„Grüne Brille!“ brüllen drei Jungs am Rand der Manege immer wieder. Doch Samy Deluxe kommt ihrem Flehen nicht nach. Schon seit Jahren raucht der Hamburger Hiphop-Star
kein Cannabis mehr; sowohl seine Kifferhymne aus frühesten Dynamite-Deluxe-Zeiten als auch sein damaliges Pseudonym Samsemilia – eine Anspielung auf die Marihuana-Sorte Sinsemilla – sind passé. Stattdessen rät er den anwesenden Potheads „Therapie“ und verdeutscht dabei eigenwillig den Beatles-Song „Let it be“.
Das heißt aber nicht, dass Samy die guten, alten Zeiten gänzlich über Bord geworfen hätte. Zwar ist er natürlich in erster Linie da, um
sein neues Album „SchwarzWeiss“ vorzustellen, das Ende Juli 2011 in die Plattenläden kommt; dazwischen bringt er aber noch genügend Shit aus den vergangenen elf Jahren, um auch unbelehrbare Nostalgiker bei Laune zu halten.
„Wie viele Leute hier kennen diesen Song noch“, lautet Samys Standardfrage, mit der er solche Songs ankündigt. Und stets bricht das Publikum nach den ersten bekannten Beats in lauten Jubel aus: „Sobald die Leute mich hier oben sehen, springen sie hoch. Ich beginn’ die Show, nehm’ ’n Mikro, bring’ die Flows.“ Nicht nur Samy kann die Texte von einst noch; selbst Fans der ersten Stunde, die heute längst
keine Basecaps und Baggies mehr tragen, rappen sofort mit, werfen ihre Hände in die Luft und bouncen.

„Wickeda MC“, „Weck mich auf“ und „Weiter“. Aber auch Tracks aus seinem letzten Album „Dis wo ich herkomm“, über das die Kritiker geteilter Meinung waren. Heute sind sich alle einig. Sie feiern den dancehalligen Polit-Song „Stumm“ genauso wie die etwas
plumpe, holprige Reggae-Nummer „Bis die Sonne rauskommt“. Jungs nehmen Mädchen auf ihre Schultern, und die Hände über den Köpfen der Crowd bewegen sich hin und her: Stimmung, als befände man sich unter freiem Himmel.
Wie es sich für einen Gegenwarts-Rapper gehört, lässt sich Samy von einer Band begleiten. Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keys, DJ, zwei Hintergrundsängerinnen und zwei Beat-Bastler. Manche seiner Songs klingen dadurch
rockiger, als sie wahrscheinlich gemeint sind; wenn dann noch auf die Zählzeiten zwei und vier geklatscht wird, wird das Zirkuszelt zum Hiphop-Stadl.
Und die neuen Stücke? Zunächst: Alternde Rapper haben’s nicht leicht. Einerseits wird von ihnen erwartet, dass sie sich weiterentwickeln, andererseits, dass sie sich treu bleiben. Samy eiferte zuletzt Künstlern wie
Max Herre, Peter Fox oder Jan Delay nach, die sich sowohl textlich als auch stilistisch verändert hatten, ohne dabei an Qualität einzubüßen. Bei ihm wirkte das öfter gewollt als gekonnt, und viele wünschten sich, er würde sich wieder auf das konzentrieren, was er kann: rappen.

Das tut Samy jetzt wieder. „Ich bin so Schiller, so Goethe, so bitter, so böse, noch immer der größte Poet, der hier lebt“, steht zum Beispiel in seinem „Poesiealbum“. In Busta-Rhymes-Geschwindigkeit namedroppt er
Heine, Kästner, Dürrenmatt sowie Shakespeare und nennt sich selbst im nächsten Song „Rapgenie“. Niemanden stört, dass der musikalische Unterbau dabei mal minimalistisch, mal extrem rockig ist und nur mehr sehr wenig mit klassischem Hiphop zu tun hat.
Nur mit der gefühlsintensiven Ballade „Mein Vater im Himmel“ können die Heads nichts anfangen. Manche nicken verlegen mit dem Kopf, andere halten
Feuerzeuge in die Luft. Titel, in denen Samy für soziale Gerechtigkeit („Wer wird Millionär“) und gegen Profitgier („Kein Prophet“) kämpft, scheinen sie besser zu verstehen. Genauso wie den Begriff „Up to date“, den letzten Track des Abends, der bezeichnend ist für den Samy Sorge des Jahres zwei null eins eins.

Foto-Galerie: Carolina Wendel
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