Erste Halbzeit: Hotel am Stadtgarten
Ivam da Silva (Foto oben links) trägt die brasilianische Flagge mit dem weißen, positivistischen Spruchband
ordem e progresso um seinen capoeiragestählten Bauch gebunden. Ordnung und Fortschritt. Mit diesen Tugenden sollte es die Selecao doch heute locker gegen die Käsköppe schaffen.
Das hoffen die Brasilianer im Garten des
Hotels am Stadtgarten nicht nur, sie beschwören und besingen es. Mit
Cavaquinho (einer kleinen Gitarre), Gitarre, Tamburin und Cajon, einer Kistentrommel. Samba an der Karlstraße. Die Idee stammt von
Juliana Da Costa, die sich während der WM diverse PR-Aktionen für jenes Hotel ausgedacht hat, das ansonsten nicht gerade als Heimstatt brasilianischer Fans gilt.
Aber das Quartett namens
Bicho Grilo (was soviel heißt wie „Ganz locker“) macht seinem Namen Ehre. Sogar
„Brezel Klitschko“ Christian Lienhart, der unter den Gästen ist, wippt zu Nummern wie „Tico Tico no fubá“ locker den Oberschenkel. „Der Vogel frisst Maismehl“, übersetzt
Vital aus Sao Paolo, einer der Musiker.
„Robinho ist ja total geladen“, psychologisiert ARD-Kommentator
Gerd Gottlob den brasilianischen Spieler auf dem Flachbildschirm. Das kann man zumindest von den Fans nicht gerade behaupten. Ziemlich lässig betrachten sie den Kick, entspannter sind nur noch die Hotelgäste, die ihre Füße in das mit kaltem Wasser gefüllte
Planschbecken gesetzt haben. Es riecht nach Grillade und Fisch in Maracujasauce. Drinnen fächern sich Renterinnen Luft mit den Speisekarten zu.

Die zehnte Minute: Der total geladene Robinho trifft zum 1:0 für Brasilien. „
Gol de Placa!“ rufen die Fans, quasi: „Tor mit Plakete!“ Jetzt klopfen die gelben Vier (die übrigens gar nicht alle gelb sind) so enthusiastisch die Trommel, dass gegenüber bei Herrn Ebner die
Jubiläumsmünzen im Schaufenster vibrieren. „Oh, ohohohoho! BRA-SIL!“ Sogar ein Glas geht zu Bruch, aber das war wohl einer der beiden Holländer auf den billigen Plätzen.

Dann wieder betrachtet man den Kick in stiller Gelassenheit. Bei vergebenen Chancen (Juan `25) wird gelacht. Okay, als
Luis Fabiano einmal gefoult am Boden liegt, bricht der Tamburinspieler in ein wehklagendes „Oohh!“ aus, klingt wie meine Oma, wenn ihr die Nachbarin erzählt, dass auf der B31 wiedermal e Katz überfahren wurde.
Doch spätestens, als Trainer
Dunga sich in feiner Theatralik über den Schiedsrichter aufregt, sind die brasilianischen Fans wieder am Lachen und zwirbeln sich die nächste Zigarette. Die Selecao dreht auf und dominiert die erste Halbzeit. „Show de Bola!“, ruft Rastamann Vital, „Craque!“ und
Kaka nennt er einen Spieler, der schon für ein „Sacolada“ (mehr als 4:0) sorgen werde. Wir lassen diese symphatischen Fans beim Pausenpfiff ihren Glauben, verabschieden uns und brechen für die zweite Halbzeit auf Richtung
Ganter Biergarten.
Zweite Halbzeit: Ganter Biergarten
Erster Eindruck: Hier sind ungefähr zehnmal so viele Leute zugegen, das Spiel wird drinnen wie draußen gezeigt. Wieviele Liter Bier hier an solch einem heißen Nachmittag fließen, wollen wir vom Brauerei-Angestellten
Bernd Ruth (Foto rechts) wissen. „Moment, ich rechne immer in Fässern“, sagt Ruth und überlegt. „600 bis 700 Liter Minimum pro Nachmittag. Für uns Gastronomen könnte zweimal im Jahr WM sein“, scherzt er.

Gerade, als wir uns mit drei Gelb-Grünen unterhalten, köpft
Felipe Melo das Eigentor. 1:1. „So ne Scheiße Mann!“, sagt der Brasilianer Ralph (Foto unten links). Vor den Oranjes hat er größten Respekt, wegen der vielen Spieler mit CL-Erfahrung.
Wer glaubt, dass sich die Stimmung nach dem Ausgleich beruhigt, kennt die Brasilianer nicht. Die
Sambagruppe mit Trommlern und Tänzern legt jetzt erst richtig los. Rainer Trüby könnte sich hier Samples seiner
Glücklich-Reihe holen, sofern es denn mal eine neue Folge gibt. Dazu schrille Schreie der Anhängerinnen, wenn die Niederländer angreifen. Gefühlte 37 Grad in der Sonne,
Zuckerhut an der Dreisam. Aber dann kommt Wesley Sneijder, der Zwuckel aus Utrecht, und haut nach einer Robben-Ecke das Ding rein, so dass den Brasilienfans die Pommes im Hals steckenbleiben.
Albrecht Ganter (Foto oben links, neben Ruth), Gesellschafter der Brauerei, schaut in einem Anflug von stummem Entsetzen auf den Bildschirm. Auch er trägt C.B.F.-Trikot samt Schal, schließlich ist seine Frau Miriam Silva Brasilianerin, was auch erklären könnte, warum der Ganterbiergarten zur
Selecao-Homezone geworden ist. „Das die Holländer nach der ersten Halbzeit nochmal so Gas geben, hätte ich wirklich nicht gedacht“, sagt Ganter und nippt an seinem Urtrunk-Radler.
Die letzten 20 Minuten des Spiels betrachtet er am Ausschank. Ein hektisches Anrennen der Selecao. „Unter Druck können die nicht“, sagt Herr Ruth, der dabei steht. Immer wieder kommen Brasil-Fans vorbei, die heulen. Aber es sind nur die
Tränen eines Clowns, im nächsten Moment lächelt man schon wieder.

Abpfiff. Brasilien ist draußen. Die paar Holländer, mittig platziert, jubeln. Aggressionen müssen sie hier nicht befürchten, die Gelbgrünen sind
gute Verlierer. Die Sambafreaks trommeln trotzdem.