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Interview mit Graffiti-Duo Herakut: "So viele Wände brauchen Liebe"

Von Toronto bis Kathmandu, von Melbourne bis St. Ottilien: Das Graffiti-Duo Herakut hat für sein "Giant Storybook" riesige Wände auf der ganzen Welt bemalt – darunter auch eine Fassade auf dem Ganter-Areal in Freiburg. Am Samstag um 19 Uhr wird das Werk enthüllt. fudder-Redakteur Manuel Lorenz hat mit den beiden Künstlern gesprochen.

Herakut

Warum immer so groß? Geht's nicht auch mal 'ne Nummer kleiner?


Jasmin (Hera): Malen ist für mich ein physischer Akt. Wenn ich das Gefühl habe, vor der Wand zu tanzen, den ganzen Körper hineinlegen kann, am besten noch Musik läuft. Die Energie, die dabei übertragen wird, kann ich in einer Radierung nicht reproduzieren. Die asiatische Kaligrafie, der Typograf, der mit einem riesigen Pinsel und einem einzigen Strich einen wunderschönen einzelnen Buchstaben malen: Das ist für mich das Ideal.

Falk (Akut): Wenn ich mich das Spraydosenmedium reduziere, bin ich mit der Leinwandarbeit schon im Minimum angekommen. Kleiner geht's nicht.

Jasmin: Was wir beide im öffentlichen Raum hinterlassen, ist leichter zu finden, wenn's größer ist. Ich find's genial, etwas zu machen, was so groß ist wie sonst nur noch Werbung.

Das Bild ist Teil des "Giant Storybook Project", einer Kindergeschichte, die an Wänden auf der ganzen Welt entsteht und noch diesen Sommer als Buch gedruckt werden soll. Auf welcher Seite seid ihr schon?


Falk: Wir gehen nicht chronologisch vor. Wir schauen immer: Welches Szenario passt in die Straße, die Stadt, das Land, in dem wir uns gerade befinden.

Aber die Geschichte war schon vorher fertig.


Jasmin: Wir mussten uns vor allem das Set überlegen, Charaktere entwickeln und die Schauspieler casten. Dann sind wir wie Regisseure eines Improtheaters losgezogen und haben gesagt: Du kennst deine Rolle, du auch, hier ist die Bühne, und jetzt macht mal. Anfang und Ende stehen fest, der Plot hat sich mit der Zeit verändert.

Zum Beispiel?


Jasmin: Charaktere, die plötzlich entstehen, weil da in Lexington ein Kind steht und fragt: Malt ihr auch ein Pferd? Und wir sagen: Äh, ja, können wir machen. Und dann haben wir ein fliegendes Pferd dazugemalt, eine Pferdebremse – auf Englisch „horsefly“. Also war das ein Pferd mit Fliegenflügeln. Das Kind: „What is this? Pegasus?“ Und ich: „No, Pegasus has wings like a bird.“ – „Is it a horse-butterfly?“ – „Leave out the butter …“ – „… a horsefly!“

Herakut

Wandgemälde, Leinwände, Bücher: Wann kommt euer erstes Musikalbum raus?


Jasmin: Nee, der nächste logische Schritt wäre ein Film.

Theater habt ihr ja schon gemacht.


Jasmin: Eine Tanzperformance, vergangenes Jahr in Los Angeles. Rein theoretisch war das auch unser Stück, in Zusammenarbeit mit der Performancegruppe Lucent Dossier Experience. Wir haben das Bühnenbild und die Kostüme gestaltet und waren selbst mit auf der Bühne. Wenn unser Buch fertig ist, würde ich es gerne mit der Performancegruppe anschauen und sehen, wie sie es zum Leben erwecken würde.

Die Schauspieler trugen dieselben archaischen Tierhüte wie die Charaktere auf euren Bildern.


Jasmin: Genau. Wir Menschen ordnen bestimmten Tieren gewisse Stärken und Schwächen zu und ziehen uns ihre Haut an, als Mimikri. Sobald wir ein Löwenfell tragen, fühlen wir uns sofort viel stärker und mächtiger. Jede Kultur hat das, auf der ganzen Welt.

Apropos ganze Welt: Zur Ausstellung „Loving The Exiled“ vergangenes Jahr in San Francisco haben euch Exildichter aus Aserbaidschan, Kurdistan, Sudan und Iran inspiriert. Wie kamt ihr darauf?


Jasmin: Wir lesen ganz viel. Falk ist scary. Er hört beim Arbeiten die große Literatur in Hörbuchform, x-mal Dostojewskis „Schuld und Sühne“ …

Falk: … hab ich nur zweimal geschafft. Grundsätzlich hab ich beim Malen Zeit, weil mein Teil der Arbeit ein Abarbeiten ist. Wenn ich Realismusdetails einfüge, ist das eine handwerkliche Sache, und ich muss geistig nicht unbedingt anwesend sein. Zur Zeit höre ich Dürrenmatts „Verdacht“.

Und du, Jasmin?


Jasmin: Ich höre melancholische Singer-Songwriter, Remixes, skurrile Mischungen. Wenn wir beide zusammen im Atelier sind, hören wir zum Reinkommen Nouvelle Vague und andere jazzig angehauchte Coverbands. Wenn’s auf Geschwindigkeit ankommt, laden wir uns neue Remixe runter und hören auch mal Drum’n’Bass. Zu schnellen Beats kann man auch unglaublich schnell malen.

Wer ist bei euch eigentlich wofür zuständig?


Jasmin: Ich baue die Figur in Skelettform auf und lege die Proportionen fest. Falk legt die letzte Schicht drüber – alles, was aussieht wie Lack, Haut, Oberfläche. Dabei ist ganz ihm überlassen, wie viel oder wenig er macht. Manchmal reicht es aus, ein einziges Auge realistisch zu malen. Genauso darf ich entscheiden, wie ich dann weiter mache, wie viel mehr ich noch vom Bild einnehme. Den Titel überlegen wir uns gemeinsam: Was hat uns an diesem Tag beschäftigt, was sagt unsere Kreatur? Es gibt auch Sachen – zum Beispiel die Leinwände – da ist Falks Anteil stundenmäßig viel größer als meiner. Mal bekommt der eine mehr Applaus, mal der andere.

Herakut

In der internationalen Street-Art-Szene gibt es nur wenige Duos. Mir fallen spontan nur die brasilianischen Zwillingsbrüder Os Gemeos ein. Liegt darin vielleicht das Geheimnis eures Erfolges?


Jasmin: Auf jeden Fall. Vier Hände. Deshalb kriegen wir auch doppelt so viel gebacken. Wir sind nicht auf irgendwelche Assistenten angewiesen, sondern machen alles selbst – mit blindem Verständnis gegenüber dem anderen. Street Artists wie JR und Shepard Fairey sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie ganz viele Leute in der Crew haben – namenlose Assistenten.

Wir sind auch viel kritischer mit unseren Sachen. Du musst dich immer erklären, Kompromisse finden, viel miteinander reden, über das, was du machst, diskutieren. Das stärkt dir den Rücken, wenn jemand anderes dich kritisiert. Studenten und Kunstschülern sagen wir: Sucht euch 'nen Teampartner, keinen Assistenten. Jemanden, dem ihr ehrlich dankbar sein könnt, der aber auch aufrichtig mit euch anstoßen kann, wenn's was zu feiern gibt.

Kann Kunst die Welt verändern?


Jasmin: Menschen können die Welt verändern. Und Chuck Norris (lacht). Wir sind Menschen und versuchen, uns zu verändern. Und dadurch, dass wir uns mitteilen, geben wir anderen die Chance, über unsere Kommunikation nachzudenken und weiterzukommunizieren. Kunst dient der Kommunikation. Deshalb ist es sinnvoll, viel draußen zu sein, unter Menschen, und nicht die ganze Zeit drinnen, im Elfenbeinturm, im Atelier, und nur einmal im Jahr für eine große Vernissage rauszukommen.

Falk: Deshalb ist Abstraktion auch nicht unser Medium. Wir wollen gezielt etwas sagen. Die Sprache, die wir sprechen, soll verständlich sein.

Jasmin: Und wenn’s nur ist, jemandem den Tag verschönert zu haben.

Wie schafft ihr es, in einer von Reizen überfluteten Welt auf euch aufmerksam zu machen?


Jasmin: Niemals durch Provokation – das ist eine unserer selbstauferlegten moralischen Grundregeln. Wir würden unsere Geschöpfe nie ausbeuten, indem wir sie übermäßig sexy oder brutal darstellen.

Was ist mit jener einbeinigen Afrikanerin?


Jasmin: Das ist was anderes. Wir haben auch ganz viele ohne Arme gemalt. Das ging auf ein Gedicht zurück, in dem es heißt: „My neighbour without arms wanted to know how it feels to let something go.“ Unsere letzte Einbeinige haben wir „Another Warrior Godess“ genannt. Da denkt jeder zuerst an streitbare Göttinnen wie Athene oder Diana. Für mich ist eine Kriegsgöttin aber eine Amputierte, die auf eine Miene getreten ist – vielleicht in Somalia.

Falk: Es gibt verschiedene Arten, Amputationen darzustellen. Unsere ist eine von den ästhetischeren. Man kann sich die Frau anschauen und denken: Das ist eine schöne Frau. Man muss den Blick nicht abwenden. Wir erregen damit keinen Ekel.

Krumm, verstümmelt, unvollkommen: All das erinnert an den Expressionisten Egon Schiele.


Jasmin: Ich hab’ mich tatsächlich mal gefragt, was Schiele wohl mit einer Sprühdose angefangen hätte. Tief im Innersten sind Schiele und ich wahrscheinlich artverwandt – wie man mit Strichen und Papier umgeht, mit Energie. Er hat gekrampft und gedrückt und so viel wie möglich reingelegt. Dasselbe gilt für Jean-Michel Basquiat.

Wenn ihr nicht provozieren wollt, warum macht ihr dann Graffiti?


Jasmin: Unser Anliegen war es schon immer, etwas Positives weiterzutragen, einen Gedanken, den man ernsthaft mit jemandem teilen will. Es gibt so viele Wände, die Liebe brauchen. Und wenn man mit dem Publikum kommunizieren will, malt man bei Tageslicht, mit vollem Körpereinsatz, sodass das Publikum die Möglichkeit hat, stehenzubleiben und Fragen zu stellen.

Falk: Sachbeschädigung um seiner selbst willen war uns schon immer fremd. Da geht es ja auch um was ganz anderes: um den Kick, das Adrenalin.

Herakut

Mittlerweile malen Leute eure Bilder nach und laden sie auf Facebook und Instagram hoch. Stört euch das?


Jasmin: Im Gegenteil. Das ist das schönste Kompliment: Wenn sich jemand die Zeit nimmt, dein Bild abzumalen.

Falk: Das größte Lob ist die Kopie.

Und Picasso soll gesagt haben: Gute Künstler kopieren, große Künstler stehlen.


Jasmin: Ich find’s total okay, sich inspirieren zu lassen. Das wirkliche Kopieren bringt nichts, weil man da die Zeit vergibt, etwas Eigenes zu schöpfen. Das kann man am Anfang machen, wenn man noch auf der Suche nach Techniken ist, später nicht mehr.

Wenn man selbst zum Vorbild wird: Hat man da noch eigene Idole?


Jasmin: Mein Held ist Walter Moers. Ich würde gerne so denken können wie er.

Falk: Figurale Malerei, wie wir sie machen, interessiert mich gar nicht so sehr – was ganz gut ist, sonst würde das unsere Arbeit verwässern. Im Museum oder auf Art Shows hängt Jasmin bei den Skulpturen rum, ich bei der Fotografie. Die eigentliche Inspiration liegt eh im Irrtum.

Jasmin: Oder in Träumen! Mein krassester: Ich bin in eine Ausstellung gegangen, hab was gesehen und gedacht: Mann, ist das cool! Warum hab ich das nicht gemacht! Und dann bin ich aufgewacht und hab gedacht: Oh, Shit! Das war ja meine Idee! Wie war das noch mal? Ich muss unbedingt noch mal zurück!

Das Problem ist doch: Es ist schon alles gemalt worden, und durch das Internet kann man immer von überall darauf zugreifen.


Falk: Wenn man wirklich das Ziel hat, etwas Neues zu finden, kann man’s gleich lassen. Wir können nur versuchen, uns und unsere Zeit zu reflektieren und unsere Sache so richtig wie möglich zu machen.

Jasmin: Kunst funktioniert wie DJing: Man legt verschiedene Platten auf, spielt ein Super-Set und hat ein Publikum, das extrem geil ist an jenem Abend. Das ist der Grund, warum man's macht.

Herakut



Herakut

Das Graffiti-Duo Herakut besteht aus Jasmin Siddiqui alias Hera aus Heidelberg und Falk Lehmann alias Akut aus Schmalkalden. Kennengelernt haben sie sich 2004 auf einem Urban-Art-Festival in Sevilla. Seitdem bereisen sie gemeinsam die Welt, um Wände zu gestalten. Im Sommer veröffentlichen sie ihr drittes Buch: „The Giant Storybook.“



Ganter-Kulturtage

Von Donnerstag, 18. April, bis Sonntag, 21. April, finden auf dem Ganter-Areal in Freiburg die ersten Ganter-Kulturtage statt. Das Festival bringt an vier aufeinander folgenden Tagen Künstler und Kulturschaffende aus verschiedensten Sparten zusammen: von Kammermusik über Techno, HipHop und Urban Art bis hin zu Film und Literatur (detailliertes Programm). Tickets kosten zwischen 7 und 28 Euro.



Was: Enthüllung eines Wandgemäldes von Herakut, das Ende März im Rahmen des "Giant Storybook Project" entstanden ist
Wann: Samstag, 20. April 2013, 19 Uhr
Wo: Areal der Ganter-Brauerei (Google Maps)




Fotogalerie: Benedikt Nabben

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 7
Donnerstag, 18.04.13 10:24
 

Gute Einstellung

+om
Donnerstag, 18.04.13 11:25
 

Klingt doch alles ganz rund...
Aber ich trink nun mal Rothaus. ;-D


+om hat den Kommentar am 18.04.2013 um 11:46 bearbeitet
Donnerstag, 18.04.13 11:57
 

So sieht die verhüllte Fassade zZt aus:

https://fbcdn-sphotos-b-a.akamaihd.net/hphotos-ak-ash3/558052_428489933908685_1852064093_n.jpg


supermanuel hat den Kommentar am 18.04.2013 um 11:58 bearbeitet
Donnerstag, 18.04.13 23:45
 

War das Grafitti der Augen im Hintergrund schon fertig? Falls ja, was ich nicht hoffe, dann hätte das Gesicht zwei fremde Augen, den das eine, das Linke, ist ohne Reflektion und somit leider tot.

Aber ich bin mir sicher; alles wird gut. :)

Freitag, 19.04.13 01:27
 

da mal wieder nicht editierbar, weil zweifelhaft programmiert...

meinte: Graffiti.

Freitag, 19.04.13 02:59
 

@kathleen offensichtlich nicht, links und auch an anderen stellen ist viel noch nicht fertig ^^

@herakut großartige künstler (: (:


JusJo hat den Kommentar am 19.04.2013 um 03:00 bearbeitet
Montag, 22.04.13 13:51
 

Und hier geht's zum Enthüllungsvideo:
http://www.youtube.com/watch?v=UXGTVYfH8YU

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