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Nightlife-Guru: Konzert des SWR-Orchesters zuhause per Live-Stream

Gestern Abend saß unser Nightlife-Guru zuhause in Gammelklamotten vor seinem Laptop. Diesmal aber mal nicht, um exzessiv YouPo ... äh ... YouTube-Videos zu konsumieren, sondern um einem Konzert des SWR-Orchesters samt Poetry-Slam-Moderation beizuwohnen - per Live-Stream. Und? War's geil?

 
Die Jungs an der Tür …

… gibt es heute nicht, und so muss ich also keine Angst haben, dass meine Fresse irgendeinem Bouncer nicht gefällt. Ich muss mich nicht duschen, muss mir nicht die Zähne putzen - als ob ich das sonst jemals mache. Ich muss mich nicht in meinen Hedi-Slimane-Anzug zwängen, dessen Sakko mittlerweile spannt, wenn ich es zuknöpfe. Ich kann meine Gammelklamotten anlassen: Jogginghose, Kaputzenpulli, Stricksocken.

Meine Freundin aus dem Off: “Müssen die Sachen nicht mal in die Wäsche?”

Inneneinrichtung & Deko

Am Samstag haben wir geputzt, daher ist alles recht sauber … Außer mein Arbeitszimmer, in dem ich sitze - das einzige Zimmer, das ich zumüllen darf. Rechts stehen seit Monaten unausgepackte Umzugskisten (meine Getränkedosensammlung aus Jugendzeiten), die weißen Billy-Regale hinter mir sehen aus wie ein öffentliches Tauschregal.

Vor mir steht mein altgedienter Laptop, der so aussieht, als ob ich Jahrelang an ihm gegessen habe - was auch stimmt. Er braucht ‘ne Viertelstunde, bis er hochgefahren ist. Dann funktioniert er aber einwandfrei.

Um kurz nach sieben gehe ich auf die Website des SWR und starte den Live-Stream.



Wer war da?

Bei mir zuhause: Ich und meine Freundin. Sie ist glaube ich im Wohnzimmer, schaut fern und arbeitet nebenher.

Im Konzerthaus: Freiburger Bildungsbürger plus nicht wenige Schulklassen plus deren Musiklehrer. Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Und U20-Poetry-Slam-Master Sophie Passmann.

Streamatmosphäre & Klangwaren-TÜV

Auf der Website stehen heute Georg Friedrich Haas' "Limited Approximations" für sechs (sprich: SECHS!) Klaviere und Orchester. Und Beethovens Siebte. Durch den Abend führen soll besagte Passmann.

Ich schalte zu spät ein, verpasse den Anfang, sehe aus der Vogelperspektive sechs Konzertflügel auf der Bühne stehen, und natürlich das Orchester. Muss dieser Haas sein, keine Ahnung wer das ist. Wikipedia: “Georg Friedrich Haas (* 16. August 1953 in Graz) ist ein österreichischer Komponist.”

Auf YouTube gibt es einen Ausschnitt seiner “Approximations”, den ich mir jetzt nicht anzuschauen brauche, da ich das Stück ja gerade live in concert sehe. Dort erfahre ich aber, was das Ganze soll: “dem Orchester [stehen] sechs im Zwölftonabstand gestimmte Flügel gegenüber”. Ah, cool. Und zwar wirklich! Klingt nach Horror, nach suspens, die eine halbe Stunde lang nicht aufgelöst wird.

Dann Sophie Passmann. Sie trägt eine rote Bluse, eine dunkle Hose, große Federohrringe und hat einen - so sie selbst - “Topfschnitt”. Ihre Moderation ist - Überraschung! - poetry-slammig. Ein niemals enden wollender Stream of consciousness, der sich allerdings fernab von Musil und Joyce bewegt und sich mit der korrekten Aussprache von Kanye West Street Credibility verschafft. Wer Poetry Slams mag, findet das wahrscheinlich gut. Beeindruckend: dass Passmann alles auswendig herunterrattert, sowohl ihre Moderation als auch ihre Ausdeutung der Stücke.



Meine Freundin kommt rein. “Wer is’n das?” - “Sophie Passmann. ’ne Poetry-Slammerin.” - “Und was macht die da?” - “Ein Konzert moderieren.” - “Aha.” Sie dreht sich um und geht wieder ins Wohnzimmer.

Passmann rennt mutig durch die Reihen und fragt Leute, wie sie Haas’ Schauerstück fanden. Eine Schülerin aus Müllheim: “Interessant”, also: scheiße. Ein Lehrer aus irgendwo: “Spannend”, also: Hab’s nicht verstanden. Vielleicht geht man auch nicht ins Konzert, um nach jedem Stück sofort dem gesamten Konzertsaal und ganz Internetlandia mitzuteilen, wie man’s fand. Vielleicht muss man den Scheiß auch erst mal sacken lassen. Vielleicht ist es auch gar nicht so einfach, über Musik zu sprechen - zumal über so genannte Neue Musik. Vielleicht haben viele Konzertgänger auch gar keine Ahnung von Musik.

Passmann sind diese Vielleichts egal. Sie scheint grundsätzlich jede Antwort doof zu finden, und eigentlich darf sie das auch. Sie ist U20, Poetry-Slammerin UND Master(in). Warum nennt sie dann aber die Schüler, die nur wenige Jahre jünger sind als sie, “junger Herr” und “junge Dame”, ganz so, als sei sie selbst eine alte Schachtel? Passmann ist ein sympathisches Mädchen, die ihre heutige Aufgabe gut mastert. Das Problem: Die dem Poetry Slam inhärente Altklugheit und permanente Nabelschau. Ich klicke weg und zappe mich durch meine Tabs: Twitter, Facebook, Gmail, SPON.

Dann wieder das Orchester. Dirigent FX Roth ist anscheinend krank, und sieht auch - das sieht man im Kamera-Close-up - extrem angestrengt aus. In den Applaus des Publikums hinein dirigiert er den Anfangsakkord von Beethovens Siebter, die zum Soundtrack meines sonntagabendlichen Herumsurfens wird.

Meine Freundin: “Dieser neue Saarland-Tatort fängt gleich an. Kommst du?” - “Gleich.”

Catering

Eigentlich ist noch genügend Stoff von der letzten Party da - Bier, Wein, Gin, Wodka -, aber ich bin zur Zeit auf Entzug, und so bleibt mir nur alkoholfreies Weißbier. Erstaunlich, wie gut das schmeckt, wenn man vergessen hat, wie normales Bier schmeckt.

Irgendwann müsste ich auch noch was essen. Der Kühlschrank ist voll, und es ist noch Pasta von heute Mittag übrig.

Abends um 20:22 Uhr auf dem Klo …

… ist es ruhig. Das Toilettenpapier ist fast alle, ich hab gestern vergessen, neues zu kaufen.

Aufregerle

Die Eingangstüre ist schlecht isoliert, und so dringt unaufhörlich Kaltluft in die Wohnung.

Aufheiterle

Manchmal ist der Schnitt schneller als die Kamera. Dann sieht man die Füße einer Geigerin, einen unscharfen Hornisten - oder einfach nur nichts. Am Schluss, als das Konzert vorbei und das Bild aus ist, läuft der Ton noch zehn Minuten weiter.



Allgemein aber krass, mit wie vielen Kameras die da vor Ort sind und wie viele verschiedene Perspektiven et cetera die da abfeuern. Besser als im Fernsehen!

Fazit

Tolle Sache, das mit dem Live-Stream! Hoffe, so was gibt’s möglichst bald wieder!




[Bilder: Screenshots des Live-Streams]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Dienstag, 29.01.13 10:31
 

Rezension in der Badischen Zeitung:

Vom Fliegen und Abstürzen - Das SWR-Orchester gibt sich jugendlich.

http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/kultur/vom-fliegen-und-abstuerzen--68651321.html

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