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Nachtmacher: Christian Gimbel

Christian Gimbel ist seit mehr als 15 Jahren Teil der Freiburger Szenekultur. Im Nachtmacher-Portrait erzählt Christian nicht nur von seiner ersten Veröffentlichung, sondern auch von seiner Leidenschaft für den Kickbox-Sport – und erklärt, warum er der Meinung ist, dass Diskobetreiber eigentlich eine Sondergenehmigung brauchen sollten.

Christian Gimbel

Ein früher Dienstagabend, beginnende Feierabendzeit. Christian Gimbel betritt schwungvoll und mit energischem Schritt eine Bar in der Freiburger Innenstadt. Er trägt eine businessgraue Stoffhose und dazu passend ein figurnah geschnittenes Hemd im gleichen Farbton. Darunter zeichnet sich eine wohlgeformte Oberkörpermuskulatur ab. Kein Wunder, seit rund zwei Jahren steht der Mittdreißiger regelmäßig auf der Matte und im Ring. Zwei Mal in der Woche absolviert er intensive Kickbox-Trainingseinheiten. Sie bringen ihn an seine körperliche Leistungsgrenze heran. „Mein Ziel ist, sie beständig zu erweitern und über sie hinauszugehen“, sagt Christian Gimbel. „Ich liebe körperliche Herausforderungen. Diese anzunehmen und zu meistern, verleiht mir eine innere Ruhe und Kraft, auch für meinen Alltag.“

Sein Alltag ist seit einigen Monaten von den unterschiedlichen und vielseitigen Aufgaben eines Marketingmanagers in einem mittelständischen Unternehmen geprägt. In seinem Job ist Christian Gimbel unter anderem mitverantwortlich für den optimalen Verkauf der Produkte und die Unternehmenskommunikation. Mit lehrbuchartiger Präzision beschreibt er sein Aufgabenfeld. „Zum einen muss ich bestens Bescheid wissen über die Produkte, die verkauft werden sollen. Zum anderen benötige ich detaillierte Kenntnisse über die jeweiligen Zielgruppen, um effizient und zielgerichtet mit ihnen zu kommunizieren und zu analysieren, mit welchen Werbemitteln sie am ehesten angesprochen werden. Direktmarketing, Printmedien oder elektronische Medien.“

Neben der fachlichen Qualifikation, die er mit einem Studium zum technischen Betriebswirt erworben hat, kommen ihm die Erfahrungen zugute, die er mit Gründung, Aufbau und Führung der Gimbel & Leucht Mediengesellschaft gesammelt hat. Das bekannteste Produkt der Firma: das Nightlife- und Veranstaltungsmagazin Subculture.

Gemeinsam mit Thorsten Leucht hatte er Subculture als feste Marke im Freiburger Nachtleben etabliert, und als Franchisekonzept in andere Städte und Regionen exportiert, unter anderem nach Stuttgart, Ulm und ins Rhein-Main-Gebiet.

Doch Christian Gimbels Zeit bei Subculture ist seit diesem Sommer vorbei. „Die Luft riecht wieder frisch“, sagt er. „Der Kopf ist wieder frei für etwas, das ich seit den ersten Teenager-Jahren mit viel Leidenschaft betrieben habe: Soundschraubereien.“

Mit dreizehn, vierzehn Jahren zockt der Freiburger mit großer Begeisterung nicht nur Shoot ’em up- und Jump’n’run-Spiele auf Amiga 500 und C64. Er bastelt für manches Spielprogramm sogar die Hintergrundmusik. „An diese Produktionen bin ich intuitiv herangegangen und habe mir die technischen Fähigkeiten durch Learning-by-doing erworben. Auch habe ich mir von Freunden und Bekannten, die in Cracker-Gruppen waren, einige Fingerfertigkeiten abgeschaut.“ Und die Musik selbst? „Das waren verzwirbelte, bleepige Collagen. 8-bit- oder 16bit-Musik.“ Ein Sound, der heutzutage auf Kunst- und Musikfestivals groß gefeiert wird.

Für Christian Gimbel ist sie der Grundstein für seine Tätigkeit als Musikproduzent. Nur wenig Zeit vergeht bis zu seiner ersten Vinyl-Veröffentlichung. Sie erfolgt auf Roughmix, einem Sublabel der Rough Trade Label- und Vertriebsfamilie. „Fruits Of The Paradise“ heißt sein damaliges Musikprojekt, mit dem er zusammen mit Damir Oberst und dem Freiburger Alexander Purkart versuchte, in der Elektromusikszene mitzumischen. „Unser Sound hört sich auch an wie der Projektname“, sagt Gimbel lachend. „Elektronisch, irgendwo zwischen Techno und Trance stehend, mit Klavierakkorden, Vocals und jede Menge Herzschmerz-Text.“ Die erste 12“-Vinyl in den Händen zu halten, gibt den beiden Neueinsteigern Auftrieb, ihr mit ungeheurem Spaß und einer Prise Ernst gestartetes Projekt weiter zu betreiben.

Kaum ein Jahr vergeht zwischen erster Veröffentlichung und der Gründung eines eigenen Labels. Die künstlerischen Tätigkeiten firmieren nun vornehmlich unter dem Namen „Titan & Red Acid Jack“. Das Label taufen sie auf „Unknown Records“. „Eine selbstironische Anspielung auf unseren persönlichen Stand“, sagt Christian Gimbel schmunzelnd. „Zu dieser Zeit waren wir nahezu unbekannt, eben 'unknown', und das Label sollte der Musik der 'Unbekannten' eine Plattform bieten.“

Dennoch stellen sich schon bald erste Erfolge ein. Mitte der Neunziger ziehen sie für ihr Stück „Right In The Time“ zwei damals und auch heute noch bekannte Produzenten an Land, Robert Babicz alias Rob Acid („Right In Time" - Rob Acid Remix) und Ian Pooley („Right In Time" - Ian Pooley Remix). Die Buchungsanfragen nehmen zu, und schließlich touren Christian Gimbel und Alexander Purkart an der Seite von The Prodigy durch Deutschland und England.

Wie so oft bleiben die Reaktionen in und aus der Heimat jedoch spärlich. Warum? „Hier gilt als Regel die abgegriffene Redensart vom Propheten, der im eigenen Land nichts gilt“, sagt Gimbel.


Christian Gimbel

Zeit, über die aktuelle Clubkultur zu reden. Wie bewertet er sie? „Eine große Gefahr sehe ich darin, dass keine Wertschöpfung betrieben wird, weder auf Seiten der DJs noch auf Seiten der Clubbetreiber", sagt er. „Zwar ist das ganz bestimmt keine Freiburg-typische Erscheinung, aber in den letzten fünfzehn Jahren meiner aktiven Nachtarbeit hat sich folgendes Bild abgezeichnet: einige Clubbetreiber und Veranstalter scheren sich einen Scheiß darum, was der DJ macht.“

Christian Gimbel atmet tief durch. „Sie behandeln den DJ nicht wie einen Künstler und auch nicht wie jemanden, der aktiv zur Wertschöpfung beiträgt. Sie betrachten ihn als reine Austauschware. Läuft eine Veranstaltung einmal finanziell nicht ganz so gut, drücken diese die sowieso schon geringe Gage noch weiter in den Keller. Verspricht hingegen eine Clubnacht auch ein finanzieller Erfolg zu werden, bekommt der DJ weder ein Kompliment, geschweige denn eine kleine Bonuszahlung. Und das trotz der Tatsache, dass diese mit ihrem Einsatz wesentlich zum guten Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben.“

Diese fehlende Loyalität, so der Marketing-Fachmann Gimbel, wirke sich auch unmittelbar auf das Gesamtprodukt „Club“ aus: Mache ein Unternehmen, wie es ein Club nun einmal sei, Abstriche bei auch nur einem einzigen Qualitätsmerkmal, leide die Performance des Produktes insgesamt.

Worin sieht er der Grund für die Misere? „In der Gastronomie kann jeder Beliebige einen Betrieb eröffnen. Gesundheitliche Unbedenklichkeit vom Amt bescheinigen lassen, und gut ist. Die Vorteile dieser vereinfachten Gründungsmöglichkeit einmal außen vor gelassen, führt diese dazu, dass es manch einem Unternehmer an der betriebswirtschaftlichen und künstlerischen Kompetenz fehlt. Thorsten [Leucht] und ich haben in diesem Zusammenhang auch einmal von einer Art „Diskothekenschein“ gesprochen“, sagt Gimbel. Handwerker dürften schließlich ohne Eintragung in die Handwerksrolle, ohne Meisterbrief, auch nur begrenzt selbständig tätig sein.

Aber auch er selbst hat schon mehrfach mit der Eröffnung eines Clubs geliebäugelt. „Zu Subculture-Zeiten habe ich dieses Vorhaben auf unbestimmt vertagt. Das Betreiben eines Clubs hätte zu einem erheblichen Interessenkonflikt mit zahlreichen Werbepartnern geführt. Wir können doch nicht Werbeanzeigen auch von Clubbetreibern und Veranstaltern aufnehmen und diesen gleichzeitig mit einem eigenen Laden die Kundschaft abgraben. Das Überschneiden solcher geschäftlicher Interessen wäre zu keiner Zeit tragbar gewesen.“

Inzwischen ist Christian Gimbel nur noch als Partygänger und DJ im regionalen und überregionalen Nachtleben unterwegs. Er legt nur noch bei ausgewählten Veranstaltungen auf und verbringt stattdessen mehr Zeit im Studio.

Dort stehen jede Menge Synthesizer und anderes analoges Equipment aus der Titan-Zeit der frühen Neunziger. „Seit einiger Zeit merke ich, dass die Lust zurückkommt, an eigenen Tracks zu basteln. Die Ideen für Drum-Loops und den einen oder anderen verrückten Soundeffekt sprudeln geradezu“, sagt  Gimbel. „Einige Projekte habe ich in Angriff genommen, andere stehen noch aus, darunter ein Remix für Moguai und möglicherweise auch eine eigene EP auf einem nicht unbekannten Techno-Label.“ Er gibt sich zurückhaltend. „Ich bin ja fast wieder dort, wo ich zu Beginn der Neunziger Jahre stand: am Anfang. Wieder 'unknown'.“ Und der Vorteil des Unbekannten: ihm stehen nun mal alle Möglichkeiten offen.

Und selbstverständlich bleibt auch noch der Sport. Der Kampfsport verschafft Christian Gimbel ein tiefes Glücksempfinden, wie er es in unzähligen Nächten als DJ an den Plattentellern erlebt hat, wenn der Funke von Crowd und DJ gleichermassen überspringt. „Meine Leistungsgrenze jedenfalls habe ich noch nicht erreicht."







[Fotos: Privat]




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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 12
Donnerstag, 18.11.10 17:50
 

....bla....

puh
Donnerstag, 18.11.10 17:58
 

Puh...
wenn fudder so was nötig hat...
Lass ich auch mal über mich schreiben.
Weite Teile kann man zur Selbsthuldigung einfach übernehmen...

Donnerstag, 18.11.10 18:48
 

was will die randerscheinung damit aussagen?

Donnerstag, 18.11.10 21:04
 

die randerscheinung hat nicht gemerkt das hier der nagel auf den kopf getroffen wurde
sehr guter artikel

Freitag, 19.11.10 08:49
 

Macht Herr G. Kibotu oder wieso ist er nie an seine Grenzen gekommen ...

Freitag, 19.11.10 09:17
 

Sehr guter Artikel !! Ohne Christian und Thorsten wäre das Freiburger Nachtleben um einiges monotoner !! Ich selbst habe viele fette Partys mit beiden erlebet !! Danke und Dir auf Deinem weiteren Wege viel Glück !!

Clubbesitzer
Freitag, 19.11.10 09:33
 

War ja klar das der Klangtherapeut mal wieder seinen Einheitssenf dazu geben muß.

@keep it deep: Recht hast du

Freitag, 19.11.10 10:18
 

@ Clubbesitzer : Jetzt hast mich aber getroffen !! Hast ja nicht mal die Eier zu sagen wer Du bist !!


klangtherapeut hat den Kommentar am 19.11.2010 um 10:29 bearbeitet
Freitag, 19.11.10 18:46
 

wer nichts wird ? wird Gastwirt !

Freitag, 19.11.10 22:04
 

Sehr gelungener Artikel. Schließe mich mich dem Klangtherapeuten an.
Besitze tatsächlich noch die 12" von Titan & Red Acid Jack.

Samstag, 20.11.10 01:32
 

pffffff... wie auch immer... danke christian! weiter so. ;-)


-=pp=- hat den Kommentar am 20.11.2010 um 01:35 bearbeitet
**corin**
Dienstag, 04.01.11 00:37
 

respekt für viele jahre musikalischen schaffens. die kunst, ob nun brotlos oder nicht, kann sehr undankbar sein. wer sich auskennt wird in jedem falle die richtige party finden und jene honorieren die gute musik in schönem ambiente generieren. da geschmack sich nur schwer diskutieren lässt muss jedem selbst überlassen werden wo und wie er sich ins nachtleben begibt.

in diesem sinne, grüße*

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