zur Startseite
Passwort vergessen?
 

 

Gute Aussichten: Weingarten, wie man es nicht erwartet

Hässliche Hochhäuser und Kriminalität: Das Freiburger Viertel Weingarten leidet seit Jahren unter seinem schlechten Ruf. Dabei zeichnen Menschen, die sich in dem Viertel engagieren, ein ganz anderes Bild: jenseits vom grauen Alltag.

Weingarten

Wer an Weingarten denkt, denkt meist an graue Hochhäuser. Doch es gibt sie auch dort, urbane Wohlfühlorte. Grün, leuchtend, futuristisch: Wie ein Ausrufezeichen streckt sich das Hochhaus an der Buggingerstraße 50 in den Himmel. Die „Buggi 50“ ist das erste Hochhaus der Welt, das genauso viel Energie produziert, wie es verbraucht.

Christel WerbChristel Werb sieht in dem Gebäude eine gute Möglichkeit, das Image von Weingarten zu verbessern. Doch sanieren alleine reicht nicht. Seit 2004 leistet Christel Werb Quartiersarbeit in Weingarten-West. Dabei geht es darum, die dort lebenden Menschen zu beteiligen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen - ganz unter dem Motto „Was muss sich ändern, damit Wohnen im Hochhaus schön wird?“, wie es die 54-Jährige formuliert.

Seit einem Jahr ist die „Buggi 50“ wieder bewohnbar. Das Haus wurde komplett entkernt, sogar die Grundrisse der Wohnungen wurden verändert. Auf 16 Stockwerken leben dort 250 Menschen aus 25 Ländern. Sie entscheiden gemeinsam über die Hausordnung, darüber, wer einziehen darf oder über gemeinsame Kochabende. „Natürlich gibt es auch hier Leute, die keinen Kontakt möchten, die sind aber in der Minderheit“, sagt Werb. Ihr Büro befindet sich im Erdgeschoss der „Buggi 50“, die meisten Bewohner kennt sie mit Namen.

Video-Umfrage: Was haltet ihr von Weingarten?




Als es schick war, in Weingarten zu wohnen
Joscha MetzgerOb der gesamte Stadtteil Weingarten von Anonymität gekennzeichnet ist, lässt sich ohnehin bezweifeln. Laut Joscha Metzger, Mitarbeiter des Instituts für Kulturgeographie der Universität Freiburg, stellt sich die Wirklichkeit vielschichtiger dar. Seiner Meinung nach sei es in Freiburg „sowieso abwegig, von Problemvierteln zu reden“. Der 29-Jährige erklärt, dass es anfangs in den 60er Jahren als „schick“ galt, in dem aus Wohnungsnot entstandenen Viertel zu wohnen.

Komfort kombiniert mit Ausblick – für viele Menschen ein Argument, damals in die Hochhäuser zu ziehen. Doch ab den 70er Jahren schon zog die Mittelschicht aus – und die leeren Räumlichkeiten wurden wahllos von der Stadtbau gefüllt. „Reiche wohnen, wo sie können – Arme, wo sie müssen“, so Joschas Erklärung zu der heutigen Wohnsituation in Weingarten. Hier wohnen knapp 11.000 Menschen aus über 70 Nationen.

Chenar BamerniChenar Bamerni, eine 50-jährige Irakerin, die schon seit 1994 im Stadtviertel wohnt, ist glücklich hier. Ihre Zukunft sieht sie in Weingarten, „ein lebhaftes Viertel, in dem alles und alle sich vermischen“. Im Stadtzentrum ist sie nur einmal im Monat, sonst bewegt sie sich eigentlich hier – vor allem, seitdem sie jeden Tag in der Spinnwebe arbeitet. Im Erdgeschoss reihen sich Sofas, Regale und Tische verschiedenster Farben und Formen aneinander; DVDs, Gläser und Toaster stapeln sich und von der Decke baumeln Lampen und Harlekine. Aber die Spinnwebe ist mehr als ein bloßer Secondhand-Laden, denn sie bietet Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit, ins Berufsleben zurückzufinden.

Orte des Austausches

Bernhard NeyerBernhard Neyer ist seit fast zehn Jahren Geschäftsführer der Einrichtung und kennt das Viertel und seine Bewohner. Alles beschönigen möchte er nicht: „Das Viertel ist natürlich durch seine Architektur und seinen hohen Anteil an Menschen ohne Arbeit oder mit Migrationshintergrund geprägt“, so der Sozialarbeiter. Doch gerade deshalb bewege sich hier auch viel. Kulturen stößen aufeinander, vermischten sich.

Die Menschen fühlten sich hier weniger alleine als zu Hause, wo ihnen oft die Decke auf den Kopf fiele. Und: Sie werden richtig gebraucht, kriegen Geld und ermöglichen auch anderen, sich Sachen zu leisten, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Chenar kann das nur bestätigen. Die Irakerin strahlt und streicht sich ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht: „Es ist eine Freude, morgens anzukommen und zu sehen, dass die Leute schon vor der Ladentür warten.“ Die Spinnwebe ist im Laufe der Jahre für viele im Viertel zu einem Ort des täglichen Austausches geworden.


Kuno FeierabendSo auch das Mehrgenerationenhaus, eine der ersten sozialen Einrichtungen in Weingarten. Seit 1973 trifft sich dort Jung und Alt. Die Einrichtung bietet ein breites Spektrum an Aktivitäten. Ob Yoga, Schach, Aerobic oder gemeinsame Speisen - Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich zusammenzubringen. Kuno Feierabend ist seit 2004 Leiter des Mehrgenerationenhauses, das unter anderem vom europäischen Sozialfonds gefördert wird.

Münster, Münsterwurst und Weingarten?

Hat er in den vergangenen Jahren Veränderungen im Viertel festgestellt? „Für mich ist Weingarten ein sehr lebendiges Viertel. Natürlich gibt es hier sehr unterschiedliche Lebenswelten, manchen geht es sehr gut, manchen wirklich schlecht. Trotzdem glaube ich nicht, dass hier mehr unglückliche Menschen leben als anderswo.“ Auch wenn die etwa 100 Ehrenamtlichen versuchen, alle Bewohner des Viertels zusammenzubringen – Jugendliche und Leute mit Migrationshintergrund sieht man in der Begegnungsstätte eher selten. Kuno Feierabend sieht einen einfachen Grund: „Die haben eben andere Treffpunkte, wo sie sich austauschen.“



Doch von Ghettoisierung ist Weingarten weit entfernt. Für Bernhard Neyer, dem Geschäftsführer der Spinnwebe, ist die Sache klar: „Von einem sozialen Brennpunkt kann gar keine Rede sein. Wenn ich höre, dass es hier Security im Viertel geben soll, dann ist das für mich so, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.“ Auch ein Blick in die Polizeistatistik beweist: Weingarten ist nicht gefährlicher als andere Bezirke in Freiburg. Wieso wird Weingarten also seinen schlechten Ruf nicht los? Bernhard Neyer beschreibt das Dilemma: „So lange die Leute von außerhalb keinen Grund sehen, häufiger in das Viertel zu kommen, wird das Image schlecht bleiben. Auch ein Einkauf in der Spinnwebe kann leider vorgefasste Meinungen so schnell nicht ändern.“

Video-Umfrage: Wie gefällt es euch in Weingarten?



Christel Werb hingegen blickt positiv in die Zukunft. Sie hofft, dass Touristen eines Tages wegen der sanierten Hochhäuser nach Weingarten kommen. „Und wer weiß, vielleicht gehört zu einem Freiburgbesuch bald – neben Münsterbesuch und Münsterwurst – auch ein Zwischenstopp in Weingarten. Die Aussicht, die man von den Hochhäusern aus genießen kann, ist einzigartig in der Stadt. Die Leute wissen es nur noch nicht.“

Soziale Einrichtungen in Weingarten




[Lara Charmeil (23), Robert Gloy (25) und Sonja Kättner-Neumann (24) studieren am Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität. Diese Multimedia-Reportage ist entstanden im Rahmen eines Seminars über Online-Journalismus]

 
Fotos: Ein Streifzug durch Weingarten






Artikel als E-Mail verschicken Artikel auf Facebook weiterempfehlen Artikel twittern Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diesen Artikel bei del.icio.us bookmarken
 



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 14
Samstag, 21.07.12 11:53
 

Also ich traue mich nicht nach Weingarten, denn dort bekriegen sich die Crips und die Bloods.

Samstag, 21.07.12 12:30
 

Ich mag Weingarten sehr, es ist schön bunt und lebendig, der Platz im EKZ hat an warmen, schönen Tagen ein bischen mediteranes Flair und die menschen grüßen einander einfach so.
Ich kann diesen schlechten Ruf so garnicht nachvollziehen.

Samstag, 21.07.12 14:48
 

Also als ich das letzte mal Fotos in Weingarten machen wollte, hieß es vom unteren Balkon aus: "Hey pack deine scheiß Kamera weg oder isch komm runter und wickel dir deine scheiß Kamera um den Hals!" Nachdem weitere "Brüder" den Balkon betraten und runter kommen wollten hab ich lieber das Weite gesucht.

Samstag, 21.07.12 15:29
 

Also als ich das letzte mal Fotos in der Wiehre machen wollte, wurden mir Prügel von Verbindungsstudenten angedroht. Habe ich ignoriert.
Nachdem weitere "Burschen" den Balkon betraten und runter kommen wollten hab ich lieber das Weite gesucht.

Samstag, 21.07.12 17:06
 

Soviel von mir zum Thema "im Schutze der Anonymität einfach mal Propaganda betreiben".

Samstag, 21.07.12 17:50
 

Als ich das letzte mal Bilder von einem Gewitter machen wollte, hat mir Wolke über mir mit nem Biltz Stromschläge angedroht. Nachdem weitere Blitze dazu kamen hab ich lieber das Weite gesucht.
(Beweisfotos sind bei Fudder zu sehen)

Samstag, 21.07.12 18:57
 

Toller Bericht!!
Schön das ihr die rufe gehört habt, und nun zeigt wie viel gutes dieses Stadtteil zu bieten hat!

Beide Daumen hoch!! :D

Samstag, 21.07.12 21:18
 

Haha,
bin vor kurzem hergezogen.
Hab vorher in nem Problembezirk in Hamburg gewohnt.
Selbst dort fand ichs "erfrischend".
Weingarten ist dagegen ne Spiesserhochburg :)

Der Rewe ist halt ein wenig verratzt :)

Samstag, 21.07.12 21:36
 

ich hab da Jahrelang gewohnt, ist furchtbar geworden der Bezirk, bin froh das ich da raus bin und in der Innenstadt wohne.
Täglich Diebstähle im Haus, einmal im Monat brannte es im Keller, und Blutflecken im Haus weil der Nachbar mal wieder seine Frau halb totgeschlagen hat.
Sulzburgerstr. 19 wenns interessiert.

Also ich würd da ned mehr geschenkt wohnen. Guckt euch mal die abgesifften Schwangeren Teenies im KIK an im EKZ.... ne danke einmal Weingarten und nie wieder !

Sonntag, 22.07.12 11:18
 

tolle self-fulfilling prophecy headline, habe ich so erwartet.


günther_hetzer hat den Kommentar am 22.07.2012 um 11:19 bearbeitet
Sonntag, 22.07.12 20:23
 

Also meine Oma wohnt seit ca. 25 Jahren in der Krozingerstraße und schwärmt nur. EKZ, sprich Aldi, Apotheke und alles was man sonst noch so braucht, direkt vor der Tür und Straßenbahnhaltestelle ebenfalls nicht weit. Probleme hatte sie noch nie, bzw. keine Probleme, die man anderswo nicht auch hätte. Klar gibt es Jugendliche, die mal ihren Müll liegen lassen oder beschmierte Wände, aber alles halb so wild, meint sie. Mit den Nachbarn kommt sie prima klar, zahlt den Nachbarskindern sogar einfach ab und zu 2 Euro, dass sie den Müll von der Wiese aufheben, so können die sich ihr Taschengeld aufbessern, wenn sie wollen und die Wiese ist auch wieder sauber :-)

Vielleicht gefällt ihr es dort aber auch nur so gut, weil sie Schutzgeld sowohl von den Russen, den Zigeunern als auch von allen andern Minderheiten kassiert und immer 700 Gangster ihre Einkaufstaschen nach hause tragen und den Abwasch erledigen?! Man weiß es nicht...

Montag, 23.07.12 10:40
 

Bis auf die letzten 3-4 Artikel sind die News recht eindeutig.

http://tinyurl.com/d8pb3x5

Ich persönlich finde Weingarten aktuell sehr positiv entwickelt, mit der Aufwerung des Wohnraums und der Umgebung werden auch die Immobilien/Miet- preise steigen und sich manches Problem von selbst lösen.

Ich selbst hätte nichts dagegen in einem Hochhaus zu wohnen, kommt eben darauf an wer sonst noch dort wohnt.

Montag, 23.07.12 22:22
 

Wenn ihr am Frankreich-Zentrum studiert dann macht doch mal eine (vergleichende) Reportage über einen à priori ähnlichen französischen Vorort. Dagegen wird Weingarten das Paradies auf Erden sein.

Donnerstag, 25.04.13 23:29
 

Wohlfühltour durchs "Ghetto": Ein Audioguide führt durch Weingarten und bekämpft Vorurteile

http://mehr.bz/mwvvm

Um einen Kommentar zu verfassen, benötigst du ein fudder-Profil. Registriere dich kostenlos oben rechts auf fudder.






Diese Funktion steht nur für eingeloggte fudder-User zur Verfügung.

» fudder-Netiquette





» EK

re: Hochzeitslocation 15 Leute
"draußen gestuhlt&qu...

» Abnoba

re: Hochzeitslocation 15 Leute
Adlerburg in Au

» stger

re: Hochzeitslocation 15 Leute
schlosscafe auf dem Loret...

» s'vögele

re: Hochzeitslocation 15 Leute
Also ich kann nur nochmal...

» verena_maren

Kleiderschrank und Sideboard
Hallo zusammen, ich ve...

» Lena18041987

re: re: Hochzeitslocation 15 Leute
@Stiflers Mom: nein, mei...

» Lena18041987

re: re: Hochzeitslocation 15 Leute
@Laz:Wieso sind 100 € pP ...

» Lena18041987

re: Hochzeitslocation 15 Leute
danke, das waren echt ein...