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Junges Freiburg – Ein Nachruf

13 Jahre hat sie den Gemeinderat aufgemischt, die dritte Wahlperiode in Folge ist Junges Freiburg im Stadtparlament vertreten. Jetzt endet das „Projekt Junges Freiburg“: Im August soll die Auflösungs-Mitgliederversammlung stattfinden. fudder-Autor Martin war in seiner Jugend bei der Initiative aktiv. Ein persönlicher Rückblick:



Als ich neu in Freiburg war, verkündete ein großes Plakat am Platz der Alten Synagoge die Eröffnung des „Jugenddenkmals“, eines selbstverwalteten Jugend-Kultur-Zentrums in der alten Unterführung unterm Siegesdenkmal. „Krass, was die hier auf die Beine stellen“, dachte ich als Neu-Freiburger. Bald drängte sich mir der Eindruck auf, dass das hier nicht nur eine Stadt mit erfrischend großfressiger Bürgergesellschaft war, sondern auch eine Stadt, in der Jugendliche Lobbyarbeit in eigener Sache machten.

Genau genommen drängte sich mir ein Kollege im Zivildienst auf, der mich Tag für Tag zu überreden suchte, mal zu einem Arbeitstreffen der Wählervereinigung zu kommen, in der er aktiv war. Irgendwann knickte ich ein und kam mit auf eine Montagssitzung von Junges Freiburg im Rathaus. Ich hatte eigentlich keine Ambitionen, mir in meiner neuen Stadt gleich ein Ehrenamt zu suchen, geschweige denn Politik zu machen. Aber auf einmal fand ich mich auf einer Klausurhütte wieder, half einen Wahlkampf planen und kandidierte für den Gemeinderat. Was war passiert?

Jugendliche im Gemeinderat

Jeden Montag trafen sich die Stadträte von Junges Freiburg – damals Claudia Herbstritt und Florian Braune, beide Mitte zwanzig – mit den Aktiven aus der Jugendinitiative, um sich auszutauschen. Meistens bei Saft und Keksen. Die Stadträte berichteten von ihrer Arbeit und von Themen, die im Gemeinderat verhandelt wurden und die aus einem jungen Blickwinkel interessant waren. Die Aktiven meldeten zurück, was ihre Sicht auf die Dinge war und welche Themen die Stadträte in die politische Diskussion einbringen könnten. Die Diskussionsrunden wurden ausgelassen geführt, streitbar und auf hohem Niveau. Die Teilnehmer waren Schüler, Azubis oder Studenten; Bobbele sowie gerade erst Hergekommene.

Die Perspektiven waren naturgemäß frei von Parteidogmen oder „das haben wir schon immer so gemacht“-Argumenten. Wer bei Junges Freiburg war, war typischerweise noch in keiner Partei aktiv und nicht standardmäßig „links“ oder „konservativ“. Sie oder er ging jede neue Frage mit neuen Argumenten an. Junges Freiburg war bewusst überparteilich und schrieb sich unvoreingenommene, themenbezogene Arbeit auf die Fahnen. Die Truppe kokettierte vor mehr als zehn Jahren mit derselben frechen Naivität, die heute den Piraten Sympathien beschert.

Manche Mitglieder formten sich in ihrer Zeit bei Junges Freiburg eine politische Meinung und wurden hinterher schwarz, grün oder rot. Für „schon immer so gemacht“ waren wir alle noch zu jung. „Und wieso nicht einfach mal so?“ war der Ton, den Junges Freiburg in den Gemeinderat einbrachte.

Ein „Wieso nicht einfach mal so?“-Projekt war das Jugenddenkmal gewesen. Junge Freiburger, die sich einen Freiraum für Kunst, Politik und Abhängen ohne pädagogisches Konzept wünschten, hatten sich für das selbstverwaltete Jugendzentrum unterm Siegesdenkmal stark gemacht.

Was sich als schwierig erwies: Die Welt der „erwachsenen“ Politik zu erreichen. Eine Initiative wie Jugenddenkmal brauchte die Unterstützung der Stadtverwaltung. Das Projekt musste auf die Gemeinderats-Tagesordnung. Kannte jemand einen Stadtrat? Hatte jemand Eltern, die jemanden kannten, die einen kannte? Selbst das damalige Freiburger Jugendbeteiligungskonzept, der „Jugendrat“, war mehr Beschäftigungstherapie für politisch Frühreife als eine niederschwellige Anbindung an die „richtige“ Politik.

Wir reden hier vom Ende der neunziger Jahre. Da konnte man einen Stadtrat nicht einfach auf Facebook anstupsen. Suchte man Gleichgesinnte für ein Projekt, konnte man das nicht einfach ins Internet schreiben. Man musste Leute noch ansprechen. Einzeln und in echt. Das Wort „Hemmschwelle“ stammt aus dieser Zeit.

Die Jugendlichen aus unterschiedlichen Freiburger Initiativen – und eine Menge von ihnen kamen aus dem Dunstkreis von Jugenddenkmal oder waren im Jugendrat oder beides – beschlossen, 1999 mit einer eigenen Liste bei den Gemeinderatswahlen anzutreten. Auf Anhieb erreichten sie zwei Sitze. Jugendliche, die vielleicht auch in einigen Jahren noch in Freiburg leben wollten, brauchten sich mit einem Mal nicht mehr darauf verlassen, dass man sie schon mitmeinen werde, wenn der im Durchschnitt über 50-jährige Gemeinderat (die jüngste Rätin war mit Mitte 30 Gabi Rolland) nachhaltige Entscheidungen für die Stadtentwicklung traf. Jugendliche waren ab sofort stimmberechtigte Mitglieder. Und der Verein Junges Freiburg war die Basis, auf der sich die zwei Stadträte erdeten.

Mitgerissen

2004 erlebte ich als Mitglied Spaß und Euphorie eines „Taschengeldwahlkampfs“ – der Junges Freiburg wieder zwei Sitze im Stadtparlament bescherte. Ich übernahm Ämter im Verein, war mal Zweiter Vorsitzender, mal Kassenwart und auch ein oder zwei Jahre Geschäftsstellenjobber für die Stadträte Florian Braune und Sebastian Müller.

Faszinierend fand ich, dass das Interesse der Mitglieder nach dem Wahlkampf nicht abriss. Oft 15, 20 Aktive kamen abwechselnd zu den Montagssitzungen, um sich ihre Dosis Tagespolitik zu geben und angeregt zu diskutieren. Wenn wir mal nur acht junge Leute im Rathausbüro waren, fanden wir das wenig.

Für das Engagement von Jugendlichen, die den langen Atem haben, um sich in einem Stadtrat zu engagieren und sich in Kommunalpolitik einzuarbeiten, gibt es offensichtlich eine Konjunktur. Je dringender sie etwas bewegte, desto spürbarer das Engagement bei Junges Freiburg.

Graffiti-Freiflächen, Skatepark, ein neues Jugendbeteiligungskonzept nach dem Ende des Jugendrats – wer sich in der herkömmlichen Politik für etwas stark machte, musste damit rechnen, selbst nicht mehr vom Erreichten zehren zu können. Bevor ein Projekt in der Stadt umgesetzt war, hatten die Engagierten oft schon Abi gemacht oder ihr Studium abgeschlossen und Freiburg verlassen. In diesem Sinne ist Kommunalpolitik ziemlich abstrakt. Umso bemerkenswerter fand ich, dass bei Junges Freiburg immer was ging.

Wenn ich ehrlich bin, fand ich die Punkte der Tagesordnung wichtig und gut. Aber Jugendzentren waren nicht, weswegen ich mich in der Wählervereinigung engagierte, und der Kampf für verkürzte Sperrzeiten war es auch nicht. Ich holte mir bei Junges Freiburg Schwung. Ich war ein Schmarotzer. Ich wollte mich mitreißen lassen von junger Energie. Von 14-, 16-, 20-Jährigen, die sich an einen Tisch setzten und fair Meinungen austauschten und in ihrer Freizeit über das Gemeinwesen nachdachten, in dem sie lebten.

Junges Freiburg bewies, dass „Politikverdrossenheit“ nichts ist als eine böswillige Unterstellung. Die Ressourcen und Kompetenzen, die sich unter den Jugendlichen von Junges Freiburg fanden und die sie bereitwillig einander zur Verfügung stellten, waren unendlich wirksam und kreativ. Junges Freiburg war erfrischend und machte Spaß. Deswegen war ich bei Junges Freiburg.

Das Ende

Junges Freiburg hat mit Simone Ariane Pflaum in der dritten Wahlperiode in Folge zumindest einen Sitz im Gemeinderat. Vorstand Tom Pannwitt gehört zur grob dritten Generation von Junges-Freiburg-Aktiven. Und die Stadträtin und er sind praktisch allein.

Junges Freiburg hatte immer Phasen, in denen wir uns um Personal und Nachwuchs Sorgen machten. Aber unser Netzwerk stand, wir konnten kurzfristig unsere Kräfte mit anderen Initiativen zusammenlegen und wir konnten immer dem Hauptzweck unserer Satzung gerecht werden: Politisch informieren, zur Beteiligung motivieren und den Jugendlichen im politischen Mainstream eine Stimme geben.

Aber nach dem engagierten und starken Wahlkampf 2009 ging die Teilnahme stetig zurück. Die wöchentlichen Treffen der Stadträtin mit „den Aktiven“ ergaben irgendwann keinen Sinn mehr. Nicht einmal zur Mitgliederversammlung mit dem Tagesordnungspunkt „Auflösung“ kamen genug Stimmberechtigte.

Was Junges Freiburg in den vergangenen zwei Jahren durchgemacht hat, ist keine Konjunkturflaute – es ist das Ende. Und wisst ihr was? Ich finde das nicht richtig schlimm.

Markus Meyer, Junges-Freiburger der ersten Generation, schreibt in seinem Blog: Junges Freiburg habe sein Ziel erreicht, den Gemeinderat zu verjüngen. Die alten Parteien haben angefangen, echte junge Menschen reinzulassen, statt sie als Zählkandidaten auf ihren Listen zu verbrennen. Junges Freiburg sei von Anfang an als Projekt gedacht gewesen und ein Projekt habe ein Ende. Idealerweise, wenn es seine Ziele weitgehend erreicht hat.

Junges Freiburg ist kein Selbstzweck, das war ein Mantra, das ich vom ersten Tag in dem Verein hörte. Jeder Entscheidung, wieder mit einer Liste zur Gemeinderatswahl anzutreten, gingen lange Debatten voraus. Junges Freiburg wollte nie seinen Besitzstand waren, weil wir das schon immer so gemacht hatten. Junges Freiburg war in erster Linie die Wählervereinigung und das Bedürfnis nach Einmischung. Es war nie in erster Linie zwei Stadträte und das Bedürfnis nach Wiederwahl.

Nicht so gut lief zeitgleich das Projekt Jugenddenkmal, später „Z“, das aus demselben Urschleim wie Junges Freiburg geboren war. Dass die versackte Unterführung von der Stadtverwaltung eine zweite Chance erhielt und die Initiative ArTik ein brummendes Jugend-Kultur-Zentrum daraus machen konnte, in dem Jugendliche echte Freiräume finden, war nur noch zum kleinen Teil der Vorarbeit von Junges Freiburg zu verdanken. Moderne Beteiligung und Lobbyarbeit passieren online und ohne Hemmschwellen. Wer Gleichgesinnte sucht, vernetzt sich via Facebook. Selbst die greisesten Stadträte erreicht man inzwischen via E-Mail und sie schaffen es, Jugendliche mitzudenken.

Politische Beteiligung ist interaktiv und social-medial. Niemand muss sich damit abfinden, dass politisches Engagement so lange dauert, dass man die Früchte seiner Initiative nicht mehr selbst ernten kann. Das fertige ArTik wird von denselben Aktiven geschmissen, die das Jugendzentrum unterm Siegesdenkmal wieder atmen sehen wollten.

Tschüss, JF!

Ich glaube, die Auflösung von Junges Freiburg ist der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Das Projekt hat mich überlebt, denn seit Vollendung des 27. Lebensjahres bin ich laut Satzung kein stimmberechtiges Mitglied mehr. 13 Jahre Junges Freiburg, das ist ziemlich lang für ein Projekt. Mindestens zweimal hat es sich komplett verjüngt.

Junges Freiburg war ein erfolgreiches Projekt, aber das ist nicht der Grund, warum die dritte Generation es jetzt beendet. Gemeinderatssitzungen über Friedhofssatzungen durchzustehen um in zwei Jahren wieder über Fördergelder für Jugendzentren abstimmen zu dürfen, ist nicht die liebste Beteiligungsform für Leute, die nach der Schule erst mal ins Ausland wollen und dann mal sehen. Der Gemeinderat ist geentert, die Bürgergesellschaft ist online. Und wer im Gemeinderat über Friedhofssatzungen und kommunale Waldwirtschaft abstimmen will, kann ja zu einer von den Parteien gehen. Für alles andere: Danke, Junges Freiburg!

Zur Person

Martin Jost war von 2003 an Junges-Freiburg-Mitglied, bis er altersbedingt in den Status eines Fördermitglieds versetzt wurde. In seiner aktiven Zeit war er nacheinander 2. Vorsitzender und Kassenwart der Wählervereinigung. 2004 und 2009 kandidierte er auf Platz vier bzw. Platz fünf der Liste von Junges Freiburg für den Gemeinderat. Auch nach dem Ende von Junges Freiburg geht Martin jedes Bedürfnis ab, einer der herkömmlichen Parteien beizutreten.





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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Dienstag, 31.07.12 19:07
 

Danke für den Bericht - jetzt im Nachklapp versteh ich manche Entscheidung rund um JF besser.

War ein schönes, anregendes und gutes Projekt. Hab zwar nur die Ergebnisse bzw. Anregungen von JF mitbekommen. Die sind gut und haben für eine breitere Ansprechbarkeit der Stadträte für Jugendfragen gesorgt.

Servus JF!

Mittwoch, 01.08.12 00:21
 

Was bitteschön war jetzt so wichtig an junges Freiburg? Ein paar konzeptlose Jugendliche aus dem Bürgertum, die einen Partyraum unterm Siegesdenkmal klarmachen wollten, sollen den Gemeinderat "aufgemischt haben"? Ziel von junges Freiburg war es also den Gemeinderat "zu verjüngen"? Posertum? Freiburger Kids im Selbsterfahrungsverein? Generation Doof darf Politik lernen? Ich versteh den Sinn von JF immer noch nicht. Aber jetzt ist es ja eh vorbei... und das ist irgendwie gar nicht verkehrt;-)

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