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Hat der Comic politische Sprengkraft? 5 Antworten vom Medienwissenschaftler Stephan Packard

Medienkulturwissenschaften – klingt kompliziert und kaum einer weiß, was sich hinter dem Namen dieses Studienfaches verbirgt. Jetzt geht das Institut in die Offensive und hofft mit seiner Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung in Freiburg nicht nur Fachleute anzulocken. Thema: Comics & Politics. fudder-Autor Wolfgang hat den Organisator der Tagung, Stephan Packard, gefragt, wie gefährlich politische Comics tatsächlich sind.

Stephan PackardVier Tage lang, von Donnerstag bis Sonntag, soll in wechselnden Räumlichkeiten der Uni über Comics sinniert und diskutiert werden. Der Medienwissenschaftler Stephan Packard von der Uni Freiburg ist der Organisator des Treffens der größten Comickenner aus ganz Europa. In einem Gespräch mit unserem Mitarbeiter Wolfgang Weismann hat er den aktuellen politischen Comic charakterisiert.


fudder: Bei Ihrer Tagung steht der politische Comic im Vordergrund. Nimmt der Comic tatsächlich als neues Medium auch politischen Einfluss, wie etwa das Internet?


Stephan Packard: Einzelne Comics tun das, genauso wie einzelne Angebote im Internet das auch tun. Wenn man den Comic insgesamt als politisches Medium beschreiben möchte, ist es in zwei Hinsichten besonders spannend. Einerseits in der Marginalität des Comics. Er wird sehr häufig unterschätzt und als randständige Lektüre verstanden: Entweder als reine Kinder- und Jugendlichenlektüre oder als eine nicht literarische oder nicht zum Mainstream gehörige Lektüre. Aber dadurch hat er andere Freiheiten und Möglichkeiten, politische Themen zu behandeln.

Zum anderen hat er die Möglichkeit, durch die Bilder, die karikieren und leichter als aufwendige fotografische Produktionen herzustellen sind, sich jene Bilder, die wir aus Mainstreammedien kennen, anzueignen und neu zu zeichnen. Der Comic gibt die Bilder, die wir fotografisch und im Film immer wieder gesehen haben, grafisch neu wieder - wie etwa nach dem 11. September. Diese Art der Aneignung unabhängig von einer spezifischen politischen Botschaft vergrößert die Vielfalt an Perspektiven, und die ursprünglichen Eindrücke werden relativiert.

Wir hatten die umstrittenen Mohammed-Karikaturen. Hat der Comic eine gewisse politische Sprengkraft, die negative Folgen haben könnte?


Bei einzelnen Comics ist das durchaus möglich, man darf aber hier nicht überschätzen, inwiefern das damit etwas zu tun hat, dass es Comics sind oder in diesem Fall Karikaturen. Die Mohammed-Karikaturen sind nicht deshalb politisch wirksam, weil es Karikaturen sind. Der Streit darüber ist nicht ein Streit darüber, was Karikaturen machen, sondern diese Karikaturen rücken in denselben Öffentlichkeitsraum wie viele andere politische mediale Äußerungen in dem internationalen Streit um Islam und Islamismus. Ich glaube, man würde überschätzen, was das spezifische Medium Comic oder Karikatur leistet, wenn man behauptet, das wäre die Besonderheit gerade der Karikatur.


Der unbedarfte Laie denkt bei Comic an lustige Heftchen wie Asterix oder Donald Duck. Was zeichnet den politischen Comic aus?


Es gibt im engeren Sinne engagierte politische Comics, die also zum Beispiel Propaganda treiben, die Kritik treiben, die Satire gegenüber politischen Themen ausüben. Aber in den bekannten unterhaltenden Comics gibt es eben auch diese Dimension einer politischen Ästhetik, die ich vorhin beschrieben habe. Wenn Sie bei Asterix an den Herrn im Piratenschiff denken, der im Ausguck steht: Wenn Sie das Bild einzeln betrachten, dann müssten Sie sagen, das ist eine rassistische Karikatur. Nun ist Asterix selbstverständlich kein rassistischer Text. Die Spannung, die dazwischen liegt, die Frage, warum wir uns an dieser Art, den Mann im Ausguck zu zeichnen, nicht gestört haben, ob wir uns hätten daran stören sollen, warum es funktioniert, dass der Text offensichtlich diese rassistische Botschaft nicht vermittelt, obwohl er dieses Bildmaterial verwendet, diese Fragen sind im tieferen Sinn politisch.

Was fasziniert Sie persönlich an Comics?


Am faszinierendsten ist immer der einzelne Comic, aus den Gründen, die den einzelnen Comic ausmachen. Aber ein Grund darüber hinaus, weshalb Comics für Medienwissenschaftler wie mich interessant sind, ist folgender: Während sie sich etwa im gleichen Zeitraum wie auch die anderen neuen Medien entwickelt haben, verfügen sie nicht nur über Kombination nicht nur von Sprache und Bild, sondern eine Bildproduktion, die unter einfacheren Produktionsbedingungen stattfindet und deshalb ein Testgelände und ein Laboratorium für die Bilddarstellungen Mainstreammedien war.

Was ist die Fragestellung, die der Tagung zugrunde liegt?


Wir werden über diese zwei Schwerpunkte sprechen: Einerseits über im engeren Sinne engagierte Comics, Propaganda, Kritik, Satire; und andererseits über die Frage der politischen Ästhetik. Wir erhoffen uns von jeder Jahrestagung, dass jeder von uns einen sehr viel breiteren Eindruck von den verschiedenen Themen haben wird als zuvor. Ein besonderer Reichtum dieser Tagung ist, dass Menschen zum Beispiel über peruanische Comics sprechen werden, sie werden über die Darstellung des Zweiten Weltkrieges im Comics aus verschiedensten Teilen der Welt sprechen, und dieser Reichtum wird einen großen Teil der Quersumme ausmachen.  


Was
: 7. Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung
Wann: Donnerstag, 27. bis Sonntag, 30. September 2012 (Programm)
Wo: In verschiedenen Räumlichkeiten der Uni Freiburg (siehe Programm)
Eintritt: frei. Interessenten sind herzlich willkommen!





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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 6
Donnerstag, 27.09.12 13:41
 

"Nun ist Asterix selbstverständlich kein rassistischer Text."

die rassismusproblematik erinnert mich an tim im kongo. vor dem krieg war das normal, heute wird es zu recht als rassitisch betrachtet. ein kongolese wollte sogar das heft verbieten lassen.

das bin laden comic vom titelbild hab ich nem cousin von mir aus kreuzberg mal zu weihnachten geschenkt. weil er kurz vorher zum islam konvertiert ist, hat er mich gefragt, ob das "gegen den islam" ist. tss tss tss :-D


Andrés hat den Kommentar am 27.09.2012 um 13:43 bearbeitet
Donnerstag, 27.09.12 14:14
 

also wenn ich zb an asterix in korsika denke finde ich das schon rassistisch wie die jungs mit ihrem massiv stereotypisierten gesichtern faul an ihren zwei metern römerstraße mauern, abartig stinkenden käse futtern und ständig die messer zücken. dieses enorme überzeichnen der rassen ohne mischung einerseits, und dann noch dass immer die gallier kommen und ihre probleme für sie lösen müssen, unproblematisch ist das nicht. gibt bestimmt noch genug andere beispiele, aber ich habe die dinger natürlich schon ewig nicht mehr gelesen.

Donnerstag, 27.09.12 14:31
 

Leute - hingehen, mitdiskutieren.

Ich war vor einer Weile bei einer anderen Konferenz von Stephan Packard und dem Institut dabei (es ging um Zensur, hatte mir extra 2 Tage Urlaub genommen) und das war super: kompetente, diverse Leute, interessante Themen ...

Wenn ich mich für Comics interessieren würde wär ich wieder dort.


christianhauck hat den Kommentar am 27.09.2012 um 14:32 bearbeitet
Donnerstag, 27.09.12 14:51
 

Ich bedaure es, dieses Wochenende nicht in Freiburg zu sein, ich wäre gern hingegangen.
Herr Packard ist übrigens ein Dozent von mir und seine Seminare sind mehr als interessant.

Donnerstag, 27.09.12 19:36
 

wtw, vergiß nicht Asterix bei den Belgiern.... Frühstück zur Mittagszeit usw...
Ganz offen rassistisch (heute betrachtet) sind Die Blauen Boys im Orginal: Les Tuniques Bleues...
Nord gegen Süd und alle Klieschees werden ausgebreitet.

Freitag, 28.09.12 11:45
 

Heute auch in der BADISCHER ZEITUNG:

"Dagobert Duck ist mehr als ein Stereotyp des Kapitalisten"

BZ-INTERVIEW: Der Freiburger Medienwissenschaftler Stephan Packard über die Comicforschung in Deutschland und die Tagung "Comics und Politik".

http://tinyurl.com/cwn8yg9


supermanuel hat den Kommentar am 28.09.2012 um 11:46 bearbeitet
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