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5 Antworten von Seraina Scherer: Warum es toll ist, mit Leuten auf Twitter Bücher zu lesen

„,Nachtzug nach Lissabon‘ von Pascal Mercier hat mir den Ärmel so richtig reingezogen“, sagt die 29-jährige Seraina Scherer, die in Chur Informationswissenschaft mit Vertiefung Bibliothek studiert. Weil es ihr mit vielen Büchern so geht und sie auf Twitter Gleichgesinnte finden wollte, hat sie den Lesezirkel gegründet.

Seraina, wie kamst du auf die Idee mit dem Lesezirkel?


Seraina Scherer:
Eigentlich ist das Ganze aus einer Laune heraus entstanden: Ich war letzten Sommer mit einem guten Freund im Urlaub in Indonesien. Lustigerweise hatten wir beide dasselbe Buch dabei, die Stieg-Larsson-Millennium-Trilogie, und konnten uns in den drei Wochen darüber austauschen: Wie findest du das, hast du das kapiert, wieso ist das so und so?

Und dann kam ich nach Hause, war wieder so ganz alleine in meiner Wohnung, las einen Krimi von Fred Vargas und dachte, wie schade, ich habe ja gar niemanden, den das interessiert. Und: Ich fände es total toll, wenn ich mich mit Leuten austauschen könnte über das, was ich lese.

Und dann hab ich rausgetwittert: Hätte jemand Lust, gleichzeitig mit mir das gleiche Buch zu lesen und darüber zu twittern? Am Anfang waren es zwei, drei Leute, die ich auch im richtigen Leben kenne und die gefunden haben, das ist cool und als Bibliothekarin weißt du bestimmt tolle Bücher. Und dann wurde es riesengroß, ich hätte das nicht erwartet. Dass das so professionell wird und so viele Leute auf den Zug aufspringen, ist unglaublich.

Wie funktioniert der Lesezirkel?


Ich stelle eine Bücherauswahl auf Doodle und sage, bitte bis nächsten Sonntag abstimmen. Der Titel mit den meisten Stimmen wird für die nächste Runde genommen. Danach haben die Leute ein paar Tage Zeit, sich das Buch zu beschaffen und dann geht’s los.

Meistens lesen wir 100 bis 150 Seiten pro Woche, das schafft sowohl die alleinerziehende Mutter wie auch der vollzeitarbeitende Mensch. Auf meinem Blog schreibe ich: bis nächsten Sonntag Kapitel eins bis acht.

Das Coole ist, dass jeder so schnell das Buch oder E-Book lesen oder das Hörbuch hören kann, wie er will. Denn die Regel lautet: Man darf bis nächsten Sonntag nicht weiter als Kapitel acht „vertwittern“. Leute, die schnell und viel lesen, nutzen es als Zweitbuch, so mache ich das auch. Immer am Sonntag lese ich die 100 Seiten und dann twitterte ich eine Woche darüber.

Dabei ist der Lesezirkel völlig zwanglos: Es gibt einen harten Kern von sechs bis zehn Leuten, die sich auch entschuldigen, wenn sie keine Zeit haben. Aber bei der Abstimmung sind es immer zwischen 20 und 30, wobei nie 20 oder 30 Leute twittern. Ich glaube, viele Leute lesen unsere Tweets und bewerten auch am Schluss das Buch, möchten aber nicht in die Tasten hauen. Der Vorteil des Lesezirkels im Web 3.0 ist: Jeder klickt sich oder klinkt sich dann ein, wenn er kann und möchte.

War das erste Livetreffen ernüchternd?


Nein, es war lustig. Wobei, fünf von den neun Leuten, die kamen, kannte ich schon. Vor allem war es interessant, wir haben gar nicht so viel über das Buch geplaudert, das wir gerade am Lesen waren, sondern es ging mehr darum, neue Leute kennen zu lernen und sich auszutauschen. Ich hatte mir auch nichts vorgenommen, hatte auch keine Traktandenliste oder irgendwelche Inputs, sondern ich dachte, ich lass die Leute mal Kaffee trinken und miteinander reden.

Die Jüngste ging noch zur Schule und der Älteste war etwa 50, eine hat ihr Kind mitgebracht. Es war wirklich ganz gemischt und sehr gemütlich, die Stunden gingen sehr schnell vorbei. Das möchte ich mal wieder anpacken, ein Treffen auf die Beine zu stellen, aber ich hab einfach auch viel um die Ohren.

Bloggen, twittern, organisieren – der Lesezirkel macht mehr Arbeit, als du gedacht hattest. Wird dir das irgendwann zu viel?


Ich hoffe nicht, dass es mir zu viel wird und ich glaube auch, ich hätte Leute, die mir zur Seite stehen. Ich habe mir ja auch schon Pausen genommen, letzte Weihnachten zum Beispiel. Da mache ich mir keinen Druck. Ich frag mich eher, ob nicht irgendwann der Hype ein bisschen vorbei ist, ob irgendwann niemand mehr danach schreit. Vielleicht ist es in einem Jahr vorbei. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass ich weiterhin darüber twittere oder blogge, was ich gerade lese und den Leuten die Möglichkeit gebe, weiterhin mitzumachen, wenn sie möchten.

Aber wir machen das jetzt schon das neunte Mal, und es kommen immer wieder neue Leute - jetzt waren es wieder 19. Das sind Leute aus Zürich, Bern, aus der Ostschweiz, ein Österreicher liest mit und Deutsche. Ich glaube, teilweise sind das Leute, die mir als Person schon gefolgt waren, oder Freunde von mir twittern und so wird wieder jemand aufmerksam. In einer Basler Zeitung war ein Artikel, und jetzt hat mich eine Berner Journalistin porträtiert, da kamen dann wieder Leute, die ihren Blog lesen. Diese Multiplikation ist cool.

Es gibt Menschen, die sagen, durch das Twittern verarmt das Deutsche, und Leute, die twittern, sind halbe Analphabeten. Wie siehst du das aus deiner Lesezirkel-Erfahrung?


Ich würde dem komplett widersprechen, weil meine Erfahrung zeigt, dass Leute, die twittern, meistens sehr wortgewandt sind und einen unglaublichen Wortwitz haben. Denn es ist unglaublich schwierig, etwas auf 140 Zeichen auszudrücken, das auch noch humorvoll ist oder noch Hand und Fuß hat. Das Chatten oder Hin- und herblödeln oder dieses Verhunzen der Sprache, dass man abkürzt und englische Sachen mit reinnimmt oder Zeichen braucht, ist ja nur ein Aspekt von Twitter.

Ich glaube, dass besonders die Leute, die Twitter ernsthaft und regelmäßig betreiben, eine Affinität für Sprache haben. Und ich glaube, viele lesen gern; es fragen immer wieder Leute nach Büchertipps, gerade vor dem Urlaub. Ich habe viele kennen gelernt, die gerne mehr als 140 Zeichen lesen. Und nicht unbedingt am Bildschirm: Längst nicht alle aus unserem Zirkel sind E-Book-Fans. Ich lese zum Beispiel auch auf Papier, aber nichtsdestotrotz finde ich E-Book-Reader cool.

 
Der Twitter-Lesezirkel

Der #lesezirkel besteht seit August 2011, im September hat Seraina ein Twitter-Lesezirkel-Blog dazu ins Leben gerufen. In der aktuellen, neunten Runde des Lesezirkels wird der historische Roman "Räuberleben" des Schweizer Schriftstellers Lukas Hartmann gelesen. Vorige Lektüren waren unter anderem "Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cashdaddy" von Adaobi Tricia Nwaubani und "Fast genial" von Benedict Wells. Bisher hat sich der Lesezirkel ein mal live in der Basler Buchhandlung Nasobem getroffen.



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  [Foto: Steven Leisinger]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 4
Mittwoch, 06.06.12 10:36
 

Schöne Idee: früher wurden über Bücher schlaue Gespräche geführt und man konnte sich bei nicht großartig organisierten Treffen über Neuentdeckungen in der Buchhandlung austauschen.

Frag mich allerdings warum ich dazu Twitter zu nutzen habe, ich halte eine persönliche Einladung per Telephonat oder email für besser.

....muss allerdings zugeben das ich bisher Twitter nur aus Berichten in Zeitungen kenne. Noch nie ausprobiert oder auf deren Webseite gewesen.
Erschien mir immer viel zu kindisch und beiläufig. Mal gucken!

Mittwoch, 06.06.12 10:42
 

is' klar:
http://twitter.com/ #!/vdp1100

Mittwoch, 06.06.12 10:52
 

@Keith,

das ist mir ganz neu - kein Plan wer das für mich angelegt hat. Oder welche Person das organisiert hat - ich habe dort noch nie irgendwas gelesen oder mitgemacht - könnte sich höchstens um einen Eintrag einer vermeintlich "spassigen" Person handeln die sich unter meinem Nick dort Zutritt verschafft hat.
Für mich ist Twitter wie ein böhmisches Dorf ohne bisherige Erfahrung.

Mittwoch, 06.06.12 10:59
 

is' klar.

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