzt das Schicksal zuteil wird, Augsburg gegen Fürth tickern zu müssen, lese ich mir nicht die Vereinschronik der Spielvereinigung durch. Stattdessen mache ich aus der Not eine Tugend. Das gehört ja auch zu unserem Sound dazu: Nicht so zu tun, als wüsste man alles, sondern auch mal den Mut zur Lücke zu haben.

Und Statistiken?


Auch nicht. Wenn, dann spielen wir damit. Weil’s jetzt ja einen allgemeinen Statistikwahn gibt. Heatmaps, Matchpläne, Was-weiß-ich was noch alles …

Formulierungen wie „Der eingesprungene Chapuisat“ und „Die Messi ist gelesen“: Nicht bei einem Feierabendbier ausgedacht? Alles spontan?


Zu 99 Prozent.

Und wo kommt all das unnütze Fußballwissen her, das du im Liveticker zelebrierst?


Aus meiner frühen Kindheit und Jugend. In den Sommerferien hatte ich ein Zelt im Garten, in dem sich zwei Kästen befanden: einer mit Asterix-Heften, ein anderer mit allen Kicker-Sonderheften, die jemals erschienen sind. Die habe ich auswendig gelernt. Ich kann  noch heute wie aus der Pistole geschossen sagen: Klaus Toppmöller, 108 Bundesliga-Tore.

Und Horst Hrubesch?


136.

Warum ist unnützes Fußballwissen eigentlich so viel schöner als nützes?


Wenn’s das nütze nicht gäbe, wäre das unnütze obsolet. Das funktioniert nur im Kontrast zu dieser Faktenhuberei, die viele an den Tag legen. Nehmen wir mal diese Heatmap, die zeigen soll, wie ein Spiel funktioniert. Die ist wie des Kaisers neue Kleider. Jeder hat gesehen, dass Messi einen geringeren Radius hatte als sonst – dazu muss ich mir nicht noch diese Heatmap angucken. Aber jeder hat sie als App aufm iPhone und glaubt, er gehöre jetzt zum Kreis der Eingeweihten.

Da trumpfen wir auf mit Wissen aus der Kategorie: Was Sie schon immer mal nicht wissen wollten. Wir bauen eine Anti-Sat1-Ran-Datenbank auf, ganz nach dem Motto: Hier die Blitzmeldung, die Sie sofort wieder vergessen können.

Was ist aus dieser Kategorie dein Lieblingsfakt?


In meiner Kiste mit den Kicker-Sonderheften lag auch ein Panini-Sammelalbum der WM 1986. Mein Lieblingsspieler daraus war der dänische Stürmer Preben Elkjær Larsen, weil er den mit Abstand gefährlichsten Blick draufhatte. Später habe ich  gelesen, dass er Kettenraucher war und vor dem Spiel wie in der Halbzeit zwei Kippen geraucht hat. Ich bin selbst Raucher und rauch’ während des Spiels ’nen ganzen Aschenbecher voll – insofern ist er mir sehr sympathisch.

Apropos unnützes Fußballwissen: Was ist  dein Lieblingsfußballbuch?


„Alle unsere frühen Schlachten“ von Javier Marías. Darin erzählt er von seinen Kindheitserinnerungen an die Spiele von Real Madrid mit Alfredo Di Stéfano und Ferenc Puskás.

Dein Lieblingsfußballfilm?


„Zidane: A 21st Century Portrait“ von Douglas Gordon und Philippe Parreno. Da haben die beiden Regisseure während eines Ligaspiels von Real Madrid mit 17 Kameras ausschließlich Zinedine Zidane begleitet, und Mogwai hat einen Soundtrack dazu gemacht. Der Film ist eine Bewegungsstudie meines Lieblingsspielers aller Zeiten.

In seinem Mienenspiel sieht man, was an Stolz und Wut und Zorn in diesem Mann steckt. Das war ein Omen für das, was ein Jahr später passieren sollte, als er bei der WM 2006 Materazzi umgemäht hat. Und obwohl ich ihm den Sieg gegönnt hätte, war ich im Nachhinein umso froher über diese Geschichte, die er da der Fußballwelt geschenkt hat. Das hatte griechische Dimensionen.

Dein Lieblingsfußballsong?


Das Wort „Lieblings“ würde ich in diesem Zusammenhang nicht in den Mund nehmen. In Deutschland ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit immer peinlich. Kevin Keegans „Head Over Heals in Love“, das er ja als HSV-Spieler für den deutschen Markt aufgenommen hat, funktioniert immerhin noch als Popsong.

Wenn ich aber an so was denke wie „Wir sind schon überm Brenner“ von Udo Jürgens oder „Mexiko, mi amor“ von Peter Alexander, so ’nen Schrott, wo sich die Nationalmannschaft mit Sombreros ins Studio von Jack White stellt: Das ertrage ich nicht.

„Fußball – das Musical“ im Hamburger Operettenhaus: Wie sähe das aus?


Ich könnte mir das im Moment eher an der Berliner Volksbühne vorstellen, als Tragödie über den Aufstieg und Fall des Uli Hoeneß. Ich hab allerdings auch keine Probleme damit, mir Marko Arnautovic auf Rollschuhen in „Starlight Express“ vorzustellen.

Zurück zum Liveticker: Ist dir im Eifer des Gefechts schon mal ein Kommentar rausgerutscht, der dir im Nachhinein leidtat?


Nein.

Auch nicht in Bezug auf einen Fernsehkommentator? Mit denen geht ihr ja besonders hart ins Gericht. Béla Réthy habt ihr mal „Die offene Sohle der Sportberichterstattung“ genannt.


Bei Réthy, Reif und von Thurn und Taxis denke ich: Viel Feind, viel Ehr’. Das müssen die aushalten, so wie wir sie auch aushalten müssen. 

Welcher Kommentator gießt am meisten Wasser auf eure Mühlen?


Marcel Reif. Er ist von allen die öffentlichste Person, am ehesten der Künstlertyp - angefangen beim Bayerischen Fernsehpreis für den “Torfall von Madrid” 1998 bis zum Adolf-Grimme-Preis 2003 für seine Berichterstattung von der WM 2002. Das reizt allzu sehr dazu, sich mit ihm zu boxen. 

Würdest du gerne mal mit ihm tauschen und ein Fußballspiel im Fernsehen kommentieren?


Nö, gar nicht. Das würde ich auch nie öffentlich zugeben, aber: Ich habe riesigen Respekt vor den Leuten, die da am Mikrofon sitzen. So leicht es mir fällt, das aufzuschreiben, so schwer würde es mir fallen, das auszusprechen. Außerdem würden die Zuschauer mich sofort wegsperren.

Bist du nicht traurig, dass du das Champions-League-Finale am Samstag nicht im Wembley-Stadion erleben wirst?


Nee. Mittlerweile vermisse ich die Computertastatur sogar, wenn ich mir ein Spiel mal einfach so angucke. Ich gehe zwar gerne ins Stadion – das muss aber nicht unbedingt ein Champions-League-Finale sein. Tickern will ich die Partie auf jeden Fall. Das ist das letzte Kapitel einer Erzählung, die ich über mindestens eine Saison mitverfolgt habe.

Hast du irgendeine Idee, was in diesem letzten Kapitel stehen wird?


Oh. Ich habe viele Ideen. Dieses große Epos, das um diese beiden Mannschaften entstanden ist, hätte man nicht besser erfinden können: der Götze-Wechsel, der Hoeneß-Skandal, der sich anbahnende Lewandowski-Transfer, von dem man annehmen muss, dass er zwei Tage vorm Finale öffentlich wird, Klopp und Heynckes, die beide für einen vollkommen unterschiedlichen Trainertyp stehen. Allein Heynckes, der schon achtmal weg vom Fenster war und jetzt sich und die Mannschaft neu erfunden hat. Das wird sein letztes großes Spiel sein. Wenn er das gewinnt, möchte ich mal in den Kopf von Guardiola gucken.

Dein Tipp fürs Spiel?


So wie die Bayern zurzeit drauf sind, werden sie’s gewinnen. Ich würde sagen 3:1 – in regulärer Spielzeit.

Der Trailer zum Champions-League-Finale -- 11FREUNDE Liveticker
Quelle: YouTube




Dirk Gieselmann

Der 34-jährige Journalist ist Redakteur beim Fußballmagazin „11 Freunde“ und schreibt für den Berliner Tagesspiegel. Zuvor studierte er Philosophie, Literatur- und Sprachwissenschaft in Hannover. Seit  2008 schreibt er mit einer Handvoll Kollegen den „11 Freunde“-Liveticker; 2010 gewannen sie dafür den Henri-Nannen-Preis in der Kategorie Humor; Anfang März wurden sie für den Grimme-Online-Award nominiert. Dirk Gieselmann ist Fan des SV Werder Bremen.




[Foto: Paul Lehr]

Warum ist unnützes Fußballwissen schöner als nützes?

 

Wenn’s das nütze nicht gäbe, wäre das unnütze obsolet. Das funktioniert natürlich nur im Kontrast zu dieser Faktenhuberei, die viele an den Tag legen. Nehmen wir mal diese Heatmap, die zeigen soll, wie ein Spiel funktioniert. Die ist wie des Kaisers neue Kleider. Jeder hat gesehen, dass Messi einen geringeren Radius hatte als sonst - dazu muss ich mir nicht noch diese Heatmap angucken. Aber jeder läuft damit rum, hat sie als App aufm iPhone und glaubt, er gehöre jetzt zum Kreis der Eingeweihten. Da trumpfen wir auf mit Wissen aus der Kategorie: Was Sie schon immer mal nicht wissen wollten. Wir bauen eine Anti- Sat1-Ran-Datenbank auf, ganz nach dem Motto: Hier die Blitzmeldung, die Sie sofort wieder vergessen können.





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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 8
Donnerstag, 23.05.13 10:24
 

Super Interview, Manuel!

Und vor allem: Super Ticker! Ich les den eigentlich bei jedem Spiel mit. Allerdings erneuert er sich irgendwie nie richtig von selbst, das nervt ein bißchen. Keine Ahnung, ob das an mir liegt.

Wenn ich richtig im Spielgeschehen drin bin, schaue ich nur ab und zu mal auf den Ticker, lese ihn mir dann aber meistens im Nachhinein nochmal komplett durch.

Großartige Unterhaltung immer!


einszeit hat den Kommentar am 23.05.2013 um 10:25 bearbeitet
Donnerstag, 23.05.13 10:27
 

Tolles Interview, Danke :-)

JBM
Donnerstag, 23.05.13 12:53
 

Großartig!
Der Ticker und das Interview.

Donnerstag, 23.05.13 12:56
 

Nachgereicht:

Der Trailer zum Champions-League-Finale -- 11FREUNDE Liveticker

http://youtu.be/-gIKnT1aEak

Donnerstag, 23.05.13 13:17
 

I´m a fan! Danke für das schöne Interview. Auch wenn die ein oder andere Illusion jetzt zerstört ist: " Wir sitzen da wie zwei Rainmen – total konzentriert.". Jaaaa irgendwie logisch dass das nur so geht, aber ich hatte bisher von den Ticker-Jungs immer so schöne Anarcho-Bilder im Kopf :-)

kus
Freitag, 24.05.13 00:16
 

LIKE

Freitag, 24.05.13 10:53
 

die spinnen die typen.

Dienstag, 03.12.13 11:24
 

Dirk Gieselmann hat gestern den Deutschen Reporterpreis 2013 für die "Beste Web-Reportage" erhalten. Auf der Website des "Reporter-Forums" heißt es dazu:

"Dirk Gieselmann hat den 11Freunde-Live-Ticker legendär gemacht. Jetzt wird er dafür mit dem Titel 'Beste Web-Reportage' ausgezeichnet – und zwar für sein Stück 'Werbung für den Handball', ein Ticker zum Länderspiel Ecuador gegen Deutschland. Dieser Ticker habe ein geradezu 'Oscar Wildesches Maß an Humor' urteilte die Jury. Gieselmann ließ den Ticker fast zehn Stunden vor dem Anstoß beginnen und spickte ihn auch während des Spiels mit sehr geistreichen und komischen Anspielungen. Live und auf den Punkt."

(http://www.reporter-forum.de)

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