
Mittwochnachmittag kurz nach drei, neun Tage vor der Premiere
Die Runde ist noch nicht ganz vollständig, wer da ist kann dafür schon die Eintrittskarten bestaunen, die neben Regieassistentin Miriam auf der Bühne liegen.
„Unsere Tänzerin hat abgesagt“, verkündet Regisseur Lukas Auer derweil (30) die Vakanz einer Nebenrolle.
„Und nun?“, fragt ein anderer.
„Wir bekommen eine von so einer Tanzschule.“
„Ist die heiß?“
Gelächter. Lukas wedelt mit einem Gehstock durch die Luft, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen, die Probe soll beginnen, schließlich bleibt nicht mehr allzu viel Zeit bis zur Premiere des Tarantino-Klassikers
Reservoir Dogs.
„Die Idee hatten Lukas und ich schon vor inzwischen fast zwei Jahren“, erzählt David Beck (24) vom Ursprung des Projekt, „ich hab damals den Film gesehen und festgestellt, dass er nur wenige Schnitte hat und im Wesentlichen an einem Schauplatz spielt – das ist sehr Theater-freundlich.“
Im Frühjahr 2010 verlor der Vorschlag allerdings gegen einen anderen. Danach fehlte es an Zeit für das aufwendige Unterfangen, dieses Semester hat es dann geklappt: Lukas führt Regie, David spielt die Rolle des Mr. Brown, im Film durch Tarantino selbst prominent besetzt.
Neben den Vätern der Idee und zwei anderen "alten Hasen" wird die Inszenierung von Neuzugängen gestemmt. „Da immer viele
Austauschstudenten bei uns mitmachen, haben wir eine sehr hohe Fluktuation“, sagt David. Kein Hinderungsgrund für die Umsetzung eines ambitionierten, multimedialen Projekts: Das Theaterstück bietet zwar keine „echten“ Schusswechsel, dafür aber zugespielte Videoschnipsel und eine Liveband bestehend aus Saxophon, Kontrabass und Schlagzeug, die in einigen Szenen zum Einsatz kommt.
Mittwochnachmittag halb drei, zwei Tage vor der Premiere
Vor dem Saal stehen ein paar
Fässer, die irgendwie explosiv, aber auch etwas dreckig aussehen. Regieassistentin Miriam und Darsteller Yannick schrubben sie mit vollem Körpereinsatz, damit sie bei der Premiere in neuem Glanz erstrahlen.
Die Bühne ist, na ja, so halb aufgebaut und erinnert ein wenig an eine Skateboardrampe. „Die meiste Zeit spielen wir ebenerdig zum Publikum“, erklärt Lukas, der zum ersten Mal Regie führt. „Ich hab zwar nicht Englisch studiert, sondern Musik“, sagt er, „aber ich wurde in Amerika geboren und habe sieben Jahre dort gelebt. Das kommt mir jetzt natürlich sehr zugute.“
Lukas hat sich um eine
Inszenierung bemüht, die mehr bietet als einen Tarantino-Abklatsch. „Ich habe den Schauspielern verboten, den Film anzuschauen“, sagt er, „sofern es nicht schon zu spät war.“ Sein Ziel war es, eine eigene Interpretation des Materials auf die Bühne zu bringen. Im Gegensatz zum Flashback-reichen Film ist die Maniacts-Adaption chronologisch aufgebaut, einige Szenen wurden verschoben oder zusammengefasst.
„Die größte Herausforderung bestand darin, eigene Charaktere zu finden“, erzählt Lukas, „dabei ging es nicht darum den Film sklavisch zu verneinen, sondern vielmehr darum, den Figuren eine Tiefe zu geben, die sie im Film so vielleicht nicht hatten, weil ein paar flotte Gangster-Sprüche und der ein oder andere Schuss ausgereicht haben, um den Film interessant zu machen. Auf der Theaterbühne ist aber eine Metaebene erforderlich, die über Effekthascherei hinausgeht.“
David gönnt sich draußen eine Tasse Kaffee und eine Kippe, Lukas posiert mit einem Ghettoblaster. „Heute ist ein bad hair day“, sagt er scherzhaft. Aber vielleicht muss das auch so sein, zwei Tage vor der Premiere. Um ihn herum wird das Licht installiert. „Sind alle Lines fresh?“, schallt es durch den noch etwas chaotischen Theatersaal. Am Abend soll es einen Durchlauf mit den Lichttechnikern geben, mit allen Auf- und Abgängen, aber weitgehend ohne Text.
Mittwochabend kurz vor halb acht, gut 48 Stunden vor der Premiere
Die Fässer sind geputzt, die Scheinwerfer hängen an der Decke, die Kostüme auf einer Stange. Einige Holzplatten werden noch mit Farbe bepinselt, eine leere Pizzaschachtel, ein paar Stöckelschuhe, eine Flasche Pepsi und diverse Putzmittelflaschen und Farbeimer tummeln sich am hinteren Ende des Saales. Die
Lichttechniker sind da, jetzt soll Szene für Szene durchgegangen werden, um die Beleuchtung einzustellen. Mit Fade ausschalten oder ohne? Welche Requisite steht wann auf der Bühne? Und welche Darsteller dazwischen? Wann wohin bewegen? Stellt an Möbel auf die Bühne, um sie wieder runter zu holen oder eher doch nicht? Schon bei der „nullten Szene“ gibt es viele offene Fragen, es dauert eine Stunde, bis das Ensemble zur nächsten Szene übergeht.
„Nicht von der Bühne runter“, ruft ein Darsteller den Kollegen aus dem Halbdunkel zu, „ihr müsst vor der ersten Szene noch umbauen.“
„Ihr müsst euch vor allem umziehen!“, wirft Lukas ein.
Mittwochabend, kurz vor neun
Lukas stimmt „Like a virgin“ an. Das Lied ist Teil der ersten Szene. Es könnte noch ein langer Abend werden.
Was: Reservoir Dogs - adapted for stage from Quentin Tarantino's cult classic
Wann: 3., 4., 5. sowie 10., 11., 12. Februar 2012, jeweils 20 Uhr
Wo: Alte Universität, Theatersaal, Bertoldstraße 17
Eintritt: 7,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro (Vorverkauf in der Walthari-Buchhandlung)
Foto-Galerie
Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.