
Unmenschliche Transpiration. Den ganzen Tag über ist es ja schon schwergefallen, durch möglichst wenig Bewegung und viel Planschen den Temperaturen zu trotzen. Aber was einem im spanischen Kulturzentrum erwartet, ist schweißtreibender, als
Sex in der Sauna. Der ganze Raum ist gefüllt mit Iberern in ihren Nationalfarben. Selbst ein kleiner Hund trägt das Spanientrikot. Schweiß steht auf jeder Stirn, Fahnen hängen um jede Schulter und Rauchschwaden ziehen durch die weit geöffneten Türen und Fenster nach draußen.
Überhaupt ist die spanische Gemeinde weit größer als vermutet. Mindestens
120 Menschen, von ganz jung bis ergraut, haben sich eingefunden, um hoffentlich den ersten Weltmeistertitel ihrer Mannschaft zu bejubeln. An der Theke geht das kalte Bier weg wie warme Semmeln. Man starrt gebannt auf einen der beiden von spanischen Flaggen umrahmten Fernseher in den Ecken. Sogar einige Portugiesen sind gekommen. Auf der iberischen Halbinsel gibt es offenbar einen Restfunken Solidarität, zumindest, wenn es gegen die Grachtentrolle geht.
Die erste Viertelstunde ist gleich so nervenaufreibend, dass einem meiner Nebenmänner beinahe sein Zahnstocher aus dem Mundwinkel fällt. Die vergebene
Kopfballchance von Ramos in der fünften Minute sorgt für erste Aufschreie.
Spannend auch der Moment, als ein enthusiastischer, circa neunjähriger Spanienfan plötzlich vor mir steht und mit dem Finger auf mich zeigt: „Für wen bist du?“ Stimmt, ich war in neutralen Farben erschienen. „Ich bin von der Presse, ich muss neutral bleiben. Aber eigentlich bin ich für Spanien“, sage ich. „Okay, wenn du für Holland bist, musst du nämlich rausgehen“, sagt der Knirps lächelnd.
Glück gehabt. Die
spanische Inquisition zieht derweil fröhlich weiter durch die Menge, um die Gesinnung anderer Verdächtiger zu prüfen. Kurz danach der nächste Schock: Der Ultimate Fighting-reife Tritt de Jongs in der 28. Minute gegen Alonsos Brust führt zu lautem Protest.

Halbzeit: im Innenhof legt ein DJ im Portugaltrikot Lloret-Klassiker auf, wenigstens freuen sich die Kleinen. Erst nachdem „
Viva Espana“ ertönt, tanzen auch ein paar Damen ausgelassen mit. Man glaubt an den Sieg, wenn auch nicht vorbehaltlos:
„Ist sehr schwierig. Ich glaube, dass die Spanier gewinnen, aber die Holländer haben die starken Einzelspieler, um das Spiel zu entscheiden. Mein Tipp ist trotzdem 1:0 für Spanien“, meint
Andrés Groba-Castro, 24. Er ist geborener Freiburger, hat aber auch lange in Spanien gelebt. „Ich bin oft hier, habe auch hier im Verein gespielt. Man kennt sich, sogar mein Opa ist hier. Das spanische Zentrum ist ja auch schon circa 25 Jahre alt und hier ist immer was los. Es gibt hier zum Beispiel auch Flamenco-Klassen, aber gerade zum Fußball trifft man sich hier abends.“
Die zweite Halbzeit beginnt, die Holländer foulen fröhlich weiter und ernten dafür einige Mittelfinger. Sirenenartige Schreie hallen durch den Raum, die jüngeren Zuschauer werden langsam unruhig. Ganz anders die todernsten Gesichter am Tresen. Ein Mädchen kriegt nach Robbens aussichtsreicher Chance und Casillas' Parade in der 62. Minute
Ärger, weil es das gute Tafelwasser für eine Dusche missbraucht.
Man kommt nicht zur Ruhe. Die vielen verpassten Chancen schicken die Iberer durch ein Wechselbad der Gefühle. Besonders die verpasste Torchance Villas (69.) sorgt für schiere Verzweiflung. In manchem Auge eines stolzen Iberers meine ich eine Träne erblickt zu haben.
Fassungslosigkeit macht sich breit.

Leider kennen viele Spanier dieses Gefühl noch vom Deutschlandspiel am vergangenen Mittwoch. Eine spanische Familie hatte sich das Spiel ebenfalls im Kulturzentrum angeschaut und wurde danach während des spanischen Autokorsos von betrunkenen, deutschen Fans
belästigt und attackiert. Man kennt die Familie hier und bedauert den Vorfall sehr. „Das war hier natürlich Gesprächsthema. Aber meine deutschen Freunde haben mir alle gratuliert und waren faire Verlierer. So Idioten wie in dem Fall gibt es eben überall“, erzählt ein Fan. Man schließt mit diesem unangenehmen Kapitel schnell ab.
„Ich hoffe sehr auf ein 1:0 in der Verlängerung“, meint
Julio, 40. „Das Tor macht entweder Iniesta, Xavi oder, wenn er eingewechselt wird, Torres.“ Auch Julio ist öfter hier, in erster Linie wegen „Fußball und dem guten Essen. Aber hier wird ja viel angeboten, sei es für Senioren oder einfach ein Treffpunkt nach der Arbeit. Wir kennen uns alle, wir sind alle Freiburger. Abgesehen von unseren portugiesischen Gästen.“ Dass sie da sind, findet Julio sehr schön.
„Muy bien!“ ist auch ein oft gehörter Kommentar in der Nachspielzeit. Doch die Schönheit der Del Bosque-Elf endet stets knapp vorm Tor. Die
Verzweiflung um mich herum steigert sich ins Unermessliche. Mancher Fan vergräbt resigniert den Kopf in der Fahne. „Wenn man so spielt, muss man nicht wundern, wenn man am Ende verliert“, sagt Andrés.
Doch da! Die Erlösung! In der 116. Minute macht sich Iniesta durch seinen Siegtreffer unsterblich. Infames Gebrüll, alles hüpft und jubelt. Es sind zwar noch ein paar Minuten zu spielen, aber wer Weltmeister ist, scheint entschieden. Ein alter Herr packt seine Trompete aus und spielt „Viva Espana“. Endlich
keine Vuvuzelas, sondern wohlklingende Musik.
Alle stampfen und singen mit, man tanzt ausgelassen. Die letzten Minuten verstreichen ungesehen, dann der Abpfiff. Erneut ein Jubelsturm, die Trompete wird noch kräftiger geblasen. Und während die ersten Spanier zu ihren Autos rennen, um den Sieg in einem zwar nickligen und teils unterirdischen, aber bis zur letzten Sekunde spannenden Finalspiel mit einem
Korso zu feiern, wringe ich mein T-Shirt aus und fahre nach Hause. Ein atmosphärisch gelungener WM-Abschluss.

PS:
Hanno hatte Recht, als er vor Beginn der WM schrieb -
Spanien wird's![Fotos: dpa; leider hat Severins Kamera in der Hitze des Spanischen Kulturzentrums den Dienst verweigert; wir versuchen aber, noch Fotos vom Komturplatz nachzuliefern]
