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Pontifex Onlinus: Der Papst im Internet

Das Fenster zum Petersplatz ist nicht mehr das einzige Medium des Papstes, durch das er zu seinen Anhängern spricht: Die katholische Kirche ist im Zeitalter von Facebook, Youtube und Smartphone-Apps angekommen. Selbst der Heilige Vater hat jetzt einen Twitter-Account. Nach dem Motto: Weg vom Fenster, rein ins Web 2.0.

Der Papst im Netz

Es klang zunächst wie ein schlechter Witz und war doch eine historische Sensation: Der Papst twittert. „Liebe Freunde, ich habe gerade News.va gestartet. Gepriesen sei unser Herr Jesus Christus. Mit meinen Gebeten und Segen, Benedictus XVI.“ Kameraleute haben dieses fast schon absurd anmutende Ereignis auf Video festgehalten, das nun auf dem Internetportal Youtube zu bewundern ist. Andächtig bestaunt Papst Benedikt die Eleganz des superflachen I-Pads, scrollt auf und ab, nickt beeindruckt.

Auf dem neuen Nachrichten-Portal news.va bündelt der Vatikan alle Informationskanäle der katholischen Kirche und will so ein junges, internetaffines Publikum erreichen. Selbst getippt hat der Pontifex den Text natürlich nicht, aber immerhin den „Senden“-Knopf gedrückt.

Gleich mehrere Internetangebote bietet die katholische Kirche, die die Wirkungskraft des Web 2.0 erkannt zu haben scheint. „Das Internet gehört zur Kommunikation der Kirche genauso wie Pfarrbriefe und Kirchenzeitungen – es ist unverzichtbar“, sagt Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz. Auch soziale Netzwerke seien eine Chance, um Menschen zu erreichen, dürften aber den realen Kontakt auf keinen Fall ersetzen.

Neben Internetseiten wie news.va, katholisch.de oder dbk.de wird auch in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter die Botschaft Gottes verkündet. Per Facebook-Anwendung lassen sich virtuelle Grußkarten verschicken, und auf dem Videoportal Youtube.com/vatican laden die Medienvertreter des Vatikans kurze Filme zu aktuellen Themen rund um den Heiligen Stuhl hoch. Eine Smartphone-Papst-App hält Besitzer von I-Phone- oder Android-Handys auf dem Laufenden. Zusammengefasst werden all Angebote auf der Seite pope2you.net: „Der Papst trifft dich auf Facebook“, heißt es dort ganz selbstverständlich, als sei eine Privataudienz nur einen Mausklick entfernt.

Auch der Papstbesuch in Deutschland wird im Internet vorbereitet. So kann man auf der Webseite der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und auf papst-in-deutschland.de nicht nur Tickets bestellen, sondern auch das Gebetsblatt für den Papstbesuch als PDF-Datei downloaden. Per Facebook-Seite „Papst in Deutschland“ informiert die Deutsche Bischofskonferenz alle netz-aktiven Christen und ihre Beobachter. Regelmäßig werden in dem sozialen Netzwerk Neuigkeiten rund um den Besuch des Stellvertreter Gottes gepostet, die die Facebook-User mit Kommentaren wie „Jesus lebt!“ oder „Lang lebe die Kirche!“ versehen. Wer das für übertrieben hält, kann auch ganz diskret den „Gefällt mir“-Button klicken.

Seit vergangenem Donnerstag können alle Katholiken mit Internetanschluss Willkommensbotschaften für den Papst online stellen. Unter den ersten zehn Videogrüßen verlost die DBK einen Coffee-to-go-Becher aus dem Papst-in-Deutschland-Shop. Das Video, das die meisten „Likes“ bekommt, wird mit einem Original-Papst-in-Deutschland-Regenschirm belohnt.

„Was kommt als Nächstes? Papst-Bettwäsche?“

Die Reaktionen auf derartige Aktionen sind nicht immer positiv. „Ich sag das jetzt mal als Katholik: Geht’s noch?“, empört sich Facebook-User Dominik Brack: „Was kommt als Nächstes? Papst-Bettwäsche?“. Er mahnt zur Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte der Kirche. Seine Botschaft an den Papst ist der Bibelvers Johannes 2,13-16, den er in das hellblaue Kommentarkästchen unter den Aufruf der DBK getippt hat.

Die Erzdiözese Freiburg nutzt das Social Network immer mehr. Neben Pressemitteilungen und Veranstaltungen aus dem eigenen Haus posten die Mitarbeiter Youtube-Videos zu Spendenaktionen, preisen Papstbesuch-Andenken oder erinnern daran, rechtzeitig einen Zugplatz nach Freiburg zu reservieren. Unter der papst-in-freiburg.de informiert das Team um Onlineredakteurin Lisa Maria Boscheinen über den hohen Besuch im September. Als „Renner“ erweist sich laut Erzdiözese das Motto-Lied zum Papstbesuch in Freiburg („Wo Gott ist, da ist Zukunft“), das im Internet kostenlos als Klingelton zum Herunterladen angeboten wird.

Boscheinen und ihre Mitarbeiter sind von den Möglichkeiten des Web 2.0 begeistert. „Immer mehr Menschen sind im Netz unterwegs“, sagt Pressesprecher Robert Eberle. „Hier können wir auch diejenigen erreichen, die nicht jeden Sonntag in die Kirche gehen, sondern die sich in diesen Netzwerken bewegen.“ Knapp 800 Fans gefällt die Fan-Seite der Erzdiözese auf Facebook, und die Anzahl der Twitter-Follower steigt.

Auffallend ist, dass auch sehr konservative Organisationen und Gruppen im Netz äußerst aktiv sind. Unabhängige Webseiten wie kath.net oder kreuz.net nutzen das Internet, um teilweise grenzwertige Inhalte zu veröffentlichen. Drastisch formulierte Texte zu Themen wie Homosexualität, Judentum, Sexualmoral und Wertedebatten lesen sich wie populistische Propagandatexte unter dem Schutzmantel der katholischen Kirche. Auf dem Medienportal kathtube.com wirbt der Video-Clip „Get clean“ für die reinigende Wirkung der Beichte.

Der Medienwissenschaftler Ole Keding forscht an der Universität Hamburg zu Kommunikationsstrategien, die im Internet Überzeugungsarbeit leisten sollen. „Eine Institution solcher Größenordnung kommt heute nicht mehr um derlei Aktivitäten herum“, sagt der Hamburger Wissenschaftler. „Wer im Internet seine Erscheinung und Kommunikation nicht selbst mitgestaltet, überlässt dies ausschließlich anderen, was in der Regel nicht wünschenswert ist.“

DBK-Sprecher Matthias Kopp kennt die stark konservativen Seiten und betont ihre Unabhängigkeit von der Deutschen Bischofskonferenz. „Von kreuz.net hat sich die Bischofskonferenz mehrfach und in aller Deutlichkeit distanziert. Hier wird der Begriff katholisch missbraucht für einseitige Propaganda, die eine Sprache und Auffassung verwendet, die wir nicht akzeptieren“, sagt Kopp.

Dass der Papst das Internet alles andere als verwerflich findet, hat er bereits Anfang des Jahres, am 45. Welttag der sozialen Kommunikation, in einem Schreiben erklärt. Mit dem Internet entstünde „eine neue Lern- und Denkweise mit neuartigen Möglichkeiten, Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaft zu schaffen“, schrieb der 84-Jährige. Zwar gab er dadurch Twitter, Youtube und Co. seinen Segen, mahnte jedoch gleichzeitig, dass virtuelle Treffen reale Begegnungen nicht ersetzen dürften.

Ist der twitternde Papst der Beginn einer Revolution?

Der Freiburger Religionspädagoge Matthias Hirt legt in einem Artikel in der Zeitschrift „Themen im Religionsunterricht“ ausführlich dar, warum es richtig und wichtig ist, das Netz zu nutzen, um die Botschaft des Heiligen Stuhls zu verbreiten. Papst Benedikt XVI. folge der Argumentation seines kommunikationsbegeisterten Vorgängers Johannes Paul II, wenn er die Beliebtheit neuer Technologien mit „dem Grundbedürfnis des Menschen, miteinander in Verbindung zu treten“ verbindet. Das sei „eine Teilhabe an der Liebe Gottes“, zitiert der Theologe den Papst, „die mitteilt und zur Einheit führt.“ Gottes Botschaft brauche Medien, um vermittelt zu werden. Umso besser also, wenn es zahlreiche davon gibt.

Dass die katholische Kirche sich den Möglichkeiten der sozialen Medien  nicht verschließt, hält  Medienwissenschaftler Keding für richtig. „Das ist nicht nur gut nachvollziehbar, sondern für eine Institution wie den Vatikan auch unabdingbar“, findet Keding. „Die Kirche erhofft sich in Zeiten schwindender Mitglieder einen zeitgemäßeren Auftritt und eine stärkere Anziehungskraft. Das gilt vor allem für die jüngere Generation. Aber auch für ältere Menschen oder solche, die nicht mobil sind, ergeben sich durch die ortsunabhängige Erreichbarkeit neue Möglichkeiten.“

Erzbischof William Slattery aus dem südafrikanischen Pretoria, der den ersten Papst-Tweed  verfolgt, ist jedenfalls begeistert. Im Videobeitrag der Online-Zeitung Huffington Post orakelt der betagte Geistliche, der twitternde Papst sei „der Beginn einer neuen Revolution“.  

Der Vatikan im Netz
 
Die Deutsche Bischofskonfererenz im Netz
 
Alles zum Papstbesuch




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 12
Mittwoch, 21.09.11 10:10
 

"Weg vom Fenster......."
Ich dachte, wen der Papst kommt darf sowieso keiner am Fenster stehen!
Das Internet wird doch schon lange von der kirche genuzt!
Woher sollen sie sonst ihre Kinderpornografischen Bilder her haben!

Mittwoch, 21.09.11 10:11
 

wozu braucht eine von oben nach unten durchregierende organisation einen rückkanal von unten nach oben? erfolgreiches social media marketing hört zu und kommuniziert 1 zu 1 auf augenhöhe, bestes beispiel zur zeit in deutschland: @telekom_hilft. trotz ähnlichem image dürfte da doch wohl ein himmelweiter unterschied zwischen telekom und katholischer kirche liegen. möglicherweise sind die papstfollower aber auch etwas anders gestrickt als telekomkunden ...

edit: link geaddet


Konstantin hat den Kommentar am 21.09.2011 um 10:24 bearbeitet
Mittwoch, 21.09.11 10:13
 

fehlen ja nur noch soundcloud/mixcloud, und seit einigen stunden ist ja auch google+ für jedermann zugänglich...

Mittwoch, 21.09.11 10:14
 

@konstantin: interessanter punkt. ich glaube, vielen katholiken ist gar nicht bewusst, wie streng hierarchisch und auf gehorsam ihre kirche aufgebaut ist. wahrscheinlich, weil sie aus genau diesen gründen nie gelernt haben, zu hinterfragen.

Mittwoch, 21.09.11 10:20
 

@manuel: oder weil sie in ihrem jeweiligen kleinen bereich etwas anderes leben. was ich als außenstehender telekomkunde so von der katholischen jungen gemeinde (falls das die korrekte bezeichnung ist) mitbekomme mutet oft schon reichlich piratig an, also basisdemokratisch und gleichberechtigt und so.

Mittwoch, 21.09.11 10:21
 

@konstantin: ja, das stimmt auch.

Mittwoch, 21.09.11 10:36
 

@Konstantin

So unterschiedlich sind sich Papstfollower und Telekomkunden garnicht.
Beide warten sehr lange, oft vergeblich, auf die Erlösung von ihren Umständen aber nehmen dafür trotzdem etliche Mühen auf sich.
Beide müssen dann lernen sich in Demut üben und am Ende wirds trotzdem noch teuer.


Mikey hat den Kommentar am 21.09.2011 um 10:39 bearbeitet
Mittwoch, 21.09.11 10:45
 

Erhielt letztens einen Brief mit einer Spendenaufforderung, nebst Lesezeichen, passend zur allgegenwärtigen Plakatkampagne "Benedikt hilft Kindern in Ostafrika".
(Mal ganz davon abgesehen, daß eigentlich die Spender helfen:) Wie diese Hilfe aussieht, können viele europäische Mißbrauchsopfer belegen, 5000 € für Lebenslänglich!

http://www.original-freiburg.de

Mittwoch, 21.09.11 10:53
 

Gestern hat dr Papst auf Facebook Bilder von der After-Abendmahl-Party eingestellt , voll das Besäufniss...... rofl

Mittwoch, 21.09.11 10:58
 

ich liebe es auf erzkatholischen seiten rumzustöbern, hinterher fühl ich mich immer als hätte ich etwas moralisch zutiefst verwerfliches gemacht...

Mittwoch, 21.09.11 11:55
 

Eigenwerbung: Der Papst und das Internet

Mittwoch, 21.09.11 12:00
 

@nakedcat: geil. poste mal den link.

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