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Die schlafende Schöne vom Alten Friedhof in Herdern

Ihre Augen sind geschlossen, ihren Mund umspielt ein leichtes Lächeln: Auf dem Alten Friedhof liegt eine schlafende Schöne, aus Stein, dekoriert mit einer echten Rose. Wer ist das geheimnisvolle Mädchen? fudder-Autorin Bianca Gebhardt hat sich auf Spurensuche begeben:



In jeder größeren Stadt, die mit einer langen Geschichte auftrumpfen kann, gibt es ihn: Einen sagenumwobenen Ort, dem ein unergründliches Geheimnis zugrunde zu liegen scheint. Auch Freiburg hat einen solchen Ort, der die Menschen immer wieder zu Spekulationen und Tagträumen verleitet. Und natürlich befindet sich ebenjener nicht da, wo sich die Menschenmassen tummeln, sondern dort, wo man noch das alte, ganz alte Freiburg spüren kann: Wie auf dem Alten Friedhof in Herdern.

Zwischen all den Grabsteinen aus längst vergangenen Tagen sticht besonders einer ins Auge: Ein anscheinend schlafendes, steinernes junges Mädchen liegt da an der Ostmauer des Alten Friedhofes, auf einem Bett aus Stein. Ihren Mund umspielt ein leichtes Lächeln, die Beine sind übereinandergeschlagen und zeichnen sich unter der steinernen Decke ab, in ihrer Rechten, die neben ihr ruht, hält sie noch ein aufgeschlagenes Buch. Es scheint, als wäre sie bei der Abendlektüre eingenickt und würde nur darauf warten, von ihrem Liebsten wieder geweckt zu werden.

Doch schon seit nahezu 150 Jahren schlummert sie nun friedlich auf dem Alten Friedhof, und auch der erste Schnee dieses Winters hat sich bereits leise auf ihre steinerne Bettdecke gelegt. Von der weißen Schneedecke heben sich strahlend die roten Beeren eines Stechpalmenzweiges ab, den ein Unbekannter ihr in den Arm gelegt hat. Keine Ausnahme: Tagein tagaus finden sich auf dem Grab des jungen Mädchens frische Blumen, egal zu welcher Jahreszeit.

Die „Menschenblume“ Caroline Walter

Schaut man sich die Grabinschrift an, die auf eine Platte zu den Füßen der Schlafenden gemeißelt ist, erfährt man, dass das jung verstorbene Mädchen den Namen Caroline Christine Walter trug und nur 16 Jahre alt wurde. 1850 in St. Nikolaus bei Opfingen auf die Welt gekommen, verbrachte sie dort eine glückliche Kindheit, bevor sie in die Gartenstraße 4 zu ihrer älteren Schwester Selma zog.

Selma hatte 1864 den verwitweten Musiker und Kapellmeister Carl Christoph Schleip kennengelernt, der nach seiner Rückkehr aus St. Petersburg das Anwesen in der Gartenstraße erstand und es nach seiner Heirat 1865 mit Selma und Caroline bezog. Caroline besuchte die Höhere Mädchenschule, als sie an Tuberkulose erkrankte und schließlich 1867 im Alter von nur 16 Jahren starb.



Um seiner Frau eine Freude zu machen, überraschte Carl Schleip sie mit dem besonderen Grabmal für seine Schwägerin, die er in seinen Erinnerungen zärtlich als „Menschenblume“ bezeichnet. Ganz heimlich gab er das Grabmal in Auftrag, das demjenigen der preußischen Königin Luise nachempfunden ist.

Allgemein war der als schlafend dargestellte Tote, der nach christlicher Vorstellung am jüngsten Tag wieder erweckt wird, damals ein gängiges Motiv und auf vielen Friedhöfen zu finden. Wie groß die Trauer um die junge Caroline gewesen sein muss, zeigt die fast unleserlich gewordene Inschrift, die das Buch in ihrer Hand trägt: „Es ist bestimmt in Gottes Rath, dass man vom Liebsten was man hat, muss scheiden.“

Tagein, tagaus schmücken das Grab frische Blumen

Es spielt keine Rolle, zu welcher Jahreszeit der Besucher an Carolines Grab tritt, er kann gewiss sein, dort stets frische Blumen zu finden. Man erzählt sich gerne die Geschichte, dass ein Verehrer Carolines (man munkelt, es sei der ehemalige Hauslehrer) täglich ihr Grab aufsucht, um den Verlust der zu früh Entschlafenen zu betrauern und der „Menschenblume“ mit realen Blumen seine anhaltende Liebe zu bekunden. Doch müsste dieser Verehrer im Anbetracht der 145 Jahre, die seit Carolines Tod vergangen sind, selbst schon ein Spukgespenst sein oder aber über eine ganz außergewöhnliche genetische Veranlagung verfügen. Diese Erklärung dürfte also nur Gemüter zufrieden stellen, die dem Übernatürlichen zugetan sind.

Wahrscheinlicher ist die Theorie, dass zunächst ein Verehrer dieses Ritual ins Leben gerufen hat und es dann nach seinem Ableben von den Freiburgern wohlwollend fortgeführt wurde. Immerhin ist ja Carolines Grab an sich schon eine Blume wert.  Und auch die Nachkommen von Carolines Schwager Carl Schleip leben noch in Freiburg. Sie würden also auch noch als heimliche Rosenkavaliere infrage kommen.

Doch ganz egal welcher Theorie man Glauben schenken will, ob es nun ein spukender Verehrer oder bloß ein Liebhaber alter Grabstätten ist, die Faszination für die schlafende Schöne auf dem Alten Friedhof wird sicherlich noch weitere 145 Jahre überdauern.








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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Mittwoch, 05.12.12 13:53
 

Der beste Ruhepol in Freiburg und die Geschichten drumherum (ob wahr oder erfunden) sind immer wieder schön!
War leider schon lange nicht mehr dort :(
Liegt noch der umgefallene Baum vom Orkan Lothar da und treibt aus?

Mittwoch, 05.12.12 14:13
 

Eine von vielen schönen Geschichten rund um diesen ganz wunderbaren Ort.

Mittwoch, 05.12.12 16:31
 

@znamy
ja

Mittwoch, 05.12.12 17:24
 

Danke für diesen schönen Bericht über einen Ort mit ganz besonderem Charme, über den es noch viele andere romantische und interessante Geschichten gibt. Ich habe ihn schon in meiner Kindheit geliebt, weil er viel Raum für die Fantasie lässt. Für Interessierte zu empfehlen: Das Buch "Sie lebten in Freiburg" von Ingrid Kühbacher.

Mittwoch, 05.12.12 18:52
 

:)

Mittwoch, 05.12.12 20:36
 

sehr schön geschrieben. um dem geheimnis auf die spur zu kommen, müßte man wohl einfach mal maximal 24 std. dort verbringen..

Mittwoch, 05.12.12 20:44
 

@Placebos_Muse:

Nein.

Es bräuchte nur eine Outdoor-Webcam, einen HSDPA-Router mit Akku, eine Prepaid-Karte und eine DynDns-Adresse.

Dann könnte man dort eine Webcam mit permanenten Webzugriff aufstellen und einfach zuschauen, wenn die Person vorbeikommt.

Hach, ich bin und bleibe einfach ein alter Romantiker....

Donnerstag, 06.12.12 02:25
 

ab 13.12. bei Aldi:
Wildfang-Fotografier-Automat mit 235-Grad-Einschalt-Bewegungsmelder und 1/2 Jahr Akku und mit Befestigungsmaterial für an den Baum oder so.
Zwar mit ohne Router und DynDns-Adresse, aber bis 16 GB SD-Speicherkarte.
Um die 100 Euronen, glaub ich

Nach Gebrauch für diese sinnvolle Aktion auch für das Aufspüren von unmoralischen Schäferstündchen (ab ca. April) verwendbar und somit für Männlein wie Weiblein ein absolutes Muß.
http://www.tagesschau.de/schlusslicht/wildkamera100.html

Donnerstag, 06.12.12 09:26
 

@Stifler's Mom:
dafür haben wir doch das Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg ;)

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