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Nightlife-Guru: New York City Ballet im Festspielhaus Baden-Baden

Unser Nightlife-Guru liebt nicht nur dunkle, versiffte Großstadt-Clubs, sondern auch glamouröse, verschwenderische Kulturtempel. Und so begab er sich am Sonntagabend ins Festspielhaus Baden-Baden. Dort trat das New York City Ballet auf - die vielleicht beste Ballettkompanie der Welt.


Die Jungs an der Tür ...

... sind hier eher dem Kapital zugeneigt, denn der Willkür. Kein Berghain'scher Sven Marquardt, der den Daumen nach oben oder nach unten streckt, ganz wie's ihm gerade passt. Rein kommt, wer zahlt, das heißt: wer bereit ist, bis zu 130 Euro zu zahlen.

Inneneinrichtung & Deko

Das Festspielhaus Baden-Baden ist in einem Hammer-Gebäude untergebracht, nämlich im ehemaligen Bahnhof. Der stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts - aus einer Zeit also, als in Baden-Baden noch die Welt verkehrte. Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Bahnhof dann jenes neoklassizistische Wesen, dass ihn noch heute zum zuckersüßen Eyecandy macht.

Drinnen ist allerdings alles neu. Relativ minimalistische Glas-Holz-Stahl-Konstruktion mit mehreren Stockwerken. Überall sind WCs, Garderoben und Bars. Für VIPs gibt's in der zweiten Etage den Club 300. Übrigens, das muss erwähnt werden, soviel Zeit muss sein: Das Festspielhaus ist mit 2.500 Plätzen das größte Konzert- und Opernhaus Deutschlands.



Wer war da?

Was dem Freiburger Konzerthaus die Funktionskleidung ist dem Festspielhaus Baden-Baden der Maßanzug. Na ja, wollen wir's mal nicht übertreiben. Aber: Der Großteil der Damen und Herren hier sind sehr gut gekleidet - mal solide, mal glamourös, mal elegant.

Und noch ein 'Na ja'. Denn: Geschmack kann man sich bekanntlich nicht kaufen. Und so greifen vor allem die Super-Reichen gerne mal daneben - sowohl in Sachen Farbe, als auch was die Form und die Materialien angeht. Weniger ist mehr. Nicht nur manchmal, sondern immer.

Aber natürlich auch Kulturtussis mit Kurzhaarfrisuren, überdimensionalem Schmuck und roten Schals. Kulturnerds, deren Sakkos zwei Nummern zu groß sind und die Krawatten mit Musikmotiven tragen. Und pubertäre Ballettschülerinnen, die zum ersten Mal Abendgarderobe tragen und auf ihren Stöckelschuhen tun, was Neulinge auf Stöckelschuhen tun: stöckeln.

Ein Blick auf die Nummernschilder der Mercedesse, BMWs und Porsches in der hauseigenen Tiefgarasche legt nahe, dass der gesamte Südwesten gekommen ist: Stuttgart, Heidelberg, Mannheim, Pforze, natürlich Karlsruhe und Offenburg, und ich, also Freiburg.

Catering und Getränke

Wohlweislich habe ich mir auf dem Hinweg beim McDonald's in Herbolzheim ein Royal-TS-Menü reingepfiffen. Die Preise im Festspielhaus sind nämlich nicht nur gesalzen, sondern auch gepfeffert. Aber: Ich bin ja nicht zum fuddern da. Und nach Alk ist mir heute eh nicht. Zu zerschossen bin ich noch von Âme am Freitag und einer rauschenden Privatparty am Samstag.



Also Wasser. Das kostet hier unverschämte 3 Euro. In der zweiten Pause noch mal um denselben Preis einen Espresso. Geil sieht die aber schon aus, die Frikadelle mit Kartoffelsalat auf Irgendwas-Pesto. Aber 9,50 Euro? Dann lieber für dasselbe Geld ein Glas Schampus aus dem
Hause Taittinger.

Tanzwaren-TÜV

Das New York City Ballet. Nicht wenige sagen, es sei die beste Ballettkompanie der Welt. Keine Ahnung. Jedenfalls waren sie seit über 30 Jahren nicht mehr in Deutschland, und selbst das Festspielhaus hat zehn Jahre gebraucht, um das NYCB nach Baden-Baden zu holen.

Was hier heute geboten wird, hebt sich vom allweihnachtlichen Nussknacker-Kitsch massiv ab. Choreographien der Koryphäen Balanchine und Robbins auf Musik von Mozart, Chopin, Gottschalk und Strawinsky.

George Balanchines Choreographie auf Mozarts Divertimento Nr. 15 in B-Dur KV 287 ist zu Körper gewordener Klang. Das klingt so, als ob das beim Ballett die Ausnahme ist und sonst nie passiert. Tatsächlich wird hierbei aber dermaßen überdeutlich, dass Tanz der Musik eine weitere Dimension zu verpassen mag, dass man versucht ist, den Begriff 'plakativ' zu verwenden. Dass dies dann doch nicht passiert, liegt an der Anmut der Choreographie.

Gleichzeitig wird an ihr das New York'sche des Ensembles offenbar: großstädtische Nervosität, Atemlosigkeit, sportiver Einsatz. Das Outfit der Tänzer erinnert an Sofia Coppolas schrille 'Marie Antoinette'. Cupcake-Ballett, wenn man so will.

Der Höhepunkt dann aber: Wie Jerome Robbins - einem größeren Publikum bekannt als Choreograph der 'Westside Story' - Ende der 1960er Jahre Chopin'sche Klaviermusik in Materie übersetzt. Die Tänzerinnen und Tänzer präsentieren sich jetzt als impressionistisches Gemälde in hauchdünn aufgetragenen Pastelltönen. Die Leichtigkeit ihrer Bewegungen ist im existentialistischen Sinne unerträglich. Bald tanzen sie solo, bald zu mehreren, bald rufen sie archaische Reigen in Erinnerung, bald sind sie nur noch Linien und Striche.

New York City Ballet MOVES: Dances At A Gathering
Quelle: YouTube


Ich würde gerne hinter die Kulissen schauen, sehen, wie die Tänzer atemlos in sich zusammenfallen, wie sie humpeln, sich an den Knöchel fassen, ihren zerschundenen Körper krümmen. Ich will das Vergängliche hinter dem Ewigen sehen, das mir hier vorgegaukelt wird. Ich will, dass der 'Black Swan' Einzug hält, im Festspielhaus Baden-Baden. Aber meine Gebete werden nicht erhört. Die Seifenblase platzt den ganzen Abend über nicht.

Stattdessen stehen die Tänzerinnen und Tänzer zum Schluss einfach nur unbewegt da, nehmen die Musik auf, und halten sie dem Publikum wie ein Spiegel vor.

 

Auf dem Klo in der ersten Pause

Kaum beginnt die Vorstellung, drückt die Blase. Mist. Wär' ich doch vorher noch mal schnell für kleine Ballerinos gegangen. Jetzt gilt's, bis zur ersten Pause hochzuziehen.

Wie gesagt: Klos gibt's im Festspielhaus überall. Ich erwische eins, in dem nur Pissoirs stehen. Duchamp hätt' sich hier super wohlgefühlt. Ich lass laufen und vollführe ein kleines, privates - hihi - Wasserballett.

Aufregerle

Eigentlich regen sie mich immer auf: Menschen, die einen böse anschauen, wenn man sich im Konzert mit seiner Begleitung austauscht. Heute bin ich aber erleichtert, als ein solcher Mensch sich umdreht und die Jugendlichen maßregelt, die es während der Aufführung mit der Tuschelei übertreiben.

Aufheiterle

Kunst ist eine ernste Sache. Hier wird nicht gelacht. Außer über Frauen in zu kurzen Presswurst-Röcken.

Fazit

Hach, hätte Freiburg doch eine richtige Kulturschickeria. Dann bräuchte ich das nächste Mal nicht nach Baden-Baden fahren, wenn mir nach einer Mélange aus Gucci und Strawinski ist. Was das New York City Ballet angeht: So sieht Musik aus, wenn sie zu Materie wird.









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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 3
bak
Montag, 19.03.12 19:24
 

***
und außerdem bin ich dafür, dass Fudder dem armen Kerl ein Fudderpaket schnürt... ;-)

Montag, 19.03.12 19:44
 

hätten wir unsren Guru erkannt in seiner Kleidung? und ist er mit der Bahn angereist? ^^

Dienstag, 20.03.12 16:04
 

***"Ich würde gerne hinter die Kulissen schauen, sehen, wie die Tänzer atemlos in sich zusammenfallen, wie sie humpeln, sich an den Knöchel fassen, ihren zerschundenen Körper krümmen. Ich will das Vergängliche hinter dem Ewigen sehen, das mir hier vorgegaukelt wird. Ich will, dass der 'Black Swan' Einzug hält, im Festspielhaus Baden-Baden. Aber meine Gebete werden nicht erhört. Die Seifenblase platzt den ganzen Abend über nicht."***

Tja, da hätte sich mal ein bisschen Geduld ausgezahlt! Am Sonntag nach der Aufführung waren die Tänzer im Foyer, recht locker drauf und später auch auf Party aus (war ihr letzter Tag in Europa, am Mo ginge dann heim nach NY) - war ein großer Spaß mit den Mädels und Jungs noch was trinken zu gehen! Und sich den ein oder anderen Tipp für Spitzentanz zu holen (tanze selbst).

Die Tänzer, mit denen ich mich noch unterhalten habe, waren erstaunlich down to earth, sympathisch, und für die Ballettwelt erstaunlich normalgewichtig. Sehr sympathisch, vor allem wenn man sich dagegen die Russischen Balletts und ihre Hungerhaken anschaut! Dickes fettes like für das NYCB.
Die Tänzer waren übrigens im Schnitt so um die 26 Jahre (die principals), sahen aber um Welten jünger aus.


ac1002 hat den Kommentar am 20.03.2012 um 16:06 bearbeitet
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