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"Da existieren verschiedene Wahrheiten": Interview mit Simon Schwartz zu seinem neuen Comic 'Packeis'

Am vergangenen Samstag war Comic-Zeichner Simon Schwartz zu Gast im X für U. Christopher hat sich mit ihm über Polarforscher, Sagen der Inuit und die Subjektivität von Geschichte unterhalten.

Simon Schwartz im X für U


fudder: Worum geht es in "Packeis"?


Simon Schwartz: "Packeis" erzählt die Lebensgeschichte von Matthew Henson. Henson war der Assistent von Robert Peary, der allgemein als der Entdecker des Nordpols gilt. De facto war Henson fast eine Stunde vor Peary am Nordpol, was aufgrund des Rassismus zu jener Zeit völlig ignoriert wurde. In der 1950er Jahren ist Henson verarmt gestorben.

Gleichzeitig ist Henson als ein magisches Wesen in die Sagenwelt der Inuit eingegangen. Mahri Paluk. Das wird zum ersten Mal von dem dänischen Polarforscher Peter Freuchen erwähnt. Der hat relativ schnell erkannt, dass es sich bei diesem Mahri Paluk um Henson handeln muss. Bei den Inuit herrscht der Glaube, dass am Nordpol ein Dämon oder Teufel lebt, den Mahri Paluk besiegt hat. In der Sagenwelt der Inuit ist er also der Entdecker des Nordpols, in unserer Geschichtsschreibung allerdings nicht.

Packeis - CoverDer Leser begleitet Peary also auf seiner Reise zum Nordpol?


Er begleitet Henson. Von seiner Kindheit bis ins hohe Alter. Das Buch deckt die Zeit von circa 1870 bis 1945 ab.

Wenn du den Arbeitsprozess von "drüben!" und "Packeis" miteinander vergleichst: Gab es Gemeinsamkeiten?


Nein. "Drüben!" ist eine teils autobiographische Geschichte, die Geschichte meine Familie. Bevor ich mit "drüben!" anfing, habe ich ein Buch über Dokumentarfilme gelesen. Es gibt bestimmte Regeln, die Dokumentarfilme haben. Ich betrachte "drüben!" als eine Doku. Eine Regel des Dokumentarfilms ist zum Beispiel, nicht zu kommentieren, sondern einfach nur zu zeigen. Und dann aber auch akkurat zu sein. Das ist mir bei "drüben!" sehr wichtig gewesen, das wirklich Geschehene zu zeigen. Aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern so, dass der Leser seine eigene Interpretation schaffen kann.

Bei "Packeis" hingegen habe ich mir durchaus literarische Freiheiten genommen. Weil ich kein Historiker bin. Sondern … äh … Comic-Romancier … oder … Ich weiß jetzt nicht, wie man das richtig nennen soll. (lacht) … Comic-Autor.

Wenn man über historische Themen schreibt, ist das nicht von vornherein subjektiv?


Das ist ein Grundthema meiner Arbeit. "Drüben!" ist eine ganz offen subjektive Erzählung, wenn ich von meinen Erfahrungen berichte und von den Erfahrungen meiner Familienmitglieder, die sie mir erzählt haben. "Packeis" spielt gerade damit. Die subjektive Erinnerung von Geschichte, wie bei den Inuit, durch Sagen, Mythen und Gesänge, die wir immer als ausgeschmückt oder faktisch falsch betrachten. Die in dem Fall aber wahr ist. Denn in ihrer Sagenwelt ist Mathew Henson der erste Mensch am Nordpol. Und dem Gegenüber unsere scheinbar faktisch objektive Geschichtsschreibung, in der dann Robert Peary der Entdecker des Nordpols ist. Der einzige Mensch, der uns das belegt, ist allerdings Peary selbst. Das ist auch eine subjektive Geschichtserinnerung.

Meine persönliche Meinung ist, dass ein gutes Geschichtsbild durch viele subjektive Meinungen entsteht. Das ist eine Grundidee in den beiden Büchern. "Drüben!" ist vielleicht ein weiterer Mosaikstein in dem großen Bild 'Was war denn eigentlich die DDR?'. Und "Packeis" versucht verschiedene Sichten auf die Ereignisse von 1909, die Entdeckung des Nordpols, zu zeigen. Die verschiedenen Wahrheiten, die da existieren.

Was passiert bei dir zwischen zwei Büchern?


Ich arbeite als Illustrator für Zeitungen und Magazine. Auch während ich an einem Buch arbeite. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Zeit, Geolino. Ich mache für die Wochenzeitung Der Freitag einen regelmäßig erscheinenden Comic-Strip, der sich auch um historische Biografien dreht. Das ist ein Thema, das immer wieder kommt. Eigentlich arbeite ich immer an einem Buch, die ganze Zeit, und parallel an diesen anderen Aufträgen.

Hast du schon eine Idee für ein neues, großes Werk?


Ich habe schon eine Idee. Ich müsste einfach anfangen zu zeichnen. In meinem Kopf ist das schon relativ klar. Mehr möchte ich noch nicht sagen.







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