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„Man kann nicht zwei oder drei Leben in eines packen“: Interview mit dem Filmemacher Florian Opitz

Verflucht ihr manchmal auch die ständige Erreichbarkeit? Das Gefühl, die Zeit zerrinnt euch zwischen den Fingern? Das hatte der Regisseur Florian Opitz auch – und hat einen Film daraus gemacht: ‚Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘. Heute im Friedrichsbau stellt er ihn vor. Vorab hatte er Zeit für ein paar Fragen.



Am Freitag um 19 Uhr stellt der Dokumentarfilmregisseur, Autor und Journalist Florian Opitz seinen neuen Film im Friedrichsbau vor. Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit handelt von Beschleunigung und Entschleunigung unseres Alltags heutzutage. Wer kennt es nicht: das Gefühl, immer weniger Zeit zu haben? Und das trotz lauter technischer Errungenschaften, die einem dabei helfen oder helfen sollen, Zeit zu sparen. Diesem Phänomen spürt der 1973 geborene Filmemacher nach.

Noch schnell Mails checken, während man eigentlich einen Text schreibt oder ein Bild bearbeitet, noch mal kurz die Schlagzeilen anklicken. Anhand mehrerer Protagonisten und durch seine eigene Geschichte erzählt der Grimme-Preis-Träger („Der Große Ausverkauf“, 2009) von Rastlosigkeit, Be- und Entschleunigung und der Suche nach Alternativen. Und landet letztendlich bei der Frage: Wie wollen wir leben? Alex hat sich vorab mit Florian Opitz unterhalten.


fudder: Florian, hast du gerade mal Zeit?


Florian Opitz
: Ja, klar. Auch wenn sie momentan manchmal knapp ist…


Du bist gerade auf Promo-Tour für deinen neuen Film. Das bedeutet wahrscheinlich: wenig Zeit, für allem für Privates. Wie kommst du damit klar?


Insgesamt bin ich fast drei Wochen auf Promo-Tour, eine echte Ochsentour. In diesen Tagen bin ich der Fleisch gewordene Widerspruch: jeden Tag einen Stopp in einer anderen Stadt, extrem beschleunigt alles, viele Interviews … Aber ich versuche immer wieder, zwischendurch Pausen einzubauen, um die einzelnen Gespräche in Ruhe führen zu können.


In deinem neuen Film geht es um das Thema Entschleunigung. Mal ganz konkret: Wann darf man noch Mails schreiben oder beantworten? Sollte man das nach Feierabend sein lassen?

 
Unbedingt. Wenn sich das irgendwie machen lässt und man nicht gerade einen Termin ausmachen muss für den nächsten Morgen, sollte man versuchen, sich selbst zu disziplinieren und den Feierabend Feierabend sein lassen. Ich habe in meinem Film einen Protagonisten, Alex Rühle von der Süddeutschen Zeitung, der den Selbstversuch gemacht hat, ein halbes Jahr lang ohne Netz und Handy auszukommen, und dabei gemerkt hat, wie süchtig er im Grunde schon ist. Mit teils deprimierendem, teils auch lustigem Ergebnis. Es war für ihn sehr erhellend, aber ich glaube, mittlerweile ist er wieder total drauf …


Ist Smartphone-Verzicht eine Option? Ist weniger in diesem Fall das berüchtigte, berechtigte Mehr?


Ich will nicht schwarz-weiß malen. Für mich ist es gerade jetzt ein wichtiges Arbeitsinstrument, aber die Dinger diktieren uns immer mehr den Tag und das Leben. Sie entlasten uns nicht mehr, sondern bauen uns zusätzliche sinnlose Beschäftigung in den Tag ein. Sich ein bisschen emanzipieren von den Geräten kann nichts schaden.


Wie viel Zeit ging für deinen neuen Film drauf?


Vier Jahre. Der Dokumentarfilm ist ein sehr entschleunigtes Medium, was ich manchmal auch bedauere. Für die Finanzierung geht erst mal viel Zeit drauf. Dann ist meistens eine sehr lange und akribische Recherche damit verbunden, weil man sich abheben will von den doch recht oberflächlichen Geschichten im Fernsehen, die manchmal in ein, zwei Tagen recherchiert sind. Und dann habe ich den Anspruch, in der Umsetzung gründlicher, filmischer ranzugehen als beim TV. Für den Schnitt gehen noch mal ein halbes oder ein drei Viertel Jahr drauf. Manchmal schreibt man noch ein Buch dazu, wie ich in dem Fall.


Wie war es für dich, erstmals dein eigener Hauptdarsteller zu sein?


Ich habe mich ziemlich verflucht dafür. Das Thema Zeitnot habe ich selbst sehr stark empfunden. Und was soll ich mit dem Zeigefinger auf andere zeigen? Dann möchte ich doch lieber die ganzen Absurditäten an mir aufzeigen. Mich selbst kann ich natürlich am besten durch den Kakao ziehen. Deswegen habe ich gedacht: Das kannst du nur aus der subjektiven Ich-Perspektive erzählen, und das musst eigentlich du sein.

Als ich den Plan eingereicht habe und mich um Filmförderungsgelder bemüht habe, waren alle angetan von der persönlichen Perspektive. Ich habe mich tierisch gefreut, dass es mit der Förderung geklappt hat. Doch dann stand ich da und dachte: Scheiße, was hab ich denn da gemacht? Ich habe noch nie in einem Film auch nur ein Wort gesprochen. Ich stand nur hinter der Kamera. Auf einmal war ich in einer Situation, die ich überhaupt nicht mehr lustig fand. Ich bin nicht der geborene Schauspieler. Und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich ertragen konnte in Wort und Bild im Film. Ich bin mir auch sicher, dass ich das nicht so schnell wieder machen werde.


Standardfrage, die du bestimmt schon sehr oft gehört hast: Hast du etwas umgestellt in deinem Leben oder hältst ab und zu mal inne und sagst: Pause?

 
Das Problem hat zwei Komponenten: eine persönliche und eine gesellschaftliche. An der persönlichen kann man etwas ändern, wie an der Abhängigkeit von Geräten zum Beispiel, aber an der gesellschaftlichen Seite etwas zu ändern, ist nicht so leicht. Wenn man sich als Gesellschaft mal darüber bewusst wird über dieses Hamsterrad, in dem wir leben, und das nicht immer so „alternativlos“ – Lieblingswort der Kanzlerin – darstellt, dann wäre für mich schon mal ein Schritt gemacht. Aber selbst bin ich ja derzeit wie gesagt der wandelnde Widerspruch.

Ich versuche zwar, an mir etwas zu ändern, aber ich bin kein Ratgeber und will auch keiner sein. Ich habe etwas gelernt durch meine Protagonisten und Episoden. Ganz banal auf den Punkt gebracht: Man kann nicht zwei oder drei Leben in eines packen, man kann nur ein Leben leben. Bewusster Verzicht ab und zu, um das andere wieder mit mehr Muße wahrzunehmen.



Ein Beispiel: Ich bin als junger Punkrocker immer nach Karlsruhe gefahren in einen Plattenladen und habe mir dann eine Platte geholt, die ich immer schon haben wollte, und habe die dann wochenlang gehört. Die hat sich absolut in mein Gehirn eingefräst und die gehört jetzt zu mir und bedeutet mir was. Und heute hast du 90 GB Musik auf deinem iPod, die kannst du wahrscheinlich drei Jahre am Stück hören. Du springst wahrscheinlich ständig, willst alles irgendwie kennen, mal’n bisschen reinhören. Aber wie viel davon bedeutet dir noch etwas?

Oder noch ein Alltagsbeispiel: Flugzeug. Was eigentlich mal dazu gedacht war, die Reisezeit zu verkürzen, damit man vielleicht mehr Zeit am Ziel- oder Urlaubsort verbringt, bewirkt nur, dass wir mehr fliegen, noch ein paar Länder anschauen, noch mehr Business in den Tag stopfen.

Das sagt auch Hartmut Rosa, der Soziologe, der in meinem Film (und Buch) eine wichtige Rolle spielt: Die Beschleunigungsgewinne, die wir durch die technischen Errungenschaften haben, werden immer durch die dem Kapitalismus inhärente Steigerungslogik mehr als aufgefressen. Wir schreiben nicht nur zwei Briefe, sondern 30 E-Mails. Auf deren Antwort wir dann wieder antworten müssen…


Dein Film heißt im Langtitel: Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Letzteres spielt ja an auf das Meisterwerk von Marcel Proust. Hast du es gelesen?


Ich habe Teile davon gelesen, aber der Film soll gar keinen Bezug dazu herstellen. Der Titel „Speed“ spielt ja auch auf einen ziemlich berühmten Film an, den mit Keanu Reeves von 1994. Mein Film hat weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas zu tun. Ich fand einfach, ganz simpel und unintellektuell, dass der Titel das Thema gut trifft und er sich gut anhört.


Was steht als nächstes an?


Als nächstes mache ich da weiter, wo Speed aufgehört hat: a) eine weitere Analyse des kapitalistischen Systems und b) die Suche nach Alternativen. Denn ich bin total sicher, dass unser jetziges System, das an allen Ecken und Enden zu knirschen beginnt, nicht zukunftsfähig ist. Das soll dann wieder in ein Filmprojekt münden. Nach dem Film ist vor dem Film. Die gleiche Ochsentour geht wieder von vorne los.  

Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit | Deutscher Trailer HD
Quelle: YouTube




Was: Filmpremiere „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit Regisseur Florian Opitz (D 2012, 95 Minuten)
Wann: Freitag, 28. September 2012, 19 Uhr
Wo: Kino Friedrichsbau

[Fotos: Promo]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Freitag, 28.09.12 14:44
 

reingehen! lohnt sich! gut strukturiert und interessant dargestellt. einige informationen mögen nicht unbekannt sein, werden dafür aber um so deutlicher

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