
Die 34-jährige Germanistin und Ethnologin Lan kam vor zehn Jahren
zum Studium nach Freiburg. Sie heiratete den Erziehungswissenschaftler Andreas, fand Freunde und fühlt sich in Deutschland ebenso zu Hause wie in China.
So früh wie möglich will sie ihrem Sohn die chinesische Sprache und Kultur vermitteln. Wenn Dennis eine neue deutsche Bezeichnung lernt, fügt sie die chinesische hintan. Doch seit er den Unterschied zwischen den Sprachen richtig begriffen hat, lernt der Zweijährige aus eigenem Antrieb
Vokabeln: „Wenn wir zusammen kochen, zeigt er auf die Zutaten und fragt: Was ist das?“, sagt Lan. „Sehr aktuell sind gerade auch die Farbbezeichnungen. Erst wenn ich ihm erklärt habe, wie rot, grün oder Salat auf chinesisch heißen, fängt er an zu essen. Kochen und Essen sind jedes Mal eine große sprachliche Herausforderung für mich.“
Seit einem Jahr geht Dennis vormittags in eine Krabbelgruppe. Logisch, dass sein Deutsch zuerst besser war als sein Chinesisch. Im Moment ist es allerdings umgekehrt, vielleicht, weil die chinesische Grammatik leichter ist als die deutsche, wie Lan vermutet. Wesentlich komplizierter dagegen ist die
chinesische Schrift: Sechs Jahre werden im chinesischen Grundschulunterricht erst mal Schriftzeichen gepaukt, bis die Schüler zwischen zwei- und dreitausend Zeichen beherrschen.

Lans Philosophie ist es, Dennis so viel kulturelle und sprachliche Kompetenzen zu vermitteln wie möglich. Will sie ihm deswegen neben dem normalen Schulpensum auch noch chinesische Schriftzeichen beibringen? „Ich will Dennis nicht unter Druck setzen, aber er soll von meiner Herkunft profitieren“, sagt sie. Mit der Einschulung will sie beginnen, ihn langsam an die chinesische Schrift heranzuführen. Dazu hat sie jetzt schon jede Menge
chinesischer Kinderbücher gekauft.
Dass die Kleinfamilie letzten Sommer
zwei Monate in China verbracht hatte, hat nicht nur Dennis' Sprachentwicklung vorangetrieben. Auch sein Bezug zur Familie hat sich verändert. „Mein Vater hatte große Bedenken, dass Dennis fremdeln würde“, sagt Lan. Aber schon als Oma und Opa ihn am Flughafen begrüßten, hat Dennis begriffen: Die beiden sehen zwar irgendwie aus wie alle hier, aber sie sind keine Fremden!
Zwei Monate lang wich der chinesische Opa nicht von Dennis' Seite. Er erzählte Geschichten, spielte und ging
mit dem Enkel im Park spazieren. Seither will Dennis auch mit dem deutschen Opa Hand in Hand laufen. „Im nächsten Sommer wird Dennis so gut chinesisch sprechen, dass er für seinen Papa übersetzen kann“, vermutet Lan. Durch die Mehrsprachigkeit schlüpft Dennis in eine wichtige Vermittlerrolle, er bringt die ganze Familie näher zusammen.

„Dennis, vermisst du Oma und Opa?“ - „Ja.“ - „Wo sind sie?“ - „In China!“ - „Weißt du, wie man dorthin kommt?“ - „Mit dem Zug?” - “Nein!” - „Mit dem Flugzeug …?“ - „Ja!“ Vielleicht denken auch Oma und Opa in China jetzt gerade an Dennis. Beide haben viel Zeit, denn im Vergleich zu deutschen Angestellten gingen sie
früh in Rente: er mit 55 Jahren, sie mit 50. Dabei beziehen sie beide ein volles Gehalt, und Lans Mutter bekam bei Rentenbeginn sogar eine Prämie, weil sie ihren Arbeitsplatz für die nachfolgende Generation räumte.
Den Ruhestand genießen die Rentner mit Tai Chi, Tanzkursen und
Computerschach. Außerdem lesen sie gerne Artikel über Deutschland in einer internationalen Zeitung. „Im Sommer hat mein Vater mir am Telefon die Wettervorhersage dieser Zeitung für den deutschen Winter durchgegeben“, sagt Lan. „Wir haben uns darüber lustig gemacht, aber die Prognosen sind tatsächlich eingetroffen.“
Sorgen machen sich die Eltern auch wegen der Rentensituation und der mangelnden Kinderbetreuung in Deutschland. Das ist ein oft diskutiertes Thema innerhalb der Familie. Einen Marketing-Teilzeitjob gab Lan wieder auf, weil sie in jeder Mittagspause Dennis von der
Kita abholen und ihn bei Freunden unterbringen musste. Nun gibt sie wieder Sprachkurse. Ihre Neffen in China sind dagegen im Kindergarten und bei den Großeltern untergebracht, während beide Elternteile Vollzeit arbeiten, sagt sie.

Will Lan als Rentnerin selbst wieder
in China leben? „Vielleicht“, sagt sie. Was sie vermisst, sind die engen Familienbande der Chinesen. „Als wir in Shanghai landeten, haben alle Chinesen unsere kleine gemischte Familie sehr interessiert beobachtet, obwohl es dort so viele Ausländer gibt“, sagt sie. „Alle wollten wissen, wie eine gemischte Familie funktioniert: Spricht das Kind chinesisch? Und: Sieht es jetzt eigentlich europäisch oder chinesisch aus?“
Von den Straßenhändlern bekam Dennis Geschenke. „Und im Gegensatz zu Freiburg beschwert sich dort niemand über den Krach der Kinder und die Kinderwagen in der Straßenbahn“, sagt Lan. Andererseits fühlt Lan sich aber sehr wohl in Freiburg: „Die Stadt ist klein aber schön, und die Leute sind freundlich.“ Toll ist, dass durch die Universität
viele Ausländer in Freiburg leben und auch durch die Kita viele nicht-deutsche Kontakte entstehen. „Da fühlt man sich gleich nicht mehr so allein!“
