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Filmmusik studieren an der Musikhochschule Freiburg: Nur kein schwulstiger Kitsch

An der Musikhochschule Freiburg gibt es seit 2010 den Masterstudiengang Filmmusik. Derzeit sind acht Studienplätze vorhanden.



Seit zwei Jahren gibt es an der Musikhochschule Freiburg den Masterstudiengang Filmmusik. Er ist bundesweit der einzige dieser Art, der an einer Musikhochschule angeboten wird; üblicherweise ist er an Filmhochschulen angesiedelt. "Dadurch haben wir ein Alleinstellungsmerkmal", sagt Cornelius Schwehr, Professor für Komposition, Musiktheorie und Filmmusik an der Musikhochschule. Dort wurde für 600.000 Euro eigens ein Tonstudio mit Regie- und Aufnahmeraum eingerichtet, das seit kurzem in Betrieb ist.

Filmmusik kann das Zünglein an der Waage sein, wenn es darum geht, ob ein Kinobesuch zum Ereignis oder zum Ärgernis wird: Sie kann aufwühlen, berühren, zu Tränen rühren und mit dafür sorgen, dass man in einer besonderen Stimmung das Lichtspielhaus verlässt und sich am Folgetag den Soundtrack besorgt. Was wäre "Der weiße Hai" ohne die Musik von John Williams, "Der Pate" ohne die legendäre Melodie von Nino Rota, "Slumdog Millionaire" ohne den Sound von A.R. Rahman und "Es war einmal in Amerika" ohne die Musik von Ennio Morricone?

Filmmusik kann aber auch ein echtes Ärgernis sein und einen Kinoabend regelrecht ruinieren, wenn sie allzu aufdringlich oder schwulstig daherkommt. Das sei eine hochsensible Angelegenheit, sagt Carlo Thomsen, einer von derzeit sechs Filmmusikstudierenden an der Musikhochschule Freiburg: "Man muss auch aus dem Kino rausgehen können, wenn es gar nicht geht."

Wobei der Filmmusikstudent nicht mit dauergespitzten Ohren im Kinosessel sitzt: "Ich schaue Filme schon eher wegen des Regisseurs und nicht wegen der Musik", sagt der 26-Jährige. Sein Kommilitone Jan F. Kurth findet, dass zwei Drittel aller Filmmusik, hört man sie – ohne dazu bewegte Bilder zu sehen – belanglos sind. Ein Beispiel sei Yann Tiersens Musik zum Film "Die fabelhafte Welt der Amélie", das "Geklimper" tauge nicht als eigenständige Musik.

Gemeinsam mit dem Regisseur entscheiden

Was aber macht einen guten Soundtrack aus? Minkyu Kim überlegt. Die Musik von Morricone, ein Meister seines Faches, passe zu jedem Film, findet der 30 Jahre alte Südkoreaner, der seit kurzem seinen Filmmusik-Master-Abschluss in der Tasche hat. Er bewundere die Musik zu den Filmen Jacques Tatis, etwa zu "Die Ferien des Monsieur Hulot": "Er ist der Großmeister im Umgang mit Geräuschen."

Thomsen mag die Musik in Filmen von Alain Resnais und Jean-Luc Godard. "Man darf nicht alles mit dem Streicherpinsel zukleistern", sagt Kurth. Vielmehr müsse der Komponist gemeinsam mit dem Regisseur entscheiden, was für den Film am besten ist: "Vielleicht sind das nur Geräusche, vielleicht ist das Rockmusik." Es könne durchaus auch überraschend und kontrastreich sein: "Ich muss nur wissen, warum ich etwas mache. Verstörende Bilder können durch kitschige Streichermusik ganz anders wirken."

Wichtig sei, dass die Musik für den Film einen Mehrwert hat: "Es ist aber nicht unsere Aufgabe, die Welt zu erklären, wenn der Film das nicht schafft", umschreibt Kurth die Aufgabe des Komponisten. Was das Genre betrifft, gibt sich Kurth offen: "Ich würde alles gerne mal ausprobieren, wobei mir manche Sachen schon schnell langweilig werden würden. Schnulzen finde ich eine der langweiligsten Sachen zum Vertonen."


Im Tonstudio: die angehenden Filmmusiker Minkyu Kim, Carlo Thomsen und Jan F. Kurth (von links)

Je eher der Regisseur den Komponisten einbindet, desto besser, glaubt Kurth. "Es gibt Regisseure, die ein richtiges Interesse an einer Zusammenarbeit haben, und andere, die selbst genau wissen, was sie wollen", sagt der Hochschulprofessor Schwehr. Student Kurth nennt ein Beispiel: So bekam er den Auftrag, für einen Kurzfilm ein Kinderlied zu schreiben, und zwar vor Entstehung des Films. So konnte das Kind zum Rhythmus der eigens komponierten Musik hüpfen.

"Ich konnte so viel selbstbewusster mit der Musik umgehen", sagt Kurth, der sich nicht nur als Komponist, sondern "an erster Stelle als musikalischer Berater" des Filmemachers sieht. Die Regel sei aber, dass der Komponist den fertigen Film vorgesetzt bekomme: "Das ist die Hölle." Da werde man zum Handlanger, ergänzt Carlo Thomsen. Sein Fazit: "Es lohnt sich, frühzeitig mit dem Komponisten zu sprechen."

Filmmusiker müssen ihre Arbeit selbst vermarkten

Wer an der Musikhochschule seinen Master in Filmmusik machen will, muss zum einen einen musikalischen Bachelor-Abschluss haben, zum anderen schon Erfahrung in dem Bereich mitbringen. So hat Thomsen ein Schulmusik-, Kim ein Diplom-Kompositionsstudium abgeschlossen, Letztere hat auch schon selbst Animationsfilme gemacht. Der 29 Jahre alte Kurth hat Musikpädagogik an der Hochschule für Musik in Dresden studiert und gibt seit mehreren Jahren mit Ensembles Konzerte, in denen Filme live vertont werden.

Hervorgegangen ist der Studiengang 2010 aus dem Kompositionsstudium, in dessen Rahmen Schwehr regelmäßig Musikseminare zu Film und Hörspiel angeboten hatte. Daraus resultierte ein neuer Studiengang mit derzeit maximal acht Studienplätzen. Im Studium werden nicht nur kompositorisches Handwerk und Theorie, Analyse und die Historie von Filmmusik sowie Arrangieren, Satz-, Studio- und Aufnahmetechnik und Sounddesign unterrichtet, sondern auch Grundlegendes wie Urheber- und Vertragsrecht. Außerdem Verhandlungstechniken – schließlich müssen Filmmusiker ihre Arbeit selbst vermarkten.

Musik kann direkt vor Ort einstudiert werden

Freiburg ist die einzige Musikhochschule, die Filmmusik als Studiengang anbietet, ansonsten wird das Fach an Filmhochschulen in Babelsberg, Ludwigsburg, München und Zürich angeboten. Der Vorteil für die Freiburger Studenten: Die Musik muss nicht am Computer entstehen, sondern kann im Nu direkt vor Ort von Instrumentalisten ausprobiert werden, auch die technische Ausrüstung im Studio ist vorhanden: "Filmemacher sind glücklich, wenn sie Instrumentalisten kriegen", weiß Schwehr; Sampeln am Computer sei immer nur Ersatz und Notlösung.

Der Nachteil: Werke junger Filmemacher stehen "nur" über Kooperationen zur Verfügung und müssen entweder als Rohschnitte zugeschickt oder vor Ort angeschaut werden. Die Freiburger Musikhochschule arbeitet mit der Internationalen Filmschule Köln (IFS) und der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) zusammen, Kooperationen mit der Filmhochschule Ludwigsburg und dem SWR sind geplant.


[Fotos: Thomas Kunz]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Freitag, 09.03.12 17:55
 

Ich finde das "Geklimper" von Yann Tiersen eigentlich nicht belanglos, sondern ziemlich schön, aber das ist glaube ich Geschmackssache

Samstag, 10.03.12 12:53
 

* schwülstig.

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» vdp1100

re: Was hört ihr gerade?
Momentan höre ich öfters ...

» Marks

re: Was hört ihr gerade?
Depeche Mode- Told You So

» Kathleen

re: Suche Schaufensterpuppe
Lieber VDP, da ich mir mi...

» vdp1100

re: Suche Schaufensterpuppe
Liebe Kathleen, mit &...

» Kathleen

re: Suche Schaufensterpuppe
VDP, er sucht keine Büste...

» vdp1100

re: Suche Schaufensterpuppe
...oder mal bei Breuninge...

» ShinjiIkari

re: Suche Schaufensterpuppe
Ok das hat natürlich was....

» grundel

re: Aus Easy Sports wurden Sportpark City Club´s
Hallo Jan, danke für ...

» Tatoocheck

re: Suche Schaufensterpuppe
Oft zu teuer, kann nicht ...

» ShinjiIkari

re: Suche Schaufensterpuppe
Mal bei E-bay gucken ?