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Jugend prozessiert: Fronleichnam in St. Peter

Berlin, London und New York scheinen für Jugendliche spannender zu klingen als Simonswald, Todtnau oder Bärental. Und trotzdem leben auch dort weiterhin junge Menschen. Manuel ist vor zwei Wochen nach St. Peter gefahren und hat festgestellt, dass über die Hälfte der Fronleichnamsprozession unter 30 war.

Fronleichnam St. Peter

Gerade noch hat die Trachtenkapelle auf dem Klosterplatz von St. Peter „Großer Gott wir loben dich“ angestimmt. Der Kirchenchor und der Männergesangsverein hat sie dabei aus voller Kehle unterstützt, und von den Zwillingstürmen der barocken Klosterkirche hat sich lautstarkes Glockengeläut dazugemischt. Jetzt steht dieselbe Kapelle auf dem Bertoldsplatz und intoniert zünftige Blasmusik. Vereinzelt kommen Leute vom Klosterplatz herüber, nehmen schon von weitem den Polka-Rhythmus auf und legen den Rest des Weges wippend zurück. Die einen bleiben am Dorfbrunnen stehen, lehnen sich an und hören zu. Die anderen setzen sich ins Café Martin, bestellen ein Bier und fangen an zu reden.

Alexandra bekommt das alles nicht mit. Von ihrem linken Unterarm steht eine Marschgabel ab – eine Vorrichtung, an der ein Notenbüchlein befestigt ist. Darauf heftet sie ihren Blick, hangelt sich von einer Note zur nächsten und mischt dem Blech, das um sie herum scheppert, ihre silberfarbene Querflöte unter. „Abgeschieden?“ Alexandra wehrt sich, aber zumindest die Vergangenheit spricht dafür. Das Dorf St. Peter geht auf das gleichnamige Benediktinerkloster zurück, das Herzog Bertold II. von Zähringen 1093 gründete. Damals wurden Klöster an Orten errichtet, die möglichst abgelegen und schwer zugänglichen waren – so auch St. Peter.

Fronleichnam St. Peter

Die Mobilität ist heute natürlich um ein Vielfaches größer als damals. Von Freiburg aus erreicht man St. Peter in einer halben bis dreiviertel Stunde, je nachdem, ob mit dem Auto oder mit Bahn und Bus. Und dennoch: Wer sich dem Dorf über Denzlingen nähert, auf der Landstraße 112 das Glottertal durchfährt, wer dann in den dunklen Wald eintaucht und die Südabdachung des Kandels hinaufklettert, der kommt auf circa 750 Metern in einer anderen Welt an. Einer Welt, die derart abgeschieden ist, dass sie den Zweiten Weltkrieg überstand und dem zerstörten Nachkriegsdeutschland als Kulisse für seinen ersten Heimatfilm in Farbe diente – dem „Schwarzwaldmädel“.

Selbst zum Feiern bleibt sie hier

„Ich kenn’s ja nicht anders“, sagt die 21-jährige Alexandra unberührt. „Für mich ist das alles hier normal.“ Mittlerweile fährt sie zwar täglich nach Freiburg, wo sie eine Ausbildung zur Fleischfachverkäuferin absolviert; alles andere spielt sich aber in St. Peter ab. Hier ist sie aufgewachsen und zur Schule gegangen. Hier hat ihr Vater eine Metzgerei und ihr Onkel ein Restaurant. Hier wohnen ihre Familie und ihre Freunde. Hier ist dienstags Trachtenkapelle und freitags Jugendclub. Und selbst zum Feiern bleibt sie hier. Denn: „Irgendwo ist immer was los.“ Entweder selbst organisierte Mottopartys im Jugendclub oder Veranstaltungen in der Schwarzwaldhalle im benachbarten St. Märgen. „Am besten ist’s, wenn die Wilden Engel spielen“ – eine Formation aus dem Schwarzwald, die Livemusik und Animationsshow miteinander verbindet.  

Heute findet in St. Peter ein Fest ganz anderen Charakters statt: Fronleichnam. Dabei wird dem Körper Christi gehuldigt, der in Form einer konsekrierten Hostie in einer Monstranz durchs Dorf getragen wird. Heute sieht auch Alexandra anders aus: Sie trägt einen weißen Hut, dessen Kopf mit schwarzen Samt- und Seidenbändern eingebunden ist, und den zwei rote Seidenrosen zieren; einen grünen Rock, den eine schwarze Seidenschürze mit goldfarbenem Blumenmuster schmückt; eine weiße Bluse mit Puffärmeln, ein Mieder aus rotem Samt mit schwarzem Stehkragen samt weißen Spitzenrüschen und goldfarbenen Bestickungen und ein schwarzes Jäckchen mit weißem Blattwerk auf dem Revers. Als Kind trug sie einen Kranz aus weißen Stoffblumen auf dem Kopf; als Erstkommunikantin einen Schäppel: eine Krone aus über tausend Glasperlen und Silberplättchen.



Während der Messe, zwischen neun und zehn Uhr morgens, sitzt Alexandra mit der Trachtenkapelle auf dem Bertoldsplatz und trinkt Kaffee. Die Kirchglocken läuten – für jeden Katholiken der Hinweis, dass Brot und Wein gerade in Fleisch und Blut umgewandelt werden und der Gottesdienst bald zu Ende ist. Für die Trachtenkapelle das Zeichen, sich langsam auf den Klosterplatz zu begeben und den Beginn der Prozession abzuwarten. Alexandra klemmt sich ihre Querflöte unter die rechte Achsel und verschränkt die Arme vor dem Körper. Es ist bewölkt,  ein kühler Wind geht. Eine alte Frau in Tracht schaut besorgt gen Himmel. Endlich öffnen sich die Kirchenpforten und Orgelklänge sowie Gesang dringen nach draußen. Touristen zücken nervös ihre Digitalkameras.

Dann kommt der Festzug aus der Kirche, in den sich die Trachtenkapelle nahtlos einfädelt: Zimmermänner, Feuerwehr, Kirchenchor, Männergesangsverein, Trachtengruppe, Jugendclub, Erstkommunikanten, immer wieder Ministranten und ganz weit hinten der Pfarrer, der unter einem rot-weißen Baldachin die zwischen Silber- und Goldfarben oszillierende Monstranz vor sich her trägt. Außer dem Jugendclub tragen alle Uniform, Tracht oder liturgisches Gewand. Banner, Statuen und Kerzen ragen aus der Menschenschlange heraus.

Mit der allseits beklagten Landflucht der Jugend scheint St. Peter keine Probleme zu haben. Circa 150 Einheimische nehmen aktiv an der Fronleichnamsprozession teil; davon sind mehr als die Hälfte unter 30 Jahre alt. Die Statistik bestätigt diesen Eindruck: Auf 2540 Einwohner kommen 325 St. Petermer im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Das sind rund 13 Prozent. Und damit deutlich mehr als der baden-württembergische Durchschnitt, der laut Statistischem Landesamt vor zwei Jahren bei 8,4 Prozent lag.



„Sehr viele unserer insgesamt 47 Vereine machen eine gute Jugendarbeit“, erklärt Bernd Bechtold, Hauptamtsleiter von St. Peter. „Die wichtigsten Vereine für die Jugend sind die Sportvereine, der Jugendclub, die Trachtenkapelle und die Trachtengruppe.“ Die Gemeinde bezuschusst verschiedenartig Vereinsmitglieder unter 18 Jahren und hilft den Vereinen finanziell in Sachen Infrastruktur aus. Abgesehen davon finanziert sie teilweise auch den sogenannten Safer Traffic im öffentlichen Nahverkehr, damit die Jugendlichen von nächtlichen Ausflügen günstiger und unbeschadet wieder nach Hause kommen.

Nach der Prozession sitzen Mitglieder des Jugendclubs noch im Café Martin auf dem Bertoldsplatz zusammen. Die einen trinken Weißbier, die anderen Spezi oder Cola,  ein paar von ihnen rauchen. „In St. Peter ist man beruflich halt null flexibel“, sagt Petra. Die 23-Jährige studiert in Freiburg an der Katholischen Hochschule Soziale Arbeit. Allerdings wohnt sie immer noch in St. Peter, da Freiburg ihr zu teuer ist. Ann-Katrin, 21, pflichtet ihr bei. Sie studiert Grundschullehramt an der Pädagogischen Hochschule. Selbst Juliane, ebenfalls 21, die sich als Versicherungsfachfrau selbstständig gemacht hat, lebt zwar in St. Peter, arbeitet aber in Kirchzarten. Bastian, 20, ist der einzige in der Runde, der nicht mehr in seinem Heimatdorf lebt – jedenfalls vorübergehend. Der 20-Jährige lässt sich in Karlsruhe zum Baustoffprüfer ausbilden. Ob er damit später in St. Peter Fuß fassen kann, weiß er noch nicht. Aber er kommt hier so oft wie möglich vorbei.

„Hier“ ist ein Wort, das man in St. Peter häufig hört. „Hier“ bezeichnet St. Peter und seine Umgebung. „Hier“ wird auch durch den Fronleichnamszug nachgezeichnet, der vier Stationen inner- und außerhalb des Dorfes abläuft. Weiß-gelbe Wimpel markieren den Weg, jene am Feldrand haben Glöckchen an ihren Zipfeln. Sie klingeln, wenn der Wind sie bewegt. An den Häuserfassaden sind Birkenzweige angebracht, davor, am Straßenrand, stehen Heiligenbilder.

An Nachwuchs mangelt es nicht

Wann immer die Prozession sich neu in Bewegung setzt, gibt die Pauke sachte den Rhythmus vor. Dann stimmt die Trachtenkapelle einen geistlichen Marsch an. „Der wird halb so schnell gespielt wie der normale“, erklärt Dirigent Martin Huber. Der studierte Hornist und Musiklehrer kommt ursprünglich aus der Ortenau und übernahm die Kapelle erst vor zwei Jahren. „Viele Musikerkarrieren haben in Blaskapellen angefangen“, sagt Huber – und meint damit nicht zuletzt sich selbst.



An Nachwuchs mangelt es der Trachtenkapelle nicht. Die Jugendmusikschule Dreisamtal in Kirchzarten bildet derzeit 30 bis 40 ihrer Zöglinge an Instrumenten wie Waldhorn, Trompete oder Klarinette aus. Auch Alexandra hat so angefangen, heute gehört sie zum harten Kern der Kapelle. Sie spielt zu hohen Kirchenfesten genauso auf wie  zu Kurkonzerten. Dabei erklingen nicht immer nur gemessene Märsche, sondern auch Medleys mit Musik von Nena, Herbert Grönemeyer und Robbie Williams.

Während die Touristen längst  wieder in ihren Autos und Reisebussen sitzen, verharrt der Jugendclub immer noch auf dem Bertoldsplatz. Die Trachtenkapelle hat aufgehört zu spielen. Alexandra packt ihre Querflöte und ihr Notenbüchlein ein und schaut noch einmal in der jungen Runde vorbei. Die Sonne ist herausgekommen, und auf den Stufen vor dem Café Martin sitzen Kinder in Tracht und essen Eis. Was das Schönste an St. Peter ist? „Dass sich hier alle kennen.“

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Foto-Galerie: Martin Jost

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 12
Donnerstag, 07.07.11 16:01
 

ich les sowas immer gern.
(aber zwei wochen später berichten?)

Donnerstag, 07.07.11 16:09
 

Meine Schuld. Mir ist die Foto-Speicherkarte in die Scheibenheizung von Manuels geborgtem Reportereinsatzfahrzeug gerutscht. Das war nicht ursächlich, aber setzte eine Reihe von Butterfly-Effekten in Gang, die den Artikel torpedierten. Hatte wohl den falschen Talisman an dem Tag in der Tasche …

Donnerstag, 07.07.11 16:12
 

erzähls mal, für die Kategorie "Ausreden müssen nicht wahr sein aber originell und unterhaltsam"

Donnerstag, 07.07.11 16:14
 

alles klar, das leben halt...

bei der beschreibung von alexandras tracht hab ich mir übrigens sowas gewünscht wie "wie wickelt man einen kimono?", also mehr über diese und andere trachten und gern auch, wie lang das dauert, alles korrekt anzuziehen und so. kopfbedeckungen sind ja oft ganz lustig und nicht immer unumständlich.


ja/nein hat den Kommentar am 07.07.2011 um 16:15 bearbeitet
Donnerstag, 07.07.11 20:19
 

@ch: das stimmt tatsächlich. der weg nach st. peter wäre eine eigene (gonzo-eske) reportage wert.

Donnerstag, 07.07.11 20:28
 

Was ist gonzo? Ich kenne das nur als Pornogenre.

Donnerstag, 07.07.11 20:29
 

Das hat mir mal jemand erzählt.

Freitag, 08.07.11 10:33
 

aber grade noch die kurve gekriegt martinjost :-)

Freitag, 08.07.11 15:05
 

Noch besser: Alles, was ich über Porno weiß, habe ich bei David Foster Wallace (im Essay »Big Red Son«) gelesen. Das wirkt nicht nur unschuldig, sondern gleich noch voll intellektuell und so.

Samstag, 09.07.11 09:35
 

Jaja, und der einzige Film, den du bisher gesehen hast, in dem Leute vor der Kamera richtig Sex hatten, war "Shortbus" im Kandelhof-Kino. Schon klar.

Samstag, 09.07.11 10:37
 

war das ein kurzfilm ??
:-)

Montag, 11.07.11 02:03
 

Die aktuelle Ausgabe des ZEITmagazins (zur Berliner Fashion Week) zeigt: Tracht ist Trend.

http://www.zeit.de/kultur/2011-07/fs-trachten

http://tinyurl.com/5tfrtlj


supermanuel hat den Kommentar am 11.07.2011 um 02:04 bearbeitet
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