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Zwei Freiburger Studenten treten bei der Debattier-WM in Berlin an

Berlin, wir fahren nach Berlin: Zwei Freiburger Studenten treten bei der Debattier-WM an.



Platte Biertischgespräche sind ihm zuwider. These, Begründung, Beispiel, Fazit – auf dieses strenge Gerüst baut Johannes Samlenski seine Argumente. Obwohl er schon vier Jahre im Debattierclub Freiburg Mitglied ist, stehen diese Grundbegriffe noch immer auf einem Klebezettel in seinem Schnellhefter.

Der 27-Jährige überlässt nichts dem Zufall. Aus seinem Rucksack lugen Lexika, Wörterbücher und die Bibel – Samlenskis Notfallbibliothek. Damit will er sich rüsten für Rededuelle auf höchstem Niveau: Zusammen mit seinem Teamkollegen Jannis Limperg nimmt er in Berlin an der Weltmeisterschaft im studentischen Debattieren teil, die an diesem Donnerstag beginnt.

"Wir sind unabhängig von politischen Meinungen, religiösen oder sonstigen Überzeugungen. Wir wollen in alle Richtungen debattieren", versichert Samlenski. Warum ist es besser, wenn die Eltern einen Partner aussuchen, ab wann gilt ein Gefangener rehabilitiert – die Themenbreite ist prinzipiell unbegrenzt.

Nur über die Todesstrafe möchte Samlenski nicht mehr debattieren. Zu oft sei sie schon Thema gewesen. Es kommt dabei nicht selten vor, dass er gegen die eigene Meinung argumentieren muss. Meistens sei das jedoch leichter, weil man die Argumente der Gegenseite gut kenne. Auf welcher Seite er steht, das entscheidet das Los.

Rhetorikseminare hält Samlenski für rausgeworfenes Geld. Beeindruckt ist er dagegen von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine. "Inhaltlich kann ich sie nicht ausstehen, aber ich habe großen Respekt vor der Art und Weise, wie sie Leute mitreißen und es schaffen, dass sie im entscheidenden Moment applaudieren", sagt Samlenski.

Er macht gerade seinen Master in Volkswirtschaftslehre, davor hat der gebürtige Karlsbader Politik studiert. Im Gespräch ist er auf Wortwitz bedacht und streicht gelegentlich über den schmalen Bartstrich am Kinn. Debattieren bedeutet für ihn nicht zuletzt Lernen. "Man wird teilweise zum ersten Mal mit den Argumenten für eine andere Meinung konfrontiert." Das sei eine "super Erfahrung" und halte ihn davon ab, Menschen bestimmten Kategorien zuzuordnen. Es kommt vor, dass man sich nach einer Debatte kurz die Hand schüttelt und danach in der Kneipe weiterdiskutiert.

Ursprünglich stammt das Debattieren anhand fester Regeln von Universitäten aus England. Bei der WM in Berlin wird im "British Parliamentary Style" debattiert. Die Redner orientieren sich dabei an der Debattentradition des englischen Unterhauses. Vereinfacht gesagt, bedeutet das: Die Regierung stellt einen Plan vor, den die Opposition angreift. Eine Jury entscheidet, welche Seite inhaltlich die überzeugendsten Argumente liefert.

Zu abstrakt sollten die Redner nicht werden. "Juroren geben oft den Hinweis, Argumente so zu formulieren, dass sie auch ein übermüdeter, dummer und alkoholisierter Juror versteht", sagt Samlenski. In der Regel, versichert Samlenski, stehe die Jury aber nicht unter Alkoholeinfluss. 1200 Teilnehmer aus 82 Ländern treten in Berlin an. Ihren Schlagabtausch müssen die Redner auf Englisch machen.

Zur Vorbereitung kamen Samlenski und Limperg in die Räume der Landeszentrale für politische Bildung in Freiburg. Dort trifft sich der Freiburger Debattierclub. 15 bis 20 Mitglieder erscheinen regelmäßig. Eine Trainingsdebatte, bei der auch die beiden WM-Teilnehmer mitreden, dreht sich zum Beispiel um die Frage: Soll man es erlauben, bei Rot über die Ampel zu gehen? Dass das keineswegs banal ist, wird schon bei der 15-minütigen Vorbereitung deutlich.

Das WM-Duo sitzt zwar auf einem roten Sofa, doch über rote Ampeln reden sie kaum. Sie sind in der Opposition. Im Schlagabtausch prüfen sie ihre Standpunkte und spinnen einen Faden in ihrer Argumentationskette. "Warum ist es im Einzelfall wichtig, dass man sich generell an Regeln hält, auch wenn sie im Einzelfall sinnlos sind? Das steckt hinter der Debatte", sagt Limperg. Oft gelte es, beim Debattieren abzuwägen: Gesellschaft versus Individuum, Freiheit versus Sicherheit. Wer das besser macht und am Ende sagt, warum dennoch die eigenen Argumente stärker sind, der gewinnt.

In seinen sieben Minuten am Rednerpult überzeugt Limperg vor allem durch sein präzises Englisch. Auch die Fragen der Gegenseite meistert er souverän. Seine Oppositionskollegen honorieren den Auftritt per Tischklopfen. Der 19-Jährige hat schon in der Schule debattiert. Danach studierte er zwei Semester Jura und mittlerweile Informatik. Auch wenn das Debattieren jedem außerhalb der Universität offensteht, sind die meisten Teilnehmer Jurastudenten, sagt Limperg.

Über miese Tricks weiß er Bescheid. So kann die eine Seite Fragen überstrapazieren, um der anderen Seite Redezeit zu klauen. "Die Regierung kann zum Beispiel auch einen Antrag stellen, bei dem nur Argumente für ihre Seite übrigbleiben. Das wird aber nicht gerne gesehen", sagt Limperg. Im Training belegen die beiden am Ende den zweiten Platz.

Ihre Chancen in Berlin schätzt Samlenski realistisch ein: "Im Finale stehen wir sicherlich nicht." Doch den Wettkampf nimmt er gerne an. Zweifel, dass es sich beim Debattieren um einen Sport handelt, hat er nicht im Geringsten. "Der sportliche Anreiz besteht darin, sich argumentativ auseinanderzusetzen und den anderen zu übertrumpfen und somit zu obsiegen." Es gibt wohl wenige Sportler, die sich bei einer Kampfansage derart gewählt ausdrücken.



Was:
Debattierclub Freiburg
Wann:
dienstags, 20 Uhr
Wo: Landeszentrale für Politische Bildung, Bertoldstraße 55 (gegenüber Cinemaxx)





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