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Die Neustarter: Wie es ist, sein Studium abzubrechen

Rund 55 000 deutsche Studierende brechen jährlich ihr Studium ab. Was die Zahlen nicht verraten: Hinter so manchem Abbruch steckt ein erfolgreicher Neustart. Ramin tauschte den Hörsaal gegen eine Kampfsporthalle, für die Theologiestudentin Katrin heißt es heute Brezelbacken statt Bibeldeuten und Irina schmiss nach vier Semestern ihr Lehramtsstudium für eine Hotelfachlehre. Drei Studienabbrecher erzählen.



Ramin Farhatyar steht vor der großen Spiegelwand einer Kampfsporthalle in Freiburg. Den Blick konzentriert geradeaus gerichtet, bewegt er seine Arme langsam nach vorne, bis die Handflächen sich berühren. Er nutzt die zehn Minuten, bis die Kinder kommen, um sich aufzuwärmen. Über den Spiegeln sind Spruchbänder angebracht: „Schmerzen sind vergänglich – Aufgeben ist für immer“ und „Wer keine Ziele hat, hat Ausreden“.

„Ausreden hatte ich oft“, sagt Ramin und grinst etwas verlegen. „Dass mir mein Studium nicht gefallen hat, war eigentlich klar. Aber mir hat der Mut gefehlt, etwas zu ändern.“ Nach fünf Semestern hat er schließlich eine Entscheidung getroffen und sein VWL-Studium abgebrochen. Heute führt er seine eigene Karateschule: Tetra-Karate-Do.

"Irgendwann bin ich kaum mehr an die Uni gegangen"

„Ich habe mich während des Studiums sehr unwohl gefühlt. Ich konnte mich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, mal einen Job zu machen, bei dem ich den ganzen Tag im Büro sitze.“ Doch er reisst sich zusammen und studiert weiter, fünf Semester lang. Die Klausuren besteht er immer nur knapp. „Irgendwann bin ich kaum mehr in die Uni gegangen. Vor ungefähr einem Jahr habe ich dann alles hingeschmissen.“ Nach dem Studienabbruch hat Ramin das Gefühl, wieder von Null anzufangen. Er macht ein Praktikum bei einem Fotografen, wälzt Studienführer, spricht viel mit seinen Eltern und Freunden über seine Zukunft.

Ramin Farhatyar

Seit Ramin drei Jahre alt ist, macht er Karate und hat es bis zum Weltmeister geschafft. „Irgendwann hat mich ein Kollege aus der Nationalmannschaft gefragt: Warum machst du dein Hobby nicht zum Beruf?“ Diese Idee lässt ihn nicht los. Als er noch jünger war, habe ihn das Lehren nicht besonders interessiert. Er wollte lieber selber in seinem Sport weiterkommen. „Das hatte sich geändert. Ich hatte alles erreicht, was ich wollte.“ Für ihn sei es an der Zeit gewesen, seine Begeisterung weiterzugeben und andere zu fördern. „Das Beste an meinem Job ist die Freude und die Ehrlichkeit der Kinder, ihr positives Feedback.“

Laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) beenden nur 25 Prozent der jungen Menschen in Deutschland ein Studium – im Schnitt der 30 wichtigsten Industrienationen der Welt sind es dagegen 38 Prozent. Eva Welsch, Leiterin der Studienberatung der Universität Freiburg, kennt das Problem. „Die meisten Studenten sind schlecht informiert. Sie wissen nicht, wie so ein Studium aufgebaut ist und welche Fähigkeiten man braucht. Oft ist es aber auch der Druck der Eltern, der die Studierenden in eine Richtung zwingt, in die sie gar nicht passen.“ Die Studienberaterin fordert die jungen Menschen dazu auf, selbstbewusst zu handeln – auch wenn es manchmal Mut erfordert.

Mut bewies auch Katrin Knopp (Bild unten). Die 25-Jährige, die in Hügelheim aufgewachsen ist, hat ihr Theologie- und Germanistikstudium an der Uni Oldenburg abgebrochen. Im dritten Semester nahm sich Katrin eine Auszeit und arbeitete sechs Monate als Deutschlehrerin in Usbekistan.
„Das war ein totaler Kulturschock. Ich habe Deutschland zum ersten Mal richtig vermisst. Die Menschen, die Kultur, das Essen, deutsches Brot.“

Das flaue Gefühl des Zweifels

Zurück in Oldenburg bleibt das flaue Gefühl des Zweifels. „Ich wusste, dass ich nicht Lehrerin werden wollte. Ich wollte nur weg aus Oldenburg und mein ganzes Leben ändern.“ Sie zieht nach Berlin, bricht ihr Studium ab und ihr kommt plötzlich der Gedanke: Ich werde Bäckerin. Sie beginnt in einer großen Biobäckerei eine verkürzte Lehre. Das bedeutet anderthalb Jahre Berufsschulbank drücken und mitten in der Nacht aufstehen, um Teig zu kneten. „Ich musste lernen, mich zurückzunehmen. Das fiel mir manchmal schwer, meine Vorgesetzten waren teilweise gerade mal so alt wie ich.“

Katrin Knopp

Dass sie sich für eine Lehre entschieden hat, können nicht alle verstehen. „Vor allem meine Großeltern konnten sich zunächst mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass ihre doch so gebildete Enkelin nicht studiert. Sie sahen in mir eher eine Professorin als einen Bäckerlehrling. Mittlerweile sind sie stolz auf mich.“ Katrin schließt die Ausbildung als Jahrgangsbeste ab und wird stellvertretende Geschäftsführerin des 120-Personen-Betriebes. Sie kümmert sich um Pressearbeit und Marketing, die Weiterbildung des Personals und hat im vergangenen Weihnachtsgeschäft die gesamte Lebkuchenproduktion übernommen. Jetzt kommen all ihre Talente und Interessen zum Einsatz: ihre Sprachfertigkeit, die Erfahrungen mit Menschen und der Spaß am Backen.

Irina Frese
(Bild unten) trägt einen langen, eleganten Rock und eine weiße Bluse mit goldenen Knöpfen. „Nie hätte ich gedacht, dass ich so etwas mal trage, aber irgendwie gefällt mir die Uniform sogar.“ Sie lacht und ihre Kollegen an der Rezeption des Basler Hotels „Les Trois Rois“ lachen mit. Hier hat die 24-Jährige im August eine Ausbildung als Hotelfachfrau begonnen.

„Nach dem Abi habe ich zuerst eine Weltreise gemacht. Ich hatte mir erhofft, herauszufinden, was ich danach machen will.“ So studiert Irina erst einmal das, was sie in der Schule interessiert hatte: Deutsch, Französisch und Geschichte. „Lehramt war naheliegend.“

„Ich dachte, so eine Krise hat jeder mal, das geht wieder vorüber.“

Das Studium an der Uni Freiburg läuft gut. Der Stoff interessiert Irina, sie schreibt gute Noten und bekommt viel Zuspruch von den Professoren. Aber eine innere Unzufriedenheit plagt sie. „Ich konnte nie mit voller Überzeugung sagen: Ich will Lehrerin werden. Das isolierte Arbeiten in der Bibliothek und die teilweise weltfremden Seminare haben mich nicht besonders motiviert.“ Irina macht ein freiwilliges Praktikum an einem Gymnasium, will herausfinden, ob ihr die Arbeit Spaß macht. Nach den Wochen in der Schule ist ihr klar: „Ich bin keine begnadete Akademikerin, aber die Arbeit mit Jugendlichen finde ich noch frustrierender.“ Da ist sie im zweiten Semester.

„Ich dachte, so eine Krise hat jeder mal, das geht wieder vorüber.“ Nach vier Semestern sind die Zweifel immer noch da. Neben der Uni arbeitet Irina in einem Restaurant. „Die Arbeit in der Gastronomie hat mich schon immer gereizt: Man arbeitet in einem internationalen Umfeld, in einem schönen Ambiente, direkt mit Leuten zusammen. Eines Tages habe ich mich gefragt: Wieso machst du das nicht zu deinem richtigen Beruf?“ Sie erkundigt sich nach Hotelfachschulen, Hochschulen für Hotelmanagement und Berufsakademien. Sie befragt erfahrene Gastronomen und Manager nach ihren Werdegängen – die Antwort ist ernüchternd. Die Experten raten ihr dazu, zuerst die Grundlagen zu erlernen. „Eine Ausbildung! Ich war richtig erschrocken. Ich dachte zuerst: Das kommt gar nicht in Frage, ich bin doch schon 23.“ Doch je mehr sie darüber nachdenkt, desto sinnvoller scheint ihr die Idee, und nach einem halben Jahr des Abwägens steht ihr Entschluss fest: abbrechen, um in ein neues Leben aufzubrechen. „Das hat mich natürlich auch Überwindung gekostet: Zuerst, meinen Stolz abzustreifen, und es dann den anderen zu sagen. Viele unterstützten mich, aber ich traf auch auf Unverständnis. Der Satz ,Wer ein gutes Abi hat, muss auch studieren‘ geht aus vielen Köpfen nicht raus.“

Irina bereut ihre Entscheidung nicht. „In meiner Ausbildung habe ich mich noch nie unterfordert gefühlt. Man traut mir sehr viel zu und überträgt mir viel Verantwortung.“ Nach der verkürzten Ausbildung will sie Management studieren, aufbauend auf ihrem Wissen aus der Praxis. Außerdem spricht sie fünf Sprachen, was gerade in dem internationalen Hotel in Basel sehr nützlich ist.

Irina Frese

Bei der Entscheidung gibt es kein Zurück


Die drei Abbrecher haben sich für einen schwierigen Schritt entschieden und mussten dabei einige Hindernisse überwinden. „Angst hatte ich schon“, erzählt Irina. „Mir war klar, dass es bei der Entscheidung kein Zurück gibt.“ Ramin ging es ähnlich: „Zuerst dachte ich: Jetzt hast du fast drei Jahre in den Wind geblasen. Aber dann ist mir klar geworden: Hätte ich noch später aufgehört, wären es vielleicht sechs Jahre geworden oder ich wäre jetzt unglücklich in meinem Job.“ Und was wäre, wenn sie die Zeit zurück drehen könnten? „Wenn ich nicht studiert hätte, hätte ich es mein Leben lang bereut, es nicht getan zu haben. Anders hätte es gar nicht laufen dürfen“, findet Katrin. „Manchmal ärgert es mich, dass ich 24 bin und immer noch in der Ausbildung stecke“, sagt Irina. „Es wäre natürlich schön gewesen, den geraden Weg zu gehen. Aber wenn man bedenkt, was links und rechts der Straße so passiert, ist ein Umweg gar nicht  schlecht.“  





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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 1
Mittwoch, 02.02.11 10:16
 

sehr, sehr schöner Artikel! 3 spannende Geschichten toll aufgeschrieben. Chapeau

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» vdp1100

re: Was hört ihr gerade?
Momentan höre ich öfters ...

» Marks

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Depeche Mode- Told You So

» Kathleen

re: Suche Schaufensterpuppe
Lieber VDP, da ich mir mi...

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» Kathleen

re: Suche Schaufensterpuppe
VDP, er sucht keine Büste...

» vdp1100

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...oder mal bei Breuninge...

» ShinjiIkari

re: Suche Schaufensterpuppe
Ok das hat natürlich was....

» grundel

re: Aus Easy Sports wurden Sportpark City Club´s
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» Tatoocheck

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» ShinjiIkari

re: Suche Schaufensterpuppe
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