Ulrich Tukur ist Bühnenschauspieler und gefeierter Filmdarsteller; 'Die Weiße Rose', 'Stammheim' 'Stauffenberg', 'Die Luftbrücke' und 'Der Tatort' - seine schauspielerische Lebenslauf ist beeindruckend; Kantige, oft „deutsche“ Rollen stehen Tukur hervorragend. Seit 16 Jahren musiziert und singt er mit den
Rhythmus Boys; Ulrich Mayer an der Gitarre, Kalle Mews als Schlagzeuger und Tierlaut-Geber und Günter Märtens am Kontrabass. Gemeinsam befleißigen sich Tukur und Kappelle auf Tonträgern und Touren zumeist deutschsprachiger Tanz und Barmusik der 20er bis 50er Jahre.
Für "Europas schönste Tanzkapelle", wie er seine Baggage liebevoll nennt, hat sich Ulrich Tukur nun ausgerechnet Freiburgs sterilste
Konzertklinik, das Konzerthaus, ausgesucht. Die Welt der eleganten Tanzpaläste und der heruntergekommenen Varietés verspricht die Ankündigung des aktuellen Programmes „Musik für schwache Stunden“, der Tour zum dazugehörigen gleichnamigen Tonträger im handlichen CD-Format.
Mit leicht mulmigem Gefühl und dem frevelhaften Wunschgedanken an den verstaubten Charme des Paulussaals betrete ich den Konzerttempel. Schnell noch ein Sektchen für vier Euro fünfzig und eines der wunderhübschen Programmhefte für drei Euro eingekauft und schon will ich den nur knapp gefüllten Saal betreten. "HALT! Keine Getränke!" Also runter damit und bevor es losgeht noch das Programmheft studieren. Wunderhübsch, tolles Papier und graphisch sehr gelungen präsentiert sich der Zwölfseiter recht informationskarg. Eine knappe Einführung, die Songtitel in fast richtiger Reihenfolge, leider komplett ohne weitere Informationen, ein unwitziger Comicstrip alles abgerundet mit ein paar wunderschönen Fotographien der Band. Schade, denn Tukur interpretiert durchaus geschichtsträchtige Nummern geschichtsträchtiger und kommentierenswerter Autoren und Interpreten. Hierzu fallen aber einige Bemerkungen während des Programmes.
Während ich noch über der Songauswahl brüte und versuche mir die
Originale ins Gedächtnis zu rufen, betritt Loriot die Bühne, setzt sich an den Flügel, spielt ein schön-wirres Medley, geht zum Mikrophon am Bühnenrand und sagt: „Sie fragen sich, ist das echt?“ Pause, Raunen. Mit den Worten: „Natürlich ist das – nicht echt“ nimmt er sich die Perücke vom Kopf. Da steht er, Ulrich Tukur.
Den nur halbwegs gefüllten Raum nimmt er mit Humor, bittet die Zuschauer der hinteren Reihen nach vorne zu kommen und in den zum Teil empfindlich teureren Reihen auftzurutschen, dann wären doch alle näher zusammen und eigentlich passten ja auch alle zusammen auf die Bühne.
Eine dürre Lady vor mir in der ersten Reihe guckt pikiert und leicht entsetzt nach hinten, als stünde der Pöbel mit Mistgabeln und Fackeln vor ihrem Jagdsitz. Ihr Schmerz vergeht als unter Scherzen die restlichen Musiker die Bühne betreten. Trotz ihrer feinen Anzüge wirken die Musiker wie für ein
Obskuritätenkabinett zusammengecastet.
Schlagzeuger Kalle Mews ist schätzungsweise nur 150cm klein, dafür misst der Kontrabassist Günter Mertens 208cm. Der Gitarrist Ulrich Mayer ist genau einen Kopf grösser als Mews und einen Kopf kleiner als Mertens, hat also Durchschnittsausmasse trägt dafür aber einer hervorragend-unmögliche, leicht fettig anmutende Frisur mit passender Erich-Honecker-70er-Jahre-Kassengestell Brille. Irgendwie muss ich bei seinem Anblick direkt an Mundgeruch denken. Nicht genug der grossartigen Absonderlichkeiten, ein spärlich als
Löwe verkleideter Hund, kommt auf die Bühne er kann den Namen des immer-immer-immer-noch-Bundespräsidenten wulfen, ein bisschen rechnen und sich totstellen. Die besten Voraussetzungen für einen kurzweiligen Abend!
Man spielt und singt zumeist
Schlager aus deutschen Filmen der 20er und 30er Jahre: "Ein Senor und eine schöne Senorita", "Liebling was wird nur aus uns Beiden", "Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt". Ulrich Tukurs Stimmlage passt eigentlich gut zu den Songs, die Musiker sehen gut aus, doch die Stimmung mag nicht so recht überspringen. Zwischen den einzelnen Liedern erzählt Ulrich Tukur Witze, die charmante Plauderei welche die einzelnen Stücke leichtfüssig zu verbinden mag und einer Revue wie dieser sicherlich angemessen wäre, fehlt fast vollständig. Stattdessen gibt es Schoten, nicht immer ganz politisch korrekt, nicht immer witzig. "Kleines sexistisches Zwischenspiel" nennt meine Begleitung den Vortrag des als Prof. Dr. Dr. Dr. Ulrich Mayer vom empirisch-kulturwissenschaftlichen Institut für angewandte Tanzmusik der Willy Dehmel-Universität Biberach vorgestellten Gitarristen über das Wesen der Schwäche. Die Pointen bekommen die erwarteten Lacher, aber irgendwie ist die Spannung nicht zu halten.
Ulrich Tukurs Zwischenbemerkungen sind oft schwer verständlich, er imitiert Dialekte, mischt Sprachen, mimt den Verlegenen und Unsicheren, das gehört zur Show, fördert aber nicht den Spannungsbogen. Das Programm besteht eher aus
Fragmenten die für sich gesehen durchaus Qualität bewiesen doch der grosse Gesamtentwurf ist nicht zu erkennen. Leider fehlt auch dem Sound die staubig-warme Samtigkeit die das Programm umwehen könnte, die Songs zeigen trotz ihrer charmanten Altbackenheit keine einlullende Wirkung, alle Energie verpufft irgendwo zwischen der hohen Betondecke und den leeren Balkonen. Zu klinisch, kühl und ungreifbar sind die Töne als dass sie dieses berührt-amüsierte Glitzern in die Augen der Zuschauer zaubern könnte dessen sie eigentlich fähig sein könnte, wenn nicht irgendetwas am Funken fehlen würde.

Vor der Pause turnen die lustigen Musikanten noch im rot-weissen Trainingsdress als dänische Kraftsportgruppierung 'Die Pölser' aus Aarhus über die Bühne, um nach der Pause in skurril-spektakulären Weltraumkostümen und Laubsägearbeit –Rakete mit aufgepinselter Dänemark-Flagge zurückzukehren.
Der zweite Teil des Programmes verläuft nach ähnlichem Muster, mein absolutes Highlight ist ein Song namens
"Mein Fröhlicher Kakadu", bei dem der Minidrummer als leicht widerspenstige Bauchrednerpuppe auf dem Schoss des Riesenbassisten sitzt, singt und Grimassen zieht. Formidabel!
Zugabe eins, 'Old Macdonald Had A Farm' endet in einem famosen, apokalyptischen Tierstimmenbabylon, bei dem das Quartett es endlich geschafft hat, das Publikum für sich zu gewinnen. Der nächste Coup ist eine grandiose Version des Klassikers 'La Paloma'. Schleichend schwebt die Melodie wie düsteres, langsam wirkendes Gift über den Köpfen und dringt bis in die letzte Faser des Körpers - endlich stellt sich die Form Gefühl ein, auf die ich schon den ganzen Abend gehofft habe.
Noch eine flotte Tanzmusiknummer, die diesen Zustand nicht mehr weiter fördern kann. und die Show ist beendet. Es ist halb elf. Unter Abzug der Pause gab es glatte Zwei Stunden solide Unterhaltung, vielleicht etwas unter ihrem eigenen Niveau. Man verstehe mich nicht falsch, ich bin Fan, seitdem ich 2001 das Album 'Wunderbar Da Zu Sein' entdeckt habe, und auch das aktuelle Album ist eine hervorragende Platte, aber es braucht etwas weniger Schenkelklopfen, etwas weniger
Chauvinistenwitz und ein anheimelnderes Ambiente, damit ich in lodernden Flammen für Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys aufgehe. Trotzdem, natürlich, eine heisse Empfehlung: Platten kaufen!
Foto-Galerie: Wolfgang Grabherr
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