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Lyle Lovett im Zirkuszelt: Noch großartiger als erhofft

Das Interview mit ZMF-Macher Dieter Bös in der Badischen Zeitung legte bereits die Vermutung nahe, dass das Zirkuszelt beim Konzert von Lyle Lovett wohl relativ leer sein würde. "Weniger Zuschauer als kommen müssten!" prophezeite Bös für das Konzert, auf das fudder-Autor Matze sich seit der Ankündigung des ZMF-Programms gefreut hatte. Wie voll es am Dienstagabend war - und vor allem - wie gut:

Lyle Lovett Mein Respekt für Expertise, Mut und Geschmack war ZMF-Booker Dieter Bös für die Einladung des Texaners Lyle Lovett sicher. Mit gemischten Gefühlen flüchtete ich vor dem typischen ZMF-Wetter mit ins trockene Zelt, In die Vorfreude auf den Künstler mischt sich leider die Angst vor leeren Rängen, dass „meine“ Stadt sich vor diesem Künstler blamiert.

Allen Befürchtungen zum Trotz füllen sich, zäh aber stetig, die Ränge mit dem Freiburger Publikum. Meine Angst vor leeren Reihen wandelt sich in Panik: hoffentlich sieht Lyle Lovett nicht was „meine“ Stadt für das passende Outfit hält, um einem Künstler zu begegnen, dem der Ruf stilvoll und elegant zu sein, vorauseilt! Halblange Cargopants paaren sich mit Trekkingsandalen, wahlweise mit und ohne Socken, C&A Halbarm-Karohemden aus dem Vorteilspack. Der Freiburger Funktionslook sieht sich konfrontiert mit einem Herrn von der Farm in Anzug, Krawatte, Einstecktuch und einer Band  mit scharfen Bügelfalten und gutsitzenden schwarzen Anzügen.

Lyle Lovett ist in einem Städchen namens Klein geboren, aufgewachsen und lebt bis heute dort, das Städtchen Klein wurde gegründet von Adam Klein, einem deutschen Immigranten, Lyle Lovetts Ur-Ur-Grossvater. Allerdings hat er Germanistik und Journalismus unter anderem in Deutschland studiert, was seinem spröden Texanertum aber gottseidank wenig anhaben kann. Seine Acoustic Group besteht aus Percussionist und Drummer, für die massiv vielleicht der richtige Ausdruck sein mag, einem E-Kontrabassisten und zwei, wie ich vermute blutjungen, Multitalenten mit Geige, Mandoline, Akustikgitarre und Gesangskünsten, die wahlweise Gänsehaut und/oder wohlige Wärme verbreiten.

Die ersten Songs sind volle, dicht und laut instrumentierte fast schon Rocksongs, deren Arrangement nur hier und da Lyle Lovetts warme Stimme zwischen dem lauten (mir ein bisschen zu lauten) Schlagzeug und kühl gehaltenem Bass blitzen lässt. Dann wird der Sound fragiler, wärmer, umschmeichelt Lyle Lovetts Geschichten geprägt von Respekt für Musik und ihre Wurzeln in traditionellem Country, Jazz, Gospel und Blues.

Lyle Lovett

Lyle Lovett zeigt sich als unaufdringlich-charmanter Unterhalter der alten Schule, mit tiefsinnig-sprödem Humor, der auch mal den Schritt zurück in den Schatten hinter seine Mitmusiker links und rechts wie selbstverständlich wagt. Überhaupt fiedeln, picken und singen sich die beiden Jungs an Lyle Lovetts Seite tief unter die Haut und in die Herzen des Publikums. Sie ersticken das hier und da aufkommende Musikantenstadel-Rhythmus-Klatschen mit virtuosen Soli im Keim und der dreistimmige Gesang erzeugt eine unglaublich gespannte Ruhe, so dass nur Musik und der prasselnde Regen die gebannte Atmosphäre bestimmen.

Zum Höhepunkt des Konzertes verlassen die Schlagwerker unauffällig die Bühne, der Rest der Band drängt sich in die Bühnenmitte um ein Mikrofon und singt - spärlich instrumentiert - einige fragile Songs, die auch dem ungeschickt gekleidesten Menschen im Zirkuszelt sicher die Haare auf den Armen aufstellen. Die Stimmung ist mittlerweile so eingenommen, dass bereits der Schritt ans Mikrofon oder der erste Ton eines Solos das Publikum zu tosendem Applaus hinreißt.

Meine persönlichen Highlights wie die absurden Träume in "If I Had A Boat", die Schönheit der Sehnsucht in "L.A. County", die unerschütterliche Liebe aus North Dakota und die bittere-süsse Wahrheit in "She's No Lady" entlassen mich nach einer kleinen Zugabe und stehenden Ovationen  aus dem feucht-warmen Zelt ("Wie in Houston!" befand Lovett) in die frische Nachtluft.

Die Trekkingsandalen habe ich dem Publikum längst verziehen, hier war das richtige Publikum bei der richtigen Band. Mein Bedauern gilt jedem Einzelnen der sich an diesem Abend nicht von diesem texanischen Cowboy einfangen lassen konnte, das Wetter oder den Eintrittspreis gescheut hat. Countrymusik ist selten so nah, echt und klug wie bei Lyle Lovett. Vielen Dank!





 
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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Mittwoch, 13.07.11 18:14
 

"Sie ersticken das hier und da aufkommende Musikantenstadel-Rhythmus-Klatschen mit virtuosen Soli im Keim..."
Das war bei Till Brönner exakt genau so. Zum Glück haben auch dort die Musiker dagegen gesteuert. Woher kommt nur diese unsägliche Klatschsucht?

Mittwoch, 13.07.11 18:24
 

und wieso muss sich ein publikum an seiner kleidung werten lassen?

Donnerstag, 14.07.11 09:29
 

Yo, sehe ich auch so: Wie unglaublich egal wird Lovett die Klamottenwahl seines Publikums sein?!

Donnerstag, 14.07.11 15:01
 

Meiner bescheidenen Ansicht nach ist passende Kleidung stehts dem Respekt des Anlasses geschuldet. Das wird dein Arbeitgeber; Gastgeber, Bräutigam oder der Weihnachtsmann sicher ähnlich sehen...

http://www.knigge.de/themen/kleidung/kleiderordnung-im-sommer-3672.htm

Donnerstag, 14.07.11 15:20
 

Hm, und ich bin der bescheidenen Meinung, daß die von dir genannten Beispiele in eine nicht vergleichbare Kategorie von "Veranstaltungen" fallen. ;) Aber gut, es mag auch Künstler geben, die von der Bühne runtergucken und sich sagen: "Hey, was hab ich heute wieder für ein gutgekleidetes Publikum!". Kann mir bloß nicht vorstellen, daß das in irgendeiner Form relevant ist.

Donnerstag, 14.07.11 16:35
 

call me old fashioned, aber ich sehe das auch so wie matze. anlassbezogene kleidung ist ein ausdruck von respekt vor den ebenfalls beteiligten und ein ausdruck der eigenen freude über den anlass.

Donnerstag, 14.07.11 17:00
 

@caro,

Zustimmung!!!

Wird leider in Freiburg total vernachlässigt und wenn Besucher aus Städten mit gutem Dresscode in Freiburg unterwegs sind muss sich der Gastgeber für die allgemeine Erscheinung der breiten Masse furchtbar schämen!

Donnerstag, 14.07.11 17:03
 

und nur um das mal klar zu stellen: ich erwarte ja gar nicht, dass da jeder so einen aufriss macht, wie matze und ich den gemacht haben (und machen wollten), im country look aufläuft (verkleiden ist ja auch scheisse) oder einen sonstigen gesellschaftlichen standard einhält, aber zumindest schon mal so auszusehen, als sei man nicht gerade von sportlicher betätigung gekommen, das wäre schon mal ein anfang.

wie gesagt: aus respekt vor dem künstler und freude über den anlass. ist doch was besonderes, kinder!


caro hat den Kommentar am 14.07.2011 um 17:07 bearbeitet
Freitag, 15.07.11 16:10
 

Ich glaube nicht, dass Herr Lovett es respektlos findet, wenn er im Publikum C&A Halbarmhemden, Cargohosen und Trekkingsandalen ausmacht. Im Gegenteil könnte er sich sogar denken, dass seine Country Musik hier besonders gut ankommt, nämlich: dass er hier auch auf dem Land ist!! Vielmehr glaube ich, könnte er es würdelos finden, wenn sich sein Publikum in irgend einer Weise countrymäßig verkleidet. Ebenso befremdlich könnte er es finden, wenn ausschließlich die obligatorischen schwarzen Hemden den Schluss nahelegen, dass es hier in Freiburg nur intellektuelle Rotweintrinker gibt, die in Grübelpose seine Musik zu analysieren versuchen...
Kurz: Wir wissen nicht was Herr Lovett denkt!! Es hätte ja der Werte Fudder Redakteur statt einer kritik ein Interview mit dem Barden führen können, worin er sich des Eindrucks versichert, den das Freiburger Publikum hinterlassen hat. Erkenntnisinteresse davon?? Freiburger Nabelschau.
Da bin ich doch als Zuhörer lieber froh, wenn ich mir bei einem Konzert nicht die Gedanken machen muss, ob ich irgendetwas oder irgendjemanden repräsentiere, sondern einfach nur ein Konzert geniessen kann.

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