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Geboren am 11. September

Was hast du am 11. September 2001 gemacht? Darauf haben die meisten Menschen sofort eine Antwort. Wo sie waren, als sie zum ersten Mal von den Terroranschlägen in Amerika erfuhren, wissen sie noch, als wäre es gestern gewesen. Helga Ritthaler aus Freiburg jedoch erzählt zuerst von einem anderen Ereignis: der Geburt ihre Tochter.

Helga Ritthaler mit Muriel September 2001

Helga RitthalerMuriel ist eine der letzten echten Bobbele: Am Sonntag vor zehn Jahren kam sie im Elisabethkrankenhaus zur Welt, das es längst nicht mehr gibt.

„Es war meine allererste Geburt, also war ohnehin alles ziemlich spannend“, sagt ihre Mutter Helga Ritthaler. „Mitten in der Nacht fingen bei mir die Wehen an. Wir riefen unsere Hebamme an und sie kam vorbei.“ Die Hebamme riet, gleich ins Krankenhaus aufzubrechen. „Noch im Dunkeln kamen wir im Krankenhaus an“, sagt Helga Ritthaler. „Aber die Geburt dauerte bis mittags um halb zwölf.“

Und wann hat sie zum ersten Mal davon gehört, dass Terroristen in den USA vier Passagierjets entführten, von denen zwei in die Zwillingstürme des World Trade Centers steuerten, einer ins Pentagon flog und einer in Pennsylvania zum Absturz gebracht wurde? „Ich versuche, mich zu erinnern. Es war wohl schon gegen Abend, als ich davon erfuhr. Ich glaube, mein Vater hat es mir am Telefon erzählt, ganz vorsichtig.“ Das erste Flugzeug war kurz vor 9 Uhr US-Ostküstenzeit in den Nordturm der Twin Towers eingeschlagen, in Deutschland war 15 Uhr.

Am Anfang war die Katastrophe nur eine schlimme Nachrichtenmeldung unter vielen für Helga Ritthaler, die von der Niederkunft erschöpft und gleichzeitig unendlich glücklich war, dass ihr ganz persönliches Weltereignis so reibungslos vonstatten ging: Muriel war gesund und munter.

„Wie schwer die Menschen die Berichte nahmen, wurde mir erst klar, als unsere Hebamme am nächsten Tag mit mir darüber sprechen wollte. Sie sprach von ihrer Angst, dass es einen Krieg geben würde. Da bin ich erschrocken.“ Muriels Vater Marco hatte auf dem Heimweg Nachbarn von der Geburt erzählt und war im Gegenzug von ihnen auf den neuesten Stand gebracht worden.

„Irgendwie surreal“

„Es war irgendwie surreal“, sagt Helga Ritthaler heute, „die Information drang überhaupt nicht richtig zu mir durch. Das andere, die Geburt von Muriel, stand so viel mehr im Mittelpunkt.“ Auch die vier Großeltern hatten sich sehr auf ihr erstes Enkelkind gefreut. „Aber als meine Schwiegereltern sagten, sie hätten es schwer gefunden, im Schatten der Ereignisse auf die Geburt anzustoßen, war ich erst ein kleines bisschen verletzt.“ Später hat sie verstanden, dass es sich nicht um eine Nachricht wie jede andere handelte. „Ich hatte und habe keinen Fernseher, deswegen habe ich die Bilder immer nur als Standfotos gesehen. Das ist wohl ein Unterschied zwischen mir und den meisten Leuten.“

„Mir ist noch eingefallen: Mit mir lag eine Frau auf Station, die am selben Tag oder am Tag davor eine Tochter bekam. Sie nannte sie Shanti, was Frieden bedeutet.“

Gibt es ein Ereignis aus Helga Ritthalers Lebenszeit, das sie genau so erschüttert hat wie viele die Anschläge vom 11. September? „Tschernobyl war etwas, das mich ewig lange erschüttert hat, was man aber nicht so richtig greifen konnte als Kind beziehungsweise Jugendliche.“

Für mich ist komisch, dass die Ereignisse vom 11. September 2001 so mit ihrem Datum verknüpft werden. Andere Katastrophen heißen immer nach einem Ort – wie Tschernobyl. Der 11. September heißt nun aber 11. September und das ist doch eigentlich der Tag, an dem wir Muriels Geburtstag feiern!“

Und Muriel? Ist sie genervt von dem Gedenktag, der alle Jahre wieder zu ihrem Geburtstag aufkommt? „Genervt ist sie nicht“, sagt Helga Ritthaler. „Sie hat wohl noch nicht so viel von dem Thema mitbekommen. Jetzt, wo sie zehn wird, kann sie langsam verstehen, was andere mit dem Datum verknüpfen. Ihr Geburtstag steht für sie trotzdem im Mittelpunkt.“

Zur Party am Sonntag kommen erstmal Familie und Muriels beste Freundin. Der Kindergeburtstag kommt danach. Muriels Schwestern, die siebenjährige Norea und die fünfjährige Sofia, feiern mit ihr. Denn für Familie Ritthaler ist der 11. September ein glücklicher Tag.



[von klinks nach rechts: Norea, Sofia & Muriel]





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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 6
Sonntag, 11.09.11 09:11
 

das war doch ein Dienstag?!

+om
Sonntag, 11.09.11 12:05
 

ich bin überrascht fudder! wärend in allen medien das brutale szenario wieder und wieder wiederholt wird, zeigt ihr die lebendige, positive seite dieses tages/datums! beeindruckt!
dort, wo etwas endet, beginnt etwas neues!

Sonntag, 11.09.11 14:52
 

dankeschön :)

Sonntag, 11.09.11 17:37
 

ja, definitiv kompliment Leute, anstatt immer das selbe Video in dem die American Airlines in die Towers kracht geht ihr es ganz anders an. Auch wenn ihr oft ins Klo greift, aber in dem Fall wars ne vergoldete Schüssel. Echt klasse Beiträge !

Sonntag, 11.09.11 19:05
 

Dieser Rap-Herr hat am 11.09. Geburtstag und hat diese skurrile Tatsache in einem Lied beschrieben:

http://www.youtube.com/watch?v=2DN0kxW4bbQ

Wer Probleme mit dem Text hat, da er doch einen ausgesprochen außergewöhnlichen Stil mit Sprache umzugehen an den Tag legt:


Keine Wolke am Himmel, ich tanze entspannt durch den Park
der Tag meiner Geburt jährte sich zum zwanzigsten mal
Ich wurde geboren am 11.09.
doch erst an diesem Tag bekam das Datum für die Welt an Bedeutung
Meine Mutter servierte die Geburtstagstorte
als das erste Flugzeug den Nordturm durchbohrte
brennendes Kerosin, vier Etagen mit Asche überflutet
in unserer Wohnung roch es nach Kaffee und Kuchen
verzweifelte Menschen sprangen aus dem Fenster
ich saß zuhause auf der Couch und war gespannt auf Geschenke
aus dem Riesentower stieß beißender Qualm
Menschen suchten Rettung vor den lodernen Flammen im freien Fall
in ganz New York zug der Ruß um die Blocks
meine Elter riefen heiss und ich schlug auf den Topf
lautes Getöse, ich dachte durch's Zimmer rauscht ein Zug
doch es war der Fernseher, als der zweite Flieger im Tower einschlug

1-1-0-9 Boom! Happy Birthday Dilemma!

Es war ein wolkenfreier Tag im September
alle Nachrichtensender zeigten Bilder vom Attentat auf das Center
ein schwarzer Tag im Kalender
doch fragst du Dilemma lächelt er brav, denn er bekam dieses abgefahrene Rennrad
mit Gangschaltung und Alurahmen
im Fernsehen der Himmel in der Gewalt dieser Taliban
die Menschen in New York halten den Atem an
doch ich feier mein Ehrentag mit Malzbier und Marzipan
plötzlich wird's im Fernseher laut
als die Türme kollabieren puste ich die Kerzen aus
ich wünsch mir: Bleib weiter so ne ehrliche Haut
plus'n glückliches langes Leben und ein Ferienhaus
am nächsten Tag kam ich mit Freibier und Kuchen
doch niemand gratulierte, alle verharrten in Schweigeminuten
ich raff es nicht und langsam glaub ich es selbst
immer wenn ich geburtstag feiern will, trauert die Welt!


trugschluss hat den Kommentar am 11.09.2011 um 19:06 bearbeitet
Donnerstag, 11.09.14 12:53
 

Da schließ ich mich an. Schöne Herangehensweise an das Thema. Und schöner Artikel. Gefällt!

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