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Tick-Tock, Master-Clock

Wenn fudder-Mitarbeiter Marc Röhlig aus seinem Rhythmus kommt, geht’s ihm schlecht – zu sehr hat ihn der Uberman-Schlaf mittlerweile im Griff. Doch der Arzt warnt: Dein Körper braucht endlich wieder einen entspannten Beat.

 
Montag II, 10.12 Uhr

Natürlich, Natürlich! war die Deutsche Bahn schuld. Ich wollte Julia am Sonntagabend vom Zug abholen, kurz vor Acht, kurz vor Napping. Das war sowieso schon eine knappe Sache, mein Leben läuft nun nach strengem Takt. Und was passiert? Hagelschaden, Technische Störung, Verzögerung im Bahnverkehr, die üblichen Verdächtigen. Ich stehe am Bahnsteig und hoffe, nicht umzukippen.

Und meine Schlafphasen funktionieren mittlerweile wie Fernverkehrszüge: Kommt einer nicht, verspäten sich alle. Bis zum Totalausfall. In der Nacht zum Montag versagten auch mein 23-Uhr-Nap und mein 3-Uhr-Nap. Kurz darauf penne ich bis sechs Uhr morgens und bin richtig schlecht gelaunt. Die Schlafpausen versagten, die Wachphasen blieben ineffektiv. Grütze.

Julia meinte, ich solle doch noch mal den 7-Uhr-Nap probieren, bevor wir frühstücken. Sie unterstützt mein Experiment mit mehr Empathie als ich selbst aufbringen kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die On-Off-Verfügbarkeit ihres Freundes genießen kann. Umso mehr bewundere ich, wie sie mich immer wieder pusht und erträgt.

Um 7:20 Uhr freut sie sich: Erstmals hätte sie mich so richtig schnarchen gehört. Sie guckt dabei, als sei mein Schnarchen im Vergleich zu normalem Schnarchen wie ein Unterschied zwischen Laubsägearbeiten und dem Abholzen des Regenwaldes gewesen.

Montag II, 11.48 Uhr

Habe mir neuen Lesestoff in der Bibliothek ausgeliehen; Bücher über Dschihad und Märtyrertum im Islam, eines heißt „Becoming Muslim“. Als ich an zwei Studenten vorbeilaufe, höre ich einen sagen: „Guck mal, ist das nicht der Schläfer?“ Habe jetzt Angst, ob Uberman-Schlafen eventuell verfassungsfeindlich ist.

Montag II, 18.03 Uhr

„Der Mensch ist ein unheimliches Tier“, sagt Dr. Hubert Trötschler vom Freiburger Schlaflabor, aber er meint das nicht unbedingt anerkennend, sondern vielmehr erklärend. Wer, wie ich, sich extremen Schlafsituationen aussetze, der könne das zwar aushalten. Langfristig gesehen würde es aber „zum Risiko“ werden. „Jeder Mensch hat ein persönliches Schlafbedürfnis, das ihn zu einer leistungsfähigen, freundlichen und sozial verträglichen Person macht“, sagt Trötschler. Bleibe das aus, nun, dann bleibt auch die Erholung aus.

Das Schlafbedürfnis sind laut Trötschler drei Phasen á 90 Minuten, in denen sich Momente des Tiefschlaf und der REM-Phase abwechseln. Zusammen ergeben sie den Kernschlaf – und der sollte komplett durchschlafen werden. Wichtig sei es, sowieso dem Hirn viel Ruhe zu gönnen. Denn hier sitzt der Nukleus suprachiasmaticus, ein kleiner Bereich im Kopf, der jedoch den Takt für den ganzen Körper angibt. Wissenschaftler sprechen von der „Master-Clock“ im Nukleus. Trötschler: „Jede einzelne Körperzelle hat eine innere Uhr, die angibt, wann es Zeit für Regeneration wird. Damit die Erholung funktioniert, braucht es ein harmonisches Konzert, das alle Uhren zusammenbringt.“ Kurzum: Tickt die „Master-Clock“ nicht richtig, tickt der Schlaflose irgendwann aus.

Dienstag II, 4.18 Uhr

Habe mir noch mal die Ideen des Doktors durch den Kopf gehen lassen. Er sagte nach Ende des Gespräches, er bedauere, wie stark unsere Gesellschaft auf Konsum und Effizienz ausgelegt ist. Und wie sie dabei den Schlaf als „Grundlage für das Wohlbefinden des Einzelnen“ abschaffe. Ich stimme ihm da in allem zu.

Überhaupt hatte ich dieses Experiment ja gestartet, um von der Absurdität solcher Ideen zu berichten – und nicht, um vom Gelingen zu schwärmen. Dass ich hier so munter herumtippe und gerade das Gegenteil verkörpere, beschämt mich ein bisschen.

Dienstag II, 9.22 Uhr

Nachher muss ich an die Uni, erst Persisch, dann ein Hauptseminar. Der erste Kurs geht bis 12.00 Uhr, der zweite beginnt 12.15 Uhr. Dazwischen liegt punktgenau meine mittägliche Napping-Zeit. Ich weiß noch, wie der Versuch, im Seminarraum zu schlafen, letzte Woche komplett schief lief.

Nun bin ich ja mittlerweile ein Extremschlaf-Routinier – und sehr gespannt, wie fest ich schlafen werde. Denn sei es „Master-Clock“ oder Inter City Express: Einen Rhythmus-Wechsel kann ich mir nicht leisten.





[Bild: Fotolia]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 3
Dienstag, 24.05.11 12:16
 

hihihi, wollt dir (marc) das sowieso gerade hierherposten, dann las ich erst die beatformulierung vom arzt. passt :) http://www.youtube.com/watch?v=gk3hzGukzwY denn: with a little bit of dub we gonna make it through the night!

wirklich gut geschrieben auch.. "Dass ich hier so munter herumtippe und gerade das Gegenteil verkörpere, beschämt mich ein bisschen." :)


miss_amused hat den Kommentar am 24.05.2011 um 12:21 bearbeitet
Dienstag, 24.05.11 14:58
 

Sage nicht, wir hätten Dich nicht gewarnt...*g*

Donnerstag, 26.05.11 08:16
 

„Guck mal, ist das nicht der Schläfer?“ haha...
Aber im Ernst: Ich bin grad in der Examensphase und merke es extrem, wenn ich mal ein paar Nächte hintereinander zu wenig geschlafen habe. Hätte ich auch nie gedacht, wie große Auswirkungen das tatsächlich auf Konzentration und effizientes Arbeiten haben kann.

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