Die Binders und ihre Herdäpfel
34 Kartoffelsorten, das geht nur mit Leidenschaft. Doch wie kommt ein Bauer vom Kaiserstuhl dazu, sich in die Kartoffel zu verlieben? Mit dieser Frage erwischt man Otmar Binder auf dem falschen Fuß, denn sie hat sich ihm nie gestellt. Kartoffeln waren schon immer da. Als Kind schon schleppte er die Kisten im elterlichern Bauernhof. Und
Forchheim an der Nordseite des Kaiserstuhls ist nun einmal prädestiniert für den Kartoffelanbau, die Herdäpfel, wie die Knollen auf alemannisch heßen.
Das liegt am Boden - einem Lehm-Lößboden. Der Lehm ist wichtig, weil er das Wasser halten kann. Und Löß, das ist Sand der vom Kaiserstuhl heruntergeweht wurde, sorgt für die Drainage des Bodens. Es sind Bedingungen wie sie auch für den Spargelanbau optimal sind, weshalb immer mehr Flächen für den Spargelanbau genutzt werden, was die Pachten auch für Binders Kartoffeläcker steigen lässt. Die Vermutung liegt nahe, dass der Spargelwahn in Zukunft auch die Kaiserstühler Kartoffelpreise nach oben treiben könnte.

Gemeinsam erfreuen sich Spargel und Kartoffeln am einzigartigen Klima des Kaiserstuhls. Mit seinem Kollegen in Forchheim steht Otmar Binder im Wettbewerb, wer der erste in Deutschland ist mit den neuen Kartoffeln.
Doch dafür muss man einiges tun. Im Februar und März nämlich, wenn die jungen Pflanzen blühen, drohen nachts noch Fröste, die ganz schnell die Ernte zunichte machen, wenn man nichts macht.
Frostschutzberegnung ist das Stichwort. Die empfindlichen Blüten werden dabei mit einem feinen Wassernebel besprengt. Beim Einfrieren wird Wärme erzeugt, die die Pflanze dann schützt. Für die Binders heißt das: Kippen die Temperaturen nachts unter Null, geht eine Sirene los und die Familie "
steht senkrecht im Bett". Dann heißt es aufstehen, Schläuche legen und Wasser marsch.

Bei allem sportlichen Ehrgeiz – am Lindenbrunnenhof wird seit vielen Jahren nach ökolologischen Grundsätzen gearbeitet. Gentechnikfreies Saatgut, natürliche
Schädlingsbekämpfung und mechanische Unkrautbekämpfung sind selbstverständlich.
Es fehlt nur noch die Anerkennung als Bio-Betrieb, ein Weg den Christa und Otmar Binder bisher vermieden haben, wegen des hohen bürokratischen und finanziellen Aufwands, der damit verbunden ist. Otmar Binder steht lieber auf dem Feld, als Formulare auszufüllen. Doch im kommenden Jahr werden sie es angehen, müssen es, denn der Markt für zertfiziertes Bio-Gemüse wird immer größer.
Hier und sonst nirgends
Die Kunden, die am Marktstand auf dem Stühlinger Kirchplatz Schlange stehen, wissen auch so, was sie bekommen. Welcher der vielen Sorten man den Vorzug gibt, geht nach Rezept und noch mehr nach persönlichen Vorlieben.
Geheimtipp sind zur Zeit sind die Kartoffelpralinen, die
Papa Creolia, klitzekleine, mehlig-marzipanige Kartoffeln mit intensivem Geschmack. Sie sind als Pellkartoffeln in ein paar Minuten gar.
Oder die die prächtigen blauen Elisen, die auch optisch ordentlich was hermachen. Oder die roten Red Highland Burgundy. Hierbei handelt es sich um eine Sorte, die aus Schottland stammt und seit dem 18 Jahrhundert dokumentiert ist. Wie man weiß, kam die Kartoffel erst im 17. Jahrhundert aus Amerika nach Europa und wurde in Deutschland erst im 18. Jahrhundert durch die Kartoffelpolitik Friedrichs des Großen zwangsverbreitet.
Christa Binders Lieblingssorte ist die
Annabelle, die sich besonders gut für Ofenkartoffeln eignet. Otmar Binder mag mehr die mehligen Sorten, die Agria und, wen wundert's die Christa, "eine altbewährte, aromatische Sorte, die als echte Allrounderin für alle Kartoffelgerichte geeignet ist". Nur Tochter Lisa hat die ganzen Herdäpfel etwas über und hält es mehr mit – Pasta.
Notizen für den Einkaufszettel
Die Kilopreise der Kartoffeln liegen im Rahmen dessen, was sie auch anderswo kosten. Normale Sorten kosten zwischen 80 Cent und 1,50 das Kilo. Sie bekommt man auch in drei-, Fünf und 12,5 Kilopack. Die Spezialsorten sind teurer: Zwischen 2,50 und 3,80 Euro kosten sie pro Kilo.
Darunter fallen zur Zeit die Papa Creolia oder die
Red Highland. Wer will kann Binders Kartoffeln auch in verschiedenen Restaurants testen unter anderem in der Höfener Hütte, bei Chezfine oder im Kartoffelhaus. Ausschließlich regionales Obst und Gemüse bieten die Binders auf dem Wochenmarkt und in ihrem Hofladen an.

Die Leidenschaft für die Vielfalt der Sorten bleibt bei den Kartoffeln nicht stehen. So bekommt man am Stand zur Zeit vielerlei zu kaufen, wunderbare Tomaten wie
Ochsenherzen und Berner Rosen oder auch einen schönen bunten Mangold.
Wegbeschreibung
Vom Bertoldsbrunnen der Straßenbahn folgend über die blaue Brücke in den Stühlinger fahren oder laufen. Rechts herunter fahren und gleich wieder links in die Wannerstraße. Der Markt befindet sich unter der Stadtbahnbrücke.
Adresse
LindenbrunnenhofChrista und Otmar Binder
Lindenbrunnenweg 19
79362 Forchheim am Kaiserstuhl
07642-3651
dialog@lindenbrunnenhof.deWeb: Lindenbrunnenhof
Öffnungszeiten
Bauernmarkt im StühlingerMittwoch und Samstag
8 bis 13 Uhr
HofladenDienstag
10 bis 12 Uhr
Freitag
17 bis 19 Uhr
Foto-Galerie: Stephan Elsemann
Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.