
„Wenn wir ins Finale kommen, dann gegen Holland. Das bedeutet: Eine Woche deutscher Autokorso in Amsterdam!“ Das erste Zitat von Volker „Nennt mich Acho!“ auf dem
Todtnauer Marktplatz um 14.20 Uhr. Der ausgewiesene Deutschlandfan sitzt mit Kumpels im Raclettehüttle der Bergwacht und beobachtet, wie vorne einige Helfer eine Art Vordach installieren, um die Sonneneinstrahlung an der Leinwand zu mindern. Auf der wird jetzt
Norbert Haug sichtbar, Motorsport-Chef von Mercedes Benz. Er sagt in Hinblick auf die deutsche Nationalelf: „Ich hoffe, es kommt noch ein Stern dazu.“ V. Acho kommentiert: „Ha ja, irgend ein Stern kommt sicher dazu. Heut Abend simmer sternhagelvoll.“ So geht das die ganze Zeit.
Es gibt wohl kaum einen Ort in Deutschland zu diesem Zeitpunkt, der nicht vom WM-Viertelfinale Deutschland-Argentinien beherrscht wird. Okay, ein paar ganz Schlaue gehen zu
Ikea einkaufen und genießen die Friedhofsatmo, aber jeder anständige Bürger, egal, ob BuLi-Banause, blind oder barbusig, jeder will dabei sein und begutachten, ob
W-Lahm (Trikotaufschrift) und Kollegen die Leistung vom Englandspiel noch mal toppen können. Die Traktoren stehen still, auf der Rodelbahn am Hasenhorn bewegt sich auch nichts. Johann Peter Hebel hätte sicherlich eine schöne Kalendergeschichte über diesen Tag schreiben können.

45 Minuten vor Anpfiff: die Stadtmusik sitzt auf roten Plastikstühlen und spielt den Marsch „Hoch Heidecksburg“, übrigens zum letzten Mal unter der Leitung von
Max Lehmann, der altersbedingt den Taktstock niederlegt. „Jürgen, wann machma de Narreschopf uff?“ – „Egal, ich nimm se in der Schubkarrenstellung“, das sind so Gesprächsfetzen, die man zwischen der Blasmusik mitkriegt.
Wenig später steht Bürgermeister
Andreas Wießner mit Hammer und Schürze der Freiwilligen Feuerwehr auf dem Marktplatz, um das erste Fass der Staatsbrauerei anzuschlagen. Drei Schläge braucht er, die ersten zehn Gläser sind naturgemäß schaumig. „Den wähle mer nimmer, der kann net zapfe“, ruft Volker Acho.

Gegen 15.30 Uhr wird’s voll auf dem Marktplatz. Senioren mit stylishen 90er-Shirts grüßen, verschwitzte Biker ordern Radler, Todtnauer Stadtschönheiten schmücken ihr Haupt mit Deutschlandhüten. Michael Sättele, der einen der örtlichen Bürsten-Familienbetriebe in vierter Generation führt, serviert
Spießbraten mit Spätzle und Bier, Bier, Bier.
Schatten gibt es wenig, Vorfreude viel. Die Todtnauer halten zusammen und jeder Verein hat eine Bude aufgebaut. Jeder kennt jeden und Freiburger, die in der Mittagshitze über Eduardshöhe und Gießhübel mit dem Fahrrad angekurbelt kommen, werden herzlich begrüßt, auch, wenn man ab sofort als der Komplett-Bekloppte dasteht, der man nun mal ist. Hauptsache, wir haun die Gauchos weg.

Über das Spiel ist genug geschrieben worden und es wird hier, überstrahlt von der Pfarrkirche Sankt Johannes, genauso aufgenommen wie in der restlichen Republik. Müller trifft, die Sonne brennt,
Maradona schaut, als habe man seinen gesamten Koksvorrat in die Wiese geschüttet. Sommer-Märchen im Bilderbuch-Schwarzwald. Einen Neuer-Abschlag entfernt von Jogi Löws Geburtshaus.

Nach Abpfiff dann Umarmungsorgie und erste Schlangen vorm Toilettenwagen. Zwanglose Gespräche mit blassen
Ex-Druffis („Eh, hab mir früher auch Teile eingebaut, aber jetzt hab ich nen Job in Schönau, weisch, Nachtschicht und so, ha ja, Sea of Love isch mir zu teuer so...“) und ein güldenes Glück to go.
Die Todtnauer gehen kurz heim, noch mal duschen und frischmachen fürs Städtlifest am Abend. Volker Acho dreht die Anlage voll auf. Guns'n'Roses,
Appetite for Destruction, da gibt’s kein Vertun. Gefällt sogar den Hunden und Steven „Popcorn“ Adler ist immer noch lauter als jede gottverdammte Vuvuzela. Die Todtnauer bohren übrigens ihre Tröten auf, so dass sie noch lauter werden.

Sechs Stunden später, im Narrenschopf: Die Deutschlandparty tobt, die Todtnauer Adoleszenz hat sich herausgeputzt, die Fanschminke auf den Backen schmilzt zu einer
schwarz-rot-goldenen Pampe zusammen. Der DJ schmeißt nen Schleudergang mit den üblichen Verdächtigen in die Jukebox: „
Evacuate the Dancefloor“ von Cascada folgt auf „You give love a bad name“ von Bon Jovi, dann „Tik Tak“ von Ke$ha und, harter Übergang, „Wir ham noch lange nicht genug“ von den Onkelz. Aber hey, wir sind hier nicht bei root down, sondern auf ner fetten Dorfparty mit reichlich Asbach-Cola und 40-jährigen Ehemännern die unverhohlen an 20 Jahre jüngeren Mädels herumbaggern. Wer noch kann, der steht auf der Bierbank, hebt die Hände in die Luft und
atzt rum, dass es kracht. Die Luft ist dampfig und der große Schauer kommt erst noch.
„Alte Geschichten, neuer Glanz, nasse Küsse, so begann’s, Feuerwasser, die falschen Worte, Schlägerei, Blaulicht-Eskorte“, die Onkelz haben im Song „Eine dieser Nächte“ vorweggenommen, wie die Nacht im Narrenschopf endet:
Blutig. Allerdings ist gar kein Feuerwasser im Spiel, sondern zwei stadtbekannte Schläger, die gern grundlos draufloswamsen: „He du Arsch, willsch n paar in die Fresse?“ Krankenwagen, Gewitter, die Stimmung kippt. Immerhin, die beiden Vollidioten sitzen wieder in U-Haft.
Wir nehmen einen
Absacker an der Sektbar. In einem Zelt spielt noch eine Coverband zum Tanz auf: „
Joanna….du geile Sau!“ Wir erinnern und an Volker Achos Worte, gestern Mittag, als die Sonne noch schien und Deutschland 4:0 gegen Argentinien gewann: „Irgendein Stern kommt sicher dazu.“
Foto-Galerie: David Weigend
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