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Kindergeld-Betrug: Taschengeld für die Weltreise

Kindergeld bekommen Eltern, deren Kinder unter 25 sind, und die noch in Ausbildung sind. Martin aus Freiburg hat gerade Abitur gemacht. irgendwann will er studieren, aber jetzt will er erst einmal reisen - aber trotzdem Kindergeld beziehen. Über Risiken und Nebenwirkungen einer nicht ganz legalen Masche.



Jeden Monat erhält Martin Menger (Name geändert), 19, von seinen Eltern das Kindergeld, das sie für ihn vom Staat bekommen. Und das soll auch in Zukunft so bleiben – jedenfalls wünscht Martin sich das. Würde Martin auf sein gerade erworbenes Abitur eine Ausbildung folgen lassen, wäre der Staat als monatlicher Unterstützer weiter mit im Boot. Auch für ein Studium würden 184 € Steuergeld monatlich den Weg auf Martins Konto finden. Im Idealfall bis er seinen 26. Geburtstag feiert.

Reisen statt Studieren

Martin hat nichts dergleichen vor. Er freut sich erst einmal auf Sandstrände, Nächte unter Palmen und den Duft der Freiheit – seine Australienreise soll unvergesslich werden. Dem Staat ist das egal, er zahlt keine Unterstützung. Warum auch? Schließlich legt sich Martin zwölf Monate auf die faule Haut.

Wie Martin das Kindergeld trotzdem weiterhin erhält, hat er von einer Bekannten erfahren. Eine Lücke im Gesetz soll der Trick sein. Bedingung für fortlaufende Auszahlung ist nämlich nicht das Erhalten eines Studienplatzes, sondern das ernsthafte Bemühen darum. Nur der Wille zählt, schließlich kann der Bewerber ja nichts dafür, wenn er wegen mangelnder Studienplätze abgelehnt wird.

Bewirbt sich ein Abiturient nun aber absichtlich auf einen Studienplatz, von dem er weiß, dass er keine Chance auf eine Immatrikulation hat und abgelehnt wird, sichert er sich so das Kindergeld und kann ein Jahr lang tun und lassen, was er will. Fast. Er muss seinen Studienwillen nämlich aufwändig bestätigen.

Studieninteresse und Umsetzbarkeit werden überprüft

Martin bewirbt sich für Medizin, ein Studiengang mit hohem Numerus Clausus. Noch dazu an der beliebten Uni Heidelberg, weshalb er davon ausgehen kann, abgelehnt zu werden.  Ist dies geschehen, muss er den Ablehnungsbescheid bei der Familienkasse vorlegen und kann so seinen Studienwillen nachweisen – und sich das Kindergeld bis zum nächsten Jahr sichern.

Rolf Rinkel, Leiter der Familienkasse Freiburg, kennt diese Masche. Das Problem ist, dass es manchmal nicht einfach herauszufinden ist, ob jemand ein ernsthaftes Studieninteresse verfolgt mit seiner Bewerbung, oder ob es nur um den Bezug von Kindergeld geht. Dennoch warnt die Familienkasse vor dieser Art Betrug. „Wer noch keinen Studienplatz hat und sich auf einen solchen bewirbt, muss seine Bemühungen nachweisen und zwar glaubhaft und nachhaltig,“ sagt Rinkel.

Die Familienkasse erfragt Eingangsbelege und andere Unterlagen bei den Uni-Sekretariaten, und auch die Umsetzbarkeit des Studienwunsches wird geprüft. Wenn sich zum Beispiel jemand mit einem 3,4 Abitur auf einen Medizin-Studienplatz bewirbt, drohen zahlreiche Wartesemester. In solchen Fällen nimmt die Familienkasse Kontakt zu den Bewerbern auf und schlägt realistischere Alternativen vor.

Ausschlaggebend sei deshalb nicht nur die Glaubwürdigkeit des Antragstellers, sondern die Gesamtbeurteilung des konkreten Einzelfalles und der vorliegenden Nachweise, so Rinkel. "Können diese nicht erbracht werden, wird der Anspruch auf das Kindergeld abgelehnt. Gezahlte Leistungen können auch zurückgefordert werden."

Wer absichtlich täuscht, macht sich strafbar

Für vorsätzliche oder auch nur leichtfertige Täuscher könne es auch sehr unangenehm werden, warnt Rinkel. „Stellt sich im Einzelfall heraus, dass uns Unterlagen gefälscht vorgelegt worden sind, dann kann dies auch zur Prüfung eines Straftatbestandes führen.“

Martin freut sich trotzdem auf seinen Australienurlaub, den der Steuerzahler mitfinanzieren wird. Es gibt aber noch eine kleine Unsicherheit in seinem Plan. Bezieht ihn die Uni Heidelberg ins Losverfahren mit ein, kann er, auch ohne 1,0 - Abitur, einen Studienplatz zugelost bekommen und stünde dann vor einem Dilemma: Würde er den Platz nämlich ablehnen, fehlt der Familienkasse der Studienwille und das Kindergeld bliebe aus.


fudder-Debatte:

Was haltet ihr von der Kindergeld-Betrugsmasche? Ist es in Ordnung, sich den Urlaub vom Steuerzahler unterstützen zu lassen?

Du bist gefragt!




[Bild: © Mark Bohmeier - Fotolia.com ]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 17
Dienstag, 26.07.11 15:45
 

ich bin voll nicht sicher ob der beitrag als nützliche hilfestellung oder als bildzeitungsmäßiger schmarotzerpranger intendiert ist

Dienstag, 26.07.11 16:07
 

Und so wird die Schmarotzergeneration herrangezogen! Ich finde es eine Frecheit wenn jemand soetwas macht, doch eigentlich viel schlimmer finde ich es noch, wenn wie hier gezeigt, bzw. genauer gesagt erklärt wird wie es geht und man somit noch mehr Leute dazu animiert es gleich zu tun.
Ander Leute müssen jeden Tag hart für ihr Geld arbeiten gehen und andere, wie in diesem Beispiel, bekommen es hinterhergeschmissen. Kein Wunder werden sämtliche Steuern immer teurer. Und dann zum Jahresende hin wird wieder gejammert um wie viel Euro sich der deutsche Staat wieder mehr verschuldet hat!!
Wie gesagt ich kann soetwas nicht verstehen und fände es schön wenn es besser unterbunden werden würde.

Dienstag, 26.07.11 17:27
 

Calm down! Das sind ca. 200€, nicht die Welt. Ausserdem tut so ein Ausflug in fremde Kulturen den meisten Menschen gut. Dient also auch der Ausbildung sozialer Kompetenz und kommt somit uns allen zugute. Dafür zahle ich meine Steuern gern.

Dienstag, 26.07.11 18:18
 

184,- € x 12 Monate = 2208,- € geschenkt find ich schon nicht ohne

Ich bin gern bereit Steuern für sinnvolle Projekte zu zahlen, aber davon BescheißerInnen zu belohnen halte ich nichts. Dann lieber ne fairere Bafög-Regelung, Abschaffung der Studiengebühren, bessere Entlohnung bei Freiwilligendiensten, etc.
Es gibt auch n Haufen andere Möglichkeiten das Auslandsjahr zu finanzieren. Ist nicht so bequem, aber dafür ehrlich.

Letztendlich führt das doch nur dazu, dass irgendwann auch die Leute, die sich ernsthaft um nen Studienplatz bemühen und keinen bekommen auch kein Kindergeld mehr bekommen.
(evtl. beschleunigt das dieser Artikel auch noch)


Sommertag hat den Kommentar am 26.07.2011 um 18:18 bearbeitet
Dienstag, 26.07.11 19:40
 

...denn sie wissen nicht was sie tun.

Dienstag, 26.07.11 21:16
 

Völlig ok,
vom Staat sollte man sich (legal) oder auch in Grauzonen jeden Euro holen. Andersrum läufts ja auch nicht anders, Steuerzahler Gedenktag war doch gerade vor kurzem.

Wer den Sozialstaat will muss davon ausgehen das er auch in Anspruch genommen wird.

Dienstag, 26.07.11 23:03
 

"Wer den Sozialstaat will muss davon ausgehen das er auch in Anspruch genommen wird." Schöner Satz, werd ich mir merken :) Ein vereinzeltes Auszeitjahr vor der Studienzeit fällt für mich definitiv unter "Kindheit" oder "Jugend". Was wäre denn auch die Alternative - von den Eltern durchgepäppelt werden vs. Hartz IV, je nachdem, wie die Eltern finanziell da stehen? Und wenn ihn die Eltern durchpäppeln, ist es ja genau der Sinn des Kindergeldes, das zu erleichtern.
Dass sich einer in dem Lebensstadium selbst voll finanziert, halte ich für unrealistisch, eine Weltreise ist sinnvoller investiert, als ein Jahr jobben im Baumarkt für 10€ die Stunde.

Mittwoch, 27.07.11 09:11
 

Ich sag nur Work and Travel!!

Mittwoch, 27.07.11 14:37
 

Geht mal gar nicht. Soll er lieber mir geben, dann muss ich mein Studium nicht mehr mit 3 Nebenjobs finanzieren.

Mittwoch, 27.07.11 16:20
 

Ist ne Frage der persönlichen Ethik : wenn ich eine Lücke im System entdecke, etwas was nicht so gemeint war aber trotzdem funktioniert und irgendwie (fast) legal ist, werd ich es dann missbrauchen? Er tuts ja wohl, ich tus typischerweise nicht, aber ich bin ja auch in einer anderen Lebensphase, hab ausreichend Geld. Bei anderen Dingen halt ich mich dann nicht an die Regeln wenn ich es für Unsinn halte, zum Beispiel ignorier ich rote Ampeln am Fahrradweg ohne Kreuzung nachts.

Und ganz verhindern lässt sich das nicht. In jedem Oekosystem gibt es Schmarotzer und Parasiten, Symbionten, Abhängigkeiten ... die Welt ist bunt.

Mittwoch, 27.07.11 16:49
 

ach ich weiß nicht. wenn ich mir ne uni und einen studiengang nach dem kriterium aussuche dass es möglichst unwahrscheinlich sein sollte dass ich genommen werde dann ist für mich schon ne grenze überschritten. moralisch jedenfalls. dass das system nicht mit vertretbarem aufwand unterscheiden kann zwischen ernsthaftem und vorgetäuschtem studieninteresse ist ja klar. dann sollte man das kindergeld für erwachsene vielleicht streichen und die kohle in form von bafögkrediten unter die leute bringen.

dass er dann noch ausgerechnet nach australien fliegt setzt dem ganzen für mich noch das sahnehäubchen auf, weil es an geld dann ja nun wirklich nicht mangeln kann. wenn er n halbes jahr arbeiten würde und dann n halbes jahr osteuropa macht würde ich ihm - und das ist jetzt ne geschmacksentscheidung - auch sein kindergeld gönnen, aber bei dem szenario in dem artikel oben würde ich dem was erzählen wenn es n freund von mir wäre.

wie gesagt, der unterschied ist für mich die explizite täuschungsabsicht. wer im kleinen bescheißt bescheißt auch bei wichtigen sachen, außerdem versaut es das gesellschaftliche klima wenn sowas für normal und akzeptabel erachtet wird. was er da macht ist kein beschiß, weil es ja legal ist, aber es ist auf dem weg dahin. bei ethischem zeug so hart wie möglich die grenzen auszutesten ist keine zukunftsträchtige oder staatstragende art.


Also I got depression hat den Kommentar am 27.07.2011 um 16:49 bearbeitet
Mittwoch, 27.07.11 18:44
 

So ähnlich seh ichs auch aber ich ich glaub halt immer noch, naiverweise, daß Leute auch aus innerer Motivation sinnvoll handeln und nicht weils gerade nicht verboten ist.
Obwohl, wenn man sieht wie den Leuten selbstständiges Denken und Handeln aberzogen wird wundert man sich nicht über diese völlig selbstverständliche Art Verantwortung zu vermeiden.

Mittwoch, 27.07.11 19:32
 

Viviens Unmut kann ich mehr als nur gut verstehen.

@Christian
Der Satz: "Navis sind der Anfang vom Ende einer mitdenkenden Gesellschaft" trifft deine letzte Aussage ziemlich gut.

Depression, du hast den kleinen aber feinen Unterschied richtig erkannt. Wenn nur wieder mehr Menschen den Sozialstaat so sehen wie du, müssen wir uns auch keine Sorgen darum machen dass er uns irgendwann abhanden kommt.

Mittwoch, 27.07.11 20:45
 

@sucker: word!

Mittwoch, 27.07.11 21:20
 

zustimmung auch hier zu sucker und auch mickeys exzellent gewählten beispiel.
aber eben auch voll zu ch. theoretisch könnte es ja sein (ganz banal, damit klar), dass er in australien zu sich findet (seine innere erleuchtung erlebt) was aus diversesten, zusammenfallenden gründen (wie es eben so ist, im leben) nur zu dem zeitpunkt an diesem ort geschehen kann. was widerrum zu weißdergeier welcher tat seinerseits führen kann, wodurch er der menschheit/erde die existenz angenehmer gestaltet.. also rein theoretisch nebenbei erwähnt. vordergründig siehe anfang.

Mittwoch, 27.07.11 21:52
 

Ich kenn - im weiteren Umfeld - zwei Australienreisende.
Eine ist die Tochter von @snowded - elternfinanziert plus Jobersparnisse, Australien plus Neuseelandtour als Erfahrung, und jetzt studiert sie Anthropologie. Passt, find ich. Und jemand anders der hier Koch gelernt hat und jetzt da unten ist, reist, arbeitet, ... passt auch. Aber das hier? Chillen, in Australien weil der Baggersee zu nah und die Malediven zu teuer sind?
Ich bin böse und ich kenn ihn ja nicht aber - hmmmmm. Ich zahl ja Steuern weil ich es sinnvoll finde, aber hier. ..

Mittwoch, 07.09.11 16:52
 

Wie das Wartesemester zum Vorteil wird (Süddeutsche Zeitung):

http://fudr.fr/wartesemester

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