In seiner Karfreitagspredigt hatte Markus Engelhardt, Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Freiburg 'Anonymität im Internet' kritisiert - und die Piratenpartei. Nach einem offenen Brief der Piraten an den Dekan setzt man sich jetzt zusammen: am Donnerstag wird Dekan Engelhardt im KG I mit André Martens von der Piratenpartei Freiburg diskutieren.

... ganz aktuell: denken Sie an das, was in der vergangenen Woche in Emden vor den Häusern eines zu Unrecht Verdächtigten und dann des mutmaßlichen Täters geschehen ist. Daß so etwas mitten in unserem demokratischen Rechtsstaat möglich ist, ohne daß Polizei und Justiz Mittel oder Willen haben, einem solchen Spuk ein schnelles Ende zu bereiten, treibt einem die Schamesröte ins Gesicht. Und läßt einem alles Gerede von wegen „jüdisch-christlicher Leitkultur“ in unserem Land im Hals stecken bleiben.
Und es sollte uns nachdenklich machen, ob man ernsthaft einer immer mehr als hip und anziehend geltenden Partei die Stimme geben kann, die als ihr politisches Hauptziel die Sicherstellung der „Freiheit im Internet“ propagiert. Einem Medium, das durch seine Anonymität den übelsten Bodensatz dessen befördert, wozu Menschen auch fähig sind.
Was in Emden geschehen ist, ist grauenvoll und wir bedauern ebenso wie sie, was dort passiert ist. Doch ebenfalls sehr beschämend war an dieser Stelle das Versagen der Presse und insbesondere der Polizei. Was Sie aber ausgehend von deren Versagen dazu verleitet, dieses mit der Piratenpartei und der von Ihnen genannten „Freiheit im Internet“ zu verbinden, ist für uns als Bürger und Parteimitglieder nicht nachvollziehbar.
Die Ereignisse von Emden fanden nicht im Internet statt. Etwa 66% aller Bundesbürger nutzen auf unterschiedliche Weise das Internet ebenso selbstverständlich wie andere Kommunikationskanäle (z.B. über das Telefon, Handy, Fax etc.). Man hätte auch telefonisch oder per Brief zum Lynchmob aufrufen können. Deswegen würde man trotzdem nicht Kommunikationsanbieter wie die Deutsche Post oder gar Telefonhersteller verurteilen.
Die Ursache des Lynchmobs waren auch nicht die Aufrufe auf Facebook. Ursächlich für den Lynchmob war unter anderem die fehlerhafte Arbeit der Polizei, welche die Öffentlichkeit schon früh glauben ließ, man habe den Täter bereits gefasst. Wozu eine mangelhafte Abschottung oder gar Vorführung von Verdächtigen führt, hätte der Polizei und der Staatsanwaltschaft bewusst sein müssen.
Die Aufrufe auf Facebook waren die Reaktion einiger Bürger auf die Tat und Folge der oben beschriebenen Probleme und der Darstellung des Falles in der Presse. Diese Wut, die aus einer gefühlten Ohnmacht in pure Aggression umschlägt und welche dazu führt, dass Menschen ohne Urteil als schuldig angesehen werden, finden wir Piraten ebenfalls unerträglich. Allerdings ist dies kein neues Phänomen, das gab es schon vor dem Zeitalter des Internets und damit auch lange vor der Piratenpartei.
Es war nicht die Piratenpartei, die zu dem Lynchmob aufgerufen hat. Es ist auch nicht die Schuld der Piratenpartei oder der Netzgemeinde, dass auch Menschen, die die Folgen Ihres Handelns nicht begreifen, Facebook nutzen.



Facebook und Anonymität:
"CIA's 'Facebook' Program Dramatically Cut Agency's Costs":
http://is.gd/d9VkEZ (The Onion)
Wenns auch Satire ist, so ist es doch nicht völlig abwegig.