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United World College: Die ganze Welt im Klassenzimmer

Wenn Tobias Maier (20) aus Kirchzarten den Blick aus dem Fenster seiner Schulklasse schweifen ließ, war er plötzlich wieder hellwach. Von hier aus blickte er auf ein zerbombtes Bankgebäude, die Fensterscheiben zersplittert, die Schreibtische in den Zimmern verwüstet, der Tresor offen. Denn seine ehemalige Schule steht in Mostar in Bosnien-Herzegowina, an der Grenzlinie zwischen der bosniakischen und kroatischen Seite der Stadt.

UWC Mostar „Dieser Anblick war schon gruselig“, sagt Tobias Maier (Bild unten links) heute heute. Als er in Kirchzarten eingeschult wurde, lieferten sich in Mostar Serben und Bosniaken blutige Kämpfe. Zehn Jahre später entschied er sich trotzdem, genau dort seinen Schulabschluss zu machen.

In Mostar besuchte der heute 20-jährige eines von weltweit 13 United World Colleges (UWC). Er lebte und lernte dort mit Jugendlichen aus der ganzen Welt. „Ein Freund hatte mir davon erzählt und mir hat die Idee dahinter gefallen“, sagt Tobias. Finanziert werden diese Schulen mit Geld aus Stiftungen, vor allem von der Robert-Bosch-Stiftung. Die Eltern der Schüler zahlen nur so viel dazu, wie sie können. 2014 soll das deutschlandweit erste UWC in Freiburg eröffnet werden, die Stadt steht derzeit in Verhandlungen mit der Deutschen Stiftung UWC.


Tobias MaierAls Tobias sich im 10. Schuljahr für die Aufnahme an einem UWC bewarb, dachte seine Mutter zunächst an eine Sekte. Welches der 13 Colleges er besuchen würde, durfte er bei der Bewerbung nicht entscheiden. Wales, Indien oder Südafrika hätten es auch werden können. Immerhin konnte er Wünsche angeben, Bosnien-Herzegowina war seine zweite Präferenz. Auch wenn er vorher auf Wikipedia von 250000 Minen gelesen hatte, die dort, zurückgelassen vom Krieg, immer noch in der Erde liegen würden. „Es geht darum, dass man hinter der Idee der UWC steht, egal, welche Schule man besucht“, sagt Tobias.

Die Deutsche Stiftung United World Colleges beschreibt ihre Idee so: „UWC macht Bildung zu einer Kraft, die Menschen, Nationen und Kulturen im Streben nach Frieden und einer nachhaltigen Zukunft verbindet.“ Dies richtig verstehen kann aber wohl nur, wer wie Tobias selbst Schüler einer solchen Schule war. Sein Zimmer teilte er sich mit drei Schülern aus dem Irak, Kroatien und Finnland, nach dem Schulunterricht übte er mit israelischen Klassenkameraden ein Theaterstück über den Holocaust. Gefeiert wurden im UWC alle Feste, vom christlichen Weihnachten bis zum muslimischen Zuckerfest.


Die Schüler versuchten den Menschen im krisengeschüttelten Bosnien-Herzegowina vorzuleben, was diesen so schwer fällt: Alle können miteinander auskommen, egal welcher Religion, Kultur oder Ethnie sie angehören. „Ich war einerseits überrascht, aber auch schockiert, wie sehr selbst die junge Generation dort immer noch in alten Mustern denkt“, erinnert sich Tobias. In der Projektwoche reiste er mit einer Gruppe für Improvisationstheater nach Gorazde.  Der Grabstein eines jungen Manns, auf dem der Verstorbene abgebildet war – stolz auf einem Sockel sitzend, das Maschinengewehr fest im Griff –, ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. „Ich glaube schon, dass der Krieg durch diese Dinge weiterlebt“, sagt Tobias. Was seine früheren Klassenkameraden in Kirchzarten über den Bürgerkrieg am Balkan und seine Folgen mühsam aus Büchern lernten, erlebte er vor Ort.

Tobias’ Schule in Mostar versuchte immer wieder, den Dialog zwischen den internationalen Schülern und den Menschen vor Ort zu ermöglichen. Viele von Tobias’ Mitschülern waren selbst aus Bosnien-Herzegowina, kannten die Probleme unter den zerstrittenen Bevölkerungsteilen. Er unterrichtete Roma-Kinder und veranstaltete mit ihnen ein Fotoprojekt. „Diese Kinder sind es ja nur gewöhnt, dass sie fotografiert werden. Ich wollte den Spieß umdrehen und habe ihnen selbst eine Kamera in die Hand gedrückt.“ Die Fotos präsentierte er danach in einer Ausstellung.

Projekte, Theatergruppen, Diskussionsrunden und die Vorbereitung auf seinen Schulabschluss, das International Baccalaureate. „Natürlich war das auch anstrengend“, sagt er. Einige Schüler hätten die Schule deshalb auch vorzeitig verlassen. „Aber ich hatte trotzdem immer noch Zeit für meine Hobbys.“ Seinen Abschluss hat Tobias mittlerweile in der Tasche, für den Zivildienst ist er nach Kirchzarten zurückgekehrt. Demnächst will er ein Studium beginnen, am liebsten Politik. Entweder mit einem binationalen Studiengang in Freiburg und Aix-en-Provence oder in Irland. Hauptsache nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.  
United World College

Wer ein United World College besuchen möchte, braucht keinen gut gefüllten Geldbeutel der Eltern. Die Deutsche Stiftung United World Colleges, die in Deutschland die Schulen vertritt, verteilt Teil- oder Vollzeitstipendien. Die Aufnahme wird nur nach persönlicher Eignung, Persönlichkeit und Leistung beurteilt.

Bewerbungsschluss für das Schuljahr 2012 ist am 15. Dezember 2011. Bewerben können sich diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt mindestens 15 und nicht älter als 17 Jahre sind und mindestens die 10. Klasse besuchen. Die Schulausbildung am United World College dauert zwei Jahre, an deren Ende die Prüfungen für das International Baccalaureate stehen. Das deutschlandweit erste United World College soll ab 2014 in Freiburg entstehen, auf dem Kartaus-Areal, Stadt und Stiftung befinden sich dazu in Gesprächen.








[Bilder: Tobias Maier; Porträt von Tobias: Thomas Kunz]

Foto-Galerie: Tobias Maier

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 2
Mittwoch, 04.05.11 13:55
 

+

Donnerstag, 05.05.11 18:08
 

Wow, klingt sehr spannend.

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