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Sonnenaufgang auf dem Rosskopf

Heute Früh sind wir mit dem Fahrrad auf den Rosskopf gefahren. Um 6.26 Uhr ging hinterm Kandel die Sonne auf. Ein alltägliches Ereignis, jedoch kein alltägliches Erlebnis (mit Fotogalerie).

Sonnenaufgang Rosskopf

Es gibt einige reizvolle Unternehmungen, die vor der Haustür liegen; Freizeitpläne, die sich leicht verwirklichen lassen, jedoch eine Bedingung haben, die man im Alltag gern unterschätzt: früh aufstehen.

Als ich um 3.45 Uhr auf die stille Straße trete, lege ich den Kopf in den Nacken und erkenne die beiden Sternbilder Skorpion und Schütze. Der Himmel ist klar, der Kaffee war stark. Mit einer trüben Funzel am Fahrrad ausgestattet, nehme ich den steilen Weg zum Hirzberg in Angriff. Schnell wird es stockfinster. Erste Erkenntnis: Eine Nachtfahrt auf den Rosskopf, alleine, ist ein Top-Desillusionierer für all die großspurigen Bächlerider, die schon überall waren, jede Gefahr zu kennen glauben und sich höchstens dann einen Anflug von Angst erlauben, wenn sie mit einem Sportclub-Trikot beim Commando Cannstatt in den Block laufen, den Mittelfinger zeigend.

Nachts allein im Wald unterwegs zu sein ist immer noch ein elementarer Gruselgarant. Klar ist die Furcht unbegründet: Raschelnde Mäuse, zirpende Grillen, Glühwürmchen und das „Kuwitt, Kuwitt“ der Käuze stellen keine Bedrohung dar. Dennoch schießen mir auf dem Weg zum Gipfel immer wieder diese Gedanken durch den Kopf: Was ist mit Wildschweinen? Völlig irrational: Menschen, die einem im Unterholz auflauern könnten.

Und dann die Paranoia hervorgerufen durch imaginäre Augenpaare, die im Licht der Fahrradlampe am Wegesrand reflektieren. „Fear of the Dark – I have a constant fear that something’s always near“, wusste schon Bruce Dickinson. All das wirkt im Nachhinein, wenn man mittags im sonnigen Büro hockt, ziemlich bescheuert. Doch vor ein paar Stunden noch hat mich dieser Weg Überwindung gekostet.

Sonnenaufgang Rosskopf

Um 5.02 Uhr stehe ich auf dem Rosskopfturm. Der Weg war anstrengend, mit meiner kärglichen Lichtausrüstung konnte ich nicht die komplette Strecke fahren, sondern musste teilweise schieben. Auf einer Website hieß es: Dämmerung 4.58 Uhr, Sonnenaufgang 6.18 Uhr. Tatsächlich: Im Osten wird der Himmel langsam heller. Von dort kommt auch ein leichter Wind. Es ist ganz still, bis auf das leise Surren der vier Windrad-Rotoren. Von Freiburg ist nur ein gelbes Laternenmeer erkennbar.

Je weiter man Richtung Rheinebene schaut, desto stärker scheint das Flimmern der Lichtpunkte. So wie in der Hitze, wenn die Konturen eines Objekts in der Ferne unscharf werden. Im Dreisamtal zeichnet sich Kirchzarten ab, eine Reihe von Lichterklecksen endet abrupt im Zastlertal. Der Gegensatz zwischen der dicht besiedelten Rheinebene und den einsameren Ausläufern des Schwarzwalds kommt zur Geltung.

Sonnenaufgang Rosskopf

Der Himmel hinterm Kandel färbt sich blassblaurosa. Es war gut, eine Jacke mitzunehmen, denn es ist frisch hier oben. Eine Thermoskanne mit Tee wäre noch besser gewesen. Auf 737 Meter Höhe steht der Aussichtsturm, den der Freiburger Architekt Philipp Anton Fauler 1899 errichtete. Manchmal scheint der Turm (34, 4 Meter) leicht zu wanken.

Um 5.40 Uhr nimmt man weitere Farben wahr: Das Grün der Wiesen bei Stegen, das Weiß der Häuser in Zähringen. Der Schönberg zeichnet sich ab. Nur Fessenheim sieht man noch nicht. Den Kauz hört man auch nicht mehr, dafür beginnen andere Vögel ihr Zwitscherkonzert. Ich hatte ja gehofft, hier oben einen philosophisch angehauchten Förster anzutreffen, einen Settembrini im Waidmannsgewand, mit dem ich Sloterdijk-mäßig über die Ruinen der Bürgerlichkeit und schnellwachsende Nadelbaumarten disputieren könnte; oder zumindest Ulrich von Kirchbach, der ja laut Wochenbericht super Sommerferien zu Hause genießt.

Stattdessen leistet mir nur eine verirrte Wespe Gesellschaft.

Sonnenaufgang Rosskopf

Um kurz nach 6 Uhr erscheinen die Wolken über Streckereck und Flaunser in zartem Rosa. Die Umrisse der Vogesengipfel und der Feldberg lassen sich erkennen. 6.26 Uhr: An der Ostflanke des Kandels stehen zwei Windräder. Genau an dieser Stelle erblickt der Wanderer erstmals das reine Tageslicht. Die Sonne bewegt sich zügig von diesem Kamm aus nach oben. Innerhalb von zehn Minuten hat sie das Landschaftsgemälde „Breisgau“ von Grund auf verändert. Es wird einem warm ums Herz. Die Vorstellung, dass dies jeden Tag geschieht und man den Sonnenaufgang doch fast immer verschläft…

Sonnenaufgang Rosskopf

Im Elsass startet ein Heißluftballon. Um 6.42 Uhr kommt ein Mountainbiker auf den Berg geradelt. Den Turm besteigt er jedoch nicht. Er zieht sich nur schnell eine Jacke an und düst dann wieder runter.

So mache ich es auch. Ein Reh kreuzt den Schokoladenweg, nur vier Meter vor mir. Ich bremse, das Reh bleibt stehen und schaut mich an. Dann verschwindet es mit ruhigen Schritten im Wald.

Sonnenaufgang Rosskopf

Ich kehre heim mit dem Gefühl, heute schon etwas Richtiges erlebt zu haben. Das kann ich meistens nicht mal abends behaupten.

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Foto-Galerie: David Weigend

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Kommentare
Anzahl der Kommentare: 9
Dienstag, 10.08.10 16:12
 

Sehr geile Idee!

Flopp
Dienstag, 10.08.10 16:13
 

Sehr geil!

Die Idee hatte ich auch schon mal - konnte mich aber nie dazu motivieren, die Sache durchzuziehen.

- Flopp

Dienstag, 10.08.10 16:40
 

"Die Vorstellung, dass dies jeden Tag geschieht und man den Sonnenaufgang doch fast immer verschläft…"

ich seh die sonne fast jeden tag überm anbau nord aufgehen, ob das ein privileg ist wag ich jedoch zu bezweifeln..

Dienstag, 10.08.10 17:15
 

war auch mal sehr früh morgens auf dem lorettoberg, vor sonnenaufgang. ein fuchs und ein dachs sind mir überden weg gelaufen, irre auch das vogelkonzert. schöner artikel!

Facebook-User
Dienstag, 10.08.10 17:21
 

sehr schöner bericht, und dann noch der link zu maiden! schon läuft's im hintergrund...

Dienstag, 10.08.10 17:40
 

ist eine tolle sache, wir sind früher oft am sonntag morgen noch im halbdunkel richtung rappeneck gestartet.
oben den weltbesten käsekuchen gegessen und dann wieder runter...

leider bin ich inzwischen zu faul geworden:-(

Dienstag, 10.08.10 21:15
 

In der Regel seh ein bis zwei mal in der Woche den Sonnenuntergang von da oben.
Oder eben die Nachtansicht von Freiburg und dem Rheintal. Das kann ich auch wärmstens empfehlen.

Und @David
Das mit dem beklemmenden Gefühl kann ich sehr gut nachvollziehen, grade die Befürchtung eine Begegnung mit einer launemässig angefressenen Wildsau zu haben.

Normalerweise machen sich die Teile aber lautstark bemerkbar bevor Sie näher Bekanntschaft mit dir schliesen wollen.

Ausser du donnerst mit geschätzten 40Km/h zu Tal. Da kriegt dann kein noch so schlichtes Gemüt eine ordentliche Drohgebärde hin. Da kannst du dich hinterher nur noch damit trösten, dass die Sau in dem Moment genauso blöd geschaut haben muss.

Mittwoch, 11.08.10 12:46
 

netter Artikel, schöne Bilder.... theoretisch würde ich das auch gerne mal machen, praktisch sehe ich den Sonnenaufgang nur dann, wenn ich mal selten im Sommer nach durchfeierter Nacht aus dem Club falle... aber es stimmt schon, solche Bilder entschädigen, für das frühe aufstehen!

Mittwoch, 11.08.10 17:26
 

@ NYHC:

Da scheinen wir beide ja beim selben Verein zu sein... Das Dumme ist nur, dass es immer wieder die Tage gibt, an denen ich überm Anbau Nord die Sonne auf- und wieder untergehen sehe... das nervt...

Aber muss zugeben, sehr netter Artikel mit guten Bildern... sollte ich unbedingt auch mal machen, mal sehen...

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