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Mappus-Stalking auf dem Münsterplatz

Die Rituale, mit denen Politiker ihre Volksnähe demonstieren, sind ungefähr ein paar tausend Jahre alt. Wer dieses Jahr eine Wahl gewinnen will, sollte sie sich besser aneignen. fudder hilft weiter: Ein Leitfaden für politische Gesten am praktischen Beispiel.

Stefan Mappus

Der Ministerpräsident spazierte am Samstagmittag über den Freiburger Münstermarkt. Er hatte aber keinen Einkaufszettel dabei. Nicht mal eine Wurst aß er, denn er war ja schon im „ältesten Gasthof Deutschlands“ zum Essen mit der Freiburger CDU verabredet.

Vielmehr möchte er bürgernah rüberkommen, Hände schütteln und gute Gespräche führen. Als alter Hase in der Politik hat er alle Gesten drauf, die einem Politiker in Fleisch und Blut übergehen müssen wie einem Judoka seine Wurf- und Falltechniken.
  • Lächeln Sie viel! Lächeln ist das A und O. Wenn Sie Ihre Gesichtszüge nur einen Moment entgleisen lassen, können Sie sicher sein, dass irgendeine Kamera genau diesen Moment gierig aufschnappt.
  • Bringen Sie Rosen mit! Blumen sind doch eine schöne Geste. Drücken Sie jedem Bürger, der sich Zeit für Sie nimmt, eine Rose in die Hand. Denn wer mit einer Blume nach Hause kommt, der wird gefragt: „Wer hat dir denn die geschenkt?“ Und schon erzählt er seiner Familie und seinen Freunden, was für ein netter Mann ihm die Rose geschenkt hat.
  • Planen Sie nachhaltig. Ihnen dürfen auf keinen Fall die Rosen ausgehen. Sonst fragt ein kleines Mädchen: „Wer ist der Mann?“ und Sie haben keine Rosen mehr für das Mädchen, sondern eine Gerechtigkeitsdebatte am Hals. In Ihrem Tross dürfen also junge Parteigänger mit einem Kübel voller Rosen auf keinen Fall fehlen!
  • Treffen Sie zufällig Ihre Parteifreunde und Kollegen beim Spaziergang. Örtliche Landtagsabgeordnete und Finanzbürgermeister sind natürlich auch am Vormittag auf dem Markt. Wenn Sie sich schon am Parkplatz aufgabeln lassen, entgeht Ihnen jedes Mal eine Gelegenheit für ein Händeschütteln in der Menge.
  • Ignorieren Sie den Lärm hinter sich. Die Trillerpfeifen und „Mappus (und Mubarak) weg!“-Rufe dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Hauptsache ist, dass die Menschen, mit denen Sie ein kurzes Gespräch führen, Sie hören können, indem Sie sich ganz weit vor beugen. Die Transparente, die die Demonstranten in die Luft halten, bedeuten ganz klar, dass sie nicht mehr über Stuttgart 21 reden wollen. Deswegen haben sie es durchgestrichen.
    Hier sind sowieso mehr Fotoapparate als Kameras und auf den Fotos wird von dem schmerzhaft schrillen Lärm nichts mehr zu hören sein.
  • Gewinnen Sie den Demonstranten etwas ab! Die lenken sogar Aufmerksamkeit auf Sie. Wer Sie im Gewimmel auf dem Münstermarkt sonst vergeblich suchen würde, kann einfach dem Pfeifen folgen. Auch sieht er Sie schon von Weitem, weil der ganze Auflauf mit einer roten Fahne markiert ist.
  • Wahren Sie Contenance. Lassen Sie sich nicht von den Wutbürgern aus der Ruhe bringen. Damit bleiben Sie der moralische Sieger. Viele Marktgänger werden auf Ihrer Seite sein und laut sagen: „Wenn ich mich mit solchen Mongos abgeben müsste, wäre ich auch sauer.“ Oder sehen Sie es andersherum: Wenn Marktverkäufer Ihnen hinterher rufen: „Wo hast du deinen Schlagstock, Mappus!“, hört es in dem Lärm wenigstens keiner.
  • Lassen Sie auf jeden Fall Ihre örtlichen Parteifreunde auf die Menschen zeigen, mit denen Sie sprechen werden. Schon Senatoren im alten Rom hatten Angestellte mit der einzigen Aufgabe, ihnen bei Spaziergängen übers Forum die Namen der politischen Unterstützer zuzuflüstern, mit denen sie kurz palavern sollten.
  • Oh nein, jetzt haben Sie eine Frau erwischt, die nur bürgerlich aussieht, aber sagt, sie wähle Grün? Das sind so die Freiburger Tretminen. Jetzt ist Sachlichkeit gefragt. In aller Ruhe politisch argumentieren, damit sie sich ernst genommen fühlt. (Fraglich, wie viel sie bei dem Lärm versteht.) „Dieser Bahnhof ist gar kein Kulturdenkmal. Und ob der so erhaltenswert ist, da kann man sich streiten.“ Und außerdem könne man nicht einfach Sachen anders machen, als sie über so viele Jahre politisch entschieden wurden. – Puh, gut gerettet!
  • Sprechen Sie mit der werktätigen Bevölkerung. So ein Markt besteht aus fleißigen Bauern, die früh aufstehen. Sprechen Sie auf jeden Fall mit vielen fleißigen Bauern, denn das sind Leistungsträger: „Wann sind Sie heute aufgestanden? – Oh, so früh?“
  • Haben Sie ein Ziel! Schlendern Sie so nonchalant, wie Sie können, aber haben Sie auf jeden Fall ein Ziel! Irgendwann sind die Kopfschmerzen so schlimm, da müssen Sie sich in einen guten alten bürgerlichen Gasthof flüchten. Einer mit Türstehern. Die Demonstranten bleiben dann draußen stehen und rufen Ihnen nach: „Auf die Kalorien achten!“ Das hat weh getan! Die kriegen nix.
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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 15
Samstag, 05.02.11 21:22
 

Gibt der M. auch Autogramme ? Wenn ja,- 0 Punkte !

Sonntag, 06.02.11 03:05
 

Jo, als ob das Politiker der Grünen, SPD, Linken usw. nicht ganz genauso machen würden. Nur eben bei anderen Gelegenheiten und anderem Publikum. Außerdem würden sich natürlich auch wieder sofort alle aufregen, wenn man den guten Mann nie im Kontakt mit den Bürger zu sehen bekommen würde. Aber so ist das eben leider: Alles ist schlecht an einem, dessen Haltung nicht gefällt.

DerClausi
Sonntag, 06.02.11 04:56
 

was bei mappus nicht schwer fällt...

Sonntag, 06.02.11 11:59
 

Ich wette, der hat keine Standgebühr für's Rosenverschenken gezahlt!

Ex-Moskito
Sonntag, 06.02.11 18:19
 

Ich hab mich ja seinerzeit am Samstag vor der Wiederwahl Salomons wirklich gewundert, diesen mit dem Öttinger (!) über den Münstermarkt laufen zu sehen und ich konnte mir den Zuruf "Das sind ja merkwürdige Allianzen" nicht verkneifen. Wie sagte doch seinerzeit ein Professor vollkommen richtig in seiner Antrittsvorlesung:"Merken sie sich bitte, in der Politik zählt niemals der Inhalt sondern allein die Merklichkeit!"

Sonntag, 06.02.11 20:32
 

Zumal die CDU ja auf dem Münstermarkt orangene Rosen verteilt hat .... womöglich muss sich ja die FDP dann ja vor den Piraten fürchten?

Ich war zufällig auf dem Münstermarkt als der Zinober um Mappus dort losgegangen ist .... und das, obwohl die S21-Gegner ja eigentlich nicht auf Mappus treffen wollten. Sah aber doch dafür relativ gewollt aus.

Montag, 07.02.11 08:36
 

Ob Grüne, FDP, SPD, CDU alles das gleiche Politikerpack.

Die Grünen machen einen auf Volksnähe beim Castor.
Die CDU bei den örtlichen Lobbyveranstaltungen
Die SPD schleimt sich bei allen ein
Und die FDP ist immer wieder gern gesehener Gast bei Hotels und Medizinerkongressen.

Fleissig Hände schütteln und so tun als würden einem die Menschen am Herzen liegen und man das nicht macht um das eigene Ego zu streicheln.

Montag, 07.02.11 09:17
 

Loki, das ist ja mal sehr differenziert.

Montag, 07.02.11 12:48
 

Alles was da zum Homo politicus und seiner Präsentationkultur im Allgemeinen und zum Ministerpräsidenten im Speziellen angemerkt wird, hat sicher seine Berechtigung und ist schlimm genug.
Was aber hier weder im Bericht, noch in den Kommentaren thematisiert wird, ist die wirklich unterirdische "Protestkultur" (man traut sich kaum, den Begriff "Kultur" dafür überhaupt zu verwenden) all derer, die offenbar zum Ausdruck bringen wollen, dass sie mit diesem Auftreten nicht einverstanden sind.
Ich war auch auf dem Münstermarkt - und bin völlig unverdächtig, ein freund oder Anhänger des Herrn MPs zu sein.

Mir hat das hirnlose Trillerpfeifengeblase und "Mappus weg"-Gebrülle schon nach drei Minuten gereicht (und ich bin dreifacher Familienvater und Lärm durchaus gewohnt) - wenn man sowas den ganzen Tag ertragen muss, kann man wahrscheinlich wirklich keine vernünftige Politik mehr machen...

Montag, 07.02.11 16:39
 

@Fussl

Das Geschrei und Geträllere kann ihn gar nicht so sehr einschränken, denn normalerweise setzt man sich als Politiker auf Landes- oder Bundesebene nicht mit dem einfachen Urnenpöbel auseinander.
Es sei denn es ist mal wieder Wahl, dann kommt diese Bagage mal für drei Monate aus ihren guten Stuben gekrochen um nach der Wahl wieder für drei Jahre und neun Monate in der berufspolitischen Versenkung zu verschwinden.

Und was das Geschrei und Geträller der Menschen betrifft, wie sollen die sich denn sonst noch bemerkbar machen?
Protestbriefe an diese Landesregierung schreiben?

Ich habe die Baden-Württembergische Dialogbereitschaft der jeweiligen Regierung schon immer mit Erstaunen beobachtet.
Und seit dem 30. September letzten Jahres staune ich umso mehr.


Montag, 07.02.11 18:55
 

Also ich finde, mit „die Trillerpfeifen und „Mappus (und Mubarak) weg!“-Rufe dürfen Sie nicht persönlich nehmen. Hauptsache ist, dass die Menschen, mit denen Sie ein kurzes Gespräch führen, Sie hören können, indem Sie sich ganz weit vor beugen“ kommt in der Glosse schon vor, dass der Protest einem normalen verbalen Austausch in einigen Metern Umkreis im Wege stand.

Hier gibt es übrigens extended bonus material (mehr Fotos): http://martinjost.wordpress.com/2011/02/07/stefan-mappus-geht-auf-den-markt/

Dienstag, 08.02.11 09:11
 

Mappus hat zumindest besonnener reagiert als sein großes Vorbild...
http://www.youtube.com/watch?v=gbBUj_VRA-Y &feature=geosearch

Dienstag, 08.02.11 09:24
 

letzte Nacht am Stuttgarter Bahnhof hat er sich natuerlich nicht selbst die Haende schmutzig gemacht - Video von der Raeumung http://bambuser.com/channel/0711calling/broadcast/1395494

Dienstag, 08.02.11 09:56
 

Politiker sind wie Tauben:
sind Sie unten, fressen sie dir aus der Hand,
sind sie oben. scheißen sie dir auf den Kopf.

Dienstag, 08.02.11 11:42
 

@Mikey
Das, was Du da als "sich bemerkbar machen" bezeichnest, ist halt die Ausdrucksform, die meine zwei- und dreijährigen Kinder an den Tag legen, wenn ihnen langweilig ist.
Ich persönlich finde es wenig attraktiv, mich in einer politischen Auseinandersetzung (so es denn eine gibt) auf dem Niveau von Kleinkindern zu bewegen - aber die Geschmäcker sind da ganz offensichtlich doch sehr individuell.

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