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Warum das EU-Austauschprogramm 'Erasmus' bleiben muss

Dem EU-Austauschprogramm 'Erasmus' droht das Geld auszugehen, und finanzielle Abhilfe scheint nicht in Sicht. Skandalös!, finden die fudder-Autoren Manuel Lorenz, Fabienne Hurst und Fabian Fechner, erzählen von ihrem Erasmus-Aufenthalt und erklären, warum das Austauschprogramm bleiben muss.


Manuel: Pisa, 2004/2005

Ich war 23, unschuldig und hatte mich für Pisa entschieden, weil das besser klang als Trento. Eigentlich wollte ich in jenem Jahr meinen ersten Roman schreiben. Aber daraus wurde nichts: Auf Seite drei merkte ich, dass ich dazu gar keine Zeit hatte. Ich musste nämlich raus, leben.

Ich schlief bis 13 Uhr, stand auf, ging in die Mensa, essen, trank Espresso auf der Piazza Dante, las die Repubblica, trank auf der Piazza delle Vettovaglie einen Apperitif, kochte Pasta, trank Wein, ging auf die Piazza Garibaldi, hing dort ab, holte mir im Bazeel einen Drink, bei Settimelli ein Bier, ging weiter in die Millibar, tanzte dort, bis sie mich rausschmissen, ging weiter in die Pikri Bar, versackte dort, bis sie dichtmachten, ging zurück auf die Piazza delle Vettovaglie, kaufte dort die erste Pizza des Tages, ging nachhause und legte mich schlafen.

Außerdem: Spanier, Portugiesen, Belgier, Franzosen, Griechen, Tschechen, Ungarn, Polen, Finnen, Briten, Iren, Deutsche. 

Ich las Carlo Levi, schaute Fellini, hörte de Andrè. Ich reiste rum, lernte das Land kennen, erlernte die Sprache. Diskutierte mit Gott und der Welt über Gott und die Welt. Im Sommer fuhr ich oft ans Meer.

Manchmal besuchte ich eine Vorlesung. Eine betagte Professorin kannte einen meiner Freiburger Professoren, war begeistert von mir und lud mich zum Essen ein. Meine Kommilitonen machten sich über ihr Äußeres lustig; ich legte eine Prüfung bei ihr ab, es ging um Heilige im Mittelalter, und sie gab mir 30 von 30 Punkten. In der Institutsbibliothek fanden weder ich noch der Bibliothekar, was wir suchten. Zum Glück musste ich keine schriftliche Arbeit verfassen, sondern nur Tausende Seiten Handbuchwissen auswendig lernen.

Ich lernte eine Frau kennen, verliebte mich, dachte, es sei die große Liebe, betrog sie, verlor sie.

Vielleicht hätte ich für all das nicht nach Pisa gemusst. Ich befürchte aber, dann wär' ich Derselbe geblieben. Der große räumliche und kulturelle Abstand war wichtig, um mein Experiment konsequent durchzuführen. Und heute unpathetisch sagen zu können: Erasmus war das wichtigste Jahr meines Lebens.



Fabienne: Nizza 2008/2009



Ich saß fest: im Leben, im ungeliebten Studium, in der Kleinstadt, in Deutschland. Erasmus in Nizza war wie Aufwachen aus einem blöden Traum. Sonne, Strand, Soleroeis.

Natürlich kam der Alltag schnell: Gerade als ich mich durch die irrationale Studienordnung gequält hatte, streikten die Lehrkräfte - und das zwei Monate lang. Nur die Linguistik-Dozentin, Geneviève Salvan, unterrichtete weiter mit strengem Blick: Sie wollte Perfektion. Beim Basketballtraining der Unimannschaft war es hingegen egal, ob ich einen Akzent hatte oder falsche Vokabeln benutzte. So verlor ich die Angst vor der fremden Sprache.

Zu meinen Partys kamen italienische Austauschstudenten, senegalesische Basketballer, israelische Bodyguards und belgische Dozentinnen. Im Winter ließ ich einen wohnungslosen Marrokaner in der Wohnheimsküche übernachten, der in Frankreich zwar Arbeit aber keinen Vermieter gefunden hatte. Ich sprach mit Sarah aus Belfast stundenlang über Konfessionsstreit, mit dem Russen Yaro schmiedeten wir Pläne, wie wir ihm eine Arbeitserlaubnis beschaffen könnten.

Wenn Erasmus jetzt auf dem Spiel steht, riskiert die EU, einen der wichtigsten Garanten für europäische Werte zu verlieren:

Empathie und Weltwissen: Durch den Erasmusaufenthalt bekamen soziale, politische und wirtschaftliche Themen für mich ein Gesicht. Plötzlich ging es mich etwas an, dass Universitätsprofessoren in Frankreich unterbezahlt sind, Tomer in die israelische Reservistenarmee eingezogen wird, Sarah keinen Protestanten heiraten darf und Ahmed kein Dach über dem Kopf hat.

Chancengleichheit: Erasmus gibt jedem die Chance, eine Fremdsprache zu lernen ohne sich dafür verschulden zu müssen. Sprachen sind Schlüssel zum Erfolg: Ohne Madame Salvan und die Jungs aus dem Team hätte ich nie einen Master in Frankreich geschafft.

Frieden: Vor allem aber bietet das Programm die Chance, Europa grenzenloser zu machen. Und das in einer Zeit, in der nicht einmal das Schengenabkommen konsequent eingehalten wird. Wir vergessen bei dem ganzen Wirtschaftsschlamassel, was für ein Riesenprivileg ein friedliches, vereintes Europa ist. Erasmus muss bleiben.




Fabian: Bordeaux 2009



Erasmus ist heutzutage ein fast schon selbstverständlicher Teil des Erwachsenwerdens junger Menschen in Europa. Wie bei Xavier in "L'Auberge Espagnole" erleben wir wie erfrischend es sein kann, schon in jungen Jahren durch Freunde aus dem Ausland eine unabhängige Sicht auf das eigene Selbst zu bekommen. Man lernt eben nicht nur viel über andere Länder und Kulturen in Europa durch das Programm, sondern auch über sich selbst, so wie Xavier, der sein Leben nach dem Austausch komplett umkrempelt.

Ich habe durch meine Zeit im Ausland gemerkt, wie typisch deutsch ich doch in vielen Belangen bin, obwohl ich mir das niemals eingestehen würde, und bin dadurch vielleicht ein bisschen relaxter geworden. Als junger europhiler Mensch ist Erasmus aber auch meine Standard-Antwort, wenn jemand skeptisch fragt, was die EU jemals für uns getan hat.

Das Programm hat es vielen jungen Menschen ermöglicht eine Zeitlang im europäischen Ausland zu verbringen, das schafft Respekt und Verständnis. Wenn man durch Erasmus heutzutage Freunde in Spanien oder Griechenland hat, dann ist es wohl eher der Fall, dass man mal daran zweifelt, was die BILD über die Eurokrise und die "Schuldenstaaten" schreibt.

Deswegen ist das Erasmus-Programm zu jung, um jetzt schon aufgegeben zu werden. Wir mögen uns heute zwar als die Generation Erasmus bezeichnen, aber die aktuelle Spaltung in den Köpfen vieler Europäer zeigt, dass noch nichts erreicht ist. Vor allem profitierten bis dato ja lediglich die heute unter 30-Jährigen von dem Programm, unsere Eltern hatten diese Möglichkeit nicht. Um wirkliches Verständnis für andere europäische Länder und Kulturen zu schaffen, muss Erasmus aber die gesamte Gesellschaft durchdringen.

Sprich: Es muss erhalten werden, damit irgendwann alle Altersgruppen auf solch eine Erfahrung zurückblicken können. Und es muss ausgeweitet werden von Studenten auf Auszubildende und Berufstätige, denn zur Zeit erreicht das Programm leider nur eine kleine und zugegebenermaßen elitäre Gruppe. Diese ist aber ohnehin schon sprachgewandt und eher pro-europäisch eingestellt, und daher brauchen wir eine Reform und keine Einstellung des Programms.


fudder-Debatte

Habt ihr auch Erasmus gemacht? Wenn ja: Was habt ihr in dem Jahr gelernt? Und: Waren die EU-Gelder in diesem Programm bisher gut angelegt oder könnte man sie anderswo besser einsetzen?

Du bist gefragt!





[Bilder 1 und 3: privat; Bild 2: Ramzi Othmani]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 13
Dienstag, 04.12.12 00:40
 

Darum,
das du am morgen danach aufwachst und dich fragst, ist ihr Name wirklich Erasmus

Dienstag, 04.12.12 09:27
 

Komisch, immer wenn ich von Erasmusstudenten höre was sie so gemacht haben. Klingt es immer ähnlich "ich hab so viel party gemacht, gefeiert, neue Leute kennengelernt".

Ist für diejenigen bestimmt immer eine prima Zeit, aber das gleiche kann man auch auf eigene Faust machen per Work and Travel, aber eben halt nicht auf Staatskosten.

Aber mal davon ab, es wurde in der EU schon für anderen Mist schon Geld verbrannt.

Dienstag, 04.12.12 09:39
 

Abschaffen!! Wer Auberge-Espagnole-Romantik sucht, kann das auch ohne EU-Gelder.


funky_brezel hat den Kommentar am 04.12.2012 um 09:41 bearbeitet
Dienstag, 04.12.12 09:49
 

Für was soll das Geld denn alternativ ausgegeben werden? Ich hielt den Weg, damit jungen Menschen einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen, den sie sich sonst vielleicht nicht leisten könnten, bisher für eine recht gute Wahl.

Dienstag, 04.12.12 10:01
 

Geld kann man immer besser ausgeben, als für Leute, die sich ein zwei Semester Party im Ausland subventionieren lassen. Der Effekt ist doch höchstens eine schöne Erinnerung, die sich im Lebenslauf als "Auslandserfahrung" verkaufen lassen kann.

Dienstag, 04.12.12 10:02
 

ich dachte es geht um den interkulturellen austausch und nicht ums scheine machen? feiern und leute kennenlernen klingt für mich nach dem richtigen mittel dafür.
pro erasmus.

Dienstag, 04.12.12 10:10
 

@Fabian: Meiner Kenntnis nach gibt/gab es auch Erasmus für Azubis. Ist also nicht nur für die "Elite". Und was die "proeuropäische Einstellung" anbelangt, gibt es auch schon früher die Möglichkeit sich zu europäisieren, bspw. beim Schüleraustausch, wo man wirklich in die Familien reinkommt. Bei Erasmus hängt man doch meist nur mit anderen Studis oder gleich unter seinesgleichen ab und lässt es krachen. Das ist sicherlich ne nette Sache, aber muss das subventioniert werden?

Dienstag, 04.12.12 11:01
 

Ich frage mich, warum hier wieder alle in die gleiche Schublade gesteckt werden. Ich denke, es gibt genügend Menschen, die mit diesem Geld keine oder "nicht nur" Party machen.

Aber, ob mit Verboten oder Einstellungen von gewissen Dingen letztendlich das Problem behoben wird steht zur Debatte. Ich wag es zu bezweifeln. Da sollte man mal lieber den Soli abschaffen, der ursprünglich mal nur für 3 Jahre geplant war, der verschlingt bei weitem grössere Summen.....


Necronomicon hat den Kommentar am 04.12.2012 um 11:03 bearbeitet
Dienstag, 04.12.12 11:07
 

Habe EXTREM wenig Geld bekommen, damals. Glaube, 90 Euro im Monat. Konnte man nicht so wirklich Party machen mit. Dann hab ich noch ein halbes Jahr lang Auslandsbafög bekommen, was so in Richtung 500 Euro pro Monat ging. Da ich aber ein ganzes Jahr in Pisa war, musste mehr Geld her - und Nebenjobs gab's vor Ort keine. Hatte zwei Jahre zuvor angefangen knallhart zu sparen. Und die Kohle ging dann halt nach und nach drauf.

Also nix von wegen EU-finanziertes Partyjahr. Jedenfalls nicht in meinem Fall. Drei Rumänen, die ich kannte, bekamen rund 900 Euro im Monat.


supermanuel hat den Kommentar am 04.12.2012 um 11:07 bearbeitet
Dienstag, 04.12.12 11:08
 

Es ist richtig, Erasmus is nur eines von mehrern Programme, die bereits verschiedene Gruppen abdecken und alle unter dem Programm "Lebenslanges Lernen" vereint sind. Erasmus, ist aber bei weitem das bekannteste und am besten geförderte, für andere Gruppen besteht da Nachholbedarf.

Da sich diese Programme aber ergänzen und so die Möglichkeit bieten, dass jeder Mensch mindestens einmal in seinem Leben, sei es in der Schule, im Studium oder in der Ausbildung, ins Ausland gehen, macht es keinen Sinn auch nur eines davon Abzuschaffen. Vllt sollte man sie besser koordinieren und verzahnen, daran wird gearbeitet: http://bit.ly/Wtxu5g


Dienstag, 04.12.12 13:21
 

Also ich hab auch die Förderung bekommen (1000 € für 3 Monate) Ich habe allerdings ein unbezahltes Praktikum im Ausland gemacht und ich habe das Geld gebraucht für: Wohnung, Verpflegung, Anreise zur Arbeitsstelle und am Wochenende zum Reisen.
Ich hab daraus auch einiges mitgenommen aber auch den Spanier konnte ich ein neues Bild von den Deutschen übermitteln.
Was hier zum Teil geschrieben kann ich nicht nachvollziehen.
Ich bin einfach nur sehr froh, dass ich die Förderung erhalten habe...und dann lieber in solche Projekte investieren als in irgend ein Schwachsinn!

Dienstag, 04.12.12 17:23
 

So, ich geh jetzt zur fudder-Redaktion und hol mir den versprochenen Biergutschein ab fürs gezielte Provozieren, um die die "Debatte" hier anzuregen... harhar...

Dienstag, 04.12.12 18:49
 

der einwand "wofür kann man das geld sonst ausgeben" ist bizarr, man könnte das geld ja zb überhaupt nicht ausgeben und einfach mal dem steuerzahler überlassen, vielleicht möchte der auch mal verreisen oder einen saufen gehen.

ich weigere mich auch zu glauben dass breite massen von leuten derart verbohrt und/oder empathiebehindert sind dass sie sich in den ausländer erst dann einfühlen können wenn sie mit ihm einen saufen waren. das programm ist eine mischung aus arbeitsbeschaffungsprogramm für bürokraten und leerer völkerverständigungssymbolik.

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