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Kommentatort.ch: Der Tatort-Blogger

Das Auge im Fadenkreuz, ein rennendes Paar Beine auf nachtschwarzem Asphalt und ein stilisierter Fingerabdruck - so beginnt seit nunmehr vierzig Jahren die Kult-Krimireihe "Tatort" in der ARD. Ihrer Faszination erlegen ist auch der Basler Schriftsteller und Journalist Gregor Szyndler, Gründer des Rezensionsblogs Kommentatort.ch. Was einen guten Tatort ausmacht, wie er die Schweizer Ausgabe bewertet und was er von Till Schweiger hält, erzählt er im fudder-interview.

Tatort / kommentatort.ch


Seit wann schauen Sie regelmässig "Tatort"?


Gregor Szyndler:
Seitdem ich mit einem befreundeten Schriftsteller in Leipzig in einer Kneipe bei Wein und Bier saß. In der Ecke flimmerte der Tatort, und wir haben bis auf den Vorspann kaum etwas vom Krimi gesehen. Das ist ungefähr sechs oder sieben Jahre her. Seither geht nichts mehr ohne Tatort. Schon zuvor mochte ich diese Fernsehserie, schaute sie jedoch nicht regelmäßig. TV-Krimi-mäßig bin ich ja eher mit dem Krimi-Dienstag des Schweizer Fernsehens, mit "Derrick", "Der Alte" und "Ein Fall für zwei" groß geworden. Was habe ich gestaunt, dass man einen Fall auch in 90 Minuten lösen kann.

Können Sie sich noch an die erste Folge erinnern, die sie gesehen haben?


Das ist eine sehr schwierige Frage. Allein die Menge geschauter Episoden macht es schwierig, und das gute alte Gedächtnis trägt sein Scherflein bei. Ich werde mir wohl bei der ersten erinnerten Folge gesagt haben: Das ist ein ausgezeichneter Krimi - und zugleich mehr als nur ein ausgzeichneter Krimi, nämlich ein Grund, weitere Sonntagabende vor dem TV zu verbringen. In Erinnerung geblieben von den älteren Kommissaren ist mir Schimanski. Aber auch der ehemalige Leipziger Kommissar und spätere Bundespräsidentschaftskandidat Peter Sodann ist mir geblieben.

Was denken Sie, worauf ist die ungebrochene Faszination für diese Krimi-Serie zurückzuführen?


Das ist einmal die Fiktion, dass ein Mord restlos in 90 Minuten abschließbar sei. Eine solche Reduzierung der Komplexität ist wohltuend, besonders am Sonntagabend. Außerdem ist es ein Ritual, gibt der Woche Struktur und schließt das Wochenende ab. Dann bekommen alle Sendegebiete eigene Ermittler, so dass sich viel Lokalkolorit in der Reihe findet, Eigen- und Fremdwahrnehmung abgeglichen werden kann. Und von dem kultigen, absolut unverzichtbaren Vorspann, den ein gewisser Nuscheler und Fitnessstudio-Dauerkartenbesitzer nur aus PR-Gründen anzweifelt, ist damit noch kein Wort gesprochen.

Und was begeistert Sie daran?


Mich fasziniert die Vorstellung einer Filmreihe, die so weit zurückreicht. Schaut man alte Folgen an, hat es etwas von Archäologie. Wie wurde damals inszeniert, was bewegte, wie stellte man gesellschaftliche Komplexitäten dar, wie weit brach man sie herunter? Dann ist ein Tatort auch stets mehr als nur ein Tatort. Er ist Einzelfilm und Glied einer sehr, sehr langen Reihe.

Ganz konkret fasziniert mich die Vorstellung, dass alle Filme mit dem mehr oder weniger gleichen Budget gefilmt werden, gleich lang dauern, gleiche Startbedingungen haben, und doch kommen so verschiedene Episoden heraus. Des Weiteren gibt es bei so gut wie allen Kommissaren und Teams noch mehr Gründe, die zu dieser Begeisterung beitragen, wobei es nicht immer eitel Sonnenschein ist, sich Sonntag für Sonntag den Tatort anzuschauen. Da liegen Höhen und Tiefen nah beisammen.

Sie rezensieren jede einzelne Folge auf kommentatort.ch. Warum haben Sie ihr  Blog gestartet?


Ich fühlte mich von den meisten Tatort-Kritiken nicht abgeholt. Entweder lasen sich diese wie ein Pressetext oder sie klangen nach stilistischer Selbstbeweihräucherung. Dann wieder war es offensichtlich, dass der Renzensent nur die eine Folge geschaut hat, also quasi redaktionell zum Tatortgucken verdonnert wurde. Das hat noch keiner Rezension gutgetan.

Daneben wollte ich schon immer ein Blog machen, möglichst wöchentlich, wünschte mir aber aus pragmatischen Gründen ein Thema, welches auch in Zeitnot umsetzbar wäre. So ist es nach wie vor der ultimative Kick, Tatorte in Echtzeit zu schauen und zeitnah bei Kerzenschein zu besprechen. Weil sich der Tatort im ganzen deutschen Sprachraum bewegt, ist es außerdem spannend, sich in einer so großen Gemeinschaft zu bewegen. Nicht zuletzt stand der Wunsch Pate, meine Faszination für den Tatort in der einen oder anderen Form erzählbar zu machen.


kommentatort.ch

Anhand welcher Kriterien bewerten Sie die einzelnen Ausgaben?


Meine Skala geht von einer brillanten und einer lausigen Ausgabe aus. Das untere Ende markiert die Folge "Wie einst Lily", die im Jahr 2010 den neuen Wiesbadener Kommissar Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur, vorstellte. Diese Episode geiet auf Grund sintflutartiger Regieeinfälle derart schwurbelig, dass es keine Freude war, sie anzuschauen. Sie bewertete ich mit einer 1, der schlechtesten Note auf der Schweizer Notenskala.

Das obere Ende wird von der Münchner Folge "Nie wieder frei sein" eingenommen.  Wie die Kommissare Batic und Leitmayr, gespielt von Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, hier gegen die bösen Folgen ihres Übereifers ankämpfen, ist unerreicht und hat ganz große Klasse. Diese Folge ist ein Muster an Handlungsverknappung und Krimiökonomie. Sie zeigt vom Abladen der Leiche bis zum Prozess um den überführten Täter, den Skandal um die erschummelten Beweismittel, über die Entlassung des Mörders bis zur Hilflosigkeit des Gesetzes und der Wut des Lynchmobs alles, was einen schockierend brillanten Mord zum Sonntag ausmacht. Sogar ein bisschen Auferstehung ist mit dabei, wenn nach den schockierenden ersten drei Minuten die im Dreck abgeladene Leiche plötzlich wieder aufsteht: Was für eine Umkehrung der "Tatorthodoxie", dass eine Leiche in den ersten fünf Minuten her muss - hier lief die Leiche ja in Minute vier davon!

Natürlich ist die Objektivität dieser "Wie einst Lily"-"Nie wieder frei sein"-Bewertungsskala eine Fiktion, ein Mäntelchen für ein konsequent willkürliches, dünkelhaftes, von der Tagesform abhängiges, kapriziöses und sperenzchenhaftes Messinstrument. Der Tatort muss ja nicht per se schlecht sein, nur weil es mir als Kommentator so leicht fiel, während der Sendung die Steuererklärung zu erledigen oder endlich mal wieder die Socken zusammenzulegen. Die Skala soll deutlich machen, welches die Leitplanken sind, innerhalb derer ich mich beim Rezensieren bewege.

Diese Kriterien zugrunde legend: Welches ist Ihr absoluter Lieblingstatort?


Absolutes Highlight, wie gesagt: Der Münchner Tatort "Nie wieder frei sein". Dort stimmt alles: Der Fall passt auf einen Bierdeckel und ist doch weit mehr als abendfüllend. Er ist aufreibend und im besten Sinne schockierend. "Nie wieder frei sein" elektrisiert vom ersten bis zum letzten Bild. Der Fall ist sowohl menschlich als auch kriminalistisch nachvollziehbar und trägt eine deutliche Handschrift: Hier wurde alles getan, um den Fall plastischer und drastischer zu machen.

Und wie war Ihre erste Reaktion auf die neue Schweizer Ausgabe?


Ich habe mich nicht so aufgeregt. Im Vorfeld von "Wunschdenken" gab es in der Schweiz viel Gerede, von wegen Nachbearbeitungen und die schlechte Synchronisierung. Die Synchronfassungen waren aber schon bei Kommissar Flückigers Auftritten am Bodensee, bei Frau Blum so unterirdisch, dass ich jeweils auf die ARD-Fassung wechselte. Viel kann man ja in einer Erstausgabe nicht erreichen, zumal in einem Land, das so lange keine Tatorte mehr in den Verbund speiste! Da ist man schon zufrieden, wenn der neue Kommissar einigermaßen vorgestellt wird und es nebenher auch noch für die Aufklärung reicht.

Im Ursprung war die Idee, in einem Wahljahr auf die Tatortbühne zurückzukehren, richtig mutig. In diesem Krimi wurde ein nicht gänzlich aus den Fingern gesogener, überehrgeiziger Politiker gezeigt, der quasi über die eigene Leiche geht, um die Wiederwahl zu schaffen. Schade, dass der Fall nachher von mutlosen TV-Chefetagen dermaßen zerredet und verwässert wurde. Es resultierte ein stark nachgebesserter Fall, der Gut und Böse zwar mit der Stoppuhr gegeneinander abwog, für den Einstand eines neuen Teams aber dennoch ganz ordentlich war. Dennoch wurde Sendezeit mit einer unsäglichen Assistentin und Schulmädchenreport-Bettszenen verschwendet.

Wie sähe denn Ihr Tatort aus, wenn Sie das Drehbuch schreiben könnten?


Es ist, wie neulich vom Ex-Kommissar Gregor Weber im "Cicero" berichtet, alles andere als einfach, einen Tatort zu schreiben. Viele Instanzen haben viel zu sagen. Womöglich hat der Drehbuchschreiber noch am wenigsten von allen etwas zu sagen. Grundsätzlich muss man darauf achten, dass man nicht zu viel in einen Fall presst. Alles muss auf einen Bierdeckel passen. Den nahtlosen Anschluss an Günter Jauch und Co., die hartnäckige Simulation gesellschaftlicher Relevanz und thesenhafte Problemaufarbeitung, kann man streichen. Auch muss keiner das Rad neu erfinden. Es liegt alles da, sei es im Tatort-Archiv oder in den Vermischten Meldungen der Zeitungen.

Ich würde mich an das folgende Rezept halten: Ein banales Motiv, ein von Anfang an bekannter Mörder wie in "Borowski und die Frau am Fenster", eine interne Komplikation zwischen den Kommissaren wie bei "Nie wieder frei sein", ein langsam erstarkendes, chronisch unterschätztes Team wie beim Tatort Luzern, Spannung und Schrecken wie gestern bei "Borowski und der stille Gast" sowie eine Prise Humor. Diese jedoch homöopatisch dosiert und nicht sauglattistisch à la Thiel und Boerne. Und obendrein natürlich eine atemberaubende Kulisse, warum nicht noch einmal die Alpen.

Auch nicht schlecht: Wie es die neuen Frankfurter machen, keine Berge, dafür aus dem Leben gegriffene Fälle. Und am liebsten ein offenes Ende: Am liebsten einen Zweiteiler, wie neulich in Leipzig und Köln.

Hat der "Tatort" Ihrer Ansicht nach das Potenzial für die nächsten zehn, zwanzig Jahre - was müsste sich ändern?


Absolut. Ich bin überzeugt, dass es der Tatort noch viel länger machen wird als zehn oder zwanzig Jahre. Freilich nur, wenn man ausgetrampelte Wege verlässt, Risiken eingeht, nicht zu sehr in Quoten denkt. Mehr Batu braucht es, weniger Schweiger, mehr Sibel Kekilli, mehr Leute, die in die Rolle hineinwachsen, die eine Chance verdient haben, hungrige, junge Schauspieler, warum nicht Lars Eidinger?

Es macht für die Zuschauer wenig Sinn, gestandenen Größen ein mehr oder weniger bedingungsloses Grundeinkommen für die Verkörperung ihrer selbst zuzuschanzen. Das ist dann vielleicht ein Straßenfeger, nur schon wegen des bekannten Gesichts, welches man vor die Kamera schubste. Die Episoden bekommen womöglich auch eine ordentlich Quote, schaden aber trotzdem der Reihe, weil es eher einem Geschäftsmodell entspricht als einer Entscheidung aus Leidenschaft für tolle Krimis.

Zum Glück gibt es ja immer noch und hoffentlich noch lange die sicheren Werte: Batic und Leitmayr, Ballauf und Schenk, Eisner und die mittlerweile in Wien angekommene Fellner. Sehr gespannt bin ich auf die neuen Teams, Erfurt, die beiden Hamburger Ausgaben, Saarbrücken und Dortmund. Es ist ja einiges los im Tatortland. Die Reihe lebt. Das wird sich auch nicht so schnell ändern. Wenn der Tatort aber nur noch über Quote definiert und womöglich bald ein neuer Vorspann geschaltet wird, wäre dies das Ende. Grundsätzlich finde ich, dass man mehr auf jüngere Ermittler, Schreiber, Filmer setzen sollte, um die Grenzen der Reihe auszuloten, zu versetzen.



Gregor Szyndler


Zur Person
Gregor Szyndler, 32 Jahre, lebt und arbeitet als freier Autor und Publizist in Basel. Dort schreibt er journalistische und kolumnistische Texte, unter anderem für die Basler Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. Zudem verfasst er Kurzgeschichten, Gedichte und Novellen, nimmt an Lesungen teil und sucht derzeit einen Verlag für seinen ersten Roman.






  
[Fotos: ARD Promo / Gregor Szyndler]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Montag, 10.09.12 22:02
 

Worum geht s denn in dem (seinem ersten) Roman?

Dienstag, 11.09.12 01:25
 

hallo rabukki!

in meinem ersten roman geht es um einen fälscher im mittelalterlichen basel, der so ziemlich alles fälscht, am ende aber die kontrolle über alles verliert...

gruss!

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