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Der geteilte Bauernhof: Gemeinschaftliche Landwirtschaft in Seefelden

Milch kommt aus dem Tetrapack und Joghurt aus bunten Bechern – zumindest für die meisten Menschen des 21. Jahrhunderts. Immer mehr Leute wollen aber wissen, was genau sie da essen und trinken. Das ist auch in der Region Freiburg möglich: Auf dem solidarisch organisierten Luzernenhof teilt man sich Erzeugnisse und Kosten – und man kann echte Kühe besuchen.



Es riecht nach Heu und Mist, die Kühe glotzen und fressen, irgendwo in der Ecke plumst ein frischer Kuhfladen zu Boden. Schon vor Stunden hat Dagmar die Kühe das erste Mal für den heutigen Tag gemolken. Der Himmel hat sich noch nicht für ein Wetter entschieden – wenn alles gut läuft, will Benjamin Busch heute Gemüse pflanzen. „Man ist schon extrem vom Wetter abhängig“, sagt er, „wenn’s heute regnet, dann passt mir das nicht in den Kram, aber ändern kann ich es nicht.“ Als gelernter Landwirt hat er sich damit abgefunden, dass Petrus bei der Tagesplanung immer ein Wörtchen mitzureden hat.

Ben ist mit Freundin und Kind aus NRW in den Süden gekommen, um den Hof in Seefelden (Nähe Bad Krozingen) biologisch und solidarisch zu bewirtschaften, zusammen mit Marga, der bisherigen Betreiberin des Hofes, und Dagmar, die vor zwei Wochen dazugestoßen ist. Sie betreiben den Hof nach dem CSA-Prinzip: community supported agriculture. Die Mitglieder der Betreibergemeinschaft beteiligen sich finanziell an den Kosten des Hofs und teilen die Erträge unter sich auf. Der Luzernenhof hat momentan ungefähr 30 Mitglieder. Den Leuten zu erklären, worum es bei dem Projekt geht, ist nicht immer einfach. „Es geht nicht nur darum, dass die Mitglieder uns Geld geben und dafür Milch, Joghurt, Käse bekommen“, sagt Ben, „sondern auch darum, dass sie eine Idee unterstützen. Das ist manchmal schwer zu vermitteln.“



Hinter dem Kuhstall warten vier Schweine auf die nächste Fütterung, Ben kippt ihnen ein paar Reste in den Trog, sie stürzen sich grunzend drauf. Gegenüber laufen ein paar Hühner aufgescheucht umher. „Wir wünschen uns auch Kontakt zwischen dem Hof und den Mitgliedern“, sagt Ben, „dass Kinder mal wieder Kühe sehen und wissen, dass Hühner keine sechs Schenkel haben.“

Auf Infoveranstaltungen haben sich 35 Menschen von der Sache überzeugen lassen, Kapazitäten für Einsteiger gibt es noch genug: Der Hof verfügt über 33 Hektar Land. Unter der Annahme, dass ein Hektar vier bis fünf Personen versorgt, kann der Hof Lebensmittel für rund 155 Personen produzieren. Bei einem jährlichen Budjet von 240.000 Euro müsste jedes der Mitglieder 130 Euro im Monat zahlen. „Natürlich leisten die Mitglieder im Moment etwas Vorkasse“, sagt Ben, „wir müssen ja erst mal sähen, bevor wir ernten können.“ Finanzielle Gründe sollen aber kein Hindernis für eine Beteiligung sein. Das ganze findet aber auf einer solidarischen Grundlade statt: Niemand muss mehr zahlen als er eigentlich kann.



Manche begeistert die Idee so sehr, dass sie sich nicht nur finanziell beteiligen, sondern auch tatkräftig mit anpacken: Beim Packen der Kisten für die Verteilungspunkte, beim Ausfahren selbiger oder direkt auf dem Hof. „Wir freuen uns, wenn die Leute kommen und Mist schaufeln“, sagt Benjamin, „das hat den selben Effekt wie ein Besuch im Fitnessstudio, und es ist sogar umsonst!“

Herzblut und Idealismus sind gefragt auf dem Luzernenhof. Dagmar hat davon jede Menge aus Österreich mitgebracht. Sie ist seit kurzem für das Melken zuständig und zusammen mit Marga für die Käserei. Heute wird an die Verteilpunkte ausgeliefert, deshalb füllen die beiden Frauen die Milch des Tages in die Flaschen der Verbraucher ab.

Es sieht sehr routiniert aus, dafür, dass Dagmar erst vor zwei Wochen angekommen ist. Auf einer Hofgründerseite hatte sie die Ausschreibung gesehen. „Weitermachen wie bisher ist keine Option“, sagt Dagmar, „und selbst biologische Landwirtschaft ist nicht genug, ich wollte mich in einem solchen Projekt engagieren, das darüber hinausgeht.“ Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung hat sie auf Drängen ihrer Eltern hin studiert, Grundschullehramt, nur um dann später doch auf den Bauernhof zurückzukehren. „Auf einem Bauernhof siehst du sofort, was du tust, das Resultat, den Erfolg“, sagt sie. „Am liebsten melke ich, da habe ich das Gefühl, ganz ich selbst zu sein, runterzukommen. Das muss man auch: Wenn du in den Melkstand gehst, musst du ruhig sein, die Kühe reagieren sofort darauf, wenn du schlecht drauf bist.“



Für dieses Leben macht Dagmar viele Abstriche: Sie lebt in einem Wohnwagen auf dem Hofgelände, genau wie Ben und seine Familie bekommt sie im Moment kein Gehalt. Die Unterkunft ist umsonst, was zu Essen gibt’s auch, das war’s. „Ich habe mir das ja bewusst ausgesucht“, sagt sie, „und dadurch, dass hier alles am Beginn steht, hat man natürlich Schwierigkeiten – aber eben auch alle Möglichkeiten. Für mich ist es wichtig, dass ich mitentscheiden kann, wo es hingeht.“

Das Konzept des Hofes sagt ihr sowieso zu, vom solidarischen Ansatz bis hin zur Fütterung der Kühe. Die bekommen im Winter Heu gefüttert, im Sommer frisch gemähtes Gras von der Wiese – Futter also, das wiedergekäut werden kann. Dadurch geben die Kühe insgesamt weniger Milch, zwischen zehn und 20 Liter pro Tag. Hochleistungskühe in der konventionellen Landwirtschaft geben bis zu 50 Liter am Tag – allerdings auch nur für wenige Jahre. „Und die Milch schmeckt ganz anders“, sagt Dagmar, „das finde ich zumindest.“



Kaum ist die Milch abgefüllt und das Mittagessen vorüber, zieht der Himmel zu. Der getigerte Kater, der am Morgen noch herrschaftlich über den Hof streifte, „sein“ Reich inspizierte und sich in der Sonne räkelte, flüchtet nach drinnen. Innerhalb kurzer Zeit von strahlendem Sonnenschein zu Dauerregen – so wird es wohl nichts mit der Sat. „Aber so ist die Natur nun mal“, sagt Benjamin, „da kannste nicht so planen.“



Große Pläne haben er und sein Hofteam trotzdem: Angestrebt ist eine Vollversorgung. „Wir wollen unseren Mitgliedern ermöglichen autark zu leben“, sagt Benjamin. Später im Jahr soll es Gemüse geben, vielleicht wollen sie auch Brot backen, hin und wieder soll es auch Fleisch geben.

Auch wenn das Sortiment momentan noch übersichtlich ist: Das Packen der Kisten ist eine logistische Aufgabe: Wer hat Milch in Flaschen, wer ich Bechern? Wer bekommt wie viele Frischkäseportionen? Mit Kräutern? Mit Paprika? Um kurz nach zwei beginnen Viola und Meike mit dem Verteilen auf die Kisten – zwei Stunden, schätzt Viola, werden sie brauchen. Beide helfen ehrenamtlich auf dem Hof mit. „Ich finde es selbstverständlich anzupacken“, sagt Viola, „weil ich glaube, dass das Modell Zukunft hat. Mir gefällt der Gedanke der Vollversorgung. Eine größere Vielfalt an Käseprodukten wünsche ich mir auch, aber das wird kommen.“ Im Moment verteilt sie Käse nach Münsterart, Rebländer-, Frisch-, Feta- und Bibeleskäse auf die Kisten, dazu die Milch, Honig, Kartoffeln und hin und wieder eine Dose Blutwurst.



Die meisten Kisten werden nach Freiburg gefahren. „Besonders bei Menschen in der Stadt kann man sagen, dass das momentan ein Zeitgeist ist“, sagt Viola, „wissen zu wollen, wo das Essen herkommt.“

Um vier ist alles gepackt. Alex, ein weiteres Mitglied, holt die Kisten mit einem Car-Sharing-Wagen ab und verteilt sie in ganze Freiburg an zentralen Punkten, zum Beispiel in der Susie in der Vauban, wo sich die Verbraucher ihre Produkte abholen. „Die langen Transportwege macht die Erde nicht mehr lange mit“, sagt Alex, „warum soll ich Käse vom anderen Ende der Welt einfliegen lassen, wenn es ihn auch direkt um die Ecke gibt?“



Bis alle Kisten ausgefahren sind, dauert es noch eine Weile. Auf dem Luzernenhof hat sich der Regen ieder verflüchtigt. Vielleicht bleibt es morgen trocken und das Gemüse kann endlich gepflanzt werden. Der Kater streunert über den Hof. Dagmar wird bald zum zweiten Mal an diesem Tag melken. Es riecht nach Heu und Mist, die Kühe glotzen und fressen, und irgendwo in der Ecke plumst ein frischer Kuhfladen zu Boden.







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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Freitag, 04.05.12 17:53
 

wow. ich bin beeindruckt von dem gedanken, den ich selber als ideal erachte - vor allem aber davon, dass sie sich's getraut haben. ganz feines modell - ich wünsche euch reiche ernten!

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