zur Startseite
Passwort vergessen?
 

 

Nightlife-Guru: Heal Yourself and Move in der Sonderbar

Am Freitag legten LA Rokoko, Bobsket und Sonzaman in der Sonderbar auf. Was sich unser Nightlife-Guru morgens um halb vier auf dem Klo vorstellte: "... an den Schultern gepackt, am Brustkorb gehalten, gegen die Wand gedrückt zu werden und heißen Atem in meinem Nacken zu spüren."


Die Jungs an der Tür

Breites Kreuz, hautenge Lederhosen, kahlrasierter Schädel und Holzfällebart ... Halt! Weg mit den Klischeebildern! Den Eingang zur Sonderbar versperrt kein grimmig dreinblickender Typ, der einen durchdringend mustert und herablassend nach dem Line-Up des Abends oder weiblicher Begleitung fragt. Die abgeschiedene, versteckte Lage der Sonderbar (irgendwo im Geflecht der Freiburger Altstadtgassen) sortiert das Publikum aus.

Inneneinrichtung und Deko

Der kleine quadratische Innenraum ist schattenhaft ausgeleuchtet. Das spärliche Licht einiger Kerzen und Deckenstrahler verhindert eine vollständige Dunkelheit. Die Pupillen benötigen daher zwei, drei Sekunden bis sie sich an die schummerigen Lichtverhältnisse angepasst haben. Und dann? Die Beschaffenheit des Inventars lässt sich im Fastdunkel nur schwer erkennen. Außerdem zeichnet die rauchschwangere Luft sämtliche Umrisse weich.

Vorsichtig taste ich mich an den Bartresen heran. Er nimmt etwa zwei Drittel des Raumes ein. Er wird zudem gesäumt von Barhockern in brauner Lederoptik. Sind diese belegt, gesellen sich noch ein paar Gäste mehr zu den Sitzenden hinzu, bleibt kaum mehr ein Fleckchen zum Stehen frei. Doch Angst vor Körperberührungen hat hier niemand. Man drückt, quetscht und schiebt ineinander, was zusammen gehört, und verschafft sich dadurch etwas Platz.

Zu vorgerückter Stunde nähert sich die Luft einem Stadium, das man nur mehr als dichten Nebel bezeichnen kann. Doch nach Rauch riecht es nicht. Ein Hauch von Zitrus liegt in der Luft. Wahrscheinlich rührt er von den geschnittenen Zitronenscheiben her, die zwischen Eiswürfelbehälter und Kasse liegen und nur darauf warten, in ein Glas mit Gin Tonic oder Cuba Libre getaucht zu werden.

Wer war da?

Das Fazit nehme ich vorweg: Endlich einmal ein Abend, an dem mir nicht die Laune durch Feieratzen verdorben wird. H&M-Hipster, die sich im Minutentakt durch ihre zurückgekämmte Haartolle fahren? Fehlanzeige! Nachtleben-Frühchen, die bereits nach einem Bier mit ihren Hormonschüben nicht zurechtkommen? Sind heute Abend alle im Stinnes-Areal. Für die Rucksack- und Handttaschenberge der Erstimädels ist zu wenig Platz, und penetrant bohrende Balzbrüder bleiben ja meist zwischen Kagan und Karma hängen. Gott sei Dank!

Und wer war schlussendlich da? Jungs zwischen 18 und 80 Jahren, denn die Sonderbar wird gerne auch von Herren gesetzteren Alters besucht. Diese sind jedoch meist so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie keine Augen haben für die auffallend hübschen, jungen Frauen, die an diesem Freitagabend den Weg in die Sonderbar finden.

Meist kommen sie in Dreiergrüppchen, tragen feminin-verspielte Kleider oder figurbetonte Basics, lachen laut und bewegen sich so frei und unbeobachtet, wie kaum irgendwo sonst im Freiburger Nachtleben. Vielleicht hätten sie sich ein wenig mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Männer gewünscht. Doch sofern diese nicht mit ihresgleichen beschäftigt sind, gehören sie zum Freundes- und Bekanntenkreis der DJs, was letzten Endes gleichbedeutend ist mit Tunnelblick auf Drinks, Zigaretten und die Musik.

Partyatmosphäre und Klangwaren-TÜV

Dicke, pulsierende Kickdrums geben Rhythmus und Geschwindigkeit vor, zu denen man sich bewegt. Der warme Bass dringt sanft aber bestimmend durch die Kleidung hindurch. Er massiert die erogenen Zonen. LA Rokoko, das aufstrebende Freiburger DJ-Trio, kostet den Reiz der Spannungskure im Breakdown aus und dringt mit „Two Chords Deep“ von Endian tief ein in die House-Musik und Körper der Gäste.

Endian "Two Chords Deep"
Quelle: YouTube


Diese haben nur darauf gewartet, wieder vom Viervierteltakt erfasst zu werden. Soweit es die Platzverhältnisse zulassen, schwingen und wippen sie fröhlich mit. Manche zeigen sogar Hüfteinsatz und lassen das Becken kreisen. Es geht auch nicht anders. Denn LA Rokoko packen in der Folgezeit jede Menge kantig-rumpeligen House von Theo Parrish, Shelter-Hymnen von Blaze und schroffe Disco Dubs auf die Plattenteller. Sie zelebrieren die Musik der schwarzen, schwulen Subkulturen Chicagos oder New Yorks mit aufrichtiger Leidenschaft.

Schwarz und schwul? Ja! Richtig gelesen! House und Disco sind die Tanzmusiken all jener, die sich im Schutze der Nacht zusammenfinden, um für einige wenige Stunden ohne das Gefühl einer Dauerbeobachtung leben zu können, befreit von den Ausgrenzungen des Alltags. House und Disco ist nichts für sich selbst dauerüberschätzende Frat Boys und Handtaschen-Mädchen. Für die wurde ja einst NuRave und kürzlich Art Department erfunden.

Das Tempo zieht an. Schrilles Acid-Gezwitscher durchschneidet die nebeldichte Luft der Sonderbar. Doch die niedrige Deckenhöhe, die Holzdielen und Samtwände tragen zu einer warmen Akustik bei. Der Techno eines Robert Hood lässt das Publikum die Sphären der Erde verlassen. Alle tanzen, trinken, rauchen, knutschen. Und aus irgendeinem Grund fallen mir mitten in dieser Nacht die Zeilen eines Songs der deutschen Avantgarde-Band F.S.K. ein: „Sitz’ ich hier, ein kleines Staniolpapier von Dir, als Souvenir, den Kellner im Visier, ein Bier, und noch ein Bier, und noch ein Bier ...“

Catering und Getränkekarte

Es war Nacht, wir wurden älter, der Gin Tonic floss in Strömen, und es war, als lachte der ganze Himmel mit uns. Nur nicht mit dem Nightlife-Guru, denn dieser arme Kerl muss stets mit angezogener Handbremse feiern, um am darauffolgenden Tag diese Zeilen schreiben zu können.

Auf dem Klo um halb vier ...

... stelle ich mir vor, an den Schultern gepackt, am Brustkorb gehalten, gegen die Wand gedrückt zu werden und heißen Atem in meinem Nacken zu spüren. Sekunden später geht die Tür auf. Ein Mädel kommt herein, und mir wird bewusst, dass ich mich in der Geschlechterzuordnung vertan habe.

Aufheiterle

Für den Bruchteil einer Sekunde glaube ich, eine flüchtige Bekannte von mir zu treffen. Vor vielen, vielen Jahren war ich ihr „boytoy“ und sie so eine Art „random girl“ für mich. Unsere letzte Begegnung endete im Morgengrauen, in schweißnassen Laken und mit einem zerbrochenen Weinglas. Noch ein Mal so eine Nacht, und ich wäre bereit, für den Rest meiner Erdenzeit monogam zu leben. Wir schauen uns ein paar Mal fragend an. Ist er es? Ist sie es? Doch keiner von uns wagt es, auf den anderen zuzugehen. Das Rätsel dieser Nacht bleibt ungelöst.

Aufregerle

Für reichlich Material zum ärgern sorgt der Nachhauseweg. Er führt durch das „vielkritisierte Bermudadreieck“. Doch dort ist’s ruhig. Anstrengend wird es jedoch zwischen Stadttheater und Bahnhof, vor dem Karma. Gruppenweise stehen Männer und Frauen auf der Straße, schreien laut durch die Nacht und pöbeln wahllos Passanten an, Nachtschwärmer und Nachtarbeitende gleichermaßen.

Fazit

Die Sonderbar ist einer der wenigen Freiräume in Freiburg, an dem Nächte ihre Eigendynamik voll entfalten können, und es letzten Endes scheißegal ist, ob und welcher Szene man sich zugehörig fühlt.

Mehr dazu





Artikel als E-Mail verschicken Artikel auf Facebook weiterempfehlen Artikel twittern Diese Seite zu Mister Wong hinzufügen Diesen Artikel bei del.icio.us bookmarken
 



Kommentare
Anzahl der Kommentare: 15
Montag, 13.02.12 12:51
 

+

Montag, 13.02.12 13:06
 

++

Montag, 13.02.12 13:09
 

+

Montag, 13.02.12 13:30
 

+++

+om
Montag, 13.02.12 13:55
 

x

Montag, 13.02.12 15:57
 

x++++x

+om
Montag, 13.02.12 16:19
 

oI+_+Io

Montag, 13.02.12 18:12
 

"Nur nicht mit dem Nightlife-Guru, denn dieser arme Kerl muss stets mit angezogener Handbremse feiern, um am darauffolgenden Tag diese Zeilen schreiben zu können. "


"Ein Mädel kommt herein, und mir wird bewusst, dass ich mich in der Geschlechterzuordnung vertan habe."


soviel zur angezogenen Handbremse :D

Montag, 13.02.12 18:13
 

Der Teaser drängt den Verdacht auf, ein weiterer unnötiger Nightlife-Guru-Artikel. Aber nein - richtig gut. Soo gelacht - Klasse!

Montag, 13.02.12 18:42
 

AAA+++

Montag, 13.02.12 19:24
 

guter artikel. leider habe ich von der party im voraus nichts gewußt, sonst wäre ich evtl mal vorbei gegangen...

Montag, 13.02.12 20:35
 

AHA NuRave ist also für Handtaschenmädels...Geil!

Sehr guter Artikel, hatte mich gewundert warum aus dem Gässle guten Musik kommt! Nächtes Mal wäre es von Vorteil eine Plakat vorne aufzuhängen ;-)...

Weiter So Herr Guru! (Wobei das mit dem NuRave sollte man nochmals ausdisskutieren hehehe)

Lg

Montag, 13.02.12 21:17
 

Nein. Auf keinen Fall ein Plakat aushängen.

Montag, 13.02.12 21:19
 

+1

kus
Montag, 13.02.12 22:22
 

AAA

Um einen Kommentar zu verfassen, benötigst du ein fudder-Profil. Registriere dich kostenlos oben rechts auf fudder.






Diese Funktion steht nur für eingeloggte fudder-User zur Verfügung.

» fudder-Netiquette





» siegel

Versuchspersonen gesucht (Sozialpsychologie)
Hallo, es werden Versu...

» fudder-redaktion

re: Spam auf fudder
gesperrt - danke für den ...

» Lumiere

re: Spam auf fudder
Dlove2014

» Biber

re: Probanden für Studie gesucht, 30 Euro!
Ich stelle mir das so vor...

» laz4056

re: Wissen, das oft erst kommt, wenn alles zu spät ist
Ach, wie ist das blöde ;)

» christianhauck

re: Wissen, das oft erst kommt, wenn alles zu spät ist
Du scheinst Dich in Deine...

» URPS

Wissen, das oft erst kommt, wenn alles zu spät ist
Denkfehler haben meist di...

» URPS

re: Petition gegen Markus Lanz
Offensichtlich hatten auc...

» PC_Ente

Das Bananenbaby ist da
Sieh an, sieh an. Sie hat...

» Jan555

re: Die besten Videospiele aller Zeiten
Wenn ich die Zeit, die ic...