
Etwas ist hier anders. Der Bart ist kürzer. Er ist nicht ganz ab, aber offensichtlich gestutzt worden. Immer noch ein Voll - aber kein Rauschebart mehr. Schon bevor das Konzert von
Iron & Wine im Spiegelzelt beginnt, ist eine äußere Veränderung bei Iron & Wine zu sehen. Die Zeiten, in denen man Sam Beam, den Mann hinter dem Projekt, als verschrobenen Waldkauz wahrgenommen hat, sind vorbei. Wie aber äußert sich die Veränderung in musikalischer Hinsicht?
Acht
Musiker hat Sam Beam mitgebracht: Zwei Backgroundsängerinnen, Drummer, Bassist, Gitarrist, Saxophonist, Percussionist und ein Keyboarder. Die Zeiten, in denen Sam Beam als einsamer Songwriter seine leisen und schüchternen Folk-Songs gesungen hat, sind also auch vorbei. Satter Sound breitet sich im Zelt aus und unterstützt die sanfte Stimme von Beam, die immer noch alles überstrahlt. Folk ist zwar noch rauszuhören, aber nur als
eine Stilrichtung von vielen. Jazz, Funk, ja sogar Blues bäumen sich zu einem Klangknäuel auf, das man ohne Scham als bombastisch beschreiben kann.
Beam singt dazu seine Texte, die schon fast an Poesie grenzen. Er beschreibt Orte, Bilder und Personen - und verwendet dazu nicht selten Bibelmotive: “Rabbit Run”, “Me and Lazarus” mit virtuosem Saxophon, das irre funkige “Big Burned Hand”, “Half Moon” mit “Do-wops” im Hintergrund. Es sind die Songs des aktuellen Albums “Kiss Each Other Clean”, die dieses Konzert bestimmen und die schon im Voraus eine Veränderung angedeutet hatten. “Tree By The River” mit seinem optimistischen mehrstimmigen Chorgesang ist noch der
konventionellste Song des Albums und an diesem Abend ein Highlight.
"Alles, was Amerika zu bieten hat.” Das sagt ZMF-Gründer Alex Heissler, bevor er Iron & Wine an diesem Abend auf die Bühne bittet. À propos Amerika: Die komplexen Arrangements und die pompös aufgebaute Band, die zwischen Polyrythmen und ruhigen Grooves wechselt, lassen Vergleiche zur fast schon orchestalen Dave Matthews Band zu, das Gespür für wohlklingende und mehrstimmige Songs erinnert zuweilen an Simon & Garfunkel und auch Vergleiche zur 80er-Jahre-Band Fleetwod Mac sind nicht weit hergeholt. Es sind
neue Zeiten angebrochen in der Musik und in der Besetzung von Iron & Wine. Der einsame Folk-Sänger von damals hat sich Freunde gesucht, und auch ihm scheint seine Musik heute mehr Spaß zu machen.
Elektronische Schichten verweben sich mit Saxophon-Solis und Slide-Gitarren zu einer Klangschicht, die kaum noch einzugrenzen ist und nicht mehr unter Sam Beams Bart passt. Der Stimmung im Zirkuszelt tut das mehr als gut. Schwer zu sagen, ob man auf einem Gospel-, Jazz-, Rock- oder Balkan Beats Konzert ist. Egal, ganz egal.
Band und Publikum tanzen zu den immer wieder überraschenden Entwicklungen auf der Bühne. Zur Zugabe kehrt kurz der alte Sam Beam zurück: An der Gitarre, nur mit kleiner Bandbegleitung, singt er eine Ballade und bringt die Ruhe zurück ins Zelt.
Foto-Galerie: Caro
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