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Piratenpartei reagiert mit offenem Brief auf Kritik des Freiburger Dekans Engelhardt

Eigentlich ging es um Opfer, in der Karfreitagspredigt von Markus Engelhardt, Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Freiburg. Aber dann kritisierte er unvermittelt die Piratenpartei. Und sprach sich mit Blick auf die Ereignisse im Mordfall Lena gegen Anonymität im Internet aus. Die Freiburger Piraten haben darauf jetzt in einem offenen Brief reagiert.



In der Karfreitagspredigt geht es gemeinhin um den Kreuzestod Jesu Christi. Das war auch diesen Karfreitag in der Predigt von Markus Engelhardt (Bild unten) der Fall. Engelhardt ist Dekan im evangelischen Kirchenbezirk Freiburg. Und sprach in seiner Karfreitagspredigt über das einmalige Opfer Jesu Christi (Hebräer 9,15.26b-28).

Im Zuge dessen führte er auch heutige Opfer an. Und kam dabei auf den Mord an der elfjährigen Lena in Emden und die Reaktionen im Internet zu sprechen:

... ganz aktuell: denken Sie an das, was in der vergangenen Woche in Emden vor den Häusern eines zu Unrecht Verdächtigten und dann des mutmaßlichen Täters geschehen ist. Daß so etwas mitten in unserem demokratischen Rechtsstaat möglich ist, ohne daß Polizei und Justiz Mittel oder Willen haben, einem solchen Spuk ein schnelles Ende zu bereiten, treibt einem die Schamesröte ins Gesicht. Und läßt einem alles Gerede von wegen „jüdisch-christlicher Leitkultur“ in unserem Land im Hals stecken bleiben.

Und dann:

Und es sollte uns nachdenklich machen, ob man ernsthaft einer immer mehr als hip und anziehend geltenden Partei die Stimme geben kann, die als ihr politisches Hauptziel die Sicherstellung der „Freiheit im Internet“ propagiert. Einem Medium, das durch seine Anonymität den übelsten Bodensatz dessen befördert, wozu Menschen auch fähig sind.

Markus Engelhardt

Am Montag, 9. April, 2012 reagierte die Piratenpartei Freiburg darauf mit einem Offenen Brief:

Sehr geehrter Herr Dekan Engelhardt,

es freut uns zu hören, dass Sie offensichtlich über die Piratenpartei nachdenken. In Ihrer Predigt vom Karfreitag 2012 gibt es Ungenauigkeiten, die Sie anscheinend in Zusammenhang mit der Piratenpartei bringen.

Ausgehend von dem Wortlaut Ihrer Predigt und den darauf folgenden Reaktionen in der Presse ist der Schluss, dass Sie die Piratenpartei als „hip und anziehend geltende Partei“ bezeichnen, naheliegend.

Unglücklicherweise sind Sie einigen Irrtümern aufgesessen, die wir an dieser Stelle gerne ausräumen möchten.

Was in Emden geschehen ist, ist grauenvoll und wir bedauern ebenso wie sie, was dort passiert ist. Doch ebenfalls sehr beschämend war an dieser Stelle das Versagen der Presse und insbesondere der Polizei. Was Sie aber ausgehend von deren Versagen dazu verleitet, dieses mit der Piratenpartei und der von Ihnen genannten „Freiheit im Internet“ zu verbinden, ist für uns als Bürger und Parteimitglieder nicht nachvollziehbar.

Die Ereignisse von Emden fanden nicht im Internet statt. Etwa 66% aller Bundesbürger nutzen auf unterschiedliche Weise das Internet ebenso selbstverständlich wie andere Kommunikationskanäle (z.B. über das Telefon, Handy, Fax etc.). Man hätte auch telefonisch oder per Brief zum Lynchmob aufrufen können. Deswegen würde man trotzdem nicht Kommunikationsanbieter wie die Deutsche Post oder gar Telefonhersteller verurteilen.

Die Ursache des Lynchmobs waren auch nicht die Aufrufe auf Facebook. Ursächlich für den Lynchmob war unter anderem die fehlerhafte Arbeit der Polizei, welche die Öffentlichkeit schon früh glauben ließ, man habe den Täter bereits gefasst. Wozu eine mangelhafte Abschottung oder gar Vorführung von Verdächtigen führt, hätte der Polizei und der Staatsanwaltschaft bewusst sein müssen.

Die Aufrufe auf Facebook waren die Reaktion einiger Bürger auf die Tat und Folge der oben beschriebenen Probleme und der Darstellung des Falles in der Presse. Diese Wut, die aus einer gefühlten Ohnmacht in pure Aggression umschlägt und welche dazu führt, dass Menschen ohne Urteil als schuldig angesehen werden, finden wir Piraten ebenfalls unerträglich. Allerdings ist dies kein neues Phänomen, das gab es schon vor dem Zeitalter des Internets und damit auch lange vor der Piratenpartei.

Es war nicht die Piratenpartei, die zu dem Lynchmob aufgerufen hat. Es ist auch nicht die Schuld der Piratenpartei oder der Netzgemeinde, dass auch Menschen, die die Folgen Ihres Handelns nicht begreifen, Facebook nutzen.

Im Übrigen drohen demjenigen, der auf Facebook zum Lynchmob aufgerufen hat, derzeit bis zu fünf Jahre Haft. Darüber hinaus gibt es auch die dargestellte vermeintliche Anonymität im Internet nicht, die in Facebook, in dem sich der scheinbare Lynchmob gebildet hatte, sowieso nicht vorhanden ist. Diesen Menschen muss bewusst gewesen sein, dass sie mit ihrem Namen und ohne den Schutz der Anonymität, zur Selbstjustiz aufrufen.

Als kirchliches Oberhaupt ihrer Gemeinde sollten Sie hier aber die größeren Zusammenhänge erkennen können.

Kernthemen der Piratenpartei sind unter anderem der Datenschutz und die Bürgerrechte, zu denen auch die Unschuldsvermutung gehört. Wären diese angemessen geachtet worden, hätte es keinen Lynchmob in Emden gegeben. Dass dieser unter anderem auch in Medien wie dem Internet organisiert wurde, zeigt, wie wichtig die Arbeit der Piratenpartei ist, um die Möglichkeiten zur sinnvollen und produktiven Nutzung des Internets zu erschließen und auf die Gefahren hinzuweisen, welche sich durch Missbrauch und unbedachtes Handeln Einzelner ergeben können.

Wir laden Sie herzlich zu einem Gespräch auf unseren nächsten Stammtisch am 17. April 2012 um 19.00 Uhr in der Warsteiner Galerie ein, um einen Diskurs zwischen uns anzustoßen und um die Positionen des jeweils anderen besser verstehen zu können.

Beste Grüße,
die Piraten Freiburg
 


[Bild 1: dpa; Bild 2: Thomas Kunz]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 11
Dienstag, 10.04.12 19:17
 

Wenn der Herr Engelhardt die innerparteiliche Diskussion über Post-Privacy kennen würde.... ein Teil der Piraten geht sehr offensiv zur totalen Öffenung und Aufgabe des Privaten über.
Da gehts nicht um die Anonymisierung sondern genau das Gegenteil.

Dienstag, 10.04.12 19:29
 

Herr Engelhardt, wer keine Ahnung hat, bitte einfach mal die Klappe halten. Es sollte uns nachdenklich machen, ob man ernsthaft eine immer weniger als hip und anziehend geltende Institution unterstützen soll, deren Vertreter seit fast 2000 Jahren mit Vorliebe über Dinge sprechen, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung haben.

+om
Dienstag, 10.04.12 19:37
 

...das wort lynchmob kannte ich bisher lediglich aus religiösem ansporn, z.b. hexenverbrennung ....

Dienstag, 10.04.12 19:40
 

Die Evangelischen (gibs erst seit 600 Jahren) sind eigentlich weit weniger verbort als die Katholischen.... die Aussage von Herrn Engelhardtfinde ich dennoch befremdlich. Vielleicht wollte er seiner Partei etwas unter die Arme helfen...Angstbeisserei?

Dienstag, 10.04.12 19:50
 

@Tatoocheck - diese "Spackeria" http://spackeria.org Variante von "post-privacy" ist aber freiwillig, und in der Unterzahl. Ein Experiment (welches ich z.B. ich der light-version auch praktiziere), ein als-ob: schaun wir mal wie wir mit Skynet, leben können. Und da ist der Lernbedarf gross, weil die autoritären Angriffe auf die Privatsphäre immer intensiver werden.
Selbstoffenbarung, nicht offensives outing.

Dienstag, 10.04.12 20:06
 

Christian, das spreche ich alles nicht ab... es ging mir nur um das Gegenargument der Anonymisierung.... der Priester muß auch die andere Strömung sehen, weil er davon ausgeht, die Piraten wollen nur im Camouflage durchs Netz....

Dienstag, 10.04.12 20:12
 

Ups, jetzt habe ich doch tatsächlich gedacht, der Kerl wäre katholisch... So einen Schmarrn kennt man eigentlich nur von denen...
Dabei steht's da doch...

Dienstag, 10.04.12 23:25
 

Wo der Herr Engelhart mir seinem Verein (aus dem 16ten Jahrundert) Recht hat, ist, dass die Freiheit im Internet eine berechtigte Frage darstellt. Und dafür haben wir nun unseren Bundespräsidenten (Mitglied des Vereines aus dem 16ten Jahrhundert) welcher sich mit Freiheit bekanntermaßen bestens auskennt. Und sicher zeitnah uns eine Antwort liefern wird.

mfg Freiheit


freiheit hat den Kommentar am 10.04.2012 um 23:49 bearbeitet
Dienstag, 10.04.12 23:40
 

Das wär doch die Gelegenheit das Parteiprogramm ein wenig aufzufüllen und die Forderung nach einer stärkeren Trennung von Staat und Kirche aufzunehmen , warum gibts in diesem Land keinen Laizismus?
Der Vertrag , der den beiden Kirchen jedes Jahr Milliarden in die Taschen spült wurde ja noch vom Führer und seinem Spezl Papst Pius ausbaldowert und ist irgendwie nicht mehr zeitgemäss.

Mittwoch, 11.04.12 12:46
 

@marcello Die Piraten haben schon entsprechende Punkte in ihrem Parteiprogramm. :)

http://wiki.piratenpartei.de/Programm #F.C3.BCr_die_Trennung_von_Staat_und_Religion

Mittwoch, 11.04.12 14:13
 

Und fudder hat die Trennung von link und hash im Programm.
Der sollte funktionieren: http://is.gd/pGdPcN

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